Leitfaden für die Flucht während einer Pandemie

Du bist einer von Tausenden jugendlichen Asylsuchenden in Griechenland, die im Schatten des Coronavirus aufwachsen. Das sind deine Optionen.

Auf dem Viktoriaplatz war eine Schlägerei ausgebrochen. Vier Männer beschimpften einander und prügelten sich um irgendetwas. Einer von ihnen nahm seinen Gürtel ab und begann ihn als Peitsche einzusetzen. Du hörtest auf zu reden und sahst vom Café aus zu. Jeden Augenblick würde die Polizei eintreffen.

In jenem Sommer vor dem Virus tummelten sich Jugendliche auf dem Platz, die SIM- und Handywertkarten verkauften, es gab Flüchtlingsfamilien, die ganze Bänke besetzten, Eltern mit kleinen Kindern. Sie sahen die Männer kämpfen und wandten ihre Blicke ab. Die Polizei kam, die Prügelei wurde aufgelöst und der Journalist, der dir gegenüber saß, fuhr mit seinen Fragen an dich fort.

Das „Du“ in dieser Geschichte ist eine Figur, die sich aus den Aussagen sieben junger Migranten und Flüchtlinge zusammensetzt. Alle direkten Zitate wie angegeben. Die Flüchtlinge und Migranten werden zum Schutz ihrer Identität nicht mit vollem Namen genannt.

Manche kommen übers Meer und bleiben auf den Inseln hängen. Du warst mit einer Gruppe zu Fuß unterwegs. Ihr seid durch den Wald gelaufen, bis ihr den Fluss an der Grenze erreicht hattet. Nach sechs Versuchen habt ihr es übers Wasser geschafft. Ihr seid weitergezogen, habt in den Wäldern geschlafen, um der Polizei aus dem Weg zu gehen, bis ihr den Zug fandet, der euch nach Athen brachte. Damals kanntest du den Namen der Stadt nicht, aber du wusstest, wo du hinmusstest – hierher, auf den Viktoriaplatz. Du hast gerade deine erste Mahlzeit in Athen gegessen, als, wie man dir gesagt hatte, jemand vorbeikam und dir eine Unterkunft anbot.

Ein Jahr später ist der Lockdown in Athen beendet und du bist wieder dort, wo dein Leben in dieser Stadt seinen Anfang genommen hat – du schläfst in der Notunterkunft in der Nähe des Viktoriaplatzes, redest mit demselben Journalisten, beobachtest die vorbeigehenden Polizeibeamten. Sie wissen jetzt, dass du hier bist, dein Name ist in ihrem System. Und du kennst ihr System mit seinen Polizeizellen, Haftanstalten und Wohnheimen in- und auswendig.

Du bist aus Wohnheimen in abgelegenen griechischen Städten geflohen, damit du auf den Straßen Athens schlafen konntest, wo es noch Geld zu verdienen gab. Und in manchen Nächten auf den Straßen Athens hast du dich nach ebendiesen Polizeizellen und Wohnheimen zurückgesehnt, wo es eine Matratze und ein Schloss an der Tür gab.

Foto: © Iason Athanasiadis

Nicht registrierte Minderjährige, die von der Polizei aufgegriffen werden, landen unter gefängnisähnlichen Bedingungen in der Schutzhaft. Foto: © Iason Athanasiadis

In den vergangenen fünf Jahren kamen jedes Jahr Zehntausende Menschen ohne Papiere durch Griechenland, in der Hoffnung, nach Westeuropa zu gelangen. Viele sind vor Krieg und Armut geflohen, andere hofften einfach auf ein besseres Leben. Die meisten von ihnen sind weitergezogen, doch es kamen immer mehr Flüchtlinge an. So entstand eine riesige, sich verändernde Bevölkerungsgruppe, die für die griechischen Behörden nur zum Teil sichtbar ist. Unter ihnen befinden sich viele Jugendliche, die ohne Familienangehörige unterwegs sind und nach dem Gesetz als „unbegleitete Minderjährige“ gelten. Sie leben abwechselnd auf der Straße, in Wohnheimen oder in Internierungslagern. Wie viele es sind, ist unbekannt. Du bist einer von ihnen.

