Critical Mass

Polens rechtsextreme „Trad Cath“ auf dem Vormarsch

Polens rechtsextreme Gruppierungen galten einst als ergebene Fußsoldaten der katholischen Kirche. Doch nun wenden sie sich gegen das klerikale Establishment – und besuchen die lateinische Messe.

Die Männer haben sich auf der linken, die Frauen auf der rechten Seite eingefunden, die Kleinsten verfolgen das Geschehen hinter einer schalldichten Glasscheibe von einem Vorraum aus. Der Großteil trägt Schwarz, manche auch Grau. Die Frauen sind gehalten, ihr Haar zu bedecken, aber nach den vielen Louis Vuitton- und Hermes-Kopftüchern zu schließen, scheint Luxus nicht verpönt zu sein. Schweigend und reglos lauscht die Kirchengemeinde andächtig der Sprache der alten Kirche: „Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto“. 

Für seine Predigt wechselt der Priester vom Kirchenlatein in die polnische Alltagssprache. „Ihr habt euren Glauben und eure nationale Identität früher mit so viel Leidenschaft gelebt“, tadelt er. „Ihr seid mit euren Kriegshelden-T-Shirts herumstolziert und habt Hymnen auf Gott und Vaterland gesungen. All das ist jetzt vorbei. Warum?“ Der Vorwurf scheint sich ausschließlich gegen die männlichen Gemeindemitglieder zu richten, die reumütig ihre Köpfe senken. 

Am polnischen Unabhängigkeitstag, an dem jährlich am 11. November der Wiedererlangung der Souveränität des Landes gedacht wird, richten sich die Appelle an Nation und Glauben gleichermaßen. Der Glaube, der bei dieser Messe in Wawer, einem für seine ausgedehnten Grünflächen bekannten Bezirk Warschaus, zur Feier des Unabhängigkeitstags beschworen wurde, hat jedoch mit dem eng mit der nationalen Identität Polens verknüpften Mainstream-Katholizismus nicht mehr viel gemein. 

Die Messe fand in einer kleinen Kapelle der katholischen Priesterbruderschaft St. Pius X statt. Ihr Gründer, Marcel Lefebvre, ein umstrittener französischer Erzbischof, wurde von keinem Geringeren als Papst Johannes Paul II – Schutzpatron und höchste Symbolfigur des modernen polnischen Katholizismus – exkommuniziert. Der Gottesdienst in Wawer wurde nicht auf Polnisch, sondern in althergebrachter Form in lateinischer Sprache gefeiert, was selbst die konservativsten polnischen Kirchgängerinnen und Kirchgänger als antiquiert empfunden haben dürften. Organisiert wurde er auf Betreiben der „Vereinigung Marsch der Unabhängigkeit“, einer polnischen rechtsextremen Gruppierung, die jedes Jahr am Unabhängigkeitstag einen Marsch veranstaltet, bei dem Zehntausende Ultranationalisten gegen den „kulturellen Marxismus“ und LGBT-Rechte wettern und gleichzeitig – mitunter mit Gewalt – ihren „Patriotismus“ sowie „traditionelle“ polnische Werte proklamieren. 

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An der Spitze der „Vereinigung Marsch der Unabhängigkeit“ steht Robert Bąkiewicz, das bekannteste Mitglied der außerparlamentarischen extremen Rechten Polens und eine Art Leitfigur der unterschiedlichen Gruppierungen. Bei der Messe in Wawer hätte man ihn für den Türsteher eines angesagten Nachtclubs halten können – kräftiger Körperbau, eleganter grauer Mantel, militärischer Haarschnitt. Während der Messfeier wird er immer wieder von uniformierten Offizieren mit kabellosen Ohrhörern und Armbinden aus seiner Andacht gerissen. 

Bąkiewicz – ausgesprochen bɔŋˈkjɛ.vit͡ʂ – gehört der Minderheit katholischer Traditionalisten an, die es vorziehen, einer Messe im lateinischen Original beizuwohnen und nicht, wie sonst üblich, in ihrer Muttersprache. Ihrer Ansicht nach ist der katholische Gottesdienst vom Dogma abgewichen und zu liberal und zu ökumenisch geworden, während die lateinische bzw. tridentinische Messe nach wie vor den Glanz und die Heiligkeit der vormodernen Kirche bewahrt. In einem Interview in seinem Büro kritisierte Bąkiewicz die Liberalisierung jener Liturgie, mit der er aufgewachsen ist. „Sie war zu einer Art Spektakel geworden, wie in der protestantischen Kirche … etwas Infantiles, das ich nicht ernst nehmen konnte“, erklärte er. 

