{"id":9488,"date":"2023-03-22T18:14:19","date_gmt":"2023-03-22T18:14:19","guid":{"rendered":"https:\/\/tippingpoint.net\/?p=9488"},"modified":"2023-07-06T13:29:45","modified_gmt":"2023-07-06T13:29:45","slug":"die-ukraine-steuert-auf-einen-langwierigen-nichtfrieden-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/die-ukraine-steuert-auf-einen-langwierigen-nichtfrieden-zu\/","title":{"rendered":"“Die Ukraine steuert auf einen langwierigen Nichtfrieden zu!”"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tDie italienische Politologin ist der Ansicht, dass die USA daf\u00fcr sorgen werden, dass Russland den Krieg verliert \u2013 aber nur die EU k\u00f6nne daf\u00fcr sorgen, dass die Ukraine gewinnt<\/strong>.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Zukunft der Ukraine wird im Verbund mit der Europ\u00e4ischen Union stattfinden \u2013 das meint Nathalie Tocci, Direktorin des Istituto Affari Internazionali (IAI) in Rom. Gemeinsam mit Europa m\u00fcsse die Ukraine sicherstellen, dass Russland k\u00fcnftig keine neuerlichen Aggressionen unternehmen wird. Ein echter Friedensvertrag liege noch in weiter Ferne, es laufe alles auf einen “langwierigen Nichtfrieden” hinaus. Die italienische Politologin ist zurzeit auch Europe’s Futures<\/a> Fellow am Institut f\u00fcr die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVor etwas mehr als einem Jahr glaubten nur wenige in Europa wirklich an einen unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf die Ukraine. Die Warnungen von US-Au\u00dfenminister Antony Blinken wurden nicht ausreichend ernst genommen. Wie konnte das sein? Putins Angriff kam ja nicht aus heiterem Himmel …<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIch glaube, es gibt einen gro\u00dfen Unterschied zwischen den Geheimdiensten in den Vereinigten Staaten und in Europa. Es gab ein gro\u00dfes Versagen, aber vor allem auf der Seite von Kontinentaleuropa \u2013 Gro\u00dfbritannien stimmte eher mit den USA \u00fcberein. Aber insgesamt kannten die Nachrichtendienste die Situation dann doch sehr gut. Vor allem die USA wussten im Grunde, dass die Situation auf einen Krieg hinauslaufen w\u00fcrde \u2013 und die US-Diplomatie tat alles, was sie konnte, um ihn zu verhindern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Erwartung war, dass dies ein Krieg sein w\u00fcrde, der wie Georgien 2008 aussehen w\u00fcrde \u2013 aber auf Steroiden. Keine gro\u00dfangelegte Invasion \u2013 mehr vom Gleichen sozusagen, sogar wie 2014 auf der Halbinsel Krim und im Donbass. Aber dieses Mal mit dem zus\u00e4tzlichen Risiko eines \u00dcbergreifens in einen Konflikt gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00dfes. Es wurde erwartet, dass Putin die Kontaktlinien in Richtung Mariupol \u00fcberschreitet, und das h\u00e4tte dann einen gro\u00dfangelegten Krieg im Donbass ausl\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIch denke, es w\u00e4re unfair zu sagen, dass die Expertengemeinschaft nicht erwartet hat, dass etwas passieren w\u00fcrde. Es hat sich nur ganz anders entwickelt als die Kriege, die es in der Vergangenheit schon gegeben hat.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tHat damals irgendjemand geglaubt, dass die Ukraine ihr eigenes Land so stark verteidigen k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tNein, das erkl\u00e4rt auch die Verz\u00f6gerung der Waffenlieferungen an die Ukrainer. Wir in Europa haben einfach geglaubt, dass sie sowieso verlieren w\u00fcrden. Welchen Sinn h\u00e4tte es, ihnen Waffen zu geben, die einfach in russische H\u00e4nde fallen? Ein entscheidender Satz, ein sehr menschlicher Moment von gro\u00dfer psychologischer Bedeutung, wurde von Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj gleich nach Beginn der Invasion gesagt. Es ist wahrscheinlich einer der wichtigsten S\u00e4tze des 21. Jahrhunderts: “Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.” Was er damit meinte: Ich werde bei meinem Volk in der Ukraine bleiben, anstatt zu fliehen. Pl\u00f6tzlich stand die ganze Nation hinter ihm. Das war ein sehr fr\u00fcher Meilenstein.