„Das schlimmste Problem“

Im Juni dieses Jahres befanden sich laut einem Bericht der griechischen Regierung rund 4.700 unbegleitete Minderjährige im Land, die überwiegende Mehrheit von ihnen männliche Jugendliche über 14 Jahre. Aus dem Bericht des Nationalen Zentrums für soziale Solidarität (EKKA), einer für unbegleitete Minderjährige zuständigen Regierungsbehörde, geht hervor, dass etwa 2.200 von ihnen in provisorischen oder Langzeitunterkünften untergebracht wurden. Weitere 1.100 lebten in Aufnahmezentren.

Etwa 200 unbegleitete Minderjährige befanden sich in Lagern und weitere 200 in „Schutzhaft“ – so nennt man die Ingewahrsamnahme von Minderjährigen zu ihrer eigenen Sicherheit. Laut EKKA lebten weitere 1.000 Minderjährige in „ungesicherten Wohnverhältnissen“, was alles Mögliche bedeuten kann, von einem Stockbett in einem besetzten Haus bis zu einem Schlafsack auf den Straßen von Athen oder Thessaloniki, den größten Städten Griechenlands.

“Einem Minderjährigen, von dem bekannt ist, dass er misshandelt wird, kann in einem wohlgeordneten Staat geholfen werden. Für Kinder unter dem Radar ist keine Hilfe möglich. Das ist das schlimmste Problem von allen.“

— Panagiotis Nikas, ehemaliger Leiter des griechischen Erstaufnahmediensts

Die tatsächliche Zahl unbegleiteter Minderjähriger in Griechenland übersteigt jedoch wahrscheinlich die offizielle Gesamtzahl, da die Daten des EKKA auf Personen basieren, die an die Behörde verwiesen wurden, weil sie Hilfe bei der Unterbringung benötigten.

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Migranten und Flüchtlinge, die sich in Griechenland nicht registrieren lassen, finden häufig Arbeit in der Schattenwirtschaft. Foto: © Iason Athanasiadis

Panagiotis Nikas, der ehemalige Leiter des Erstaufnahmediensts, einer griechischen Regierungsbehörde, die für die Registrierung und Überprüfung von Flüchtlingen und Migranten zuständig ist, meint, dass der Mangel an zuverlässigen Daten über die Minderjährigen ein großes Hindernis für die Gewährleistung ihrer Sicherheit sei. „Niemand kann genau sagen, wie viele unbegleitete Minderjährige sich heute im Land aufhalten und wie viele innerhalb der letzten zwei Jahre hierhergekommen sind“, sagt er. „Einem Minderjährigen, von dem bekannt ist, dass er misshandelt wird, kann in einem wohlgeordneten Staat geholfen werden. Für Kinder unter dem Radar ist keine Hilfe möglich. Das ist das schlimmste Problem von allen.“

Laut EU-Vorschriften müssen alle Asylwerber ihren Antrag in dem Land stellen, in dem sie den EU-Raum erstmals betreten haben. Die meisten, die nach Griechenland kommen, hoffen jedoch, sich in den wohlhabenderen Volkswirtschaften Westeuropas niederlassen zu können. Wenn es ihnen gelingt, unbemerkt ins Land zu kommen, haben sie wenig Anreize, sich registrieren zu lassen. Bleiben sie weiterhin unentdeckt, bieten sich ihnen mehr Möglichkeiten, weiterzuziehen und unterwegs Arbeit zu finden. Dadurch laufen sie auch öfter Gefahr, in der Schattenwirtschaft ausgebeutet zu werden.

Abbildung: © Klawe Rzeczy

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Dein Asylstatus ist kompliziert. Du warst Orangenpflücker, hast Fastfood ausgeliefert und es ist dir gelungen, etwas Geld nach Hause zu schicken. Du hast es noch nicht bis nach Deutschland geschafft, aber du hast die Hoffnung nicht aufgegeben. Dein Freund Kamran pflegt zu sagen: „Man kann dir dein Geld wegnehmen, aber das, was du gelernt hast, kann dir niemand nehmen.“ Diese Geschichte erzählt von den Dingen, die du gelernt hast – sie ist dein Überlebensleitfaden.