In den sozialen Medien assoziiert man die lateinische Messe mit den „trad Caths“– wie im Netzjargon eine zunehmend sichtbare neue Generation von Katholikinnen und Katholiken genannt wird. Auf Instagram und TikTok propagieren die „trad Caths“ die Werte und Ästhetik des traditionellen Katholizismus, wobei die Postings von scherzhaften Kommentaren bis zu unverhohlen ernsten Beiträgen reichen. Auch Bąkiewicz lässt sich auf den Spaß ein – auf seinem privaten Facebook-Profil ist ein meme-artiges Portrait von ihm mit dem Slogan „Latin Mass Matters“ zu sehen – seine „trad Cath“-Identität ist jedoch auch ein politisches Statement. Sie bedeutet nicht nur eine Absage an einen historischen Verbündeten, das polnische klerikale Establishment, sowie eine Neukalibrierung der Beziehung der extremen Rechten zu Kirche und Staat, sondern unterstreicht auch seine eigene Legitimation. Will man im rechtsextremen Lager den Ton angeben, gilt es, nationalistischer als die Nationalisten und katholischer als die Katholiken zu sein. Und dies lässt sich im heutigen Polen kaum besser demonstrieren, als bei einer lateinischen Messe gesehen zu werden. 

Polens Nationalisten waren seit jeher eng mit ihrer Kirche verbunden. Während der Besetzung durch Nazi-Deutschland und der sowjetischen Vorherrschaft verstanden sich beide Seiten als Hüter der nationalen Identität, waren im Widerstand aktiv und hielten die polnische Kultur hoch. In den letzten zehn Jahren war der Klerus jedoch in eine Reihe von Skandalen verwickelt, die sein Ansehen in nationalistischen Kreisen wie auch in der polnischen Gesellschaft insgesamt geschwächt und ihn in seinem Schulterschluss mit der rechtsgerichteten Regierung zum Juniorpartner degradiert haben. Medienberichte haben die Verschwendung von Kirchengeldern für teure Autos, Immobilien und aufwändige Renovierungsprojekte durch polnische Bischöfe aufgedeckt. Ein noch größerer Imageschaden entstand, als hochrangige Kleriker in Polen in den Verdacht gerieten, in Kindesmissbrauchsfälle verwickelt zu sein und diese vertuscht zu haben – Vorwürfe, die gegen katholische Einrichtungen in der ganzen Welt erhoben wurden. 

Robert Bąkiewicz ist der bekannteste Vertreter rechtsextremer Gruppierungen in Polen. Foto: Czarek Sokolowski / AP / picturedesk.com

Das skandalgebeutelte klerikale Establishment muss sich nun Vorwürfen stellen, es verhalte sich wie eine unverantwortliche, durch Macht und Privilegien korrumpierte Elite. Tatsächlich schlägt das rechtsextreme Lager in seiner Kritik an hochrangigen Klerikern einen deutlich populistischen Ton an und suggeriert einen archetypischen Kampf zwischen „normalen Menschen“ auf der einen und „Eliten“ auf der anderen Seite. „Ich werde meine Männer zum Schutz der Kirchen abkommandieren“, erklärte mir Bąkiewicz im Oktober 2020, als ein restriktives Abtreibungsverbot in ganz Polen antiklerikale Proteste auslöste. „Aber niemals zum Schutz der Bischofspaläste.“ 

