Die Kettensägengangs

Raubbau an Albaniens alten Wäldern

Eine BIRN-Recherche zeigt auf: Der grassierende illegale Holzeinschlag in Albaniens größtem Nationalpark zerstört von der UNESCO geschützte Urwälder.

Der Fahrer legte den ersten Gang ein, während der Lastwagen sowjetischer Bauart über den in den Berghang gehauenen Weg rollte. Als der Wagen über einen großen Stein holperte, geriet er gefährlich nahe an den Abgrund. Weiter unten erstreckte sich ein Meer aus Wolken bis zum Horizont. „So Allah es will, werden wir es schaffen“, meinte der Fahrer. „Aber wenn Allah es so will, werden wir sterben.“ Sein Fatalismus war wenig ermutigend. Der Motor starb ab, ruckelte, sprang wieder an. Der Fahrer trat vorsichtig auf das Gaspedal, wich dem Abgrund aus und fuhr weiter die schlammigen Straße hinauf.

Es war ein ganz normaler Tag im Nationalpark Shebenik-Jabllanicë in Ostalbanien: Der Lkw war mit einer Fracht illegal geschlagenen Holzes unterwegs. Eine Recherche des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) zeigt auf, dass trotz eines kompletten Abholzungsverbots und der Aufnahme von Teilen des Parks in die Liste des UNESCO-Welterbes kriminelle Netzwerke seine Urwälder plündern, um den heimischen Brennholzmarkt zu versorgen.

Hoch und breit wachsen die Buchen in den Urwäldern des größten Nationalparks Albaniens, mehr als 2.000 Meter über dem Meeresspiegel, und werden so zu einem begehrten Raubgut in einem Land, das in den vergangenen 50 Jahren den Großteil seines Waldbestandes verloren hat. Von Schmiergeldzahlungen und gefälschten Bewilligungen bis hin zu mit Satellitenortungsgeräten ausgestatteten Lastwagenflotten: Die Recherche von BIRN deckt auf, wie weit die illegalen Holzfäller gehen, um die geschützten Zonen auszubeuten. Die Recherche wirft auch ein Licht auf eine Kultur der Straflosigkeit in einem EU-Beitrittsland, das Mühe hat, die Erhaltung der Natur mit rechtsstaatlichen Prinzipien zu untermauern.

Auf dem Spiel steht die Gesundheit eines Ökosystems, das als die Lunge Albaniens gilt. Die Bergwälder tragen zur Stabilisierung des regionalen Klimas bei, regulieren den Niederschlag und unterstützen die Luftzirkulation, meinen Umweltschützer. Im Grenzgebiet zu Mazedonien gelegen, ist der Park auch eine der letzten großen Wildnisse Südosteuropas. Doch mittlerweile heulen hier die Grauwölfe mit Motorsägen um die Wette. Neben den Buchenurwäldern gefährdet die Abholzung seltene Pflanzen und Tiere, wie die Albanische Lilie, Braunbär, Steinadler und eine gefährdete, auch „Tiger des Balkans“ genannte Luchsart.

„Der Shebenik-Jabllanicë-Nationalpark ist einer der schönsten Parks auf dem Balkan, im südöstlichen Teil ist es jedoch zu enormen Schäden gekommen“, erzählte Ahmet Mehmeti, Leiter der Umweltschutzorganisation Ecological Club von Elbasan, der auch mit Umweltvergehen befasste Staatsanwälte berät. „Die Verantwortlichen des illegalen Handels mit Brennholz verstoßen gegen das Gesetz und nutzen den Park, um Millionen in die eigene Tasche zu scheffeln.“

„Umweltmassaker“

2016 verhängte Albanien ein zehnjähriges Moratorium für jeglichen Holzeinschlag in seinen Wäldern und verbot die Exporte von Holz. Diesem Schritt gingen Jahrzehnte unkontrollierter Ausbeutung voraus, die die einst waldreichen Hänge des Landes kahl schlug und die Erosion beschleunigte. Bewilligungen für das Fällen von Bäumen können in bestimmten Regionen nach wie vor erteilt werden, um den Brennholzbedarf der lokalen Bevölkerung im Winter zu decken — Nationalparks sind davon jedoch ausdrücklich ausgenommen. Für die Schädigung von Schutzgebieten sieht das albanische Gesetz Freiheitsstrafen von bis zu acht Jahren vor.

