{"id":9163,"date":"2023-02-07T13:07:11","date_gmt":"2023-02-07T13:07:11","guid":{"rendered":"https:\/\/tippingpoint.net\/?p=9163"},"modified":"2023-03-14T16:03:15","modified_gmt":"2023-03-14T16:03:15","slug":"erb-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/erb-gut\/","title":{"rendered":"Erb gut!"},"content":{"rendered":"
\n\tAm 25. Geburtstag soll jeder EU B\u00fcrger 120.000 Euro erben. So zumindest stellt sich der \u00d6konom Thomas Piketty in seinem Buch Kapital und Ideologie<\/em> den Weg in eine sozial gerechtere Welt vorhttps:\/\/www.brandeins.de\/magazine\/brand-eins-wirtschaftsmagazin\/2020\/neuer-generationenvertrag\/erbschaft-fuer-alle<\/a> (abgerufen am 23. J\u00e4nner 2023)<\/sup>. Finanzierbar w\u00e4re das Modell nach Berechnungen des Forschers durch h\u00f6here Verm\u00f6genssteuern f\u00fcr die Reichsten der Gesellschaften. Noch zu Lebzeiten. Doch die Realit\u00e4t sieht anders aus.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn Deutschland wird Erbe vergleichsweise gering besteuert, in \u00d6sterreich wurde die Erbschaftssteuer 2008 vollst\u00e4ndig abgeschafft. Beide L\u00e4nder sind in den vergangenen f\u00fcnfzig Jahren wirtschaftlich so stabil und so reich wie nie zuvor gewesen. Und in beiden L\u00e4ndern beobachten Wissenschaftlerinnen und Arbeiterinnenverb\u00e4nde den gleichen Mechanismus: \u201eNicht Leistung entscheidet \u00fcber Wohlstand, sondern das Gl\u00fcck der Geburt.\u201chttps:\/\/ooe.arbeiterkammer.at\/interessenvertretung\/verteilungsgerechtigkeit\/vermoegen\/Reichtum_wird_vererbt.html<\/a> (abgerufen am 23. J\u00e4nner 2023)<\/sup> In \u00d6sterreich wie in Deutschland sei laut einer Studie der Johannes Kepler Universit\u00e4t Linz zu beobachten: Wer viel erbt, zahlt wenig Steuern \u2013 wer wenig verdient und nicht erbt, zahlt anteilig h\u00f6here Steuern. In \u00d6sterreich verf\u00fcgt das reichste Prozent der privaten Haushalte laut dieser Studie mit 534 Milliarden Euro Netto-Verm\u00f6gen \u00fcber 40,5 Prozent des Gesamtverm\u00f6gens im Land. Die ungleichen Voraussetzungen werden von einer Generation zur n\u00e4chsten weitergegeben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eWer hat, dem wird gegeben\u201c, fasst die Soziologin Claudia Vogel in unserem Gespr\u00e4ch zusammen. Sie forscht am Deutschen Zentrum f\u00fcr Altersfragen (DZA) in Berlin zu Erbschaften und ihren Konsequenzen f\u00fcr soziale Ungleichheit. \u201eNur die oberen zehn Prozent haben \u00fcberhaupt Verm\u00f6gen, bei dem wir sagen w\u00fcrden, das ist Reichtum. Auch nur in diesen zehn Prozent hat man Chancen, \u00fcberhaupt zu erben\u201c, sagt sie. Die untere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung in Deutschland habe sehr wenig Besitz, da werde mal ein Fernseher oder eine kleinere Geldsumme vererbt. Im untersten Viertel seien die Menschen sogar so stark verschuldet, dass ihre Angeh\u00f6rigen nicht mit einem Erbe rechnen k\u00f6nnten oder dieses ausschlagen m\u00fcssten. Wer Schulden erbt, kann das Erbe in Deutschland wie in \u00d6sterreich binnen sechs Wochen ausschlagen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eNur die oberen zehn Prozent haben \u00fcberhaupt Verm\u00f6gen, bei dem wir sagen w\u00fcrden, das ist Reichtum. Auch nur in diesen zehn Prozent hat man Chancen, \u00fcberhaupt zu erben\u201c<\/p> \n\t\u2014 Claudia Vogel, Soziologin<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tStatt dass sich der Reichtum von einer Generation zur n\u00e4chsten auf immer mehr Menschen verteilt, verdichtet er sich, sodass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf geht. Erben sei deshalb seit jeher der Motor von Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften. Trotzdem hat sich \u00fcber die unterschiedlichen Generationen ver\u00e4ndert, wie und vor allem wann geerbt wird.