{"id":9719,"date":"2023-07-06T13:22:38","date_gmt":"2023-07-06T13:22:38","guid":{"rendered":"https:\/\/tippingpoint.net\/?p=9719"},"modified":"2023-07-26T07:33:12","modified_gmt":"2023-07-26T07:33:12","slug":"die-geburt-der-kultur-aus-dem-geist-der-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/die-geburt-der-kultur-aus-dem-geist-der-revolution\/","title":{"rendered":"Die Geburt der Kultur aus dem Geist der Revolution"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tDie Kyiv Biennial<\/strong> wurde inmitten der turbulenten politischen Ereignisse des Jahres 2015 vom Visual Culture Research Center (VCRC) ins Leben gerufen. Die Majdan-Revolution stie\u00df zwar wesentliche politische, gesellschaftliche und kulturelle Ver\u00e4nderungen in der Ukraine an, diese wurden jedoch von der russischen Besetzung der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbas \u00fcberschattet. <\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWir haben uns online mit Vasyl Cherepanyn, dem Leiter des VCRC<\/a>, \u00fcber die neuen Wege, die die Kyiv Biennial<\/a> seither beschritten hat, unterhalten. Wir sprachen \u00fcber Themen wie das Erbe und den Einfluss der Majdan-Revolution(en) auf den ukrainischen Kunst- und Kulturbetrieb, die Besonderheiten des Kunst- und Kulturschaffens in der Ukraine, die Zukunftsperspektiven des Kulturbereichs in Europa und die Frage, wie Osteuropa eine neue Subjektivit\u00e4t f\u00fcr sich gewinnen kann.\u00a0<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVasyl CherepanynVasyl Cherepanyn (Ukraine, 1980) ist Leiter des Visual Culture Research Center (VCRC), das er 2008 in Kyjiw als Kooperationsplattform f\u00fcr Wissenschaft, Kunst und Aktivismus mitbegr\u00fcndet hat. Er promovierte in Philosophie (\u00c4sthetik) und war Dozent an der Nationalen Universit\u00e4t Kiew-Mohyla-Akademie, der Europa-Universit\u00e4t Viadrina<\/a> Frankfurt (Oder), der Universit\u00e4t Helsinki, der Freien Universit\u00e4t<\/a> Berlin, der Merz Akademie<\/a> Stuttgart, der Universit\u00e4t Wien, dem Institut f\u00fcr H\u00f6here Studien der politischen Kritik Warschau und der Universit\u00e4t Greifswald. Au\u00dferdem war er 2016 Visiting Fellow am Institut f\u00fcr die Wissenschaften vom Menschen<\/a> in Wien. Cherepanyn ist Mitherausgeber des Guidebook of the Kyiv International<\/em> (Medusa Books, 2018) sowie \u201968 NOW<\/em><\/a> (Archive Books, 2019) und kuratierte unter anderem The European International<\/em> (Rijksakademie van beeldende kunsten, Amsterdam, 2018), Hybrid Peace<\/em><\/a> (Stroom, Den Haag, 2019) und Armed Democracy<\/em> (zweite Ausgabe der Biennale Warschau, 2022).<\/sup> ist Mitbegr\u00fcnder des VCRCDas VCRC organisiert die Biennale in Kyjiw (The School of Kyiv<\/a><\/em>, 2015; The Kyiv International<\/em>, 2017; The Kyiv International<\/em> –\u201968 NOW<\/em><\/a>, 2018; Black Cloud<\/em><\/a>, 2019; Allied<\/em><\/a>, 2021) und ist Gr\u00fcndungsmitglied der East Europe Biennial Alliance. 2015<\/a> erhielt das VCRC den European Cultural Foundation Princess Margriet Award for Culture 2015<\/a> der Europan Cultural Foundation und 2018 ein Arbeitsstipendium des Igor Zabel Award for Culture and Theory<\/a>.<\/sup>, das 2008 in Kyjiw als Kooperationsplattform f\u00fcr Wissenschaft, Kunst und Aktivismus ins Leben gerufen wurde. Seit 2015 organisiert das VCRC die Biennale in Kyjiw, ein internationales interdisziplin\u00e4res Kunst-, Wissens- und Politikforum, das Ausstellungen und Diskussionsplattformen umfasst. Die Kyiv Biennial ist Gr\u00fcndungsmitglied der East Europe Biennial Alliance<\/a>, zu der auch die Biennale Warschau, die Biennale Matter of Art Prag, die OFF-Biennale Budapest und das Survival Kit Festival Riga geh\u00f6ren.