Eine Notschlafstelle alleine reicht nicht.

Ehemals Geflüchtete führen im Zuge der SHADES TOURS durch ihre neue Heimatstadt Wien.

14.827 Geflüchtete übernachteten von Mitte September bis Dezember 2015 am Erste Campus, ehrenamtlich betreut von MitarbeiterInnen der Erste Bank und ERSTE Stiftung. Jetzt treffen sie einander im Zuge der SHADES TOURS wieder.

1.500 kg Bananen, 20.000 Flaschen Mineralwasser und mehr als 60.000 Hygieneartikel hat man hier an Geflüchtete ausgegeben, doch heute erinnert nichts mehr daran. Bücher reihen sich Rücken an Rücken in den hohen Regalen. Im Erdgeschoss des Gebäudes am Erste Campus ist mittlerweile die Stiftungs-Bibliothek eingezogen, hier ist der Alltag längst eingekehrt.

Die Ankommenden werden in der Notschlafstelle mit dem Nötigsten versorgt. Etwa 600.000 Geflüchtete passierten 2015 Österreich. Knapp 15.000 davon schliefen von September bis Dezember in der Notschlafstelle in der ERSTE Stiftung. Foto: © Dejan Petrović

Im Spätsommer und Herbst 2015 sind in kurzer Zeit sehr viele Menschen an den Wiener Bahnhöfen angekommen. Direkt neben dem Hauptbahnhof waren die Räumlichkeiten der ERSTE Stiftung noch nicht bezogen. Man musste den Rohbau im Erdgeschoß also nur adaptieren und eine gute Versorgung zur Verfügung stellen. „Da gab es keine Diskussion. Jedem hier war klar, dass wir das machen. Ich war überrascht, nein, eigentlich begeistert, wie schnell wir uns als Organisation darauf eingestellt und zusammengearbeitet haben“, meint Andreas Treichl, Chef der Erste Group rückblickend. Damals haben in diesen Räumlichkeiten bis zu 240 Menschen pro Nacht Unterkunft gefunden. Zahlreiche Erste Bank- und ERSTE StiftungsmitarbeiterInnen kümmerten sich in dieser Zeit um die Erstversorgung von knapp 15.000 am Hauptbahnhof angekommener Geflüchteter. Sie haben Schlafmöglichkeiten bereitgestellt, Hungrige und Frierende betreut und medizinische Beratung und Versorgung ermöglicht.

„Theoretisch über Flucht zu sprechen, das ist die eine Sache, die Türe aber aufzusperren und diese Menschen zu empfangen, ist eine ganz andere! Das ist schon ein emotionaler Moment.“

— Renate Tomaschek, Objektmanagement Erste Bank

Huhn, Fisch & Rind

Diese Lebensmittel wurden an fast 15.000 Geflüchtete während der drei Monate ausgeteilt:


30.000 Teebeutel – Bei einem durchschnittlichen Gewicht von 0,75g pro Teebeutel macht das 52,5 kg Tee, die aufgebrüht wurden. Weiters wurden 20.000 Flaschen Mineralwasser und 1.000 Liter Milch ausgegeben.

1.500 kg Brot – Bei den Grundnahrungsmitteln stand Brot an erster Stelle. Gefolgt von 600kg Käse und jeweils 200kg Gurken und Tomaten, die ausgegeben wurden.

375 kg Müsli- und Schokoriegel – Zucker und Zuckerhaltiges war begehrt, wohl weil es schnelle Energie bereitstellen kann. Zusätzlich zu den 15.000 Müsli- und Schokoriegel wurden 1.500kg Bananaen verteilt, umgerechnet entspricht das ca. 13.500 Stück, und 1.000kg Zucker konsumiert.