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tKriegskinder \u2013 Erben als Altersvorsorge<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNach dem Zweiten Weltkrieg beginnt MariesName ge\u00e4ndert, ist der Redaktion aber bekannt.<\/sup> Gro\u00dfvater eine Handwerkslehre, auf der er sp\u00e4ter ein kleines Imperium aufbauen wird. Er wird Architekt, der erste in der Familie; entwirft die Sparkassen und Rath\u00e4user mittelgro\u00dfer St\u00e4dte in Bayern. Auch das Familienhaus, damals ein fast wertloses altes Bahnh\u00e4uschen, wird saniert. Das \u201eHocharbeiten\u201c war f\u00fcr viele M\u00e4nner der Generation der Kriegskinder eine Chance \u2013 das Wirtschaftswunder im R\u00fccken \u2013, um nachfolgenden Generationen ein besseres Leben zu sichern. Maries Gro\u00dfeltern bekommen f\u00fcnf Kinder, zwei S\u00f6hne, drei T\u00f6chter. Eine davon ist Maries Mutter. Der Opa arbeitet hart. Am Ende dieses Lebens voller Arbeit bleiben zw\u00f6lf Hektar Land, mehrere Immobilien, ein kleiner Forellenweiher und ein Erbe im Millionenbereich.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIllustration:\u00a0Elena Anna Rieser<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eErblasser\u201c nennt die Soziologin Claudia Vogel im Fachjargon jene Person, die mit dem Tod ein Erbe hinterl\u00e4sst. Wenn sie von Erbe spricht, meint sie Geld und den Wert von Immobilien. Entscheidend f\u00fcr die Verdichtung von Reichtum sei laut der Soziologin aber nicht unbedingt die H\u00f6he des Erbes, sondern dessen Verteilung. Bei zwei Eltern und zwei Kindern wird Erbe nicht wesentlich kleinteiliger. Hinzu k\u00e4me, dass Kinder von wohlhabenden Eltern auch schon zu Lebzeiten mehr eigenes Kapital anh\u00e4ufen als Kinder armer Eltern. Kinder reicher Eltern genie\u00dfen bessere Ausbildungen, verdienen mehr und investieren fr\u00fcher in weitere Immobilien. Wenn sie erben, sind sie also in der Regel bereits wohlhabend. \u201eAbsolute Ungleichheit\u201c nennt man das in der Soziologie.https:\/\/www.diw.de\/de\/diw_01.c.809874.de\/publikationen\/wochenberichte\/2021_05_2\/die_absolute_ungleichheit_steigt_durch_erbschaften_und_schenkungen__interview.html<\/a> (abgerufen am 23. J\u00e4nner 2023)<\/sup> Eine aktuelle Studie Vogels an der Hochschule Neubrandenburg belegt, dass die Geschlechtszugeh\u00f6rigkeit beim Erben innerhalb der letzten zwanzig Jahre keine Rolle mehr spielt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEntscheidend f\u00fcr die Verdichtung von Reichtum sei laut der Soziologin aber nicht unbedingt die H\u00f6he des Erbes, sondern dessen Verteilung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn Maries Familie ist dieser Paradigmenwechsel zum Zeitpunkt des ersten Erbes noch nicht angekommen. Der Opa habe immer alle Kinder gleich behandelt, sagt sie. Trotzdem sei es zum Streit zwischen den Br\u00fcdern und den Schwestern gekommen. Letztere gehen wesentlich leerer aus als die m\u00e4nnlichen Erben. Einer der Onkel \u00fcbernimmt das Architekturb\u00fcro. Wie durch ein Naturgesetz geht das Haus, in dem auch Marie aufgewachsen ist, in den Besitz ihres Cousins \u00fcber. Die Tanten werden nur gering ausgezahlt. Eigentlich seien die Geschwister sehr eng verbunden gewesen. Aber das Erbe habe diese Beziehung zerr\u00fcttet. \u201eDas Geld hat die Familie ein St\u00fcck weit kaputt gemacht\u201c, sagt Marie r\u00fcckblickend.