\u00a0<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVon au\u00dfen betrachtet f\u00e4llt es schwer, die komplexen Umst\u00e4nde zu erfassen, unter denen der ukrainische Kunst- und Kulturbereich derzeit zu arbeiten versucht. F\u00fcr ein besseres Verst\u00e4ndnis lohnt sich meiner Meinung nach ein Blick in die Vergangenheit und eine genauere Betrachtung der Richtung, die der Kultursektor und die Kyiv Biennial in den letzten Jahren eingeschlagen haben. Der Majdan scheint mir hierf\u00fcr ein geeigneter Ausgangspunkt. Was bedeutet er r\u00fcckblickend f\u00fcr Sie?\u00a0<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer Majdan ist tats\u00e4chlich in vielerlei Hinsicht ein wichtiger Ausgangspunkt. Auf diesem zentralen Platz der Unabh\u00e4ngigkeit fanden im Verlauf der Geschichte der Ukraine verschiedene Unruhen und Aufst\u00e4nde statt. Diesbez\u00fcglich hat der Majdan Tradition. Die Proteste im Jahr 2014 kann man wohl als die bislang letzte europ\u00e4ische Revolution bezeichnen. Neben ihrer Bedeutung f\u00fcr das Land selbst waren sie auch von gesamteurop\u00e4ischer Relevanz und Teil einer globalen Welle von Aufst\u00e4nden, die mit Occupy Wall Street in den USA begann und zu der auch der sogenannte Arabische Fr\u00fchling z\u00e4hlte. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm osteurop\u00e4ischen Kontext, wo Rechtspopulismus und verschiedene autorit\u00e4re Tendenzen die politische B\u00fchne beherrschten, war der Majdan ein einzigartiges Beispiel des Widerstands gegen all diese Entwicklungen. Ich w\u00fcrde sogar sagen, dass die ukrainische Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, auf dem Majdan ihren Anfang nahm. Er war insofern wichtig, als er eine Chance des Protests aufzeigte, die andere Proteste erst m\u00f6glich machte. So gesehen handelte es sich um einen Gr\u00fcndungsakt, der die Mobilisierung der Zivilgesellschaft und des sozialen Sektors als solchen erm\u00f6glichte. Nicht nur die Kyiv Biennial, sondern jede Art von kulturellem Engagement im gesellschaftlichen Kontext w\u00fcrde ohne den Majdan keinen Sinn ergeben. Der Majdan war auch richtungsweisend f\u00fcr das politische Leben, denn mit ihm begann eine neue Form des Umgangs der ukrainischen Gesellschaft mit dem Staat.\u00a0<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer Majdan ist als Gesamtkunstwerk zu verstehen. Er fungierte als eine Gesamtinstallation<\/em> von unterschiedlicher \u00e4sthetischer, politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Dimension, die im Laufe ihrer Entwicklung eine fortw\u00e4hrende Medialisierung erfuhr. Dar\u00fcber hinaus hat sich der Majdan vor allem als politisches Ph\u00e4nomen durchgesetzt, der die osteurop\u00e4ische Region etwas Entscheidendes gelehrt hat: Revolutionen funktionieren tats\u00e4chlich und machen den Staat besser.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVasyl Cherepanyn am Majdan. Foto: Diana Iwanowa
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\n\tDer Majdan hat die Menschen in der gesamten Ukraine erfasst und gezeigt, in welchem Ma\u00dfe ihre Bev\u00f6lkerung zur Selbstorganisation f\u00e4hig ist. Nach dem anf\u00e4nglichen Schock gelang es der ukrainischen Gesellschaft, sich am 24. Februar 2022 neu zu formieren und in einem unglaublichen Ausma\u00df Widerstand zu leisten. Das ganze Land ist zu einem kollektiven bewaffneten Majdan geworden, aber diesmal Seite an Seite mit dem Staat.\u00a0<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie erste Ausgabe der Kyiv Biennial<\/strong>, The School of Kyiv<\/em>, baute stark auf den Erfahrungen der Revolution auf und versuchte, anhand von R\u00fcckschl\u00fcssen aus der Majdan-Bewegung zu untersuchen, was die Ukraine und Europa voneinander lernen k\u00f6nnen. Als Sie die Biennale ins Leben riefen, was war das Verm\u00e4chtnis des Majdan, das Sie in Ihre Aktivit\u00e4ten einflie\u00dfen lassen wollten?