Papst Franziskus hat nicht zur Verbesserung der Situation beigetragen. Der vom liberalen Lager als Reformist gefeierte amtierende Papst hat nicht nur in Polen konservative Stimmen verärgert und lässt viele an seinem Urteilsvermögen zweifeln. Traditionalisten stören sich besonders an der Entscheidung des Papstes, den Zugang zur lateinischen Messe einzuschränken und damit die Bemühungen seines Vorgängers, Papst Benedikt, um die Wiederherstellung einer gewissen Legitimität der alten Riten zunichte zu machen. Während die Amtszeit von Papst Johannes Paul II zur Festigung der Beziehung zwischen den polnischen Nationalisten und dem Klerus beitrug, wurde diese unter Papst Franziskus geschwächt. „Es ist nicht so, dass wir uns dem Papst oder den Hierarchen widersetzen“, so Bąkiewicz. „Aber wir werden niemals akzeptieren, dass uns ein anderes Evangelium gepredigt wird, selbst wenn es – um den heiligen Paulus zu zitieren – ein vom Himmel herabgekommener Engel ist.“ 

Straßenkämpfer mit politischer Agenda

Im Kampf gegen liberale Werte ist die extreme Rechte Polens mit der Regierung weitgehend auf einer Linie. Die von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) angeführte Regierung legt sich mit Brüssel an, schüchtert unabhängige Richter und Journalistinnen ein, verteufelt die Kampagne für LGBT-Rechte, verhängt ein De-facto-Abtreibungsverbot und verfolgt Flüchtlinge und Migrierende, sofern sie nicht gerade aus der Ukraine stammen. Polens rechtsextreme Bewegung stärkt dieser Politik auf der Straße den Rücken, und einige ihrer wichtigsten Vertreter – wie Bąkiewicz – werden im Gegenzug von der Regierung finanziell unterstützt. Investigativen polnischen Medien zufolge hat die Regierung mehr als eine Million Euro an staatlichen Fördermitteln an Organisationen gezahlt, die mit Bąkiewicz in Verbindung stehen. Ein Großteil des Geldes stammt aus dem Kulturbudget und fließt in die Organisation des Unabhängigkeitsmarsches – wodurch Bąkiewicz zum Subunternehmer und Eventmanager eines Staates wird, der es vorzieht, seine Unterstützung für die extreme Rechte nicht offen zur Schau zu tragen. 

Laut Mikołaj Cześnik, Politikwissenschaftler und Professor an der Warschauer Universität für Sozial- und Geisteswissenschaften (SWPS), bediene sich die Regierung prominenter Rechtsextremisten wie Bąkiewicz, um für ihre kompromisslose Politik zu werben. „Dafür braucht es keine Armee – ein paar Leute auf den Straßen Warschaus reichen aus“, meinte er. Im Konflikt mit Brüssel beispielsweise, so Cześnik, helfe die extreme Rechte der Regierung, das Maß der Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber extremen Positionen auszuloten, deren Unterstützung zu erhalten und einzufordern. „Die Nationalisten verhehlen ihren Hass gegenüber Brüssel nicht, die Menschen hören das, und das erlaubt es dem Premierminister, ganz offen eine rigorose Haltung gegenüber der Europäischen Kommission einzunehmen, weil er das polnische Volk über ein fremdes, kosmopolitisches Gemeinwohl stellt.“ 

Der jährliche Unabhängigkeitsmarsch in Warschau ist zu einem Tummelplatz für rechtsextreme und konservative Gruppierungen geworden. Foto: Adam Chelstowski / AFP / picturedesk.com

Cześnik glaubt nicht, dass die „Vereinigung Marsch der Unabhängigkeit“ ihren Einfluss in offizielle politische Macht umwandeln werde, indem sie als Partei zu den Wahlen antritt. „Es besteht keine wesentliche Gefahr, dass sie irgendwas im politischen Sinne erreicht“, meinte er. „Viel größer ist sicherlich die Gefahr, dass sie der öffentlichen Meinung in Polen Schaden zufügt.“ 

