{"id":8438,"date":"2022-09-28T12:08:59","date_gmt":"2022-09-28T12:08:59","guid":{"rendered":"https:\/\/tippingpoint.net\/?p=8438"},"modified":"2023-03-22T10:22:51","modified_gmt":"2023-03-22T10:22:51","slug":"zugestandnisse-an-den-aggressor-waeren-naiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/zugestandnisse-an-den-aggressor-waeren-naiv\/","title":{"rendered":"“Zugest\u00e4ndnisse an den Aggressor w\u00e4ren naiv!”"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tAls 2014 bei den Euromaidan-Protesten in Kyjiw die Ann\u00e4herung an die EU verteidigt und die Putin-h\u00f6rige Regierung aus dem Amt gejagt wurde, war er vorne mit dabei: Vasyl Cherepanyn, Doktor der Philosophie, Kurator und Leiter des Visual Culture Research Center<\/a> \u2013 einer Einrichtung, die Br\u00fccken zwischen Kunst, Wissenschaft und Aktivismus baut. Auf Einladung des \u00f6sterreichischen Unterst\u00fctzungsnetzwerks Office Ukraine<\/a> und der ERSTE Stiftung konnte der 42-J\u00e4hrige nun mit einer Sondererlaubnis f\u00fcr drei Wochen das Land verlassen, um u. a. in Wien seine Sicht der Dinge zu schildern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWie ist sechs Monate nach dem Angriff auf Kyjiw die Atmosph\u00e4re in der Stadt?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEs ist schwer, die jetzige Situation mit jener im Februar zu vergleichen, als Kyjiw direkt angegriffen wurde. Da wurde die Stadt in eine Festung verwandelt. Alle Einwohner wurden auf einmal Teilnehmende in diesen Abwehrvorbereitungen. Kyjiw war der Hauptort der Maidan-Revolution, woran sich alle erinnerten. Wichtig war die Entscheidung der Regierung, in der Stadt zu bleiben. Das ganze Land ist dadurch zu einem Maidan geworden. Mittlerweile sind die Menschen gew\u00f6hnt an die permanente Bedrohung. Heute f\u00fchlt sich Kyjiw an wie ein ewiger Sonntagmorgen: halb leer, halb geschlossen, aber die ganze Infrastruktur funktioniert. Und man ist auch stolz, denn es war klar: Wenn Kyjiw \u00fcberlebt, dann kann auch das Land \u00fcberleben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVor der Attacke hatte Kyjiw eine lebendige, wachsende Kulturszene. In welcher Situation befindet die sich jetzt?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer Euromaidan und dann die russische Okkupation der Krim waren Erweckungsmomente f\u00fcr die ukrainische Kulturszene. Sie wurde dadurch sehr politisiert, Geschichtspolitik und Filmemachen wurden wichtiger, Kunst und Performance im \u00f6ffentlichen Raum boomten. Aktuell versuchen viele, das Kulturerbe vor Sch\u00e4den zu sch\u00fctzen oder Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Sie riskieren dabei ihr Leben. Der ukrainische Staat versteht nun auch endlich, dass Kultur ein zentrales Element ist, um sich als Nation selbst behaupten zu k\u00f6nnen. Die Kulturszene wiederum formiert sich jetzt in vielen neuen, unabh\u00e4ngigen Kollektiven, dadurch wird sie weniger anf\u00e4llig f\u00fcr Beeinflussung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEs gab Konzerte in der U-Bahn und Theater im Keller: Bietet Kultur den Menschen auch die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr ein paar Stunden dem Grauen zu entfliehen?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tKultur kann hier nicht therapieren, sie kann reflektieren, Fragen stellen, dokumentieren. Die Konzerte in der U-Bahn oder im Theater, die nun wieder spielen, bewirken gerade das Gegenteil von Eskapismus: Es geht nicht darum, der Realit\u00e4t zu entfliehen, es geht hier um Momente der Solidarisierung, es bringt Menschen enger zusammen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVasyl Cherepanyn (42) ist Kulturwissenschafter und Kurator. Er dozierte unter anderem an Universit\u00e4ten in der Ukraine, in Deutschland und \u00d6sterreich. Foto: Heribert Corn<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tViele K\u00fcnstlerinnen und Intellektuelle haben das Land verlassen. Wie gespalten ist die Kulturszene in der Frage, ob es geboten ist zu bleiben, um zu k\u00e4mpfen, oder das Wort aus dem Exil heraus zu erheben?