Griechenland: Die demografische Zeitbobme tickt

Die demografischen Indikatoren Griechenlands weisen Ähnlichkeiten mit den westeuropäischen Ländern als auch mit den Ländern des Balkans auf.

Während Griechenland bei einigen demografischen Indikatoren Ähnlichkeiten mit reicheren westeuropäischen Ländern aufweist, gleichen seine schlimmsten Probleme jenen der Balkanländer.

Die Bevölkerung schrumpft, vergreist oder wandert ab: Griechenlands demografische Nöte werden von Jahr zu Jahr schlimmer – ein Umstand, dessen sich die Regierungsspitze schmerzlich bewusst ist. Sie sind eine „tickende Zeitbombe“, meinte Premierminister Kyriakos Mitsotakis im Juni. „Das ist eine absehbare und ernst zu nehmende Gefahr.“

In seiner Rede auf einer Konferenz zum Thema Demografie erklärte Mitsotakis weiter, er spreche „nicht von einer Bedrohung unserer nationalen Identität“, sondern vielmehr „von einer unmittelbaren Schwächung der Fähigkeit des Landes, auf persönlicher und kollektiver Ebene Wohlstand zu schaffen, um so das starke Gefüge, das die Bürgerinnen und Bürger zusammenhält, zu bewahren.“

Mit anderen Worten: Jedes Jahr gibt es in Griechenland immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, die auch tatsächlich arbeiten und Steuern zahlen. Wie soll es mit den Griechinnen und Griechen als Europäerinnen und Europäer der mittleren Einkommensschicht weitergehen? Seit der Schuldenkrise, die Ende 2009 im Land einsetzte, sind sie ohnehin immer ärmer geworden und es gibt immer weniger Menschen, die ihren Beitrag leisten können.

Probleme bei der Volkszählung

Mit vielen der Probleme, denen sich Griechenland gegenübersieht, haben auch andere europäische Länder zu kämpfen, insbesondere seine Nachbarn auf dem Balkan, Italien und Spanien. Doch abgesehen von den allgemeinen Trends sind die chronischen demografischen Defizite Griechenlands völlig anderer Natur. Auch wenn Griechenland bei einigen demografischen Indikatoren reicheren westeuropäischen Ländern ähnelt, gleichen seine schlimmsten Probleme jenen der Balkanländer.

Da wäre zunächst einmal die Volkszählung. In den meisten westlichen Ländern gilt sie als Goldstandard, um die Anzahl der in einem Land lebenden Menschen zu bestimmen. Alle Balkanländer haben jedoch Schwierigkeiten bei der Erhebung zuverlässiger statistischer Daten, und das gilt auch für Griechenland.

Greece’s ticking demographic time bomb

Infografik: Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Im Juni gab die griechische Statistikbehörde ELSTAT bekannt, dass laut der im Winter 2021 durchgeführten Volkszählung 10,4 Millionen Menschen im Land lebten. Das sind 3,5 Prozent weniger als bei der Volkszählung 2011 erhoben wurden. Das Problem dabei ist, dass selbst ELSTAT weiß, dass diese Zahl nicht korrekt ist.

Im Jahr 2011 lebten der damals durchgeführten Volkszählung zufolge 10,8 Millionen Menschen in Griechenland. Laut dem statistischen Amt der EU (Eurostat), das seine Daten zu Griechenland von ELSTAT erhält, waren es 2011 tatsächlich 11,1 Millionen Menschen. Das ist darauf zurückzuführen, dass eine nach der Volkszählung durchgeführte Erhebung ergab, dass die tatsächliche Einwohnerzahl um 2,83 Prozent höher lag, insbesondere weil die illegalen Einwanderinnen und Einwanderer im Land nicht berücksichtigt worden waren.

Probleme bei der Volkszählung 2021 hätten erneut dazu geführt, dass nicht alle Personen erfasst wurden, meint Byron Kotzamanis, Professor für Demografie an der Universität Thessalien in Volos. Ältere Menschen hatten mitunter Schwierigkeiten, die erstmals online gestellten Fragen der Volkszählung zu beantworten; ein guter Teil der illegalen Einwanderinnen und Einwanderer wird wohl erneut nicht berücksichtigt worden sein; und schließlich bedeutet die allgemeine ablehnende Haltung vieler Menschen gegenüber dem Staat – eine Gruppe, die sich mit den Covid-Impfgegnerinnen und -gegnern überschneidet –, dass abermals eine große Anzahl an Menschen nicht gezählt worden sein wird.