Bąkiewicz begann seine politische Karriere im ONR, der größten und ältesten Gruppierung im rechtsextremen Dunstkreis Polens. Das ONR – die Initialen stehen für Nationalradikales Lager (Obóz Narodowo-Radykalny) – sieht sich als ideologischer Nachkomme einer Organisation gleichen Namens, deren Kader im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs Jagd auf Polens jüdische Bevölkerung und Linke machten. Die nationalistische Organisation beteiligte sich am bewaffneten Aufstand gegen die Nazis, wurde dann aber von den Sowjets in den Untergrund gedrängt. In den 1990er-Jahren tauchte sie als Randbewegung wieder auf und war zunächst kaum mehr als eine Gruppe von politisch motivierten Straßenkämpfern. Ihre heutigen Mitglieder sind bekannt für ihre Islamophobie, ihren Antisemitismus und ihre Ablehnung von LGBT-Rechten sowie für ihren Glauben an ein ethnisch reines Polen. In einem kürzlich ergangenen Urteil entschied der Oberste Gerichtshof Polens, dass das ONR durchaus als „faschistisch“ bezeichnet werden könnte, auch wenn das Gericht dieser Darstellung nicht beipflichtete. Die Bewegung selbst distanziert sich trotz Bildmaterial von einigen Mitgliedern in braunen Hemden, die auf Märschen den römischen Gruß praktizieren, von dieser Bezeichnung – Faschismus ist in Polen de facto verboten. 

Bąkiewicz wurde beim ONR für seine mitreißenden Reden und sein Image als harter Kerl bekannt – Attribute, die seinen Anhängern zufolge dazu beigetragen haben, die extreme Rechte aus ihrer Anomie zu befreien und ihr wieder Sinn und Zweck zu geben. Geboren wurde er 1976 in Pruszków, einer Trabantenstadt von Warschau, die während der postkommunistischen Übergangszeit für ihre Bandenkriminalität bekannt war. Als junger Mann leitete er eine kleine Baufirma. Berichten der polnischen investigativen Webseite frontstory.pl zufolge steckte die Firma in finanziellen Schwierigkeiten und Bąkiewicz habe schließlich 2011 Konkurs angemeldet – etwa zur gleichen Zeit, als er im ONR aktiv wurde. Medien berichteten auch, dass seine finanziellen Probleme auch Grund für seine etwa um dieselbe Zeit eingereichten Scheidung gewesen wären. Bąkiewicz hat sich bislang geweigert, mit den Medien über diesen Abschnitt seines Lebens zu sprechen. 

Er stimmte einem Interview unter der Bedingung zu, dass wir nur über Glaubensfragen sprechen würden. Fragen zu seiner finanziellen Vergangenheit waren tabu. Auch durfte ich ihn nicht zu einem Interview aus dem Jahr 2017 befragen, in dem er sich über Homosexuelle ausgelassen und Homosexualität als Krankheit bezeichnet hatte, die die traditionelle Familie bedrohe. 

Verfolgung und Exil

Das Gespräch fand in Bąkiewicz’ Büro in einem Hochhaus im vornehmen Warschauer Stadtteil Żoliborz statt. Ich wartete in einem Vorzimmer mit Heiligenbildern an den Wänden. Neben dem Sessel stapelten sich linke und rechte Zeitschriften, von denen viele mit auf die Titelseiten gekritzelten Kommentaren versehen waren. Bąkiewicz vermeidet es in der Regel, mit etablierten Medien zu sprechen und kommuniziert lieber über seinen YouTube-Kanal.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) diskutierten führende Vertreter der katholischen Kirche aus der ganzen Welt über weitreichende Reformen. Foto: Catholic Press Photo / Wikimedia Commons

Zu Beginn unseres Gesprächs fragte ich ihn nach seiner Begeisterung für die lateinische Messe. Er antwortete, dass die moderne Messe, die die lateinische ersetzt, den Anspruch der Kirche auf Universalität untergrabe – dass also ihre Lehren für alle gleichermaßen gelten. „Die Kirche kann nicht plötzlich anfangen, etwas zu ändern, das sie früher gepredigt hat“, erklärte er, denn Universalität bedeute auch, dass die Institution „ebenso universal verstanden werden muss.“ 

In beinah allen Kirchen in Polen wird die Messe in polnischer Sprache abgehalten – ein Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils, das von 1962 bis 1965 in Rom stattfand. Das außerordentliche Gipfeltreffen führte zu weitreichenden Reformen, die von Liberalen als notwendige Modernisierung veralteter Lehren und Riten begrüßt wurden. Priestern war es fortan gestattet, den Gottesdienst in der Muttersprache der Gemeinde und nicht mehr auf Latein abzuhalten. Streng konservative Gruppierungen innerhalb der Kirche lehnten die Änderungen jedoch ab. Einige dieser Gruppen wurden über kurz oder lang vom Vatikan verstoßen. 

