{"id":7758,"date":"2022-05-31T13:41:00","date_gmt":"2022-05-31T13:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/tippingpoint.net\/?p=7758"},"modified":"2022-06-08T10:03:08","modified_gmt":"2022-06-08T10:03:08","slug":"zwischen-vr-und-wg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/zwischen-vr-und-wg\/","title":{"rendered":"Zwischen VR und WG"},"content":{"rendered":"
\n\tW\u00e4hrend der COVID-19-Pandemie wurden die Probleme im Pflegebereich verst\u00e4rkt sichtbar: ein akuter Fachkr\u00e4ftemangel und die Belastung des Personals stellen die Branche vor gro\u00dfe Herausforderungen. Unsere Autorin hat sich angesehen, an welchen Ideen und Konzepten f\u00fcr eine zukunftsf\u00e4hige Pflege gearbeitet wird und was es f\u00fcr eine Entlastung und faire Entlohnung der Pflegekr\u00e4fte braucht.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eEigentlich ist das respektlos gegen\u00fcber den Menschen, die wir betreuen\u201c, sagt Csilla F. Sie ist 24-Stunden-Betreuerin. Sie lebt mit alten oder hilfsbed\u00fcrftigen Menschen, leistet Gesellschaft, kocht f\u00fcr sie, hilft beim Waschen und Medikamente einnehmen. Csilla liebt ihren Job. Eigentlich. Doch die Rahmenbedingungen, in denen sie arbeiten muss, erschweren es ihr, den Beruf gut zu machen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tCsilla hat keine Ausbildung und was sie macht, wird nicht kontrolliert. Bis zu 24 Stunden am Tag ist sie rufbereit. Zeit f\u00fcr ihr Privatleben bleibt fast keine. Noch dazu bekommt sie einen extrem geringen Stundenlohn. An ihrem Arbeitsalltag zeigt sich, wo die Probleme der Pflege liegen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSeit mehr als 20 Jahren pendelt Csilla von der Slowakei nach \u00d6sterreich, um \u00e4ltere und hilfsbed\u00fcrftige Menschen zu versorgen. \u201eIch liebe es, so f\u00fcr die Menschen da zu sein\u201c, sagt sie. Trotzdem: W\u00fcrde sie eine andere Arbeit finden, w\u00fcrde sie ihren Job aufgeben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWie Csilla geht es vielen. Aufgrund der Bedingungen wollen immer weniger Menschen in der Pflege und Betreuung arbeiten. Laut einer Bedarfsprognose f\u00fcr \u00d6sterreich wird der Bedarf an Pflege und Betreuung aber zunehmen: Aktuell sind etwa 127.000 Personen in der Pflege besch\u00e4ftigt. Eine Studie<\/a> der Gesundheit \u00d6sterreich GmbH geht bis 2030 von einem zus\u00e4tzlichen Bedarf von 75.700 Kr\u00e4ften aus. Sp\u00e4testens ab 2024 k\u00f6nne nicht mehr davon ausgegangen werden, dass der Bedarf gedeckt werden k\u00f6nne.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eEs gibt nicht gen\u00fcgend Menschen, die diesen Job unter den herrschenden Bedingungen machen wollen\u201c, sagt Gesundheits\u00f6konomin Monika Riedel. Sie ist Volkswirtin und forscht zu Finanzierungsmodellen f\u00fcr die Pflege. Sie wei\u00df: Die Pflegekr\u00e4fte m\u00fcssen aktuell unter gro\u00dfem Zeitdruck arbeiten und bekommen dazu verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringen Lohn.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eEs gibt nicht gen\u00fcgend Menschen, die diesen Job unter den herrschenden Bedingungen machen wollen.