Infografik: Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Um etwaigen Ungereimtheiten entgegenzuwirken, wurden dieses Mal die Zählerinnen und Zähler von ELSTAT angewiesen, die Anzahl jener Personen zu schätzen, die sich geweigert hatten, an der Umfrage teilzunehmen, indem man Informationen in deren Nachbarschaft einholte.

In Anbetracht dessen, so Kotzamanis, gehe er davon aus, dass die Diskrepanz im Jahr 2021 im Vergleich zu 2011 geringer sei und die korrekte Anzahl der Menschen in Griechenland 10,6 Millionen betrage, was einen Rückgang von 4,4 Prozent gegenüber 11,1 Millionen bedeuteten würde, sofern diese Zahl stimmt. Dies entspricht auch der von Eurostat auf der Grundlage der ELSTAT-Daten ermittelten Größe der griechischen Bevölkerung per 1. Jänner 2022.

Todesfälle, Geburten und Emigration

Sowohl Abwanderung als auch die niedrige Fertilitätsrate Griechenlands sind für den Rückgang der Bevölkerungszahlen verantwortlich. Kotzamanis geht davon aus, dass seit der Finanzkrise zwischen 400.000 und 500.000 Menschen ausgewandert sind, fügt aber hinzu, dass von diesen etwa 150.000 in Griechenland lebende Ausländerinnen und Ausländer waren.

Die griechische Fertilitätsrate liegt mit 1,39 unter dem EU-Durchschnitt von 1,5 und deutlich unter der magischen Zahl von 2,1 – die Anzahl von Kindern, die jede Frau bekommen müsste, um eine Bevölkerung ohne Zuwanderung auf dem Reproduktionsniveau zu halten. Im Jahr 1948 wurden in Griechenland 210.000 Kinder geboren, und der Trend weist seither unaufhaltsam nach unten. 2021 wurden 86.390 Geburten verzeichnet. Zudem starben 58.975 mehr Menschen als geboren wurden, eine Zahl, die aufgrund von Covid-19 höher war als sonst, allerdings gibt es in Griechenland seit 2011 mehr Sterbefälle als Geburten.

Eine wachsende Stadt

Die griechische Bevölkerung schrumpft, aber einige Regionen schrumpfen schneller als andere. Im Norden Griechenlands, vor allem in den Bergregionen, leeren sich seit Jahrzehnten die Dörfer, und auch in den Städten, die von der inzwischen stillgelegten Industrie abhängig waren, leben immer weniger Menschen. Aber nicht überall gibt es schlechte Nachrichten. Ioannina, eine der schönsten Städte Nordgriechenlands, ist laut der Volkszählung von 2021 in den letzten zehn Jahren sogar gewachsen, wenn auch nur um 608 Personen auf 113.094. Zählt man die illegalen Migrantinnen und Migranten und beispielsweise jene Menschen hinzu, die während der Pandemie aus den Großstädten nach Ioannina gezogen sind, um hier zu arbeiten, aber anderswo gemeldet sind, ist die Zahl zweifellos höher.

Das überrascht Bürgermeister Moses Elisaf nicht. Dank neuer Straßen ist die ehemals schlecht angebundene Stadt heute viel leichter zu erreichen. Eine Fahrt nach Thessaloniki dauert drei Stunden, nach Athen sind es dreieinhalb Stunden.

Neben der bei Touristinnen und Touristen beliebten historischen Altstadt und dem See hat Ioannina viel zu bieten. Es gibt eine Universität mit 20.000 Studierenden und zwei große Krankenhäuser mit etwa 3.000 Beschäftigten. Zudem ist Ioannina die Verwaltungshauptstadt der Region Epirus, was Arbeitsplätze schafft. Zwei Mineralwasserfabriken und mehrere Geflügelfarmen versorgen Griechenland mit 50 Prozent seines Bedarfs an abgefülltem Wasser und 60 Prozent seines Geflügels.