Die Bruderschaft St. Pius X gehört zu den führenden Vereinigungen, die an den Rand des vorherrschenden Glaubens verbannt wurden. Sie wurde 1970 von Marcel Lefebvre gegründet, einem französischen Erzbischof und führenden Gegner der Reformen des Vatikanischen Konzils. Im Jahr 1988 wurde Lefebvre vom Vatikan als Schismatiker verurteilt und exkommuniziert, nachdem er entgegen päpstlicher Anweisung drei Bischöfe geweiht hatte. 

„Soweit ich mich erinnere, war die Lefebvre-Bewegung in den 1990er-Jahren noch sehr klein“, meint Stanisław Obirek, ein ehemaliger Priester und Professor am Zentrum für Amerika-Forschung der Universität Warschau. „Sie war unbedeutend.“ Das habe sich geändert, als man begann, prominente Mitglieder in Polen anzuwerben, darunter einen einflussreichen Jesuitenpater und einen populären rechtsstehenden Historiker. „Solche Leute verliehen der Bewegung Anerkennung und Legitimität und verbesserten ihr Image.“  

Der rechtsextreme Flügel von Bąkiewicz verbündete sich mit der Lefebvre-Bewegung, nachdem er sich drei Jahre zuvor mit dem Klerus überworfen hatte. Gefestigt wurde diese Verbindung ein Jahr später inmitten der größten Proteste in Polen seit dem Ende des kommunistischen Regimes. Der Zorn der Demonstrierenden richtete sich gegen die führenden Mitglieder der Regierungskoalition und ihre Verbündeten in der Kirche, die man für ein neues Gesetz, das Schwangerschaftsabbrüche nahezu vollständig verbot, verantwortlich machte. Hunderttausende Menschen gingen wochenlang auf die Straße, es gab Störaktionen bei Gottesdiensten, und das Wort „Mörder“ wurde im ganzen Land auf Kirchenfassaden gesprüht. 

Zehntausende Polinnen und Polen gingen 2020 auf die Straße, um gegen ein Gesetz zu protestieren, das den Zugang zu Abtreibungen stark einschränkte. Foto: Wojtek Radwanski / AFP / picturedesk.com

Die aufgeheizte Stimmung schien Bąkiewicz zu beflügeln und ihn zu einer Verteidigung seiner Werte anzuspornen. „Auf den Straßen wehen derzeit nur zwei Banner: Das Banner Jesu und das Banner Satans“, erklärte er mir, als wir am 27. Oktober 2020 telefonierten. An jenem Tag berief er später eine Pressekonferenz vor der Heilig-Kreuz-Kirche auf Warschaus berühmter Hauptstraße, der Krakowskie Przedmiescie, ein. Er verkündete, dass er eine Freiwilligentruppe „echter Polen“ gründen wolle, die sich gegen die drohende Säkularisierung erheben und Kirchengebäude vor Angriffen schützen werde. 

Der Klerus war über eine Verbindung mit dem rechtsextremen Lager nicht gerade glücklich. Ein Jahr zuvor, im Vorfeld des Unabhängigkeitsmarsches 2019, hatte Bąkiewicz versucht, eine Kirche im Zentrum Warschaus für einen Festgottesdienst für seine Anhängerschaft zu reservieren. Eine Kirche nach der anderen wies ihn jedoch ab. Ein Vikar einer bekannten Warschauer Kirche, der sich schließlich bereit erklärte, die Messe abzuhalten, sagte ebenfalls in letzter Minute ab, angeblich weil Bąkiewicz bei seiner Anfrage seine institutionelle Zugehörigkeit nicht offengelegt hatte. 

„Ich bin enttäuscht, dass die polnische Kirche nicht für diese Seelen kämpft.“

— Robert Bąkiewicz über das „Versäumnis“, ukrainische Flüchtlinge zum Glauben zu bekehren

In einem in den polnischen Medien ausgetragenen Streit beschuldigte Bąkiewicz den Warschauer Erzbischof Kazimierz Nycz, gegen das Kirchenrecht verstoßen zu haben, als dieser Bąkiewicz‘ Anfrage bezüglich einer lateinischen Messe ablehnte. Ein Sprecher der Warschauer Erzdiözese, Przemysław Śliwiński, wies den Vorwurf zurück und erklärte mir damals, dass die Entscheidung von einzelnen Kirchen getroffen worden sei und diese im Übrigen zur Abhaltung einer lateinischen Messe nicht verpflichtet seien. Und so kam es, dass der in Warschau verschmähte Rechtsextremist seine Messe schließlich in einer in einem Vorort gelegenen kleinen Kapelle feierte, die von einer katholischen Randbewegung betreut wird.