\u201c<\/p> \n\t\u2014 Monika Riedel, Gesundheits\u00f6konomin<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEine 24-Stunden-Betreuerin kann laut Arbeitsmarktservice \u00d6sterreich (AMS) mit einem Einstiegsgehalt zwischen 1.670 Euro und 1.780 Euro rechnen, ein diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger mit einem Gehalt zwischen 1.570 und 2.260 Euro. Schon jetzt gibt es einen Fachkr\u00e4ftemangel, doch mit dem demografischen Wandel werde der Druck auf das Finanzierungssystem in den n\u00e4chsten Jahren steigen: \u201eDie Menschen werden \u00e4lter, die Familienstrukturen und Gewohnheiten \u00e4ndern sich\u201c, so Riedel. Wenn es so weiter geht, steht \u00d6sterreich eine Pflegekrise bevor. Wie l\u00e4sst sie sich verhindern?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eEs gibt viele L\u00f6sungen\u201c, sagt Richard Stern. F\u00fcr den Fachexperten f\u00fcr Digitale Innovation beim Kuratorium der Wiener Pensionisten-Wohnh\u00e4user<\/a> ist Technologie zentral f\u00fcr die Zukunft des Pflegeberufs. Sein Team \u00fcberlegt, wie Digitalisierung die Pflege entlasten und \u2013 das betont Stern \u2013 das Leben der Menschen verbessern kann.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tVielleicht sieht die Zukunft der Pflege dann so aus: Die 106-j\u00e4hrige Martina F. fr\u00fchst\u00fcckt Semmeln und Marmelade, wie immer. Eine Pflegekraft begleitet sie in den Aufenthaltsraum, wo sie erstmal zwei Runden Karten spielt mit ihren Freundinnen Hildegard und Sara von nebenan. Nach einer kurzen Kaffeepause steht sie auf und f\u00e4hrt f\u00fcnf Mal hintereinander den Kitzb\u00fcheler Hahnenkamm hinunter. Klingt unm\u00f6glich? In Wiens Pensionisten-Wohnh\u00e4usern soll das mehr und mehr Alltag werden. Seit rund 2020 hat jedes Haus eine Virtual-Reality-Brille. So k\u00f6nnen Menschen, die l\u00e4ngst nicht mehr alleine zum Supermarkt gehen k\u00f6nnen, einen Berggipfel sehen, demente Personen alte Wege wieder gehen und 106-J\u00e4hrige Schifahren. \u201eDiese Brillen erm\u00f6glichen Lebensqualit\u00e4t\u201c, sagt Stern. Das erleichtert den Pflege- und Betreuungskr\u00e4ften ihre Arbeit, denn neben K\u00f6rperpflege, Medikamentengaben und vielen anderen Aufgaben sind sie auch f\u00fcr die Freizeit der betreuten Personen zust\u00e4ndig.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tUngenutztes Potenzial und Bereicherung f\u00fcr die Region<\/p>\t\t\t<\/a>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\t \n\tNeben Virtual-Reality-Brillen soll bald ein Projekt anlaufen, das diverse Technologien zur Unterst\u00fctzung der Bewohnerinnen testet. Zum Beispiel Bettauflagen, die erkennen k\u00f6nnen, ob eine pflegebed\u00fcrftige Person das Bett zu einer un\u00fcblichen Zeit verl\u00e4sst. In diesen Decken ist ein Sensor eingebaut, der Angeh\u00f6rigen oder Pflegenden \u00fcber ungew\u00f6hnliche Aktivit\u00e4ten informiert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tStern sieht auch darin vor allem eine Entlastung f\u00fcr die Pflegekr\u00e4fte, denn die soziale Komponente \u2013 der Kontakt zu den Menschen \u2013 werde als Aufgabe f\u00fcr die Pflege bleiben. Doch die Technologie k\u00f6nne entlasten: \u201eDann muss eine Pflegekraft zum Beispiel nicht mehrmals am Tag zehn Minuten zum Fiebermessen zu einer Bewohnerin kommen\u201c, erkl\u00e4rt Stern. Das k\u00f6nnte ein automatisches Fieberthermometer \u00fcbernehmen, das leicht zu bedienen ist und diese Routinet\u00e4tigkeit \u00fcbernimmt. \u201eSo ist vielleicht ein Besuch m\u00f6glich, bei dem sich die Pflegekraft intensiv Zeit f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch mit der Person nehmen kann.