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tBabyboomer \u2013 Erben und Abbezahlen<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie Generation der Babyboomer ist die erste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg, die von Krisen und Kriegen in Europa weitestgehend verschont bleibt: Sie werden ins Wirtschaftswunder geboren, erleben die nachfolgende Stabilit\u00e4t und sind, w\u00e4hrend die Wirtschaftskrise 2008 und die COVID-Pandemie nachfolgende Generationen belasten, im Idealfall bereits im Ruhestand. Die Verm\u00f6gen der Eltern k\u00f6nnen in dieser Generation gehalten und sogar angeh\u00e4uft werden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIllustration:\u00a0Elena Anna Rieser<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tZwischen 2002 und 2015 erbten sieben Prozent der Deutschen laut einer Studie der Soziologin Vogel ein Erbe. Aus dieser Studie ergibt sich ein Mittelwert von 31.000 Euro, den mindestens die H\u00e4lfte der Boomer-Erben bekommen haben m\u00fcsste. F\u00fcnf Prozent haben etwa 400.000 Euro oder mehr geerbt. Die Familie von Marie geh\u00f6rt damit zum oberen Teil der Erben in Deutschland. Zu den obersten 10.000, die so viel erben, dass sie Stiftungen gr\u00fcnden, z\u00e4hlt sie aber nicht. Die meisten Boomer erreicht dieses Erbe im Ruhestand oder kurz davor. 15 Prozent h\u00e4tten laut Vogel zu diesem Zeitpunkt ihre Immobilien noch nicht abbezahlt. \u201eDie Anzahl jener, die mit Schulden in den Ruhestand gehen, steigt\u201c, stellt die Forscherin fest. Ein wesentlicher Bruch ginge in Deutschland auch durch Ost und West. Im Osten sind die Generationen-Abst\u00e4nde viel kleiner, daf\u00fcr sei das Erbe aber auch viel geringer. Im ehemaligen Ostdeutschland hatten die Boomer dank Vergesellschaftungen und sp\u00e4ter Treuhand kaum die M\u00f6glichkeit, Reichtum \u00fcber Generationen hinweg anzuh\u00e4ufen. Eine durchschnittliche Erbschaft im Osten liegt bei 52.000, im Westen bei 92.000 Euro.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eDie Anzahl jener, die mit Schulden in den Ruhestand gehen, steigt.\u201c<\/p> \n\t\u2014 Claudia Vogel, Soziologin<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tMaries Mutter will keinen Reichtum. Sie lebt allein, brauche wenig, um zufrieden zu sein, sagt Marie: \u201eMeine Mutter hatte die Nase voll mit diesem Erbe.\u201c Sie gibt einen Anteil, knapp 100.000 Euro, noch zu Lebzeiten ihrer Tochter. Schenkungen bis zu 400.000 Euro an die leiblichen Kinder sind in Deutschland steuerfrei. Ein spezifisch deutsches Instrument, sagt Vogel, um Verm\u00f6gen noch zu Lebzeiten weiterzugeben und Steuern zu sparen. Schaut man sich den demografischen Wandel in Europa an, macht das durchaus Sinn: Die Menschen werden immer \u00e4lter. Millennials wie Marie erben viel sp\u00e4ter als die Generation ihrer Eltern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tMillennials \u2013 Schenkungen als Notnagel<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn ganz Europa haben Millennials laut einem Artikel im Handelsblatt<\/em> in den kommenden Jahren rund 2,6 Billionen Euro Erbe zu erwarten.https:\/\/veranstaltungen.handelsblatt.com\/bankengipfel\/das-grosse-erben-wer-unterstuetzt-die-millenium-generation\/<\/a> (abgerufen am 23. J\u00e4nner 2023)<\/sup> Die Zeitschrift prognostiziert: \u201eGanz klar m\u00fcssen Finanzdienstleister lernen, die Sprache der Millennials und Generation Z zu sprechen und ihre finanziellen Priorit\u00e4ten zu verstehen.