Was am Krieg in der Ukraine anders ist.

Ein Gespräch mit dem Autor Aleksandar Hemon über Nationalismus, Vertreibung und die Bedeutung des Tanzens

Aleksandar Hemon ist der Krieg nicht fremd. Der Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker verließ seine Heimatstadt Sarajevo 1992 kurz vor der vierjährigen Belagerung der Stadt durch serbische Truppen. In den Vereinigten Staaten erhielt er politisches Asyl und kehrte erst 1997 nach Bosnien zurück.

Hemons Figuren, fiktive wie reale, setzen sich häufig mit den Auswirkungen der Vergangenheit und Gegenwart auf ihre veränderlichen Identitäten auseinander. So ist seine eigene Vertreibung in seinen Werken allgegenwärtig, wie in den drei Memoiren Das Buch meiner Leben (2013) und den Doppelband Meine Eltern/Alles nicht dein Eigen (2019 engl. Fassung/2021 dt. Fassung).

Der Krieg in der Ukraine weckt daher in gewisser Weise Erinnerungen bei Hemon, dessen Urgroßvater vor dem Ersten Weltkrieg aus der Ukraine nach Bosnien kam, als beide Länder noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörten.

Hemon lehrt derzeit Kreatives Schreiben in Princeton, macht aber auch Musik unter seinem Alter Ego Cielo Hemon und hat zudem am Drehbuch der neuesten Matrix-Fortsetzung mitgewirkt. Wir sprachen mit ihm über den aktuellen Krieg, wie sich dieser Krieg mit jenem in Bosnien vor 30 Jahren vergleichen lässt und was Tanzen mit dem Überleben zu tun hat.


Sie haben Bosnien zu Beginn des Kriegs verlassen und konnten erst nach dessen Ende zurückkehren. Wie geht es Ihnen, wenn Sie jetzt den Krieg in der Ukraine mitverfolgen?

Als ich Bosnien vor 30 Jahren verließ, gehörte das Land zu dem, was von Jugoslawien übrig geblieben war, und dann gab es ein Referendum. Das Land erlangte die Unabhängigkeit, während ich weg war, und dann wurde es von den Serben angegriffen.

Ich wusste, was vor sich ging, während ich im Ausland war. Aber die Medien waren damals noch ganz andere. Ich habe die Nachrichten von Headline News und CNN bezogen – den ganzen Tag lang dieselben Geschichten, 15 oder 20 Sekunden lang blutüberströmte Menschen. Es gab nur diese Bilder. Ich hatte keinen Kontakt zu den Leuten vor Ort.

Jetzt folge ich den Menschen, die sich im belagerten Kyjiw befinden, auf Twitter. Und nicht nur ich, alle tun das. Es ist eine Art Live-Übertragung der Geschehnisse dort. In Bosnien fand ein Völkermord statt, aber das ganze Ausmaß wurde erst nach dem Krieg bekannt. Die unmittelbare Präsenz des gegenwärtigen Kriegs bedeutet jedoch, dass man Zeuge wird, wie Menschen sterben und horrende Verbrechen begangen werden, wie in Butscha. Im Grunde genommen verfolgen wir den Völkermord live mit.

In Ihren Werken thematisieren Sie immer wieder, wie Sie den Zerfall Ihrer Heimat aus der Ferne mitverfolgt haben. Sie haben auch enge Verbindungen zur Ukraine. Hat das einen Einfluss darauf, wie Sie diesen Krieg wahrnehmen?

Meine Beziehung zur Ukraine hat mehrere Facetten. Obwohl ich nicht aus der Ukraine komme, gibt es enge Verbindungen. Ein Großteil meiner Familie väterlicherseits spricht zu Hause immer noch Ukrainisch. Ich weiß nicht, ob ich noch Verwandte in der Ukraine habe, aber ich hoffe es. Bei meinem letzten Besuch 2003 bin ich in das Dorf gefahren, in dem mein Großvater geboren wurde. Dort gibt es einige Hemons, und wir kamen ins Gespräch. Für mich ist das ein starke Verbindung.

Diese familiäre Verbindung war mitunter ein Grund, warum ich 1991 eine Sommerschule des Ukrainischen Studieninstituts in Kyjiw besuchte, um die Sprache zu erlernen und mehr über die Geschichte des Landes zu erfahren, aber auch, um einfach nur ein bisschen Urlaub zu machen und zu feiern. Das war zur Zeit des gescheiterten sowjetischen Putsches und der anschließenden Erklärung der ukrainischen Unabhängigkeit.