In der Stadt ansässige IT-Firmen beschäftigen Informatikabsolventinnen und -absolventen der hiesigen Universität. Bürgermeister Elisaf spricht seit Langem davon, seine Stadt zu einem griechischen „Silicon Valley“ machen zu wollen, beklagt jedoch, dass andere qualifizierte Absolventinnen und Absolventen aufgrund mangelnder Arbeitsplätze nach Athen, Thessaloniki oder ins Ausland abwandern. Eine, wie es scheint, vertrackte Situation: Unternehmen, die sich sonst in Ioannina ansiedeln würden, tun dies nicht, weil sie vor Ort keine qualifizierten Arbeitskräfte finden.

Auch die Einstellung und Bindung von medizinischem Personal ist schwierig. Es sei „unmöglich“, erklärt Elisaf, griechische Ärztinnen und Ärzte für ein Monatsgehalt von 1.500 Euro aus London zurückzuholen, wenn sie dort 10.000 Pfund (11.800 Euro) verdienen könnten.

Der Großraum Ioannina umfasst acht Gemeindebezirke, zu denen auch Ioannina selbst zählt. In den letzten zehn Jahren hat die gesamte Region 4,7 Prozent ihrer Bevölkerung verloren, was knapp über dem Wert für ganz Griechenland liegt. Die übrigen sieben Gemeindebezirke der Region sind alle geschrumpft. Im Bezirk Ioannina selbst, so Elisaf, ist es der Stadt gelungen, ihre Bevölkerung zu halten, während in den umliegenden Dörfern immer weniger Menschen leben.

Da die jungen Leute die Dörfer verlassen und die Bevölkerung älter wird, gibt es immer weniger Kinder und Schulen werden geschlossen. Aufgrund der sinkenden Kinderzahlen in den Dorfschulen ziehen viele nach Ioannina oder bringen ihre Kinder jeden Tag in die Stadt in größere Schulen, wo die Ausbildung ihrer Meinung nach besser ist. In den letzten 20 Jahren wurden etwa 20 Schulen geschlossen, und zwar „fast alle Schulen in den umliegenden Dörfern“, erklärt Elisaf.

Ioannina ist eine gebirgige Region, Landwirtschaft spielt hier keine so große Rolle wie in anderen Teilen Griechenlands. In den 1960er-Jahren, so Elisaf, wanderten Tausende in Länder wie Deutschland oder Belgien aus. Ab den 1980er-Jahren, Jahren größeren Wohlstands, bis 2009, als die Finanzkrise begann, kamen einige wieder zurück. Was Ioannina jedoch tatsächlich vor einem dramatischen Bevölkerungsverlust bewahrt hat, war der Zustrom von Albanerinnen und Albanern in den 1990er-Jahren. Heute schätzt Elisaf, dass etwa zehn Prozent der Bevölkerung von Ioannina albanischer Provenienz sind, von denen der größte Teil der griechischen Minderheit angehört.

Ioannina altert, wie ganz Griechenland, und Covid-19 verschärfte die Probleme zusätzlich, da der Gemeinde auch die Betreuung älterer Menschen zufiel. Zudem muss sie sich um 3.000 Migrantinnen und Migranten kümmern, von denen viele keine Arbeitserlaubnis haben und kein Griechisch lernen, weil sie nur auf eine Gelegenheit warten, weiter nach Nordeuropa zu ziehen. Elisaf beklagt die Tatsache, dass nichts getan werde, um diese Menschen zum Bleiben zu bewegen, angesichts des „erfolgreichen Experiments mit den Albanern“ und der eigenen multikulturellen Vergangenheit Ioanninas, als hier Christen, Jüdinnen, Muslime, Albanerinnen und Türken lebten.

Dieser Trend wird sich vermutlich nicht abschwächen. Jedes Jahr gibt es weniger Frauen im gebärfähigen Alter, und im europäischen Vergleich ist die Zahl der kinderlosen Frauen relativ hoch. Von den 1975 geborenen Frauen bekamen beispielsweise knapp 24 Prozent keine Kinder, hält Kotzamanis fest.