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tJa, das war beeindruckend …<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas war ein sehr starkes Element der kognitiven Psychologie. Davon abgesehen: Die ukrainische Armee hat bewiesen, dass sie eine viel bessere Logistik, eine bessere Kommandostruktur und einen besseren Umgang mit ihren Waffen hat. Und dann hat sie der Welt bewiesen, dass sie in der Lage ist, westliche Waffen sehr effektiv gegen die russischen Aggressoren einzusetzen. Dies f\u00fchrte zu einer Art fortschreitendem Vertrauen in ihre F\u00e4higkeit zu k\u00e4mpfen und den Krieg sogar zu gewinnen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWas die Nachrichtendienste betrifft, so hatten wir es hier mit einer interessanten Art von Widerspruch zu tun: eine fast unglaubliche Genauigkeit in Bezug auf das Wissen, was in der Anfangsphase des Krieges passieren w\u00fcrde, fast Minute f\u00fcr Minute. Andererseits haben die Nachrichtendienste bei der weiterf\u00fchrenden Einsch\u00e4tzung der ukrainischen und russischen milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten v\u00f6llig versagt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWir sind also alle auf dem falschen Fu\u00df erwischt worden? Wollen Sie damit sagen, dass nur die Ukrainer wussten, wozu sie f\u00e4hig sein w\u00fcrden? Oder nicht einmal sie?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tJa, vielleicht haben sie sich auch selbst \u00fcberrascht. Manchmal muss man sich selbst in einer Extremsituation wiederfinden, um solche Dinge zu erkennen. Man kann sich nicht auf solche Situationen vorbereiten; erst wenn man drin ist, wei\u00df man, wozu man f\u00e4hig ist.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSeit einigen Wochen spricht Kyjiw offen davon, diesen Krieg zu “gewinnen”. Ist das ein realistisches Szenario?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tJa, sie glauben fest daran. Ist es realistisch? Wir wissen, dass die Russen nicht in der Lage sein werden, viel mehr zu tun als das, was sie bereits tun \u2013 wenn man von der nuklearen Option absieht. Ich denke, wir wissen immer noch nicht, was die Ukrainer mit den Waffen, die wir ihnen jetzt schicken, ausrichten k\u00f6nnen. Vielleicht werden sie nur in der Lage sein, ein kleines St\u00fcck des S\u00fcdens zur\u00fcckzuerobern? Vielleicht werden sie in der Lage sein, bis zur Krim vorzudringen und sie zu befreien? Wenn man bedenkt, wie viele \u00dcberraschungen wir erlebt haben: Wir, die westlichen Verb\u00fcndeten, sollten ihnen eine Chance geben und sie tun lassen, was sie tun k\u00f6nnen. Es ist f\u00fcr uns alle vorrangig, daf\u00fcr zu sorgen, dass sich eine solche Invasion in Zukunft nicht wiederholt. Wenn Russland nicht besiegt wird, wird es es wieder und wieder versuchen \u2013 selbst nach so viel Tod und Zerst\u00f6rung. Die Ukrainer wollen sicherstellen, dass sich diese Option nicht wiederholen kann.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEin Ende dieses Krieges ist also nicht absehbar?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWir sollten uns immer vor Augen halten, dass die Kontrolle \u00fcber das Territorium wichtig ist; aber es ist nicht das einzige Kriterium, um zu definieren, was ein Sieg oder eine Niederlage ist. Einer der Momente auf der diesj\u00e4hrigen M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz, der mich sehr ber\u00fchrt hat, war, als der ukrainische Au\u00dfenminister Dmytro Kuleba gefragt wurde, wie er einen Sieg definieren w\u00fcrde. Er hat einfach geantwortet: Die Ukraine wird an dem Tag gewinnen, an dem der russische F\u00fchrer, wer auch immer er ist oder sein wird, nach Kyjiw kommt und vor dem Denkmal f\u00fcr die verstorbenen Soldaten, f\u00fcr die Opfer des Krieges niederkniet und um Vergebung bittet. Wir sollten immer die menschliche Dimension des Krieges im Auge behalten, nicht nur die milit\u00e4rischen oder territorialen Aspekte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Gedenkwand f\u00fcr die Gefallenen des Krieges in der Ukraine in Kyjiw. Foto: Sergei Chuzavkov \/ AFP \/ picturedesk.com<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIn einem k\u00fcrzlich erschienenen Artikel schrieben Sie: “Die USA werden daf\u00fcr sorgen, dass Russland den Krieg verliert \u2013 aber nur die Europ\u00e4ische Union kann daf\u00fcr sorgen, dass die Ukraine gewinnt.” Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEine Sache ist die milit\u00e4rische Niederlage Russlands, \u00fcber die wir bereits gesprochen haben. Nehmen wir einmal an, dass die Ukraine wirklich den gr\u00f6\u00dften Teil oder sogar ihr gesamtes Territorium befreit. Wir werden einen hypermilitarisierten Staat haben, ohne wirtschaftlichen Wiederaufbau und mit einer tief verwurzelten Unsicherheit, weil Russland nicht v\u00f6llig verschwinden wird. Hier m\u00fcssen wir die europ\u00e4ische Frage diskutieren, im Grunde geht es um die volle EU-Mitgliedschaft, vielleicht sogar um die Nato-Mitgliedschaft. Dieser Krieg wird beweisen, dass es in Europa keine Pufferstaaten mehr gibt, keine Grauzonen, in denen man nur ein bisschen demokratisch, aber gleichzeitig korrupt und zutiefst unsicher sein kann. Man steht entweder auf der einen oder auf der anderen Seite. F\u00fcr die Ukraine bedeutet das, auf der europ\u00e4ischen Seite zu stehen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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