Den aktuellsten Daten von Global Forest Watch zufolge, einer US-amerikanischen Plattform zur Überwachung des weltweiten Waldbestandes, waren 17 Prozent der Gesamtfläche Albaniens im Jahr 2010 mit Wald bedeckt. Zwischen 2001 und 2017 führte der Verlust der Waldflächen im Land laut Global Forest Watch zur Freisetzung von beinah drei Megatonnen Kohlendioxid. Ein großer Teil der noch vorhandenen Wälder liegt im Nationalpark Shebenik-Jabllanicë, der 70 Prozent der Artenvielfalt Albaniens beherbergt, so die albanische Umweltschutzorganisation Ecology Club. Der 340 Quadratkilometer große Park ist Teil des Grünen Bandes Europa, einem Verbund von für die Europäische Gemeinschaft ökologisch bedeutenden Zonen. Die alten Buchenwälder rund um die entlegene Ortschaft Rrajca im südöstlichen Winkel des Parks stehen seit 2017 unter UNESCO-Schutz.

Pelumb Gjini, der ehemalige Bürgermeister des Dorfes Stëblevë im Norden des Shebenik-Jabllanicë-Parks, unterstützte die Dorfältesten dabei, sich 2008 für die Schaffung des Nationalparks einzusetzen, nachdem Holzfäller dem Gebiet jahrelang „außerordentliche“ Schäden zugefügt hatten. „Paradoxerweise hat sich die Lage nicht verbessert und das Umweltmassaker geht weiter“, erzählte er BIRN. „Das mehrere Millionen US-Dollar schwere Geschäft verleitet dazu, den Ernst der Lage zu unterschätzen und sich nicht um eine geregelte Bewirtschaftung zu kümmern.“ Etwa 80 Prozent der lokalen Bevölkerung seien während der langen Wintermonate auf Brennholz zum Heizen angewiesen, fügte Gjini hinzu.

„Das mehrere Millionen US-Dollar schwere Geschäft verleitet dazu, den Ernst der Lage zu unterschätzen.“

— Pelumb Gjini, ehemaliger Bürgermeister von Stëblevë

Das Umweltministerium reagierte nicht auf Interviewanfragen oder schriftliche Fragen bezüglich des illegalen Holzeinschlags. Enver Shkurti, Direktor der für die Rechtsdurchsetzung im Park zuständigen Umweltaufsichtsbehörde des Qarks Elbasan, bestritt während eines Interviews in einem Café in Librazhd, der dem Park nächstgelegenen Stadt, dass es ein Problem gäbe. „Es stimmt nicht, dass im Park illegal Holz geschlagen wird“, so Shkurti, der zwischen 2015 und Anfang 2018 Vizebürgermeister von Librazhd war. „Unsere Behörde verfügt über keine Informationen bezüglich irgendwelcher illegalen Abholzungen im Park, obwohl das hier und da wohl vorkommt.“

Die Untersuchung von BIRN zeigte ein ganz anderes Bild. In einer verdeckten Recherche begleitete BIRN die Holzfäller einen Tag lang zu einem UNESCO-Schutzgebiet in der Nähe von Rrajca und sah Schneisen abgeholzter Buchenurwälder. Auf Hängen hoch über den Wolken lagen Stapel frisch geschlagenen Holzes bereit zum Abtransport. Der Lärm von Motorsägen durchbrach die stille Idylle. BIRNs Einblick in die Welt des illegalen Holzes begann an einem Sommermorgen in einem Straßencafé in Hotolisht, einige Kilometer außerhalb der südwestlichen Grenze des Parks Shebenik-Jabllanicë.

