{"id":8111,"date":"2022-06-22T14:33:00","date_gmt":"2022-06-22T14:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/tippingpoint.net\/?p=8111"},"modified":"2022-06-07T15:02:31","modified_gmt":"2022-06-07T15:02:31","slug":"balkan-als-bewaehrungsprobe-fuer-geopolitisches-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/balkan-als-bewaehrungsprobe-fuer-geopolitisches-europa\/","title":{"rendered":"Balkan als Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr geopolitisches Europa"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tIm Jahr 2006 verk\u00fcndete der damalige EU-Chefdiplomat Javier Solana, dass es die Aufgabe Europas sei, \u201eeine globale Macht, eine Kraft f\u00fcr das Gute in der Welt\u201c zu werden. Nur zwei Jahre vor der Wirtschaftskrise versprach die EU durch die rosarote Brille, in ihrer Nachbarschaft einen \u201eKreis befreundeter Staaten\u201c aufzubauen. Mittlerweile ist dieser Optimismus weitgehend verflogen: Angesichts der immer noch andauernden Covid-19-Pandemie, einer im \u201eFeuerring\u201c jenseits der EU-Grenzen drohenden Migrationskrise und des weltweit zunehmenden Autoritarismus blicken die meisten Europ\u00e4erinnen mit Sorge auf das internationale Geschehen.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tUngeachtet dieser d\u00fcsteren Realit\u00e4t ist das Ziel der EU das gleiche wie vor 15 Jahren. Wie auch ihre Vorg\u00e4ngerinnen erhebt die derzeitige EU-Kommission unter Pr\u00e4sidentin von der Leyen den Anspruch, eine \u201egeopolitische\u201c zu sein, indem sie die Interessen und Werte der EU auf die Welt projiziert. Der entscheidende Unterschied besteht heute jedoch darin, dass die Europ\u00e4er:innen insbesondere durch die Trump-Pr\u00e4sidentschaft erkannt haben, dass die bedingungslose Abh\u00e4ngigkeit von den Vereinigten Staaten ausgedient hat. Daher versucht die EU, ihren Platz als echter Global Player zu behaupten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Geschichte zeigt uns, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Vor zweihundert Jahren, am 2. Dezember 1823, lie\u00df US-Pr\u00e4sident James Monroe in seiner Rede vor dem Kongress die ganze Welt wissen, dass \u201edie amerikanischen Kontinente \u2026 fortan nicht mehr als Objekt zuk\u00fcnftiger Kolonisierung durch europ\u00e4ische M\u00e4chte\u201c anzusehen sind. Die Monroe-Doktrin erkl\u00e4rte den amerikanischen Doppelkontinent f\u00fcr Gro\u00dfbritannien, Frankreich oder andere Au\u00dfenm\u00e4chte zum Tabu. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 versucht Russland mit wechselndem Erfolg, seinen Einfluss auf das, was es \u201edas nahe Ausland\u201c nennt, geltend zu machen und den Westen auf Distanz zu halten. China verfolgt in Teilen Asiens \u00e4hnliche Ziele. Ein fl\u00fcchtiger Blick in die Geschichte lehrt uns, dass es bislang keiner Gro\u00dfmacht gelungen ist, sich auf globaler Ebene zu behaupten, ohne zuvor ihre Macht in der Peripherie zu festigen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSeit Jahren verfolgt die EU eine auf dieses Ziel ausgerichtete Politik: die Erweiterung. Von sechs Mitgliedern in den 1950er-Jahren ist die Union auf 27 angewachsen \u2013 ein Beweis f\u00fcr ihre Anziehungskraft. Doch im Gegensatz zu anderen Gro\u00dfm\u00e4chten verkn\u00fcpft die Strategie der EU Geopolitik mit transformativen Bestrebungen. Die Verankerung der demokratischen Wende in S\u00fcd- und sp\u00e4ter in Osteuropa entsprach dem strategischen Ziel der Vereinigung des Kontinents. F\u00fcr die politischen Eliten und die Gesellschaft im Allgemeinen bedeutete die \u201eEurop\u00e4isierung\u201c, sprich der EU-Beitritt, einen sicheren Weg vom Autoritarismus (ob rechts oder kommunistisch) zu einer liberalen Demokratie.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Nicht-Erweiterung funktioniert nicht<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tHeute befindet sich die Erweiterungspolitik jedoch in einer tiefen Krise. Das Engagement der EU in der westlichen Balkanregion bleibt ein Lippenbekenntnis. W\u00e4hrend die Beitrittsverhandlungen in der Vergangenheit zwischen zwei und acht Jahren dauerten, verlaufen die Gespr\u00e4che mit den \u201eSpitzenkandidaten\u201c Montenegro und Serbien in einem entt\u00e4uschend langsamen Tempo. In Podgorica wird seit mehr als acht Jahren, in Belgrad seit sechs Jahren verhandelt. Andere Anw\u00e4rter wie Nordmazedonien und Albanien haben M\u00fche, den Prozess \u00fcberhaupt zu initiieren, w\u00e4hrend Bosnien-Herzegowina und der Kosovo hoffnungslos hinterherhinken. Kosovo ist der einzige Balkanstaat, dessen B\u00fcrger:innen f\u00fcr die Einreise in die EU nach wie vor ein Visum ben\u00f6tigen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDoch nicht nur das Tempo der EU-Erweiterung, auch ihr Inhalt gestaltet sich problematisch. Angesichts der illiberalen Wende in Ungarn und Polen, den Top-Performern der Erweiterung von 2004, fragen sich Politiker:innen in den EU-L\u00e4ndern, ob eine Aufnahme der Halbdemokratien des Balkan klug sei. F\u00fcr Staatsoberh\u00e4upter wie den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron hat die interne Konsolidierung der EU Vorrang vor der Erweiterung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDiese passive Haltung gibt anderen Mitgliedstaaten die M\u00f6glichkeit, das Thema Erweiterung in Beschlag zu nehmen. Bulgarien sah sich selbst von Deutschland, das die Erweiterung bef\u00fcrwortet, nicht ausreichend unter Druck gesetzt, sein Veto gegen die Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien im Dezember 2020 fallen zu lassen. Das liegt daran, dass die EU der Meinung ist, sie habe Wichtigeres zu tun: der neue Haushalt und der Streit mit Warschau und Budapest \u00fcber die daran gekn\u00fcpften Bedingungen, die geopolitischen Herausforderungen durch die T\u00fcrkei, Russland und China oder die Einigung auf eine gemeinsame Migrationspolitik. Das sind nur einige Beispiele; die Liste der Priorit\u00e4ten, die Vorrang vor der Erweiterung um die westlichen Balkanstaaten haben, geht weit dar\u00fcber hinaus.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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