Huhn, Fisch & Rind: Um sprachlichen Missverständnissen vorzubeugen, wurden mitunter auch Bilder zur Hilfe gezogen. Foto: © Dejan Petrović

Begonnen hatte alles am 5. September 2015, als die ehemalige Erste-Bank-Filiale am Europaplatz beim Westbahnhof kurzerhand für 70 Schutzsuchende geöffnet wurde. Bereits eine Woche später wurde aufgrund des wachsenden Bedarfs nach einer weiteren Möglichkeit gesucht, auch in der Nähe des Hauptbahnhofs ein Quartier zu schaffen. Da boten sich die zukünftigen Räume der ERSTE Stiftung an, deren Adaption damals noch in der Planungsphase war und die somit leer standen.

„Ich hätte ja selbst nicht geglaubt, wozu wir in der Lage waren“, meint Renate Tomaschek vom Erste-Objektmanagement. Mit ihren KollegInnen Andrea Besenhofer, David Krieber, Gerhard Ruprecht (Vorstand Zweite Sparkasse), und Svegy Duman (Flüchtlingskoordination Erste Bank) hat sie kurzerhand die Initiative ergriffen und die damaligen Ereignisse maßgeblich gelenkt. Innerhalb von wenigen Stunden wurden 120 Stockbetten aufgebaut, Sanitäranlagen errichtet, die medizinische Versorgung vorbereitet und Lebensmittel, Decken und Kleidung herangekarrt. Die hunderte freiwilligen MitarbeiterInnen der Erste Bank, ERSTE Stiftung, des Arbeitersamariterbundes, der Johanniter und der Initiative Train of Hope haben dann für alles Weitere gesorgt.

„Theoretisch über Flucht zu sprechen, das ist die eine Sache, die Türe aber aufzusperren und diese Menschen zu empfangen, ist eine ganz andere! Das ist schon ein emotionaler Moment. Da wird man plötzlich mit individuellen Schicksalen konfrontiert“, erinnert sich Renate Tomaschek. Sie hat die Türen der Notschlafstelle täglich um 7 Uhr abends geöffnet. MitarbeiterInnen des „Train of Hope“ haben zuvor am Hauptbahnhof jeweils 240 Armbänder abgezählt, sie an die Ankommenden verteilt und diese anschließend zu den Räumen der ERSTE Stiftung geführt. Familien mit Kindern zuerst, dann alleinreisende Frauen und erst zum Schluss alleinreisende Männer. Wichtig war es die Familien keinesfalls zu trennen. Verschiedene Nationalitäten hingegen wurden meist separat untergebracht.

Zakarya, einer von 600.000 Geflüchteten, führt heute durch „sein“ Wien

2015 sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) über 800.000 Schutzsuchende über den See- und Landweg nach Europa gekommen. Etwa 600.000 davon passierten Österreich. Zwischen 90.000 und 95.000 Asylanträge sind damals in Österreich gestellt worden, allein in den Monaten September und Oktober über 20.800. Selten zuvor waren so viele Menschen auf der Flucht. Aber auch selten zuvor waren Mitgefühl und Solidarität gegenüber jenen Menschen, die nahezu alles verloren hatten, so groß.

Zakarya war einer von ihnen. Der großgewachsene Mann mit dunklem Bart sitzt heute in der Zentrale der SHADES TOURS und erzählt von seiner monatelangen Reise von Syrien über Griechenland bis nach Österreich. Von der Bootsüberquerung auf die Insel Lesbos, wie sie in Kleingruppen Flüsse und Sümpfe durchquert haben und sich immer wieder gegenseitig aufgemuntert haben. Aber auch von den Motiven für seinen Reiseantritt erzählt er: Er wollte den Militärdienst in seinem Land nicht antreten. Keine Menschen töten.

Er, der sich vor drei Jahren von Damaskus nach Wien aufgemacht hat, arbeitet jetzt für SHADES TOURS und führt Schulklassen und interessierte Einzelpersonen und Gruppen durch seine neue Heimatstadt. Das besondere an den Touren ist für ihn die direkte Begegnung. Jenen, die im Schatten von Krieg und Verfolgung stehen, ein Gesicht zu geben, den Menschen hinter der Zahl zu zeigen. Der thematische Bogen der von den Geflüchteten selbst durchgeführten Touren spannt sich von der Ankunft in Österreich, den ersten Eindrücken an den Bahnhöfen, bis zum Ankommen in der Gesellschaft. Denn „eine Notschlafstelle alleine reicht da nicht“ meint Zakarya.