Fünf Fahrer, die für „Holzunternehmer“ arbeiteten, saßen dort, rauchten und tranken Kaffee. Ihrem Akzent nach stammten sie aus unterschiedlichen Teilen Albaniens. Die Nummerntafeln auf ihren in der Nähe geparkten Lastwagen verrieten, dass die Fahrzeuge in weit verstreuten Gemeinden zugelassen waren: Durrës, Fier, Korçë und Berat. Jeder Fahrer war für ein anderes „Unternehmen“ tätig. Ihr Job bestand darin, sich mit den Waldarbeitern in den Bergen von Shebenik-Jabllanicë abzusprechen und ihre Lastwagen mit Holz vollzuladen. Die Fahrer begannen darüber zu diskutieren, wer wohl das beste Holz aus den höchsten Lagen des Parks holen würde. Je besser das Holz, umso höher die Provision.

Auf dem Tisch vor ihnen lagen Papiere, die wie Dienstpläne aussahen: Darauf waren die Urlaubstage und Schichtdienste der hiesigen Polizei verzeichnet, was bei der Planung von Routen und der Umgehung von Patrouillen nützlich sein kann. Bald darauf betrat ein weiterer Mann das Café: der Dorfälteste aus einem der dutzenden, in der Nähe des Parks gelegenen Ortschaften. Die Gruppe begann darüber zu debattieren, bei wem der Mann mitfahren würde. Schließlich entschied dieser sich für einen Fahrer und alle stiegen in ihre Fahrzeuge und fuhren im Konvoi los. BIRN begleitete einen der anderen Fahrer, einen schroffen Mann Mitte 40. „Er hat sich das Fahrzeug und das Unternehmen jenes Fahrers ausgesucht, der ihm das meiste Schmiergeld zahlt,“ meinte der Fahrer, während er den Motor aufheulen ließ, und erklärte, dass man mit dem Dorfältesten an Bord weniger Probleme mit den Behörden oder Anrainern habe. Dieser würde auch die Stellen zuweisen, an denen gefällt werden soll, meinte er. Die Fahrer wissen dank farblich gekennzeichneter Steine oder Zweige an den Gabelungen der Forstwege, welche Routen sie im Park nehmen müssen. Jedes Unternehmen hat seine eigene Farbe. Je höher das Schmiergeld, desto ergiebiger die Stelle, an der geschlagen werden darf.

Waffen und Motorsägen

Während der Fahrt in den Park nahm der Fahrer Anrufe von seinen Chefs entgegen und jonglierte dabei mit drei Mobiltelefonen, jedes mit eigenem Zusatzakku. Er erzählte, dass sein Fahrzeug mit einem Satellitenortungsgerät ausgestattet sei, damit seine Arbeitgeber seine Route nachverfolgen können. An einer bestimmten Kreuzung trennten sich die Lkws. Der Fahrer erspähte die Farbe seiner Firma auf einem Baumstamm und rollte einen steilen Weg hinauf, der immer schlammiger und felsiger wurde. Während der nächsten 45 Minuten ging es zehn Meter vorwärts und fünf Meter rückwärts. Einmal musste er aussteigen und Stöcke und Steine unter ein Rad legen, um durch den Schlamm zu kommen.

Von Zeit zu Zeit tauchten Männer mit dunklen Sonnenbrillen aus dem Wald auf, um sicherzustellen, dass der Wagen auf dem richtigen Weg blieb. Ein im Schlamm parkender Bulldozer schien diesen freigeräumt zu haben. Ein kräftiger junger Mann hielt den Fahrer an und übergab ihm zwei oder drei Dokumente, bei denen es sich, wie der Fahrer erklärte, um Bewilligungen für das Fällen von Bäumen in Dardhe, etwa 30 Kilometer südlich des Parks, handelte. „Mit diesen Papieren bekomme ich keinen Ärger“, meinte der Fahrer. Als der Lastwagen endlich auf einem Bergkamm nahe der winzigen Ortschaft Rrajca-Skënderbej, mehr als 2.000 Meter über dem Meeresspiegel, sein Ziel erreichte, begannen zehn Arbeiter aus der Gegend, riesige Buchenstämme auf den Lkw zu laden. Andere waren mit Motorsägen damit beschäftigt, Bäume zu fällen. Ringsum türmten sich die Holzhaufen. Mehrere Männer mit Pistolen an ihren Gürteln überwachten das Treiben. Einer ließ seine Waffe um seinen Finger kreisen. „Es ist wegen der Tiere“, meinte er.