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIllustration: Elena Anna Rieser<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEin anderes Einsatzfeld solcher Technologien ist f\u00fcr Stern das Leben zuhause. Fieberthermometer, spezielle Bettauflagen und etliche andere Assistenzger\u00e4te bieten alternden Menschen, die das m\u00f6chten, eine M\u00f6glichkeit, l\u00e4nger alleine zu leben. \u201eDie Generation 65+ m\u00f6chte selbstst\u00e4ndig leben. Durch die Digitalisierung haben sie darauf sehr viel mehr Chancen,\u201c sagt Stern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tMenschen m\u00f6glichst lange zuhause zu betreuen, das h\u00e4lt auch Monika Riedel f\u00fcr zentral. \u201eViele alternde Menschen w\u00fcnschen sich dieses Modell\u201c, sagt sie. Doch gerade die Betreuung zuhause, die f\u00fcr Stern und Riedl Zukunftsmodell ist, ist ein relativ neues und ungeregeltes Feld.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tModelle wie die 24-Stunden-Betreuung, eines der h\u00e4ufigsten in diesem Bereich, funktionieren nur, weil Menschen wie Csilla ausbeuterische Bedingungen in Kauf nehmen m\u00fcssen: Es gibt nur wenige Gesetze, die die Qualit\u00e4t der Betreuung sichern und die Betreuer sch\u00fctzen. \u201eIn den 20 Jahren, die ich den Job mache, bin ich fast noch nie kontrolliert worden\u201c, sagt Betreuerin Csilla. \u201eEs ist, als w\u00e4re es den \u00d6sterreicherinnen egal, ob die Betreuung schlecht ist.\u201c Oft wissen weder die Betreuerinnen noch die Familien, in die sie kommen, was die Betreuerinnen d\u00fcrfen und was nicht. Ihr Gewerbe ist nicht gesch\u00fctzt, die Agenturen, die die Frauen, die meist aus dem Ausland kommen, vermitteln und betreuen sollen, denken oft vor allem an die Familien bzw. Klientinnen. \u201eVon uns gibt es so viele\u201c, sagt Csilla. \u201eEs findet sich immer jemand, der akzeptiert, was ich nicht akzeptieren m\u00f6chte.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eDie Generation 65+ m\u00f6chte selbstst\u00e4ndig leben. Durch die Digitalisierung haben sie darauf sehr viel mehr Chancen.\u201c<\/p> \n\t\u2014 Richard Stern, Fachexperten f\u00fcr Digitale Innovation, Kuratorium der Wiener Pensionisten-Wohnh\u00e4user<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEinmal betreute Csilla einen alten Mann, der ehemaliger Alkoholiker und sehr aggressiv war. Als sie versuchte, mit seiner Familie dar\u00fcber zu sprechen, wurde sie entlassen. \u201eZum Gl\u00fcck\u201c, sagt Csilla heute. \u201eIch war Anf\u00e4ngerin und h\u00e4tte mir das ewig gefallen lassen.\u201c Geholfen oder gesch\u00fctzt wurde Csilla von niemandem, stattdessen stand sie ohne Job und Schlafplatz \u2013 und im Ausland \u2013 vor der T\u00fcr.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tGeschichten wie Csillas kennt Simona Durisova von der IG-24<\/a> gut. \u201e24-Stunden-Betreuer sind nicht wirklich selbstst\u00e4ndig\u201c, sagt sie. Die Organisation hat sich w\u00e4hrend der COVID-19-Pandemie gegr\u00fcndet und engagiert sich als Interessensvertretung f\u00fcr 24-Stunden-Betreuer. Eigentlich seien sie Angestellte, doch aus Kostengr\u00fcnden habe sich das Modell der Selbst\u00e4ndigkeit durchgesetzt \u2013 zum Nachteil der Betreuer. \u201eWir haben es hier mit einem strukturellen Problem der Scheinselbstst\u00e4ndigkeit zu tun.