Während die Geburtenrate sinkt, steigt die Lebenserwartung. Im Jahr 1960 betrug letztere in Griechenland 68 Jahre. Im Jahr 2020 konnten Griechinnen und Griechen damit rechnen, 81 Jahre alt zu werden, eine Zahl, die aufgrund von Covid-19 gegenüber den Vorjahren etwas gesunken ist. Zwischen 2011 und 2021 stieg das Medianalter in Griechenland um vier Jahre auf 45,5 Jahre. In der EU vollzog sich dieser Anstieg nur in Spanien und Portugal schneller.

Aufgrund dieser Faktoren altert die griechische Bevölkerung schnell, in mehreren Sektoren macht sich ein Arbeitskräftemangel bemerkbar, und der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter beginnt zu schrumpfen. Zwischen 1951 und 2020 ist der Anteil der 15- bis 64-Jährigen in Griechenland um 1,4 Prozent zurückgegangen, aber dieser Prozentsatz wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich steigen. Im Jahr 1951 lag die Zahl der bis zu 19-Jährigen bei 38,6 Prozent, gegenüber 19,4 Prozent im Jahr 2020. 1951 waren 6,8 Prozent der Menschen 65 Jahre oder älter, im Jahr 2020 waren es 22,3 Prozent. Bis 2040 werden es laut Prognosen 28 Prozent sein. Dann, so Kotzamanis, wird der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter von 58,5 Prozent (2020) auf 54 Prozent zurückgegangen sein.

Alle europäischen Länder kämpfen mit niedrigen Geburtenziffern und einer alternden Bevölkerung, aber in den reicheren westeuropäischen Ländern haben sich die Bevölkerungszahlen im Allgemeinen dank Zuwanderung stabilisiert. Griechenland bildet hier eine Ausnahme. In den letzten Jahrzehnten hat es sich von einem klassischen Auswanderungsland zu einem Einwanderungsland entwickelt. Mittlerweile wandern wieder mehr Menschen ab (siehe Kasten unten). Etwa 1,36 Millionen der heute in Griechenland lebenden Menschen wurden im Ausland geboren. Die Zuwanderung trug dazu bei, dass die griechische Bevölkerung 2010 mit 11,1 Millionen ihren Höchststand erreichte, und hat ihren Rückgang verlangsamt. Zwischen 1991 und 2021 erwarben rund 450.000 Ausländerinnen und Ausländer die griechische Staatsbürgerschaft. Heute leben knapp 900.000 Personen ausländischer Herkunft in Griechenland.

Familiensache

In den meisten Gesellschaften sind Urbanisierung und Bildung die treibenden Faktoren dafür, dass Familien weniger Kinder haben. In der Vergangenheit galt dies auch für Griechenland, doch heute ist die konstant niedrige griechische Fertilitätsrate auch einigen besonderen Umständen zuzuschreiben.

In Griechenland spielt die Familie bei der Unterstützung der jüngeren Generation seit jeher eine sehr wichtige Rolle, doch die seit 2009 andauernde Wirtschaftskrise hat die diesbezüglichen Möglichkeiten im Vergleich zu früher stark eingeschränkt. Pensionen und hohe Pensionszulagen für Staatsbedienstete oder Beschäftigte staatseigener Unternehmen wurden drastisch gekürzt. In der Vergangenheit wurde dieses Geld zum Teil häufig an Kinder und Enkelkinder weitergegeben, um ihnen den Kauf eines Eigenheims und eine Heirat zu ermöglichen und sie bei der Familiengründung zu unterstützen. Jetzt, nach Jahren hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Lohnniveaus, haben die meisten jungen Menschen „nicht die Mittel, um eine Familie zu gründen“, erklärt Michalis Goudis, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Griechenland.

Infografik: Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Die Stiftung habe eine Studie unterstützt, aus der hervorging, dass mehr als 50 Prozent der Menschen in der Region Thessaloniki mit Wohnkosten „überlastet“ seien, da sie mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnen ausgeben.

Aus diesem Grund leben 88,5 Prozent der griechischen Männer im Alter von 16 bis 29 Jahren noch bei ihren Eltern. Innerhalb der EU ist dieser Prozentsatz nur in Kroatien höher, 71,6 Prozent sind es in der EU insgesamt. Zum Vergleich: In Schweden sind es 42,3 Prozent.