Wir wussten nicht genau, was passiert war. Die anderen Studierenden und ich waren in einem Gebäude untergebracht, das normalerweise eine Art Schule der Kommunistischen Partei war. Es war ein schickes Gebäude, gelegentlich gab es dort sogar Pepsi. Im Flur stand ein Fernseher, und ich erinnere mich noch an den verzweifelten Gesichtsausdruck von zwei Putzfrauen. Es war offensichtlich etwas Schreckliches passiert. Sie sahen sich die offizielle Erklärung des Putsches an. Also gingen meine Freunde und ich auf den Maidan. Ich weiß nicht einmal mehr, woher wir wussten, dass wir dorthin gehen sollten. Es war keine koordinierte Aktion, vielmehr eine Reaktion, denn es gab ja auch noch keine Unabhängigkeitsbewegung im eigentlichen Sinn. Soweit ich mich erinnere, war es eine echte Basisorganisation, bei der die Leute einfach auftauchten und miteinander redeten. Als der Putsch scheiterte, befanden wir uns vor dem Parlament, der Rada. Ich stand vor dem Parlament, als die Unabhängigkeit verkündet wurde. Ich war also gewissermaßen bei der Geburt dabei.

Wenn man sich aber ideologisch und intellektuell dem Antifaschismus verschreibt, und sein Leben und das Leben aller, die man kennt, und das seiner Familie über mehrere Generationen hinweg von Faschisten und Nationalisten gezeichnet und zerstört wurde, dann entwickelt man eine starke Aversion gegen jede Art von invasivem nationalistischem Diskurs. Für viele von uns, die aus Bosnien stammen, sind die Symptome eines vorsätzlichen Völkermordes, wie ihn Russland in der Ukraine betreibt, unschwer zu erkennen. Es ist erschreckend.

Während eines Besuchs in einem Militärkrankenhaus am 13. März 2022 macht der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelensky (li.) macht ein Selfie mit einem verletzten Mann. Er wurde bei Kämpfen in der Region Kyjiw verletzt. Foto: AFP / Pressedienst des ukrainischen Präsidenten

In den westlichen Medien scheint es eine breite Unterstützung für die Ukraine gegen Russland zu geben, die sich deutlich von der damaligen und heutigen Darstellung des Jugoslawienkriegs unterscheidet. Was ist Ihrer Meinung nach an diesem Konflikt anders und worin liegen die Ursachen für diese veränderte Wahrnehmung im Westen?

Ich denke, das liegt zum Teil an der Präsenz der sozialen Medien, aber ich vermute, es stecken auch einfach strategische Gründe dahinter. 1994 fanden in Ruanda und Bosnien zeitgleich zwei strategische Völkermorde statt. Die Zeitungen bedienten sich für beide Konflikte des gleichen Vokabulars. Die Clinton-Regierung gab ein Memo heraus, in dem sie mitteilte, dass niemand das Wort „Genozid“ verwenden dürfe, da dies die Vereinigten Staaten zum Eingreifen gezwungen hätte. Stattdessen sprach man bei beiden Kriegen offiziell von mehrere tausend Jahre altem Hass. So konnte man sagen: „Oh, diese Leute sind verrückt, sie hassen sich einfach. Dagegen können wir nichts tun. Wir sollten uns nicht einmischen.“

Da die Ukraine aber seit 30 Jahren ein unabhängiges Land ist, ist es unmöglich, das Geschehen als jahrhundertelangen ethnischen Hass oder als etwas anderes als eine Invasion abzutun. Aber es ist auch jedem klar, dass sich die Vereinigten Staaten, die NATO und die EU nicht einmischen werden. Russland ist zu mächtig und verfügt über Atomwaffen.

Es hat den Anschein, als habe sich Putin mit den Geschehnissen auf dem Balkan beschäftigt. Er hat mehrfach auf die Bombardierung Belgrads durch die NATO Bezug genommen und in seiner Rede zur Annexion der Krim Passagen verwendet, die wie absichtlich der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo entnommen klingen. Was soll man davon halten?