\u201c Die Betreuerinnen k\u00f6nnen nur in Ausnahmef\u00e4llen mehr als einen Klienten betreuen und somit nicht mehr Gewinn machen, so Durisova. Damit sei klar: Frauen wie Csilla F. sind nicht wirklich selbstst\u00e4ndig und werden so in eine unfaire Position gebracht. Es fehle an wirklicher Vertretung, denn in der Wirtschaftskammer sind die Agenturen und die Betreuerinnen gemeinsam vertreten, obwohl sie unterschiedliche Interessen verfolgen. \u201eDie Agenturen denken vor allem an die Klientinnen,\u201c sagt Durisova. \u201eWir brauchen endlich eine echte Vertretung. \u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNeben einer Aufwertung und Umorganisation bestehender Modelle halten Expertinnen wie Monika Riedel neue Modelle der Betreuung und Pflege f\u00fcr zentral: \u201eDamit die Pflege und Betreuung in Zukunft gut bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen, brauchen wir eine gro\u00dfe Vielfalt an L\u00f6sungsmodellen.\u201c Besonders in der Betreuung zuhause brauche es unterschiedliche Modelle.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn Europas erstem und bisher einzigem Hospiz f\u00fcr obdachlose Menschen finden sie Geborgenheit anstatt den Tod auf der Stra\u00dfe.<\/p>\t\t\t<\/a>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\t \n\tEine Idee dazu kommt von Wohnbuddy<\/a>, einer Plattform, die \u00e4lteren Menschen sowie Senioren- und Pflegewohnh\u00e4usern junge Wohnpartnerinnen vermittelt. Das sind oft junge Menschen in Ausbildung, zum Beispiel Studierende.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSo entstehen WGs zwischen jungen und \u00e4lteren Menschen. Zwei von ihnen sind Imad und Charlotte. Die beiden Studierenden wohnen seit Oktober 2020 in einem Pensionistinnen-Wohnhaus. Dabei haben sie viel gelernt. Das erste? Fernsehzeitschriften sind eine \u00dcberlebensnotwendigkeit. Imads Nachbar, ein Mann um die achtzig, bat den Studenten gleich am ersten Tag, ihm vom Einkaufen eine solche Zeitschrift mitzunehmen \u2013 Imad entdeckte damit eine neue Welt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tImad hatte vor dem Einzug \u00fcber ein Projekt in einem Tageszentrum Kontakt zu \u00e4lteren Menschen. Als er dann, gerade auf Wohnungssuche, auf Social Media von dem Projekt erfuhr, dachte er sich: Das w\u00e4re doch etwas f\u00fcr ihn und seine Freundin. So kamen Imad und Charlotte ins Pensionistinnen-Wohnheim.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eNat\u00fcrlich ist es finanziell attraktiv, aber wir dachten uns auch: So eine Gelegenheit bekommt man nur einmal im Leben.\u201c<\/p> \n\t\u2014 Charlotte, Studentin, wohnt seit 2020 mit ihrem Freund Imad in einem Pensionisten-Wohnheim.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t180 Menschen wohnen in dem 70er-Jahre-Bau. Es ist ein wei\u00dfes Haus mit gr\u00fcnen Fenstern, mitten im vierten Wiener Bezirk. Zwei der gro\u00dfen Fenster geh\u00f6ren Charlotte und Imad. F\u00fcr 44 Quadratmeter bezahlen sie 220 Euro pro Person im Monat f\u00fcr die Betriebskosten. Die K\u00fcchen teilen sie sich mit den Nachbarinnen, verwendet wird sie aber fast nur von ihnen. Sie sind aber nicht aus finanziellen Gr\u00fcnden eingezogen. \u201eNat\u00fcrlich ist es finanziell attraktiv, aber wir dachten uns auch: So eine Gelegenheit bekommt man nur einmal im Leben\u201c, sagt Charlotte. Anfang 2020 habe sie sich ein bisschen verloren gef\u00fchlt. Das Pensionistinnen-Wohnheim hat das ver\u00e4ndert. \u201eMittlerweile bin ich viel gl\u00fccklicher.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn den ersten Wochen nach dem Einzug habe es viele \u00dcberraschungen wie die Fernsehzeitschriften gegeben. Charlotte und Imad genie\u00dfen es, Menschen kennenzulernen, die ein anderes Tempo haben, um zw\u00f6lf Mittagessen, \u201eMensch \u00e4rgere Dich nicht\u201c spielen und f\u00fcr alles Zeit zu haben scheinen. \u201eVor allem, wenn ich gestresst bin, tut es gut, f\u00fcr den Kontakt mit diesen Menschen Zeit zu haben\u201c, sagt Charlotte. \u201eEs ist Entschleunigung\u201c, so Imad.