\u201c Aber was sind diese Priorit\u00e4ten? Anders als ihre Eltern erleben die Millennials w\u00e4hrend ihrer beruflichen Laufbahn multiple Krisen: Die Finanzkrise 2008, die COVID-19-Pandemie und schlie\u00dflich aktuell den Krieg gegen die Ukraine. Immobilienpreise sind in die H\u00f6he geschossen, Festanstellungen sind nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich und klassische Karrieren nehmen ab. Die Millennials h\u00e4ufen weniger Kapital an als ihre Vorg\u00e4ngergeneration \u2013 umso wichtiger wird das Erbe. Die Millennials sind wie keine Generation davor auf die Unterst\u00fctzung von Eltern und Gro\u00dfeltern angewiesen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie Millennials h\u00e4ufen weniger Kapital an als ihre Vorg\u00e4ngergeneration \u2013 umso wichtiger wird das Erbe. Die Millennials sind wie keine Generation davor auf die Unterst\u00fctzung von Eltern und Gro\u00dfeltern angewiesen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tObwohl die \u00f6konomische Grundlage des Elternhauses nicht mehr so deterministisch ist wie fr\u00fcher, studieren noch immer viel weniger Kinder aus Nicht-Akademiker-Haushalten als andersherum. Wer im unteren Bereich der Erbschaften liegt und jetzt schon erbt, erbt meistens Schulden. Eltern, die fr\u00fch sterben, haben h\u00e4ufig ihre Immobilien oder Unternehmen noch nicht abbezahlt. Wer jetzt wie Marie schon erbt, ist ein Sonderfall. Die Erzieherin ist sich dessen bewusst: \u201eIch bin sehr froh, dass meine Mutter da einen neuen Weg geht und keine Bedingungen an das Erbe stellt.\u201c Marie ist Einzelkind und hat mittlerweile eine eigene Familie. \u201eAnfangs habe ich gesagt: Okay Mama, ich investiere in etwas, das uns dann geh\u00f6rt, ein Haus zum Beispiel\u201c, erinnert sie sich. Doch die Erinnerung an den Streit in der Familie, die Trauer um das alte Haus der Gro\u00dfeltern, all die schlechten Gef\u00fchle rund ums Erben bringen sie auf eine neue Idee: Zusammen mit ihrem Partner will Marie einen Zirkuswagen kaufen und ausbauen und in ein Wohnprojekt einsteigen. Den Wagen werden ihre Kinder vielleicht einmal erben. Aber vor allem werden sie flexibel sein, gewappnet in einer Zeit, die von Unsicherheit gepr\u00e4gt ist. \u201eWir wollen damit auch wegkommen von diesem starren Besitztum \u2013 das kann auch krank machen.\u201c Ihre Mutter unterst\u00fctzt diese Idee.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWas tun gegen die Ungleichheit?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn Deutschland starben 2021 rund eine Millionen Menschen. \u201eDie H\u00e4lfte davon hatte gar kein Verm\u00f6gen\u201c, sagt Soziologin Vogel, \u201evielleicht ein Auto oder einen Fernseher. Die paar tausend Euro auf dem Konto, die sie zur\u00fccklassen, reichen gerade, um die Beerdigung zu bezahlen.\u201c Gleichzeitig wurden im Jahr 2020 in der Bundesrepublik 50,2 Milliarden Euro vererbt und 34,2 Milliarden Euro verschenkt. Das ist mehr als doppelt so viel als noch vor zehn Jahren.https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2021\/08\/PD21_403_736.html<\/a> (abgerufen am 23. J\u00e4nner 2023)<\/sup> Vogel schlussfolgert daraus: \u201eEs ist wahnsinnig viel Verm\u00f6gen vorhanden, aber da es so ungleich verteilt ist, erben die allermeisten Menschen gar nichts oder nur sehr kleine Betr\u00e4ge.\u201c Seit 2012 hat sich die Verm\u00f6gensdifferenz verdreifacht.https:\/\/www.diw.de\/de\/diw_01.c.809832.de\/publikationen\/wochenberichte\/2021_05_1\/haelfte_aller_erbschaften_und_schenkungen_geht_an_die_reichsten_zehn_prozent_aller_beguenstigten.html<\/a> (abgerufen am 23. J\u00e4nner 2023)<\/sup> Das bedeutet: Wenige gro\u00dfe Erbschaften bei wenigen der Gesellschaft, deren Volumen von Generation zu Generation w\u00e4chst, und viele kleine Erbschaften, die kaum als Reichtum bezeichnet werden k\u00f6nnen, bei der Mehrheit der Erbenden. Die Studie der Johannes Kepler Universit\u00e4t Linz kommt f\u00fcr \u00d6sterreich zu demselben Schluss: \u201eErbschaften und Schenkungen liefern in \u00d6sterreich den h\u00f6chsten Beitrag zur Ungleichheit beim Bruttoverm\u00f6gen. Konkret lassen sich 38,4 Prozent der gemessenen Streuung von Verm\u00f6gen darauf zur\u00fcckf\u00fchren.