So ziemlich das einzige Land außerhalb des direkten Einflussbereichs Russlands, das die russische Invasion in der Ukraine offen und enthusiastisch unterstützt, ist Serbien. Mit seiner Strategie, den Westen auf die Probe zu stellen, war Milošević ein Visionär, und er konnte sich im Grunde erlauben, Europa zu sagen: „Ihr habt Nationalstaaten. Warum nicht auch wir? Ihr habt euch diese Nationalstaaten durch Kolonialismus und Eroberung angeeignet, warum nicht auch wir?“ Viele Putin-Vertraute, wie Igor Strelkow, der Russlands Operationen im Donbass leitete, haben ihr Handwerk in Bosnien gelernt.

Osteuropa, ob Jugoslawien oder die Ukraine, wird vom Westen als eine Art Quasi-Europa betrachtet. Dies scheint die Crux dieses Konflikts zu sein: Immerhin erklärte die Ukraine 2014, dass sie den Weg der Integration in Europa weitergehen wolle. Glauben Sie, dass dieser Krieg die Beziehungen zwischen dem Westen und Osteuropa verändern wird?

Ich glaube nicht, dass Europa es zulassen wird, dass eine integrierte Ukraine eine europäische Identität entwickelt. Da Europa Millionen ukrainischer Flüchtlinge aufgenommen hat, könnte sich das vielleicht ändern, aber ich denke, es ist nur eine Frage von Monaten, bis irgendjemand in Westeuropa propagiert, die Menschen aus der Ukraine wären eine Last für Europa.

Ich glaube nicht, dass Europa es zulassen wird, dass eine integrierte Ukraine eine europäische Identität entwickelt.

Und deshalb glaube ich, dass Putin einkalkuliert hat, dass wenn er die Ukraine zerstört und genügend Zivilistinnen und Zivilisten tötet, die Ukraine zu erschöpft sein könnte und der Preis der Freiheit zu hoch wäre. Das war in Bosnien der Fall, wo sich das Land gezwungen sah, über die Beendigung des Kriegs zu verhandeln, und die Völkermörder durften das von ihnen gesäuberte Gebiet behalten. Dadurch wurde der Konflikt eingefroren und die völkermörderischen Handlungen wurden belohnt. Ich könnte mir vorstellen, dass Europa und Deutschland und Leute, denen an Erdgas mehr liegt als an Menschen, die Ukraine irgendwann an den Verhandlungstisch und zur Aufgabe des Donbass und der Krim zwingen werden. Dahinter würde wahrscheinlich eine Art Antikriegsrhetorik stecken. Das war ja auch 2014 der Fall, als man sich über das Budapester Memorandum von 1994 hinwegsetzte, laut dem die Ukraine auf Druck des Westens im Gegenzug zu Sicherheitsgarantien auf Atomwaffen verzichtet hat. Und das wäre diesmal katastrophal, denn als Bosnier ist dir klar, dass ein solcher Krieg dann noch nicht zu Ende wäre.

Sind Sie optimistisch, was die Strafverfolgung von Kriegsverbrechen angeht?

Ich denke nicht, nein. Russland sitzt im Sicherheitsrat. Sie können gegen jede Resolution ein Veto einlegen. Die UNO steht auf verlorenem Posten, wenn es darum geht, Russland zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn das dennoch geschehen sollte, und ich hoffe, das wird es, bedeutet das keinen Sieg über Russland. Ich glaube, Putin wird diesen Krieg überleben. Ich glaube nicht, dass es irgendeine Art von Protest geben wird, der Putins Macht im eigenen Land auf die Probe stellen wird.

Das liegt daran, dass der Westen Putin stets als Geschäftspartner betrachtet hat. Es gab einige Bemühungen aus der Ferne, wie die Bitte an Russland, man möge nicht zu viele Dissidenten verhaften. Oder ihnen auf der Straße in den Kopf schießen – das ist ein bisschen viel. Aber der Westen will das Gas, und man nimmt gerne an den Olympischen Spielen und an der Fußballweltmeisterschaft teil.

Millionen von Menschen wurden bereits durch den Krieg vertrieben. Sie selbst haben sich aufgrund Ihrer Vertreibung wie folgt beschrieben: „Ich bin nichts anderes als eine Verstrickung einer unbeantworteten Frage, eine Ansammlung von anderen.“ Können Sie mir dieses Gefühl näher beschreiben?

Im nationalistischen Diskurs ist dieser nationale Kern enthalten, den du mit dir herumträgst, wohin du auch gehst. Er steckt in dir. Und wenn sich dieser Wesenskern nicht vollständig entfalten kann, dann bist du unterdrückt. Ich halte das generell für Schwachsinn. Das ist ein verinnerlichter Mythos – bestenfalls. Was ich durch meine Vertreibung gelernt habe, ist, dass es zwar eine Verbundenheit zu Gruppen von Menschen durch gemeinsame historische und kulturelle Erfahrungen gibt, der primäre Kontext von Identitäten aber das gelebte Leben mit jenen Menschen ist, die zufällig um einen herum sind.