Die Ehe gilt bei der Familiengründung, wenn auch nicht mehr im selben Ausmaß wie zuvor, immer noch als sehr wichtig, aber um heiraten zu können, muss man einen Job und eine Wohnung haben, sagt Kotzamanis. Hat man keine oder eine schlecht bezahlte Arbeit, „lebt man weiter bei seinen Eltern“ und kann nicht heiraten.

Doch selbst wenn man heiratet, sind die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in Griechenland laut Eurostat-Daten aus dem Jahr 2016 EU-weit die größten: Nur 53 Prozent der Männer beteiligen sich an der täglichen Kinderbetreuung, und auch das drückt die Geburtenrate. Der EU-Durchschnitt liegt bei 69 Prozent.

Aufgrund dieser Faktoren waren laut Daten aus dem Jahr 2018 nur 49 Prozent der griechischen Frauen im Alter von 20 bis 64 Jahren erwerbstätig, so wenige wie sonst nirgendwo in der EU. Auch die Erwerbsbeteiligung der Männer war mit 70 Prozent die niedrigste in der Union, wenn auch gleichauf mit Kroatien. Diese niedrigen Zahlen bedeuten jedoch, dass Griechenland theoretisch viel mehr Spielraum hat, die Auswirkungen einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung und damit einer schrumpfenden Steuerbasis abzufedern, als Länder wie Schweden, wo 80 Prozent der Frauen und 84 Prozent der Männer im erwerbsfähigen Alter arbeiten. Dies wird jedoch schwierig zu erreichen sein – nicht zuletzt, wenn Frauen, die jetzt arbeitslos sind, nicht über die richtigen Qualifikationen verfügen, nicht dort leben, wo es Arbeitsplätze gibt, oder wenn das Gehalt nicht hoch genug ist, dass sich die Arbeit für sie lohnen würde, wenn also beispielsweise die Kinderbetreuungs- und Fahrtkosten ihr potenzielles Einkommen auffressen.

Exodus

Qualifikationen haben für gewöhnlich einen Einfluss auf die demografische Entwicklung. Bildung hat in Griechenland seit jeher einen hohen Stellenwert, was – unter anderem – zu einer Landflucht geführt hat, da junge Menschen für ihr Studium von zu Hause weggingen und anschließend qualifizierte Arbeitsplätze und Bürojobs suchten. „Wer studiert hat, will kein Hilfsarbeiter werden“, meint Goudis von der Heinrich-Böll-Stiftung.

Die seit 2009 andauernde Wirtschaftskrise hat diesen Trend noch verstärkt, da sich mehr junge Menschen für ein Studium entschieden bzw. dieses lieber verlängerten, als arbeitslos zu sein. Im Laufe der Jahrzehnte hat dies jedoch vor allem in Nordgriechenland zu einer massiven Landflucht geführt. Mittlerweile leben 5,5 Millionen Menschen, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, in und um die beiden größten Städte Athen und Thessaloniki. Die Folge ist, dass ältere Menschen in den oft strukturschwachen ländlichen Gebieten zurückbleiben, was wiederum immer mehr Menschen zur Abwanderung veranlasst.

Seit Jahren warnen Bevölkerungsexpertinnen und -experten die griechischen Regierungen vor der demografischen Katastrophe, die dem Land bevorsteht. Bislang wurde jedoch wenig unternommen. Schulen wurden kürzlich aufgefordert, länger offenzuhalten, und Mitsotakis sprach von verschiedenen steuerlichen Anreizen, um die Abwanderung von Fachkräften zu stoppen. Faktum sei jedoch, so Kotzamanis, dass die Studierenden seiner Fakultät nach ihrem Abschluss mit einem Monatsgehalt von 600 bis 700 Euro rechnen können, und das nicht unbedingt in ihrem gewählten Fachgebiet, während es vor fast 15 Jahren noch 1.200 Euro waren. Selbst wenn es also Jobs gibt, gehen viele ins Ausland.

Abschied aus Griechenland. Foto: Tim Judah

Am anderen Ende der Skala wollen auch viele Migrantinnen und Migranten – sowohl legale als auch illegale – nicht mehr die Jobs machen, die von den Griechinnen und Griechen abgelehnt werden, entweder weil sie schlecht bezahlt oder schlecht behandelt werden. „2017 habe ich über 12 Stunden täglich, von vier Uhr früh weg, in einer Bäckerei gearbeitet und verdiente 15 Euro pro Tag plus etwas Brot“, erzählt Erjalda Kucuku, eine Albanerin, die viele Jahre in Griechenland gelebt hat. In Italien arbeitet sie jetzt für 80 Euro vormittags in der Altenbetreuung.