„Ich schäme mich für das, was wir tun, aber was soll ich sonst machen?“

— Ein Holzfäller, der anonym bleiben wollte.

Einer der Arbeiter, die Baumstämme zum Lastwagen schleppten, war ein Mann Mitte 20 aus einem nahegelegenen Dorf im Park. Außer Hörweite der bewaffneten Männer sagte er, seine einzige Hoffnung, seine Familie erhalten zu können, bestehe darin, diese beschwerliche Arbeit zu verrichten und manchmal bis spät in die Nacht Holz zu sägen und zu verladen. „Ich will den Wald nicht abholzen“, sagte er. „Ich schäme mich für das, was wir tun, aber was soll ich sonst machen?“ Wie alle in das illegale Holzgeschäft verwickelten Personen, mit denen BIRN sprach, wollte auch er nicht namentlich genannt werden.

Während der holprigen Fahrt zurück ins Tal klapperte das Holz gegen die Bordwände des überladenen Lkws. Der Fahrer telefonierte mit seinen Vorgesetzten, um sich über laufende Polizeipatrouillen zu informieren — um sicherzugehen, dass es zu keinen unerfreulichen Begegnungen käme. Die Ersuchen seitens BIRN um Stellungnahmen blieben von der hiesigen Polizei unbeantwortet und auch die Staatspolizei in Elbasan reagierte nicht auf Anfragen unter Berufung auf die Informationsfreiheit bezüglich der Bemühungen zur Durchsetzung der Holzeinschlagsverbotsgesetze.

Der Fahrer erzählte, dass er angesichts des Hungerlohns, den er für eine Fahrt bekäme, stets versuchen würde, mehr Holz mitzunehmen, als seine gefälschten Papiere erlaubten. Waren auf dem Dokument fünf Kubikmeter angegeben, so nahm er 15 mit. „Einfache Jungs wie ich stehen am Ende der Kette“, sagte er und erklärte, dass seine Chefs Geschäftsmänner mit Verbindungen zu „mächtigen Leuten“ seien, die das Abholzen ermöglichen. Die Hälfte des Geldes aus dem Verkauf von Brennholz gehe an die Chefs und ihre Arbeiter, meinte er. Der Rest fließt in Schmiergeldzahlungen an Regierungsbeamte.

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Die Hänge des Nationalparks Shebenik-Jabllanicë. Foto: © iStock / Gryf

Schmiergeld und Korruption

Für die EU-Delegation in Albanien, die ein Projekt zur nachhaltigen Bewirtschaftung geschützter Wälder finanziert, zählen Misswirtschaft und Korruption zu den Hürden, die dem Schutz der Waldflächen im Weg stehen. „Schutzgebiete sind durch illegale Rodung, die Zerstückelung von Lebensräumen und die Schädigung von Ökosystemen aufgrund schwacher Verwaltungskapazitäten, des Mangels an technischen Fähigkeiten, Unterfinanzierung und Korruption in der Verwaltung gefährdet“, berichtete die Delegation BIRN in einer per E-Mail versandten Erklärung.

Armando Braho, ein Umweltjurist von der Internationalen Universität Struga jenseits der Grenze in Mazedonien, meinte, es handle sich dabei „eher um ein politisches als rechtliches“ Problem. „Mit den Profiten sind hier politische Interessen verknüpft, weshalb all das erst möglich wird“, sagte er. Während der Großteil der Region Shebenik-Jabllanicë von der Stadt Librazhd verwaltet wird, liegt der südliche Teil des Parks — zu der auch die von der UNESCO geschützten Gebiete rund um Rrajca gehören — in der Gemeinde Përrenjas.