Für die Neuen war der Lockdown am härtesten. Sie hatten am Bau gearbeitet oder Schrott gesammelt und mussten nun 40, 50 Tage lang ohne Geld auskommen. Da sie nicht registriert waren, hatten sie auch keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Um weitermachen zu können, mussten sie sich von ihren Mitbewohnern Geld leihen.

Wollte man während des Lockdowns nach draußen gehen, musste man der Polizei eine SMS mit seinem Namen, seiner Adresse, dem Beweggrund und Zielort schicken – dies galt für jeden in Griechenland. Bekam man von der Polizei daraufhin das OK, durfte man hinausgehen. Wurde man unterwegs von der Polizei angehalten, musste man die Nachricht auf seinem Mobiltelefon zusammen mit dem Personalausweis oder Reisepass vorweisen.

Wer bereits einen Asylantrag gestellt hatte, hatte wenig zu befürchten. Dein Freund Abdo bat die Polizei per SMS um Erlaubnis, die Unterkunft zu verlassen. Als Beweggrund gab er zum Spaß an, er wolle ein paar Mädels treffen. Er erhielt eine automatische Antwort, in der er gebeten wurde, sein Ansuchen in korrekter Form erneut zu senden. „Dabei wollte ich nur was Lustiges schreiben“, erzählt er. Er ist seit vier Jahren hier und rechnet damit, dass ihm bald Asyl gewährt wird.

Die nicht registrierten Jungs hatten Angst, das Wohnheim während des Lockdowns zu verlassen. Da überall auf den Straßen mehr Polizisten als Zivilisten unterwegs waren, fühlten sie sich exponierter und fürchteten mehr denn je, angehalten zu werden. Du hast die Angst mit eigenen Augen gesehen, als du zur Bank in der Nähe des Viktoriaplatzes gingst. Die Schlange reichte bis auf den Gehsteig, weil alle Abstand voneinander hielten. Wie üblich bestand die Hälfte der Bankkunden aus älteren Griechinnen und Griechen und die andere Hälfte schienen Typen wie du zu sein, die in den nahegelegenen Notunterkünften wohnten. Du hast gleich gemerkt, wer von ihnen nicht registriert war – es waren diejenigen, die wegliefen, wenn ein Polizeiauto vorbeifuhr.

Illegale Arbeit

Warum der Polizei aus dem Weg gehen? Scheinst du nicht im System auf, kannst du dich frei bewegen, weiter nach Arbeit suchen, hie und da etwas Geld verdienen und vielleicht einen Weg finden, deine Reise fortzusetzen. Das Spiel ist nie einfach, aber du kannst es nach deinen Regeln spielen. Wirst du von der Polizei erwischt, gelten deren Regeln. Du musst einen Asylantrag stellen, dessen Bearbeitung Jahre dauern und der schließlich abgelehnt werden kann. Und du musst so lange in Gewahrsam bleiben, bis der Staat für dich einen Platz in einem Wohnheim gefunden hat.

Abbildung: © Klawe Rzeczy

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Dein Freund Rahman hat Athen verlassen, weil er sich nicht registrieren lassen wollte. Er zog nach Manolada, drei Autostunden westlich von Athen, um auf einer Obstplantage zu arbeiten. Er schuftet sieben Stunden am Tag und verdient 25 Euro, von denen er einen Euro als Provision an den Vorarbeiter oder seinen Arbeitsvermittler zahlt. Er schläft in einem Folientunnel, der Art wie sie für den Anbau von Nutzpflanzen verwendet werden, und zahlt dafür monatlich 50 Euro. Zur Haupterntesaison gibt es Tausende Migranten und Flüchtlinge wie ihn, die in Manolada Erdbeeren für den Export nach Westeuropa und Russland pflücken.

Rahman zog in dem Glauben dorthin, dass er dort sicherer wäre, wo „es keine Polizei gibt“. Aber es gibt noch andere Risiken. Im Jahr 2013 schossen bewaffnete Wachmänner auf einer örtlichen Farm in eine Gruppe Obstpflücker, die ihre ausstehenden Löhne einforderten. Es gab Dutzende Verletzte, aber als der Fall vor Gericht kam, entgingen alle Wachen einer Gefängnisstrafe. Die Arbeiter brachten ihren Fall vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und erhielten schließlich 2017 eine Entschädigung vom griechischen Staat.