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tJede Woche arbeiten die beiden f\u00fcnf Stunden ehrenamtlich im Heim. Diese Zeit verbringen sie vor allem in sogenannten Tagfamilien, das sind Gruppen f\u00fcr Menschen, die nicht mehr selbstst\u00e4ndig ihren Tag gestalten k\u00f6nnen. Viele von ihnen leben mit Demenz. Besonders oft gehen Imad und Charlotte mit ihnen in den nahegelegenen Park und schauen den Kindern beim Spielen zu. Die Pflegekr\u00e4fte haben f\u00fcr solche Ausfl\u00fcge in kleinen Gruppen keine Zeit.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIllustration: Elena Anna Rieser<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tJunge Menschen wie Charlotte und Imad und Technologien wie Virtual-Reality-Brillen k\u00f6nnen den Alltag im Heim aufhellen, die Pflegekr\u00e4fte entlasten. Doch sie l\u00f6sen ein Problem \u2013 vielleicht sogar das Hauptproblem \u2013 der Pflege nicht: Der Lohn von Pflegerinnen und Betreuer in Krankenh\u00e4usern und Heimen oder zuhause ist sehr gering. \u201eDas Problem der geringen Bezahlung ist keine Frage von Angebot und Nachfrage,\u201c sagt Monika Riedel. \u201eEs braucht eine Aufwertung des Berufes.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas ist auch eine feministische Frage. Care-Arbeit wird insgesamt nicht oder schlecht bezahlt, merkt beispielsweise die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky in einem Aufsatz zur COVID-19-Krise an. Sie meint: Die COVID-19-Krise habe die schon lange bestehende Care-Krise verst\u00e4rkt. Denn eigentlich ist Care jetzt schon Kern unseres Wirtschaftssystems.Paula-Irene Villa Braslavsky: Corona-Krise meets Care-Krise \u2013 Ist das systemrelevant? In: Leviathan, Jg. 48 (2020), S. 433-450<\/sup>. Laut OECD-Berichten tr\u00e4gt unbezahlte Care-Arbeit zu 30 bis 50 Prozent des BIP bei. Sie wird vor allem von Frauen ver\u00fcbt. Laut einer Zeitverwendungserhebung<\/a> aus dem Jahr 2008\/2009 leisten die Menschen in \u00d6sterreich mehr unbezahlte als bezahlte Arbeit. Frauen leisten dabei doppelt so viel wie M\u00e4nner.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAuch in Bezug auf die Pflege gilt: Nach Sch\u00e4tzungen werden etwa 80 Prozent der pflegebed\u00fcrftigen Menschen zuhause von ihren Angeh\u00f6rigen \u2013 meist von Frauen \u2013 gepflegt. Auch wenn diese wichtige Care-Arbeit bezahlt wird, dann meistens mit geringem Lohn. Grund daf\u00fcr sind die patriarchalen Verh\u00e4ltnisse, so Villa Braslavsky. Es brauche ein Umdenken: \u201eCare ist systemrelevant\u201c, schreibt sie.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eDas Problem der geringen Bezahlung ist keine Frage von Angebot und Nachfrage. Es braucht eine Aufwertung des Berufes.\u201c<\/p> \n\t\u2014 Monika Riedel, Gesundheits\u00f6konomin<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn \u00d6sterreich ist die Finanzierung Sache der L\u00e4nder und Gemeinden. Diese haben aber nur geringe eigene Steuereinnahmen zur Bew\u00e4ltigung ihrer Aufgaben und bekommen daher im Rahmen des Finanzausgleichs festgesetzte Anteile der Steuereinnahmen vom Bund. Dieses Geld wird vom Bund mehr oder weniger pro Kopf vergeben \u2013 wie hoch der Bedarf an Pflege in einer Gemeinde ist, ob dort viele \u00e4ltere Menschen wohnen oder die Bev\u00f6lkerung eher jung ist, wird nicht mitbedacht. \u201eDieser Finanzausgleich sollte bedarfsorientiert sein\u201c, so Riedel.