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Kyiv Biennial basierte nicht nur im politischen, sondern auch im kulturellen Sinn auf der Idee der Platzbesetzung<\/em>. Wir wollten das auf dem Majdan erkl\u00e4rte Ziel weiterverfolgen: den \u00f6ffentlichen Kulturbereich in eine politische<\/em> Agora<\/em> verwandeln, auf der Kulturschaffende, K\u00fcnstlerinnen und Wissenschaftler ihre Ideen weiterentwickeln konnten. Zudem sollten Bedingungen geschaffen werden, die eine Einbindung der Initiativen und \u00f6ffentlichen politischen Stimmung, die auf dem Platz zu vernehmen waren, erm\u00f6glichen. In gewisser Weise war die Biennale eine Art Fortsetzung des Majdan im Kulturbereich, mit dem Ziel, seine Versprechen einzul\u00f6sen. Als ein \u00fcbergreifendes Projekt, das verschiedene k\u00fcnstlerische Initiativen und Diskussionsplattformen vereint, kann die Biennale als eine andere Form von Gesamtkunstwerk betrachtet werden. In der ersten Ausgabe wurde sie auf Kyjiw, die Stadt des Majdan, projiziert, um der Fortsetzung dieser Arbeit einen institutionellen Rahmen zu geben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAllied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko\u00a0\u00a0<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAllied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko\u00a0\u00a0<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWelchen Einfluss hatte der Majdan auf den ukrainischen Kunst- und Kulturbereich?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer Kulturbereich in der Ukraine wurde durch revolution\u00e4re Ereignisse wie die beiden Majdans in den Jahren 2004 und 2014 gepr\u00e4gt. Die Kunstszene, wie wir sie heute kennen, wurde aus dem Geist der Revolution geboren. Letztere hatte einen gro\u00dfen Einfluss darauf, wie K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler arbeiten, wie sie sich organisieren, welche Medien sie nutzen und mit welchen Themen sie sich befassen. Der Modus Operandi des Kulturbereichs resultierte aus der Erfahrung, auf dem Platz sowohl als Kunst- und Kulturschaffende als auch als B\u00fcrger Haltung zu zeigen. Ich denke, das ist wirklich einzigartig. Es gibt kaum ein anderes Land in Europa, in dem die Kultur so sehr mit der Art der politischen Umw\u00e4lzungen und Aufst\u00e4nde verflochten und von ihnen abh\u00e4ngig ist. Wenn man die zeitgen\u00f6ssische visuelle Kultur der Ukraine analysieren und verstehen will, muss man dies ber\u00fccksichtigen; dieser revolution\u00e4re Hintergrund<\/em> ist tats\u00e4chlich ein Ausgangspunkt. Die ukrainischen Kulturinstitutionen sowie die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler selbst haben viele Ans\u00e4tze entwickelt, die sich auch anderswo anwenden lassen, etwa Ausstellungsformate und -orte, Performativit\u00e4t, aktionistische Praktiken, utopisches Denken, Dokumentalit\u00e4t oder die Nutzung des \u00f6ffentlichen Raums. Die erste Ausgabe der Kyiv Biennial hie\u00df nicht zuf\u00e4llig The School of Kyiv<\/em>. Unser Ziel war es, einen Rahmen zu schaffen, von dem andere lernen k\u00f6nnen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAllied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko\u00a0\u00a0<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAllied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko\u00a0\u00a0<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tTransperiphery Movement – Global Eastern Europe and Global South<\/em>. Kuratiert von Eszter Szak\u00e1cs und Zolt\u00e1n Ginelli. Allied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko\u00a0<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIch denke, Sie haben einen wesentlichen Punkt angesprochen, als Sie den Einfluss von Revolutionen auf den Kunstbereich hervorhoben. Ich stimme auch zu, dass die Kunst in der Ukraine, anders als in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, tats\u00e4chlich in der Lage zu sein scheint, eine politische Wirkung zu entfalten. Ich habe mich jedoch gefragt, welche Rolle der Kontext dabei spielt. Meiner Erfahrung nach verliert diese wirklich einf\u00fchlsame und komplexe Bildsprache, mit der \u00c4ngste und soziopolitische Konflikte in der ukrainischen Gesellschaft k\u00fcnstlerisch verarbeitet werden, an Kraft, wenn die Werke anderswo ausgestellt werden.