Unser Familiengarten

Ein lebendiges Denkmal soll Narben des Kriegs heilen.

Mit einer Kunstperformance auf dem Hügel Zlatište in Sarajevo will die junge bosnische Künstlerin Smirna Kulenović dreißig Jahre nach Ausbruch des Bosnienkrieges eine soziale und ökologische Heilung beginnen.

Es ist kurz vor 10 Uhr an einem heißen Sommermorgen Mitte August 2021. Die Künstlerin Smirna Kulenović steht auf dem Zlatište, einem Hügel mit Blick auf die bosnische Stadt Sarajevo, während das pulsierende Zirpen der Grillen durch die ausgedörrte Landschaft tönt. In der Ferne wandert eine Menschenkette – 100 in Rot gekleidete Frauen – durch das Gras. Sie sind hier, um an Kulenovićs Kunstaktion „Our Family Garden“ teilzunehmen. Gemeinsam werden sie 1.000 Ringelblumensamen einpflanzen: ein Akt, der sowohl als heilendes Ritual nach den Schrecken des Bosnienkriegs als auch als lebendiges Denkmal für die Zukunft dienen soll.

„Dieser Anblick war eine der schönsten Szenen, die ich je erlebt habe“, erinnert sich die Künstlerin. „All diese Frauen zu sehen, wie sie eine nach der anderen näherkommen. Es sah so surreal aus, wie in einem Traum.“

Ein Jahr später, 2022, wirkt Kulenovićs Aktion besonders berührend. Der 30. Jahrestag des Bosnienkriegs rückt näher, und die ethnischen und politischen Spannungen nehmen wieder zu. Seit dem Friedensabkommen von Dayton, das den Krieg 1995 offiziell beendete, leben die drei großen Volksgruppen Bosniens und Herzegowinas – Bosniaken, Kroaten und Serben – unter verschiedenen Regierungen, mit unterschiedlichen Lehrplänen und unterschiedlichen Geschichtsdarstellungen. Jetzt drängt die serbische Enklave des Landes, die Republika Srpska, auf mehr Autonomie. Gerüchte über einen neuen Konflikt machen international Schlagzeilen – was Künstlerinnen und Künstlern wie Kulenović veranlasst, zu versuchen, die Spannungen zu entschärfen, indem sie Menschen und Gemeinschaften zusammenbringen.

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„Our Family Garden“ war als Heilungsritual konzipiert. Kulenović (28) lud Frauen – nicht nur aus Bosnien, Serbien und Kroatien, sondern aus der ganzen Welt – dazu ein, Ringelblumensamen zu sammeln und in den Boden zu pflanzen, in dem sich während des Kriegs Schützengräben befanden. Die Ringelblume oder Calendula ist ein Heilkraut, hat antibakterielle und antimykotische Eigenschaften und wird auch zur Wundbehandlung verwendet. Symbolisch gesehen haben die Blumen auch eine heilende Wirkung auf die ethnische Spaltung Bosniens sowie Kulenovićs persönliche Beziehung zur umliegenden Landschaft. „Das Haus, in dem ich mit meiner Familie aufgewachsen bin, liegt nur fünf Gehminuten [vom Zlatište] entfernt. Als Kinder gingen wir oft zum Picknicken dorthin. Als ich erfuhr, dass mein Großvater während des Bosnienkriegs in diesen Schützengräben die Stadt und uns verteidigte, ließ mich dieser Ort nicht mehr los.“

“Es ist erstaunlich zu sehen, wie die Natur sich selbst heilen kann – viel schneller als wir Menschen.”

— Smirna Kulenović

Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter begann Kulenović, in dem seit der Belagerung von Sarajevo 1995 verlassenen Gebiet Weizensamen zu pflanzen. Das heilende Potenzial dieser kleinen Geste inspirierte die Künstlerin dazu, das Ritual einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und damit ein bleibendes, sich ständig selbst veränderndes, organisches Denkmal des Konflikts zu schaffen. „Die verachtende Rhetorik der Politiker unseres Landes spiegelt sich in den offiziellen Denkmälern wider, die häufig aus einem verfälschten Geschichtsbild herrühren. Ein organisches Denkmal ist notwendig, um auf diese politische Agenda einzugehen, ohne verletzende Worte zu verwenden, sondern [stattdessen] durch ein heilendes Ökosystem zu kommunizieren.“

Foto: Ajla Salkić

Foto: Ajla Salkić

Foto: Ajla Salkić

Foto: Ajla Salkić

Arzneipflanzen wie die Ringelblume haben aber auch eine heilende Wirkung auf die Natur selbst. Als Lebewesen haben Pflanzen eine eigene Wirkkraft: Sie kommunizieren mit anderen Lebensformen und beeinflussen ihre gesamte Umgebung. „Nicht nur die Menschen leiden unter der Gewalt von Kriegen, auch andere Spezies und Landschaften werden massiv geschädigt und verletzt“, so Kulenović.