Wien mit den Augen eines Geflüchteten sehen: Zakarya Ibrahem führt SchülerInnen im Rahmen der Shades Tours durch „sein“ Wien. Foto: © SHADES TOURS

Die speziell für diese thematischen Führungen entwickelte Route führt vom Hauptbahnhof Campus über das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, die Wohndrehscheibe der Volkshilfe und den Rochusmarkt, bis zum österreichischen Integrationsfonds und zum Bahnhof Wien Mitte. Dabei thematisieren Zakarya und drei Kollegen nicht nur ihre individuelle Fluchtgeschichte, sondern jene einer ganzen Generation. Sie erzählen von der Notschlafstelle am Erste Campus oder am Europaplatz und vermitteln Wissenswertes zu den Themen Flucht und Asyl sowie Wohnen, Arbeiten und Spracherwerb in Österreich. „Ich beginne meine Tour immer in der Nähe des Erste Campus“, meint Zakarya. Denn dort sind die Flüchtlinge angekommen und vom „Train of Hope“-Team zu den Erste-Bank-MitarbeiterInnen weitergeleitet worden. Dort hat für viele ein zweites Leben begonnen.

Perrine Schober, die Gründerin und Geschäftsführerin von SHADES TOURS, betreibt ihre Initiative schon seit 2015. Begonnen wurden die sozialpolitischen Stadtführungen mit obdachlosen Menschen, welche das Wiener Sozialsystem im Bereich Obdach- und Wohnungslosenhilfe erklären. „Seit aber in Folge der sogenannten Flüchtlingskrise eine neue Bedürfnislage entstanden ist, haben wir unser Angebot durch Touren zum Thema Flucht und Integration erweitert“, erzählt sie. SHADES TOURS versteht es als seine Aufgabe, ein Bewusstsein für und Begegnungen mit „Randgruppen“ zu schaffen, um Vorurteile abzubauen, über die Komplexität sozialpolitischer Themen aufzuklären und langfristig Wege für die (Re-) Integration von Betroffenen zu finden.

Aus anfangs 70 Betten wurden über 200 Schlafplätze. Von September 2015 bis März 2016 übernachteten im Übergansquartier Erste-Bank-Filiale-Europaplatz vorzugsweise Frauen und Familien für einen durchschnittlichen Zeitraum von 4-6 Wochen. Foto: © David Krieber

Was aber bleibt vom Herbst 2015?

Die Erste Group trägt als einer der wichtigsten Finanzdienstleister in Zentral- und Osteuropa nicht nur zum Wohlstand in Europa bei, sondern bekennt sich auch zu sozialer Verantwortung, die seit 1819 in einer gemeinwohlorientierten Wirtschaftskultur zum Ausdruck kommt. Andreas Treichl fügt hinzu: „Ich lass´ jetzt Gründungsgedanke und so beiseite, aber unser Umgang mit den Menschen auf der Flucht zeigt, welche Kraft in uns steckt.“ Deshalb ist der Eigentümer der Erste Group eine gemeinnützig tätige Stiftung. Und deshalb wurde im Anschluss an die Notschlafstelle ein Flüchtlingsfonds, dotiert mit einer halben Million Euro, ins Leben gerufen und so Integrationsprojekte auf Gemeindeebene ermöglicht.

Heute, drei Jahre später, treffen MitarbeiterInnen der Erste Bank und ERSTE Stiftung Zakarya und seine Kollegen im Zuge der SHADES TOURS wieder und schlagen gemeinsam die Brücke zu den damaligen Ereignissen.

Und wer will, kann sich eines der Stockbetten aus den Herbsttagen 2015 ansehen. Es befindet sich nun im Unternehmensarchiv, dort, wo die Erste Group ihr Gedächtnis und Vermächtnis verwaltet, gleich neben der Gründungsurkunde der Ersten österreichischen Spar-Casse.

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