Zwischen Heim und Auffanglager

Was passiert, wenn du in Athen angehalten wirst? Du wirst auf eine Polizeistation gebracht, als unbegleiteter Minderjähriger registriert und musst einen Asylantrag stellen. Der Staat ist nun verpflichtet, sich um deine Unterkunft und Bildung zu kümmern, bis du 18 Jahre alt bist oder dein Asylantrag entschieden ist. Du kommst in Schutzhaft, bis eine geeignete Unterkunft gefunden ist. Dies könnte zunächst eine Polizeizelle sein, und danach ein Internierungslager wie Amygdaleza, eine ehemalige Polizeikaserne am Stadtrand von Athen. Theoretisch sollte der Staat innerhalb von vier Wochen eine Unterkunft für dich finden. Da es aber an Heimplätzen mangelt, könnte es sein, dass du mehrere Monate lang unter gefängnisähnlichen Bedingungen in Schutzhaft warten musst.

Menschenrechtsgruppen haben Griechenland nachdrücklich aufgefordert, die Zeit, die Minderjährige in Schutzhaft verbringen, so kurz wie möglich zu bemessen, mit dem Argument, dass jede Form eines längeren Gewahrsams ihrer psychischen Gesundheit schaden kann. Vertretern der griechischen Regierung zufolge würden die Kapazitäten der Unterkünfte erhöht und das System reformiert werden.

Foto: © Iason Athanasiadis

Die griechische Regierung wurde von Menschenrechtsgruppen unter Druck gesetzt, die Dauer der „Schutzhaft“ zu verkürzen. Foto: © Iason Athanasiadis

Nach einigen Wochen oder mehreren Monaten – wie lange es auch dauern mag, einen freien Wohnheimplatz zu finden – wirst du in dein neues Zuhause gebracht. Die meisten Wohnheime befinden sich in den Provinzen, in Kleinstädten oder auf dem Land.

Du hast gehört, dass die anderen Jungs diese Orte als „die Sahara“ bezeichnen, und du verstehst, warum – man ist kilometerweit von Nichts umgeben. Jetzt hast du die Wahl: Entweder du bleibst im Wohnheim oder du machst dich auf den Weg in eine Großstadt, nach Athen oder Thessaloniki, wo du leicht Arbeit finden kannst. Du entscheidest dich für die Großstadt. Schließlich bist du nicht so weit gekommen, bist so viele Risiken eingegangen, um untätig herumzusitzen, während das System über dein Schicksal entscheidet. Zurück in Athen lernst du Ibrahim kennen, der seit seinem 15. Lebensjahr seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Zigaretten und Haschisch rund um den Exarchia-Platz verdient. Du fängst an, Zigaretten für ihn zu verkaufen.

Sofia Papadopoulou, Kinderschutzexpertin bei der Association for the Social Support of Youth (ARSIS), einer NGO, die unbegleitete Minderjährige in Thessaloniki unterstützt, glaubt, dass „viele der Kinder auf der Straße gezwungen sind, illegalen Tätigkeiten nachzugehen“.

Dein Freund Abdo hat eine andere Theorie. „Manche Typen ziehen einfach die Straße vor“, sagt er. „Das hat mit ihrer Fluchtgeschichte zu tun. Sie haben gelernt, auf der Straße zu leben, sie sind sogar stolz darauf.“ Du gehörst nicht zu diesen Typen. Dir wird klar, dass du genug von der Straße hast, als dir eines Morgens ein Passant auf den Kopf schlägt. Du willst ein Dach über dem Kopf und einen Job, bei dem du nicht angegriffen wirst. Du versuchst es in den Notunterkünften rund um den Viktoriaplatz, aber die sind alle voll. Du schläfst auf einer Bank auf dem Platz, bis du von der Polizei aufgegriffen und zur Wache gebracht wirst. Man findet deinen Namen im System und vergleicht ihn mit einer Anzeige, die von dem Wohnheim nach deinem Verschwinden erstattet wurde. Innerhalb weniger Stunden bist du wieder in Amygdaleza und wartest darauf, dass ein Platz in einem Wohnheim frei wird. Die Wachen erkennen dich wieder.