Die Vertreibung hat Einfluss darauf, wie Menschen über ihre nationale Identität denken. Und vielleicht fühlen sie sich gerade deshalb mehr dem mythologischen Aspekt der Nation verbunden, weil der direkte Kontakt reduziert ist. Und genau davon lebt der Nationalismus. Die Jugoslawienkriege wurden in hohem Maße von der nationalistischen Diaspora finanziert, zum Teil auch in Serbien, denn ihre Mitglieder lebten im Ausland unter sich und fantasierten von einem ethnisch gesäuberten Land, in das sie zurückkehren konnten, um nur mit anderen Serbinnen und Serben oder nur mit Kroatinnen und Kroaten zusammenzuleben.

Im Vorfeld des Kriegs in Bosnien haben Sie einen Leitartikel Ihres Freundes Guša veröffentlicht, in dem darauf verwiesen wird, dass es die dringende Pflicht eines jedes Menschen sei, mehr zu tanzen, um die nahende Katastrophe zu verhindern. Und Sie erzählen gerne Geschichten über das, was Sie „improvisierte Freude“ während des Kriegs nennen. Warum ist es so wichtig, im Krieg Freude zu finden?

Freude zu finden ist zur jeder Zeit wichtig. Vor allem gemeinsam mit anderen. Deshalb habe ich zu Beginn der Pandemie angefangen, Musik zu machen – und zwar Tanzmusik. Ich möchte mir eine Zukunft vorstellen, in der ich und Leute, die ich mag, oder auch völlig Fremde, zu dieser Musik tanzen. Es ist grundsätzlich utopisch, einen Raum zu finden, in dem man einfach tanzen kann. Das ist eine Art von Sieg.

Ich liebe diesen Leitartikel, weil er in mancher Hinsicht naiv war. Zur gleichen Zeit haben Menschen zu den Waffen gegriffen und rund um Sarajevo Gräben ausgehoben. Und weil meine Freunde und ich nicht zu den Leuten gehörten, die sich bewaffnen würden, was damals wahrscheinlich ein strategischer Fehler war, dachten wir: „Hey, lasst uns tanzen!“

Es gab eine Zeit nach der Veröffentlichung des Artikels, in der ich ihn als völlig naiv abtat. Aber heute weiß ich ihn irgendwie zu schätzen. Tanzen erhält die Fähigkeit, das Leben zu lieben, und das hilft, am Leben zu bleiben. Es ist diese verbindende und gemeinsame Erfahrung, und Krieg schafft das leider auch. Es klingt wie ein Hippie-Mantra, aber ich sage es trotzdem: Tanzen schafft eine Situation der Freude und Liebe, und das ist es, was wir als menschliche Wesen brauchen.

Meine Freunde feierten während der Belagerung Partys und hielten die Lautsprecher aus den Fenstern, damit die Serben hören konnten, dass sie feierten. Während der Belagerung gab es gelegentlich eine Telefonverbindung; eine Freundin rief mich an, und ich fragte sie, was sie vorhabe. Sie sagte, sie wolle ins Kino gehen und würde dafür sogar in Kauf nehmen, in Scharfschützenfeuer zu geraten. Im Kino lief Terminator 2. Du riskierst dein Leben, um Terminator 2 zu sehen, während du belagert wirst? Das ist unfassbar.

Man will mit anderen Menschen zusammen sein, gemeinsam etwas Gutes und Schönes erleben, auch wenn es Terminator 2 ist. Tanzen während der Belagerung hat seine Berechtigung.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 27. April 2022 auf thenation.org
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Carol Schaeffer / The Nation. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Ein Mann macht ein Selfie vor einem zerstörten russischen Panzer im Dorf Andriivka in der Region Kyjiw, 17. April 2022. Foto: Sergei Supinsky / AFP / picturedesk.com

“Zugeständnisse an den Aggressor wären naiv”

„Der Westbalkan wird von der EU-Erweiterung wohl noch träumen dürfen“

“Die Wahrheit ist wichtig für zukünftige Generationen!”

“Alle Journalisten in der Ukraine sind jetzt Kriegsreporter”

Das könnte Sie auch interessieren