Erfahrungen aus Mazedonien

Der Nationalpark Shebenik-Jabllanicë liegt im Grenzgebiet zwischen Albanien und Mazedonien. Mit dem illegalen Holzeinschlag wird in diesen Ländern höchst unterschiedlich umgegangen, meinen Umweltschützer.
„In ihrer [mazedonischen] Kultur betrachten sie es als Schutz ihres Erbes“, erklärte der Umweltjurist Armando Braho von der Internationalen Universität Struga im Westen Mazedoniens. „Es gibt strenge Gesetze und Patrouillen rund um die Uhr. Das Personal ist gut geschult, und für die Umsetzung der Gesetze gibt es bei den Rangern ein Sondereinsatzgruppe.“
Albanien dagegen habe zwar „Gesetze, aber diese werden nicht umgesetzt“, meinte er.
„Es werden Bäume [in Mazedonien] gefällt, aber auch neue gepflanzt. Sie [die Albaner] haben eine Kultur der Zerstörung, dessen, was wir haben.“
Bajram Kullolli, ein langjähriger Ranger im Nationalpark Shebenik-Jabllanicë, meinte, dass die mazedonische Seite des Parks weitaus besser verwaltet werde.
„Die Mazedonier haben mehr Rechtskultur und kommunizieren besser“, sagte er. „Wir haben uns öfters mit ihnen ausgetauscht und kooperiert, und sie scheinen viel professioneller zu arbeiten, was Material und Organisation angeht. Es war uns ehrlich gesagt etwas peinlich, dass wir noch so viel von ihnen lernen können. Der Staat muss uns Ranger unterstützen und mit mehr Befugnissen ausstatten.“
Ahmet Mehmeti, Leiter des Ecological Club von Elbasan in Ostalbanien, meinte, dass Mazedonien mit der Pflege seiner Wälder ein Vermächtnis bewahren konnte, das auf jene Zeit zurückgeht, als das Land noch zu Jugoslawien gehörte. Heute kommen High-Tech-Methoden zum Einsatz.
„Die Mazedonier verfügen über die Fähigkeiten und die Technologie, den Wald zu schützen“, sagte er. „Sie haben die Technologie für GPS-Ortung und Kameraüberwachung entwickelt. Und das wird auch tatsächlich eingesetzt. Wir haben keine vergleichbaren Ressourcen.“
Xhek Nezha, Direktor der albanischen Verwaltung der Schutzgebiete in Elbasan, meinte: „Es gibt Bereiche, die verbesserungswürdig sind, aber wir haben Forstingenieure und anderes geschultes Fachpersonal.“
Im Umweltministerium Mazedoniens gibt es eine Abteilung Natur, die sich dem Schutz der Naturschätze des Landes widmet. Zu den Aufgaben der Abteilung zählt die Umsetzung von Plänen zur Sicherstellung der langfristigen Gesundheit der Schutzgebiete.
Den Verurteilungen für illegalen Holzeinschlag nach zu urteilen, nimmt Mazedonien auch die Durchsetzung der Gesetze ernster.
In den ersten sechs Monaten des Jahres 2015 verhängten mazedonische Gerichte laut italienischen Medienberichten 1.227 Urteile mit Strafen von insgesamt 1,7 Millionen Euro für illegalen Holzeinschlag. Im Vergleich dazu wurde von albanischen Gerichten zwischen 2015 und 2017 eine einzige Geldstrafe von 650 Euro verhängt, wie aus einer Recherche von BIRN aus dem Jahr 2017 hervorgeht.
BIRN erhielt keine Stellungnahme vom mazedonischen Umweltministerium oder den lokalen Behörden im Umkreis des Parks.

„Wir sind der Ansicht, dass der Staat nicht ausreichend reagiert hat, um den illegalen Holzeinschlag zu stoppen“, erklärte die Bürgermeisterin von Përrenjas Miranda Rira in einem Interview mit BIRN. „Das Moratorium von 2016 wurde nicht umgesetzt und die Bevölkerung hat keine Alternativen, um im Winter zu heizen, wodurch es sehr schwierig ist, den illegalen Holzeinschlag zu verhindern.“

Die Stadtverwaltung habe die Einwohner vergangenen Winter mit 3.260 Kubikmeter Brennholz aus anderen Bezugsquellen versorgt, aber angesichts einer Bevölkerungszahl von 25.000 – laut der Volkszählung aus dem Jahr 2011 – sei man damit nicht weit gekommen. „Sollte der Staat die Notwendigkeit eine Alternative zu finden, um die Menschen mit Heizmitteln zu versorgen, nicht ernst nehmen, wird unser Wald in nächster Zukunft seinen UNESCO-Status verlieren“, so Rira.