Laut Umfragen stehen die Griechinnen und Griechen ihrer Zukunft pessimistisch gegenüber. Die einstmals große Mittelschicht des Landes, so Goudis, „befindet sich in einem Umbruch“, und ein großer Teil von ihr zählt nun zu den ärmeren Schichten der griechischen Gesellschaft.

Kleine und mittelständische Familienunternehmen gingen durch die jahrelange Krise, wie auch die Pandemie, zugrunde, und all dies führt dazu, dass immer mehr Griechinnen und Griechen ins Ausland gehen und immer weniger Kinder bekommen. Bis 2050 wird die Bevölkerung Griechenlands voraussichtlich 9,5 Millionen Menschen betragen, über eine Million weniger als heute und 14,64 Prozent weniger als zu ihrem Höchststand im Jahr 2010.

Eine Geschichte von Aus- und Zuwanderung

Beim Anblick der im Schatten des örtlichen Cafés sitzenden alten Männer mit ihren Komboloi fällt es leicht, sich ein Griechenland, wie es immer war, vorzustellen. Aus den griechischen Medien erfährt man, dass die Abstammung der Griechen von den Mykenern, die vor 3.500 Jahren große Teile des griechischen Festlandes beherrschten, mittels DNA-Analysen „bewiesen“ ist. Das mag stimmen, aber es sagt nichts über ihre komplexe und blutige Geschichte aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Griechenland praktisch eine monoethnische Nation. Davor war es über Jahrhunderte hinweg alles andere als das. Durch massive Völkerwanderungen, Krieg, Flucht und Völkermord änderte sich alles.

In den Gebieten, die heute zu Griechenland gehören, konvertierten infolge der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft viele Menschen, wie auch anderswo auf dem Balkan, zum Islam. Es gab auch türkische und albanische Volksgruppen, wobei letztere sowohl orthodox als auch muslimisch waren. In Thessaloniki bestand die größte Gruppe aus Ladino sprechenden Jüdinnen und Juden, deren Vorfahren von den Osmanen im Zuge der spanischen Inquisition von 1492 eingeladen worden waren, sich in der Stadt niederzulassen. Hier waren sie den Romanioten, der griechischsprachigen ethnisch jüdischen Gemeinde, die seit der Antike im Land gelebt hatte, zahlenmäßig überlegen. Teile Nordgriechenlands wurden auch von slawischen Stämmen besiedelt.

Mit der griechischen Revolution von 1821 begann sich die Bevölkerungsstruktur des modernen Griechenlands herauszubilden. Der darauffolgende Unabhängigkeitskrieg führte zu Massakern an der griechischen Bevölkerung durch osmanische und ägyptische, zur Niederschlagung der Griechen entsandte Truppen sowie an der muslimischen, türkischen und jüdischen Bevölkerung und an albanischen Muslimen durch die Griechen. Die Folge war eine massive ethnische Säuberung des Peloponnes, der weitgehend von Nicht-Hellenen befreit wurde.

Im Jahr 1913 lebten in Thessaloniki, das im Jahr zuvor aus der osmanischen Herrschaft zurückerobert worden war, offiziellen Aufzeichnungen zufolge 157.889 Menschen, von denen 39 Prozent jüdischer, 29 Prozent türkischer, 25 Prozent griechischer und vier Prozent bulgarischer Herkunft waren. Roma machten zwei Prozent aus, das restliche eine Prozent entfiel auf andere Ethnien. Zur „türkischen“ Volksgruppe wurden höchstwahrscheinlich alle Muslime gezählt, einschließlich muslimischer Albanerinnen und Albaner. Heute lebt im Großraum Thessaloniki rund eine Million Menschen. Die Urgroßeltern der meisten von ihnen waren aber noch in Kleinasien beheimatet.