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Antwort ist sehr einfach: Es gibt gar keine Spaltung. Ich habe nie einen Funken von Neid bemerkt oder Vorw\u00fcrfe, dass sich jemand entziehen w\u00fcrde. Es gibt in der Regel breites Verst\u00e4ndnis f\u00fcr alle, die das Land verlassen haben. Jeder macht das, was in seiner Macht steht. Es klingt pathetisch, aber jeder f\u00fchlt, dass er eine Mission hat. Die, die ausgereist sind, sind sehr aktiv, viele reisen hin und her. Dieser Austausch ist wichtig.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tHaben Sie selbst auch \u00fcberlegt, zur Waffe zu greifen, oder war das keine Option?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIch war selbst nie bei der Armee und habe noch nie eine Waffe gehalten. Jeder muss die Frage, ob er bereit ist, andere Menschen zu t\u00f6ten oder auch selbst zu sterben, f\u00fcr sich selbst beantworten. Ich bin es aktuell nicht. Aber ich kenne Menschen aus dem Kulturbetrieb, die zur Armee gegangen sind, einige meiner Freunde wurden get\u00f6tet, einige sind in Gefangenschaft, in Filtrationslagern \u2013 furchtbare, faschistische Methoden. Ich denke, jeder muss in dieser Situation die Rolle finden, in der er am effektivsten wirken kann. Bei mir ist das die Kultur- und Informationsarbeit im In- und Ausland. Ich will daran mitwirken, die Dekolonisierung der postsowjetischen L\u00e4nder von Russland voranzubringen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas russische Machtstreben ist ein Kolonialprojekt?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tJa. Im Westen haben beim Thema Dekolonisierung alle nur den Globalen S\u00fcden vor Augen. Dieselben Standards m\u00fcssten aber im postsowjetischen Raum auch angewandt werden. Es ist versteckter Kolonialismus, der hier passiert. Dieser ist nur nicht so sichtbar, weil es dabei nicht um Hautfarbe geht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEs gab eine hitzige Debatte dar\u00fcber, ob man russische Kultur boykottieren sollte. Wie denken Sie dar\u00fcber?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas ist ein komplexes Thema. Wir haben selbst zum Boykott von russischen Kulturinstitutionen aufgerufen. Warum? Weil man nicht mit Institutionen zusammenarbeiten kann, die den Krieg nicht einmal beim Namen nennen k\u00f6nnen, und zwar noch bevor Russland das per Gesetz verboten hat. Auf der individuellen Ebene gibt es nat\u00fcrlich viele, die ins Exil geflohen sind, da darf man keine Kollektivschuld ausrufen. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“Die Deutschen haben gelernt, dass dieser Weg in den Faschismus f\u00fchrt, die Russen m\u00fcssen es erst lernen.”<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAber man muss auch sagen: Dieser Angriffskrieg ist nicht von heute auf morgen passiert, dieser Prozess l\u00e4uft seit vielen Jahren. Wo waren die russischen Kulturinstitutionen in all dieser Zeit? Sie haben munter profitiert und alles akzeptiert, was bis dahin geschah: von der Einschr\u00e4nkung der Presse- und Demonstrationsfreiheit bis hin zur Ermordung Oppositioneller. Die Deutschen haben gelernt, dass dieser Weg in den Faschismus f\u00fchrt, die Russen m\u00fcssen es erst lernen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm Westen wurde kritisiert, dass der Boykott mitunter auf das gesamte russische Kulturerbe ausgeweitet wurde, auf Tschaikowski oder Puschkin. Ist es richtig, Uni-Seminare zu russischer Literatur abzusagen?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Regel w\u00e4re einfach: Folgt euren eigenen Standards! Der Westen und allen voran nat\u00fcrlich Russland selbst m\u00fcssten endlich damit beginnen, das russische Kulturerbe auf seinen kolonialistischen Gehalt hin zu pr\u00fcfen. Man sollte in den Seminaren also vielleicht danach fragen, wie Polen, Belarussen oder Ukrainer auf Puschkin blicken. Fragt die Kolonisierten, nicht die Kolonisierer!<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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