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Monatlich 50 Euro bezahlen Migranten und Flüchtlinge in Manoloda, um in Folientunneln übernachten zu können. Foto: © Iason Athanasiadis

„Normalerweise kennen wir die meisten Minderjährigen, die hierher kommen, bereits“, sagt der Kommandant des Internierungslagers in Amygdaleza, Asimakis Solomos. „Wir sagen sogar: Schon wieder hier?“ Solomos schätzt, dass über die Hälfte der 600 Minderjährigen, die jeden Monat in Amygdaleza aufgenommen werden, Neuankömmlinge sind. Die übrigen seien durch ihr ständiges Hin und Her zwischen Heim und Auffanglager allesamt bekannte Gesichter.

Es ist mir egal, sperrt mich ein, ich halte es nicht mehr aus.

Einige Minderjährige wollen nicht darauf warten, dass die Polizei sie aufgreift. Sie wenden sich an eine der NGOs, die sich um Migranten und Flüchtlinge kümmern, und lassen sich bereitwillig von einem Sozialarbeiter und einem Rechtsbeistand zur Polizeistation bringen. Aggeliki Theodoropoulou, Anwältin beim griechischen Flüchtlingsrat, einer NGO, sagt, dass das Leben auf der Straße die Minderjährigen aufzehrt oder – wenn sie verprügelt wurden – verängstigt. „Sie sagen: Es ist mir egal. Sperrt mich ein, ich halte es nicht mehr aus.“

Fröhliche Emoticons

In der Notunterkunft nahe des Viktoriaplatzes sehen die Neuankömmlinge auf ihren Handys nach, ob sie Nachrichten von ihren Freunden bekommen haben. Während des Lockdowns war es noch schlimmer – sie hingen den ganzen Tag am Telefon. Da zu dieser Zeit auch Ramadan war, schien jeder die gleichen Dinge zu tun – sich ausruhen, Sport treiben, Filme schauen und sich über Facebook austauschen.

Abbildung: © Klawe Rzeczy

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Zwei Freunde der Neuankömmlinge wurden gleich nach ihrer Ankunft in Griechenland gefasst. Sie kamen direkt ins Auffanglager, einen Ort namens Fylakio nahe der türkischen Grenze, wo sie einen Asylantrag stellen mussten. Da beide noch nicht 18 Jahre alt waren, wurden sie unter „Schutzhaft“ gestellt. Eigentlich hätten sie nur für drei Wochen in Fylakio bleiben sollen, doch aufgrund des Mangels an Unterkünften saßen sie dort sieben Monate lang fest. Wenn einer jede Menge fröhliche Emoticons auf Facebook postet, fragen die Neuankömmlinge, ob er gute Neuigkeiten hat. Nein, kommt die Antwort, die Emoticons seien für die Familie zu Hause gedacht, um sie zu beruhigen, dass alles in Ordnung ist.

Auf deinem Handy poppt eine neue Nachricht von Rahman in Manolada auf. Als einziger deiner Freunde hat er während des Lockdowns weitergearbeitet – die Erdbeerernte nimmt keine Rücksicht auf das Virus. Wie sich herausstellt, hatte die Regierung die Beschränkungen für Arbeitskräfte in landwirtschaftlichen Gebieten gelockert. Hätte die Polizei Rahman angehalten, hätte er keine Textnachricht und keinen Ausweis vorzeigen müssen. Alles, was er brauchte, war ein Schreiben von seinen Arbeitgebern, in dem sein Status bestätigt wurde. Rahman wird möglicherweise niemals Asyl in Europa erhalten. Wenn er weiterhin nicht registriert wird, wird er auch nie einen Antrag stellen. Aber dank der Pandemie wird er immer ein Stück Papier haben, das bestätigt, dass er in diesem Jahr für einige Wochen auf europäischem Boden gearbeitet hat.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 1. Oktober 2020 auf Balkaninsight.com.

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Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.

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