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIn gewisser Hinsicht ist das nat\u00fcrlich kontextabh\u00e4ngig. Ich denke jedoch, dass das Wesen der ukrainischen Kultur es einem erlaubt, au\u00dferhalb des eigenen Metiers t\u00e4tig zu werden. Im Westen hat man k\u00fcnstlerisch alle Freiheiten, solange man sich nicht in die Politik einmischt. In der Ukraine fungiert der Kunst- und Kulturbereich selbst als Agora. Gerade der Kulturbereich hat das Potenzial, gesellschaftlich relevante Themen zu diskutieren und ideologische Fragen oder gegens\u00e4tzliche politische Ansichten zu Themen wie Erinnerungspolitik<\/em>, die Haltung gegen\u00fcber der sowjetischen Vergangenheit oder die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu provozieren. Nicht selten sind es Kunst- und Kulturschaffende, die diese Diskussionen aufbringen und vorantreiben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWoran liegt das Ihrer Meinung nach?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm Unterschied zum Westen ist die Kultur hier nicht so sehr als eigenst\u00e4ndiger Bereich strukturiert. Das mag anarchistisch erscheinen, zeigt aber auch, dass sie erst im Begriff ist, sich institutionell<\/em> und<\/em> autonom<\/em> zu formieren. Aus diesem Grund geht man in der Kunst und Kultur in viele unerwartete Richtungen und schl\u00e4gt auch neue Wege ein. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer Kulturbereich in der Ukraine ist mit einigen Ausnahmen nicht von staatlicher Finanzierung abh\u00e4ngig und dadurch selbstreguliert<\/em>. Selbst wenn es einen gewissen Druck vonseiten des Staates gibt, kann er keine wirkliche Kontrolle aus\u00fcben. Das hat nat\u00fcrlich Vor- und Nachteile. In der Ukraine ist der Kulturbereich nicht institutionell gesch\u00fctzt, weshalb sich jeder von au\u00dfen einmischen oder ihm eine bestimmte Agenda aufzwingen kann. Dies erschwert auch den Kulturbetrieb als solchen, da man sich mittelfristig nicht auf nachhaltige Strukturen verlassen kann. Andererseits steht die Kultur aufgrund des Fehlens klar definierter Grenzen in st\u00e4ndigem Austausch und Wechselbeziehung mit anderen Bereichen der Gesellschaft. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“K\u00fcnstlerin bzw. Kulturschaffender in der Ukraine zu sein, ist nicht so sehr ein Beruf als vielmehr eine Mission<\/em>.”<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDadurch k\u00f6nnen Kunstwerke und Ausstellungen entstehen, die als direkte politische Statements funktionieren und Reaktionen von politischen Gruppierungen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Diese Politizit\u00e4t spielt im Kunstsystem im Westen keine so gro\u00dfe Rolle. Du kannst dort zwar tun, was dir beliebt, aber eigentlich schenkt dir niemand ernsthaft Beachtung. In vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern k\u00f6nnen die Medien oder der \u00f6ffentliche Diskurs politische Alternativen anbieten, vielleicht mit Ausnahme von Ungarn \u2013 leider. In der Ukraine ist diese Alternative die Kultur, und das hat meiner Meinung nach unweigerlich Auswirkungen auf die Art und Weise, wie \u00fcber Politik gedacht wird. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas kann gro\u00dfe Chancen er\u00f6ffnen, aber gleichzeitig k\u00f6nnte es auch zu viel Druck auf die Kunst- und Kulturschaffenden aus\u00fcben.