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAuch deshalb finanzieren viele Familien oder Pflegebed\u00fcrftige ihre Daseinsvorsorge privat. Das ist aus Sicht der IG-24 ein Problem: \u201eWir fordern ein staatlich organisiertes Anstellungsverh\u00e4ltnis\u201c, sagt Durisova. Die IG-24 will eine L\u00f6sung, die f\u00fcr Betreuerinnen ein besseres Gehalt und f\u00fcr die Familien, die Betreuung brauchen, keine zu gro\u00dfe finanzielle B\u00fcrde bedeutet. \u201eDie Betreuerinnen privat anzustellen, ist f\u00fcr die Familien nicht leistbar. Wenn sich die Situation der Pflege verbessern soll, muss das der Staat in die Hand nehmen. Hier darf nicht gespart werden.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEin staatliches Modell der 24-Stunden-Betreuung ist das langfristige Ziel der IG-24. Inzwischen fordern sie bessere Arbeitsbedingungen und arbeiten an einer alternativen Organisationsform: \u201eWir beginnen gerade ein Genossenschaftsmodell mit Anstellung f\u00fcr die Betreuer auszuarbeiten\u201c, sagt Durisova. \u201eWir sind noch ganz am Anfang, aber ich halte diese Arbeit f\u00fcr sehr wichtig. Es muss eine K\u00f6rperschaft geben, die die Betreuung organisiert.\u201c In der Genossenschaft<\/a> sollen die Betreuer und die Betreuungsfamilien Mitglieder sein, beide sollen einzahlen und Anteile bekommen. \u201eWir wollen Betreuer und Klienten sensibilisieren, dass es bessere Organisationsmodelle f\u00fcr die Pflege gibt.\u201c Langfristig sei das aber Aufgabe des Staates. Darin sind sich Durisova und Betreuerin Csilla F. einig.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tCsilla m\u00f6chte aber nicht auf die Politik warten. Sie plant den Staat \u00d6sterreich wegen der Scheinselbstst\u00e4ndigkeit der Betreuerinnen zu verklagen. \u201eIrgendjemand muss ja einen Musterprozess f\u00fchren\u201c, sagt sie. \u201eIrgendetwas muss geschehen.\u201c Bisher hat sie f\u00fcr ihr Vorhaben von Rechtsanwaltskanzleien nur Absagen erhalten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tErstmals publiziert in der Ausgabe #01\/2022 von period.<\/a><\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Clara Porak \/ period. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Illustration: Elena Anna Rieser<\/a><\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" \u00dcber die Zukunft der Pflege<\/p>\n","protected":false},"author":184,"featured_media":7770,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[436,299],"tags":[429,449,372,575,105],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7758"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/184"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7758"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7758\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8214,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7758\/revisions\/8214"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7770"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7758"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7758"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7758"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=7758"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
\n\t\n\t\tWestbalkan-Diaspora\t<\/h2>\n<\/a>\t\t\t\n\t\t\t\t
\n<\/div>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
\n\t\n\t\tEin letztes Zuhause\t<\/h2>\n<\/a>\t\t\t\n\t\t\t\t
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