Die Themen Verfolgung und Exil ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Christentums und erinnern an das Leiden der ersten Glaubensanhängerinnen und -anhänger. Die extreme Rechte der Gegenwart macht sich diese Themen häufig zunutze und sieht sich gern als Opfer übergriffiger Regierungen und linker Kräfte, die gegen sie einen Kreuzzug führen. Bąkiewicz knüpft mit seiner Bewegung an die Tradition des frühen Christentums an und bekämpft im Namen des wahren Glaubens die verkommenen Eliten – und schlachtet so eine alte Geschichte populistisch aus.

Laut dem katholischen Traditionalismus bewahrt die lateinische Messe die Heiligkeit und den Glanz der vormodernen Kirche. Foto: catholicrelics.co.uk

Während die rechtsextreme Fraktion rund um Bąkiewicz dem aufgehenden Stern der Lefebvre-Bewegung folgt, demonstriert die PiS-Regierung vermehrt ihre Nähe zur katholischen Kirche. Hochrangige Geistliche begrüßen die allgemeine Ausrichtung der Regierung, und Priester in kleineren Städten halten die Gläubigen dazu an, für Regierungskandidatinnen und -kandidaten zu stimmen – und unterstützen gleichzeitig die Haltung der Partei zu Abtreibung und LGBT-Rechten. Kritischen Stimmen zufolge habe der wachsende Einfluss der Partei auf die Justiz auch ihre Attraktivität als strategischer Partner für eine Institution erhöht, die mit einer Flut von Klagen wegen sexuellen Missbrauchs konfrontiert ist. 

Während die extreme Rechte im Gegenzug für staatliche Zuschüsse die Parteiideologie von Recht und Gerechtigkeit unterstützt, hält die skandalgeschüttelte Kirche angesichts ihres schwindenden Einflusses der Regierung die Stange. In beiden Beziehungen ist die PiS-Partei der dominierende Partner, der als Spitze eines schiefen Dreiecks seine Zuwendungen nach Lust und Laune verteilt. 

„Rettungsboote eines sinkenden Schiffs“

Bei unserem Gespräch in seinem Büro brachte Bąkiewicz seine Geringschätzung gegenüber dem Klerus, der Bąkiewicz’ Gefolgschaft aus seinen Kirchen ausgeschlossen hatte, zum Ausdruck. Er bemängelte die passive Haltung der Kirche gegenüber den Protesten gegen das Abtreibungsgesetz, da sie dadurch ihrer grundlegenden Pflicht, für den Glauben einzutreten, nicht nachkomme. „Ihre Vertreter sind plötzlich verstummt, sie haben nicht das getan, was die Kirche von ihnen erwartet.“ Hingegen, so Bąkiewicz, seien „die Kirche, die Bischöfe und besonders die Kardinäle in solchen Momenten zu Aufopferung und Märtyrertum verpflichtet.“ Nach einer kurzen Pause stellte er klar, dass „Märtyrertum“ nicht im wörtlichen Sinn gemeint sei.

Zudem kritisierte er die Reaktion des Klerus auf die jüngsten Ereignisse – die Ankunft von mehr als drei Millionen ukrainischen Flüchtlingen in Polen, die vor dem Krieg mit Russland geflohen sind. Die Menschen aus der Ukraine machen mittlerweile knapp acht Prozent der polnischen Bevölkerung aus, was für ein Land, das seit dem Zweiten Weltkrieg keine nennenswerten sprachlichen, religiösen oder ethnischen Minderheiten mehr aufweist, eine dramatische Veränderung bedeutet. Die Homogenität der gegenwärtigen polnischen Identität wird von der extremen Rechten in der Regel als Tugend hochgehalten, die um jeden Preis gegen Migrantinnen und Migranten aus islamischen Ländern verteidigt werden müsse.