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWestliche Kulturschaffende \u00fcben im Normalfall einfach ihren Beruf aus. Sie folgen vorgegebenen Abl\u00e4ufen und dem, was bereits f\u00fcr sie auf den Weg gebracht wurde. In der Ukraine gibt es, wie ich schon erw\u00e4hnte, keine klaren Richtungen. Man testet verschiedene Grenzen aus, was politische Ver\u00e4nderungen bewirken oder Reaktionen hervorrufen kann. Das bedeutet tats\u00e4chlich viel mehr Druck und Verantwortung. K\u00fcnstlerin bzw. Kulturschaffender in der Ukraine zu sein, ist nicht so sehr ein Beruf als vielmehr eine Mission<\/em>. Man hat eine gewisse politische Haltung und ist deshalb in diesem Bereich t\u00e4tig. Diese Menschen haben vielleicht keinen politischen Einfluss, aber ihre Mission besteht darin, etwas zu konzipieren und zu vermitteln, um eine ungerechte Situation zu korrigieren. Das erinnert mich an das Ph\u00e4nomen der osteurop\u00e4ischen Intelligenzija in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts.\u00a0<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tTransperiphery Movement – Global Eastern Europe and Global South<\/em>. Kuratiert von Eszter Szak\u00e1cs und Zolt\u00e1n Ginelli. Allied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko\u00a0<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tTransperiphery Movement – Global Eastern Europe and Global South<\/em>. Kuratiert von Eszter Szak\u00e1cs und Zolt\u00e1n Ginelli. Allied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko\u00a0<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDivided – Shared Solidarity – Political Mobilization and Visual Agency in Belarusian Protest Movement 2020-2021<\/em>. Vortrag von Almira Ousmanova. Allied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDivided – Shared Solidarity – Political Mobilization and Visual Agency in Belarusian Protest Movement 2020-2021<\/em>. Vortrag von Almira Ousmanova. Allied<\/em> – Kyiv Biennial 2021. Haus des Kinos, 16. Oktober – 14. November 2021. Foto: Oleksandr Kovalenko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSie haben den westlichen Institutionen bei der Unterst\u00fctzung der Ukraine im aktuellen Krieg eine z\u00f6gerliche Haltung vorgeworfen. Diese weigern sich, ihre Komfortzone zu verlassen, und haben sich, wie Sie schrieben<\/a>, <\/sup>\u201eeinfach auf einen White-Cube-Radikalismus und selbstzufriedene Humanit\u00e4t verlegt\u201c. Ich fand den Ausdruck \u201eWhite-Cube-Radikalismus\u201c sehr treffend, und meines Erachtens ist es genau dieses eingefahrene und zuweilen sehr b\u00fcrokratische System, das es der Kunst schwer machen kann, \u00fcber ihre Grenzen hinaus Wirkung zu erzielen.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tZun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich betonen, dass wir ohne die humanit\u00e4re Hilfe und die Solidarit\u00e4tsma\u00dfnahmen, die von verschiedenen Kultureinrichtungen in der EU und anderen L\u00e4ndern geleistet wurden, nicht \u00fcberleben w\u00fcrden. Wir sind sehr dankbar f\u00fcr diese \u00e4u\u00dferst wertvolle Unterst\u00fctzung. F\u00fcr mich bedeutet politisches Engagement nicht nur irgendeinen trendigen Radical-Chic-Diskurs, wie er in der Kunstszene weit verbreitet ist. In dem Artikel habe ich darauf hingewiesen, dass es ebenso notwendig ist, die Grenzen des Kulturbereichs zu \u00fcberschreiten und \u00fcber sie hinaus zu wachsen. Es spricht nichts gegen eine gewisse Radikalit\u00e4t auf Konferenzen oder in Ausstellungen, aber wenn man politische Ziele erreichen will, muss man die Komfortzone verlassen. Wenn man sich einfach an die institutionellen Grenzen h\u00e4lt und versucht, das zu bewahren, was innerhalb dieser Grenzen liegt, wird sich der Aktionsradius verkleinern. Das