Nach der Niederlage Griechenlands im Krieg gegen die Türkei unterzeichneten die beiden Länder 1923 eine Konvention in Lausanne. Dies führte zum Austausch der Mehrheit der griechisch-orthodoxen Christinnen und Christen in Anatolien, von denen die meisten, wenn auch nicht alle, Griechisch sprachen, gegen griechische Staatsangehörige muslimischen Glaubens, darunter auch welche, die Griechisch sprachen. Auf diese Weise kamen etwa 1,2 Millionen Menschen nach Griechenland bzw. durften, da viele von ihnen bereits geflohen waren, nicht mehr dorthin zurückkehren, während etwa 400.000 in die Türkei gingen. Der Konvention ging ein 1919 mit Bulgarien unterzeichnetes Abkommen voraus, infolgedessen es zu einem Austausch zwischen der griechischen und bulgarischen Bevölkerung gekommen war. Dabei handelte es sich aber um weitaus weniger Menschen, nicht zuletzt aufgrund der geringeren Anzahl der Betroffenen und der Tatsache, dass diese Umsiedlung nicht erzwungen war.

Im Zweiten Weltkrieg wurden beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung von Thessaloniki und die Romanioten ermordet. Tausende in Nordgriechenland ansässige muslimische Cham-Albanerinnen und -Albaner fielen der ethnischen Säuberung zum Opfer oder flohen nach Albanien. Im Zuge des griechischen Bürgerkriegs flüchteten etwa 100.000 Griechinnen und Griechen und slawische Mazedonierinnen und Mazedonier, wobei erstere später zurückkehren durften.

Mit Ausnahme der türkischen Bevölkerung in Westthrakien, die gemäß den Bestimmungen der Lausanner Konvention bleiben durfte, war Griechenland nach dem Krieg kein multikulturelles Land mehr, aber immer noch sehr arm. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg kam es daher zu einer Massenauswanderung in die USA und nach Australien, später nach Deutschland, Österreich und vor allem nach Skandinavien. Mit dem zunehmenden Wohlstand Griechenlands verlangsamte sich diese Entwicklung, und ab Mitte der 1970er-Jahre kehrten sogar viele Griechinnen und Griechen aus der Diaspora zurück.

Mit dem Ende des Kommunismus begann ein neues Kapitel in der demografischen Geschichte Griechenlands. Von einem Auswanderungsland wurde Griechenland plötzlich zu einem Land der Masseneinwanderung. Hunderttausende strömten nun ins Land, wobei die größte Gruppe aus Albanien kam, darunter auch Angehörige der ethnisch griechischen Gemeinschaft Albaniens. Auch aus der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere aus Georgien und dem Schwarzmeerraum, kamen Menschen ethnisch griechischer Herkunft – darunter einige, die sich fälschlicherweise als solche bezeichneten. Heute leben 1,36 Millionen im Ausland geborene Menschen in Griechenland, und im Jahr 2021 waren 921.485 ausländische Staatsangehörige (illegale Migrantinnen und Migranten nicht miteingerechnet) in Griechenland registriert.

Laut dem Demografieforscher Byron Kotzamanis von der Universität Thessalien in Volos ist die größte Gruppe der im Ausland geborenen Personen und ausländischen Staatsangehörigen albanischer Herkunft. Von diesen 700.000 besitzt mittlerweile etwa die Hälfte die griechische Staatsbürgerschaft, und ein großer Teil davon sind ethnische Griechinnen und Griechen aus Albanien – bzw. Menschen, die sich als solche deklarieren.

Mit der weltweiten Finanzkrise, die Griechenland ab 2009 durchlebte, wurde ein weiteres Kapitel aufgeschlagen. Die verheerenden Folgen für die griechische Wirtschaft führten zu einer erneuten Auswanderungswelle der griechischen Bevölkerung.

Im Jahr 2015 stand Griechenland an vorderster Front der Migrationskrise. Mehr als eine Million Menschen aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern zog durch Griechenland. Zählt man jedoch all jene hinzu, die zwischen 2011 und 2021 ins Land kamen, erhöht sich diese Zahl auf 1,7 Millionen. Wie viele bleiben, ist Kotzamanis zufolge schwer zu sagen, er schätzt, dass es etwa 200.000 sind.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 8. September 2022 auf Reportingdemocracy.org einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Tim Judah. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen bzw. am Beginn vermerkt. Titelbild: Illustration Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

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