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eEs ist wahnsinnig viel Verm\u00f6gen vorhanden, aber da es so ungleich verteilt ist, erben die allermeisten Menschen gar nichts oder nur sehr kleine Betr\u00e4ge.\u201c<\/p> \n\t\u2014 Claudia Vogel, Soziologin<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEin Prinzip, diese Ungleichheit aufzubrechen, sieht Soziologin Vogel in der Erbreihenfolge: \u201eDas Prinzip, in der Blutsfamilie steuerfrei vererben zu d\u00fcrfen, ist ein zutiefst archaisches.\u201c Sie fordert: Freibetr\u00e4ge auch in Patchwork- und Wahlfamilien hochschrauben und gleichzeitig sehr hohe Erbschaften ab 400.000 Euro st\u00e4rker besteuern. Auch in \u00d6sterreich, wo die Erbschaftssteuer komplett abgeschafft wurde, schl\u00e4gt die Arbeiterkammer ein \u00e4hnliches Modell vor: Ein Freibetrag von einer Million Euro w\u00fcrde nur vier bis f\u00fcnf Prozent der Haushalte in \u00d6sterreich treffen. Erst innerhalb dieser Gruppe verf\u00fcgt ein Haushalt im Schnitt \u00fcber ein Gro\u00dfverm\u00f6gen von mehr als einer Million Euro netto.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie Ideen, Erbe zu besteuern, sind mindestens so zahlreich wie ihre Gegner. Um nur ein paar zu nennen: Der Soziologe Jens Beckert schl\u00e4gt in seinem Buch Unverdientes Verm\u00f6gen vor, Erbe in die Einkommenssteuer zu \u00fcberf\u00fchren und wie Einkommen zu behandeln \u2013 mit einer Besteuerung von bis zu 45 Prozent. Der Soziologe Steffen Mau denkt dieses Modell noch weiter und fordert infolge einer h\u00f6heren Erbschaftssteuer die Aussch\u00fcttung eines \u201eSozialerbes\u201c an jene Menschen ab dem 18. Lebensjahr, die nicht erben.http:\/\/library.fes.de\/pdf-files\/wiso\/11658.pdf<\/a> (abgerufen am 23. J\u00e4nner 2023)<\/sup><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer Mythos, dass die Wirtschaft unter einer derartigen Besteuerung leide, wird einerseits durch europ\u00e4ische Beispiele wie Frankreich widerlegt. Andererseits wird sie durch die Simulation des \u00d6konomen Piketty auf die Probe gestellt. \u201eIn den Jahren von 1950 bis 1980 wurden hohe Einkommen, Verm\u00f6gen und Erbschaften so stark besteuert, dass die Ungleichheit zur\u00fcckging. Zugleich zog das Wachstum an. Es belastet die Wirtschaft also nicht, wenn die Reichen ihren Beitrag leisten m\u00fcssen.\u201c W\u00fcrde jeder B\u00fcrger schon zu Lebzeiten durch Steuern finanziert erben, w\u00fcrden au\u00dferdem Unternehmertum und Innovation vorangetrieben. Mehr Menschen h\u00e4tten die Chance, sich \u00f6konomisch zu verwirklichen und w\u00fcrden wiederum investieren. Und das k\u00e4me schlussendlich allen zugute.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tErstmals publiziert in der Ausgabe #02\/2022 (Juni) von\u00a0period.<\/a><\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Eva Hoffmann \/ period. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen bzw. am Beginn vermerkt. Titelbild: Illustration:\u00a0Elena Anna Rieser<\/a><\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" Erbschaften sind der Motor sozialer Ungleichheit. Werden die J\u00fcngeren das ver\u00e4ndern? 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