betrifft nicht nur die Ukraine. Es ist kein Zufall, dass in vielen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern wie Ungarn oder Polen Kultureinrichtungen vom rechten Lager eingenommen und Leute aus diesem Lager mit deren (k\u00fcnstlerischer) Leitung betraut werden. Wenn diese Welle des rechten Autoritarismus die Kultur erreicht, deutet das darauf hin, dass es bereits zu sp\u00e4t ist. Um die Freiheit zu bewahren, die Kultureinrichtungen in ihrem eigenen Bereich errungen haben, m\u00fcssen sie sich aus der Komfortzone herausbewegen und f\u00fcr die Sache k\u00e4mpfen. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“Wenn diese Welle des rechten Autoritarismus die Kultur erreicht, deutet das darauf hin, dass es bereits zu sp\u00e4t ist. Um die Freiheit zu bewahren, die Kultureinrichtungen in ihrem eigenen Bereich errungen haben, m\u00fcssen sie sich aus der Komfortzone herausbewegen und f\u00fcr die Sache k\u00e4mpfen.”<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIn den vergangenen Kriegsmonaten waren viele Institutionen dazu nicht bereit, auch wenn dies keine radikalen Ma\u00dfnahmen erfordern w\u00fcrde. Ich will das nicht \u00fcberbewerten, aber Kultur kann ein ziemlich m\u00e4chtiges Instrument sein. Man kann mit all den Mitteln, die einem zur Verf\u00fcgung stehen, politische Zeichen setzen, mehr Druck auf die \u00d6ffentlichkeit und die Beh\u00f6rden aus\u00fcben, mehr Ma\u00dfnahmen von der Regierung einfordern usw. Das bedeutet, dass man sich mit Politik nicht nur innerhalb des Kulturbereichs befassen muss, sondern als Kulturschaffende\/r auch au\u00dferhalb dieses Bereichs politisch t\u00e4tig werden kann. Leider ist diese Chance in Europa vertan worden. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDieser \u201eWhite-Cube-Radikalismus\u201c ist tats\u00e4chlich symptomatisch f\u00fcr die Art und Weise, wie der Kulturbereich in Europa institutionell funktioniert. Auf der einen Seite haben wir gro\u00dfe, schwerf\u00e4llige Institutionen, die sich scheuen, unabh\u00e4ngig zu arbeiten. Ihr Modus Operandi l\u00e4sst keine Alternative zu, sie folgen im Wesentlichen der Regierungslinie.  <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tOpen Call (For Opinions).<\/em> Theaterausstellung von Studio Laif (Tschechische Republik\/Slowakei). 17.-18. November 2019, Metaculture<\/em>, Kyjiw. Foto: Oleksandr Kovalenko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tOpen Call (For Opinions).<\/em> Theaterausstellung von Studio Laif (Tschechische Republik\/Slowakei). 17.-18. November 2019, Metaculture<\/em>, Kyjiw. Foto: Oleksandr Kovalenko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAuf der anderen Seite gibt es das, was ich horizontale Diktatur nenne. Ich meine damit institutionelle Kollektive und kuratorische Gruppen, die den Modus der partizipativen Demokratie proklamieren und praktizieren. Da jede Entscheidung kollektiv getroffen werden muss, wird endlos \u00fcber jedes Detail diskutiert. Am Ende des Tages ist alles offen, weil man sich nicht gemeinsam f\u00fcr etwas entscheiden konnte. Unabh\u00e4ngig davon, ob eine institutionelle Struktur zentralisiert und vertikal oder aber horizontal und partizipatorisch ist, ist sie also in jedem Fall f\u00fcr die politische Sache v\u00f6llig ungeeignet. Selbst unter Ber\u00fccksichtigung ihrer finanziellen Abh\u00e4ngigkeit oder ihrer Sorge, eine dem Regierungskurs widersprechende Meinung zu \u00e4u\u00dfern, finde ich das immer noch verbl\u00fcffend, da sie im Grunde nichts riskieren. Es stellt sich also die Frage: Wann w\u00fcrde eine Reaktion denn erfolgen? Im Osten haben wir vereinnahmte Kultureinrichtungen und im Westen solche, die in ihrer heilen kleinen Welt leben. F\u00fcr mich l\u00e4sst es nichts Gutes ahnen, dass der Kulturbereich in Europa nicht wirklich in der Lage ist, Vorschl\u00e4ge f\u00fcr politische oder gesellschaftliche Alternativen vorzulegen. Er untergr\u00e4bt seinen eigenen Modus Operandi und verliert an Einfluss. Die europ\u00e4ische Kultur gibt ihre politische Machtposition leider einfach auf.