Die für die in Librazhd ansässige Verwaltung der Schutzgebiete in Elbasan (APA Librazhd) tätigen Ranger sind für die Parkaufsicht zuständig. Bajram Kullolli, der vor Kurzem nach 25 Jahren als Ranger stellvertretender Leiter der APA Librazhd wurde, sagte, die 15 Parkwächter seien überfordert und verfügten nicht über genügend Ressourcen. „Der Staat sollte … die Gehälter erhöhen, Sprit-Zuschüsse [für die Patrouillenfahrzeuge] gewähren und die personellen Ressourcen aufstocken“, erklärte er BIRN.

Die EU-Delegation in Albanien lobte APA Librazhd für die Anstrengungen zur Bekämpfung des illegalen Holzeinschlags, meinte aber, das Problem sei aufgrund der „begrenzten Kapazitäten“ der Verwaltung und des „Mangels an ernsthaftem Engagement seitens der Umweltaufsichtsbehörde“ nicht gebannt. Kullolli zufolge habe sein Büro unlängst vier bis fünf Fälle der Polizei und Staatsanwaltschaft übergeben, es sei jedoch zu keiner einzigen Verurteilung gekommen. Neben bürokratischen Verzögerungen wurden die Ermittlungen durch die technische Herausforderung erschwert, die Herkunft des Holzes, nachdem es getrocknet ist, nachzuweisen.

Anfragen an die Generalstaatsanwaltschaft in Elbasan bezüglich aktueller Daten über Verurteilungen blieben angesichts der Neuordnung regionaler Staatsanwaltschaften im Zuge einer Justizreform unbeantwortet, infolge derer weite Bereiche des albanischen Justizsystems in der Schwebe sind.

Eine BIRN-Untersuchung (in albanischer Sprache) aus dem Jahr 2017 zeigte jedoch, dass von 26 Fällen illegaler Abholzung, die im Laufe der vergangenen zwei Jahre an die Staatsanwaltschaft übermittelt wurden, 23 zu Anklagen führten, aber nur eine Person verurteilt wurde — ein Mann aus Rrajca, der für das unerlaubte Fällen von Bäumen eine Geldstrafe von 650 Euro zahlen musste.

„Die Tränen der Bäume“

Geschlagenes Holz aus dem Park gelangt laut Umweltschützern auf Brennholzmärkte im ganzen Land, wo es aufgrund seiner Dicke, Trockenheit und der ihm nachgesagten längeren Brennbarkeit in Holzöfen höhere Preise erzielt. Innerhalb eines Zeitraums von nur wenigen Stunden sah BIRN auf einem einzigen Streckenabschnitt zwischen den Städten Librazhd und Përrenjas im Qark Elbasan vier schwere, mit Holz für den Markt überfrachtete Lkws.

Brennholzhändler in den Städten Pogradec und Korçë im Südosten des Landes sowie in der Region rund um Librazhd wollten sich zur Herkunft ihres Holzes nicht äußern, der Manager eines Markts im Qark Elbasan, der anonym bleiben wollte, bestätigte jedoch, dass sein bestes Holz aus dem Shebenik-Jabllanicë-Park stamme.

Er erzählte, dass seine Lieferanten gefälschte Dokumente verwenden würden, die belegen, dass das Holz in Dardhë, einer Gemeinde außerhalb des Parks, in der zur Deckung des lokalen Brennholzbedarfs Abholzungsbewilligungen ausgestellt werden können, geerntet wurde.


Im Sommer verkaufe sich Holz, das wirklich aus Dardhë stammt, für etwa 24 Euro (3.000 Lek) pro Kubikmeter, während das hochwertigere Holz aus dem Park Shebenik-Jabllanicë 32 bis 35 Euro (4.000 bis 4.500 Lek) einbringe, meinte er. Im Winter steigt der Preis für das Holz aus dem Park auf bis zu 55 Euro (7.000 Lek).