Millionen von Menschen flohen nach der Invasion Russlands Anfang 2022 aus der Ukraine nach Polen. Foto: Wojtek Radwanski / AFP / picturedesk.com

Gegenüber den Ukrainerinnen und Ukrainern, als Verbündeten im Kampf gegen den historischen Feind Russland, gibt es jedoch keine offene Feindseligkeit. „Diese Menschen sind aus einem vom Krieg zerrütteten Land zu uns gekommen“, meinte Bąkiewicz und schlug einen paternalistischen Ton an. „Jetzt ist nicht die Zeit, um über triviale materialistische Dinge nachzudenken.“ Der Fehler liege seiner Meinung nach abermals beim polnischen Klerus, der es verabsäumt habe, die Menschen aus der Ukraine, von denen die meisten einem Zweig der östlich-orthodoxen Kirche angehören, in den Schoß des katholischen Glaubens zu holen. „Ich bin enttäuscht, dass die polnische Kirche nicht für diese Seelen kämpft“, so Bąkiewicz. Die Konversion ukrainischer Flüchtlinge zum Katholizismus hätte nach seinem Dafürhalten gleich zwei Vorteile: Sie würde zu einer dauerhaften Verbindung zwischen den beiden Ländern und einer Stärkung der polnischen Kirche beitragen.

Die vorgeschlagene Massenkonversion eines vertriebenen Volkes mag wie eine anachronistische, an das europäische Mittelalter erinnernde Fantasie anmuten, bringt jedoch eine bestimmte Auffassung von Glaube und Nation innerhalb des rechtsextremen Lagers auf den Punkt. Dieser Sichtweise zufolge sind Flüchtlinge dann willkommen, wenn sie zum Glauben bekehrt werden können und diesen stärken, anstatt ihn zu verändern.

Nach Ansicht der Traditionalisten ist der Wille der Kirche zur Veränderung und mit der Zeit zu gehen, der Hauptgrund für ihre derzeitige Misere. Unter Papst Franziskus hat der Vatikan seine Rhetorik gegenüber LGBT-Minderheiten gemäßigt, die europäische Migrationspolitik verurteilt und den gemeinsamen Dialog mit anderen Glaubensgemeinschaften gesucht. „Wenn der Papst behauptet, dass alle Religionen gleich sind“, so Bąkiewicz, „bedeutet das, dass die katholischen Märtyrer, die hingerichtet wurden, weil sie sich weigerten zu konvertieren, umsonst gestorben sind.“

Trotz ihrer vielen lautstarken Vorbehalte gegen den amtierenden Papst behauptet die Traditionalistenbewegung, nicht so weit zu gehen, sich über die päpstliche Autorität völlig hinwegzusetzen – ein Schritt, der ihre Identität als Katholikinnen und Katholiken infrage stellen würde. Einer von Bąkiewicz’ ideologischen Seelenverwandten in der polnischen Politik, Robert Winnicki, bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Kritik und Auflehnung gegen den Papst. „Wir werden uns nicht gegen den Papst oder die Bischöfe auflehnen, die diesen liberalen, synkretistischen, multikulturellen Weg verfolgen“, meinte der Abgeordnete der ultrakonservativen Konfederacja. „Wir tun nur schulterzuckend das, was wir tun müssen.“ Gleichzeitig zeichnet er ein düsteres Bild einer bedrohten Kirche. „Das Schiff ist im Sinken begriffen und die Rettungsboote werden herabgelassen“, so Winnicki. „Die Bewegung der lateinischen Messe ist eines dieser Rettungsboote. Sie arbeitet nicht gegen den Vatikan, sondern trotz des Vatikans.“

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 9. Dezember 2022 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Mateusz Mazzini / Reporting Democracy. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion. Redaktionelle Bearbeitung von Neil Arun. Der Artikel wurde im Rahmen des Fellowship for Journalistic Excellence verfasst, das von der ERSTE Stiftung gefördert und in Zusammenarbeit mit dem Balkan Investigative Reporting Network umgesetzt wird. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen bzw. am Beginn vermerkt. Titelbild: Illustration: Sanja Pantic / BIRN


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