\u00a0<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tUm auf die Kyiv Biennial zur\u00fcckzukommen: Die zweite Ausgabe trug den Titel The Kyiv International<\/em> und konzentrierte sich auf die Idee einer politischen Internationalen und deren emanzipatorisches Potenzial. Wenn man sich die Geschichte der Biennale ansieht, l\u00e4sst sich beobachten, dass fortw\u00e4hrend versucht wurde, eine passende Sprache zu finden, um die Gegebenheiten und Erfahrungen in der Ukraine zu erkl\u00e4ren. Die verschiedenen Ausgaben spiegeln f\u00fcr mich auch die st\u00e4ndige Suche nach internationalen Partnern als potenzielle Verb\u00fcndete beim Aufbau einer solidarischen, alternativen Zukunft wider. Ich denke, es ist kein Zufall, dass Sie in Osteuropa f\u00fcndig wurden, was im Jahr 2018 zur Gr\u00fcndung der East Europe Biennial Alliance (EEBA) gef\u00fchrt hat. Glauben Sie, dass diese \u00dcbersetzung in Osteuropa besser funktioniert? Kann die gemeinsame Erfahrung der sowjetischen Vergangenheit helfen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tPers\u00f6nlich und politisch bin ich ein starker Bef\u00fcrworter des Internationalismus<\/em> im eigentlichen Sinn. Ich glaube nicht, dass Nationalstaaten auf sich allein gestellt globale Entwicklungen \u00fcberstehen bzw. re\u00fcssieren k\u00f6nnen. Dieser Illusion gab man sich im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert hin. Unter einem internationalistischen Dach k\u00f6nnen sich bessere Dinge entwickeln, und unter diesem Gesichtspunkt ist es ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass die Ukraine der EU beitreten will. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Kyiv International<\/em> war eine Art \u00dcbersetzungslabor<\/em>. Sie l\u00e4sst sich mittels der Idee einer unterschiedlichen, aber gemeinsamen Vergangenheit erkl\u00e4ren, die zeigt, dass durch Europa nach wie vor eine markante Trennlinie zwischen West und Ost verl\u00e4uft. Wir haben unsere Biennale-Allianz bewusst East Europe genannt und meinen damit den gesamten Osten Europas, nicht nur Osteuropa (das sich normalerweise scheu hinter dem Begriff \u201eMittel\u201c verbirgt), sondern auch den postsowjetischen Osten Europas sowie den sogenannten Nahen Osten, einschlie\u00dflich Zentralasien, des Balkans und Nordafrika \u2013 Gebiete, mit denen wir zu Zeiten des Kalten Krieges eng verbunden waren. Diese (Halb-)Peripherien <\/em>sind eine entscheidende Region Europas, in der um dessen Schicksal gek\u00e4mpft wurde \u2013 ein Schicksal, das im Moment im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Schlachtfeld entschieden wird. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDiese Idee einer unterschiedlichen,<\/em> aber gemeinsamen<\/em> Vergangenheit ist auch mit dem Kolonialismus und den Dekolonisierungsprozessen verkn\u00fcpft. Dekolonialit\u00e4t<\/em> ist heute ein Modetrend, und beinah jede kulturelle Institution in Europa setzt sich mit diesem Thema auf die eine oder andere Weise auseinander. In den westlichen Metropolen basiert der (De)kolonisierungsdiskurs im Wesentlichen auf der Pr\u00e4misse der Hautfarbe und der Geschichte gro\u00dfer Seenationen. Man ist jedoch permanent nicht in der Lage, den gegenw\u00e4rtigen Kolonialismus vor der eigenen Nase zu erkennen. Westliche Politik und Kulturtr\u00e4ger verm\u00f6gen es scheinbar nicht, das Vokabular und die Matrix der dekolonialistischen Analyse auf den Osten Europas anzuwenden. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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