Zu den Behauptungen befragt, dass die Ernte aus dem Park als Holz ausgegeben wird, das aus Gegenden stammt, in denen der Holzeinschlag erlaubt ist, meinte Shkurti von der Umweltaufsichtsbehörde in Elbasan: „Das stimmt überhaupt nicht. Diese Probleme gehören der Vergangenheit an.“ Er räumte jedoch ein, dass es einige Verwirrung bezüglich der Rechtmäßigkeit von Abholzungen außerhalb der Parks aufgrund von Konzessionen gegeben habe, die vor dem Moratorium von 2016 vergeben worden waren. „Manche Konzessionen wurden 2003 ausgestellt und sind bis 2022 gültig“, sagte er. „Das hat uns ein schlechtes Image verschafft. Aber diese Konzessionen liegen nicht in unserer Verantwortung.“

Mehmeti, Leiter des Ecological Club von Elbasan, dazu: „Konzessionen werden dazu missbraucht, um mehr Holz zu schlagen, als erlaubt ist, um in Regionen zu fällen, für die es keine Bewilligung gibt, und um Dokumente zu fälschen, die die angebliche Herkunft des Holzes aus anderen Regionen belegen sollen.“ Kastriot Gurra, der Bürgermeister von Librazhd, wurde in einem vor Kurzem ausgestrahlten TV-Interview (auf Albanisch) nach Schwachstellen bei der Umsetzung des Moratoriums gefragt. „Wir können Verträge nicht einfach außer Kraft setzen oder annullieren, weil diese 2012 vom Umweltministerium unterzeichnet wurden“, sagte er.

Braho von der Internationalen Universität Struga schloss aus, dass alte Konzessionen zu rechtlicher Verwirrung führen oder der Durchsetzung des Gesetzes im Wege stehen könnten. „Selbst wenn es einen Vertrag gibt [der vor dem Moratorium abgeschlossen wurde], kann die Regierung dafür eine Lösung finden“, erklärte er BIRN.

Einheimische Bauern rund um die Dörfer Stëblevë und Dragostunja — in verschiedenen Teilen des Parks — sagen, die Rodung des Waldes würde ihr Ackerland zerstören, da es zu Erosionen kommt. Kuh-, Schaf- und Ziegenhirten im felsigen Hochland berichten ebenfalls von einem Rückgang der Weideflächen.

Indes beklagen die Menschen rund um Rrajca den Verlust der Buchenurwälder, mit denen sich viele nahezu spirituell verbunden fühlen. „Ich bin mit diesen Bäumen aufgewachsen“, meinte ein 35-jähriger Händler, der aus Angst vor Repressalien der Holzfäller anonym bleiben wollte. „Ich habe meinen Namen in einen der Bäume geritzt und früher kam ich oft mit meiner Familie zum Campen in die Gegend. Als ich heute dorthin zurückkehrte, war der Baum weg. Sie haben ihn gefällt. Es ist, als hätten sie mich gefällt.“

Auf einer Lichtung nahe der Ortschaft Rrajca-Skënderbej, wo Waldarbeiter gerade mit dem Fällen der Bäume beschäftigt waren, ritt eine über 70-jährige Frau auf einem Esel heran, das Mittagessen für ihren Sohn, einem der Holzfäller, im Gepäck. „Sehen Sie das Harz dieses Stammes?“, fragte sie und zeigte auf den Stumpf einer riesigen Buche. „Wir nennen es die Tränen des Baumes, weil Bäume weinen, wenn man sie fällt.“

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 29. November 2018 auf Balkaninsight.com.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.


Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Arlis Alikaj, bearbeitet von Timothy Large. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Der Nationalpark Shebenik-Jabllanicë im Osten Albaniens ist die Heimat von Buchenurwäldern und seltenen Tieren wie dem Steinadler und dem bedrohten Balkanluchs. Foto: © iStock / Gryf

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung und den Open Society Foundations in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.

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