Kulenović hatte geplant, ihre Aktion jedes Jahr am 6. April zu wiederholen, dem „Tag der Stadt Sarajevo“, der an die Befreiung Sarajevos von der Besetzung durch die Nazis im Jahr 1945 erinnert. Jedes Jahr soll eine neue Heilpflanze am Zlatište gepflanzt werden. Sie hoffte, eine neue Arzneipflanzenart hinzufügen und noch mehr Menschen in das Ritual einbeziehen zu können. „Die Beschränkung der Aktion auf Frauen sollte die Vorstellung von ihrer ständigen Opferrolle durchbrechen. Ich wollte zeigen, wie stark und selbstbestimmt sie sein können“, so Kulenović. „[Aber] angesichts der aktuellen Situation [in Bosnien] ist es wichtig, dass auch Männer teilnehmen, um ein Zeichen für den künftigen Frieden im Land zu setzen.“

Die politische Situation in Bosnien und Herzegowina stimmt Kulenović derzeit nicht optimistisch für eine zweite Aktion im Frühjahr: „Die Schützengräben am Zlatište bilden buchstäblich die Grenze zwischen der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Republika Srpska. Heute hätte ich Angst, ein solches Ritual an diesem Ort abzuhalten“, sagt sie.

Foto: Jasmin Omerika

Foto: Jasmin Omerika

Aber Kulenović hat ihre Idee noch nicht aufgegeben. Derzeit arbeitet sie an einem weiteren, mit „Our Family Garden“ zusammenhängenden Projekt, das bei der Ars Electronica 2022 im September in Linz präsentiert werden soll. Für dieses Projekt – mit dem Titel „Our Family Garden: Micro“ – entnahm Kulenović vor dem Einpflanzen der Ringelblumensamen am Zlatište Bodenproben und sammelte gefundene Kriegsgegenstände (wie Metallplatten und Munitionsreste) und wiederholte dies einige Monate später. Gemeinsam mit der Mikrobiologin Anastasia Bragina analysiert sie nun die verschiedenen Lebensformen auf den gefundenen Gegenständen und im Boden, um die durch die Heilpflanze bewirkten Veränderungen aufzuzeigen.

Foto: Ajla Salkić

Foto: Jasmin Omerika

„Die Heilung findet auf allen mikroskopischen und makroskopischen Ebenen statt. Ob es uns gefällt oder nicht, auf dem, was von unserer von Menschenhand verübten Gewalt übrig bleibt, siedelt sich neues Leben an. Heilung geschieht in jeder Dimension, indem man der Natur einfach ihren Lauf lässt, ihr zuhört und sich auf sie einlässt – anstatt zu dominieren, zu zerstören und zu stören. Möge es auf allen Ebenen des Lebens Empathie geben“, schrieb Kulenović auf ihrem Instagram-Profil.

Gefundene Munition während der Performance “Our Family Garden”. Foto: Smirna Kulenović

Die gleichen Munitionsteile, dieses Mal unterm dem Mikroskop betrachtet. Foto: Smirna Kulenović

Kulenović möchte schließlich diesen Prozess mithilfe von Agar-Drucken illustrieren, um diese Regeneration für ein Publikum sichtbar zu machen. Sie hofft, dass die Natur damit als Vorbild für die Menschheit dienen kann. „Der Boden hat sich in den letzten Monaten, während die Heilpflanzen gewachsen sind, komplett regeneriert. Es ist erstaunlich zu sehen, wie die Natur sich selbst heilen kann – viel schneller als wir Menschen“, sagt Kulenović lachend. „Im Moment macht mir die Arbeit mit Bakterien viel mehr Spaß als die mit Menschen.“

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 16. Februar 2022 auf calvertjournal.com
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Brigitte Egger / The Calvert Journal. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Our Family Garden. Foto: Ajla Salkić

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