{"id":7246,"date":"2022-04-14T13:11:27","date_gmt":"2022-04-14T13:11:27","guid":{"rendered":"https:\/\/tippingpoint.net\/?p=7246"},"modified":"2022-06-01T09:12:19","modified_gmt":"2022-06-01T09:12:19","slug":"die-friedensdiener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/die-friedensdiener\/","title":{"rendered":"Die Friedensdiener"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tAleksandar Petrovi\u0107 kommt aus einer serbischen, Dennis Miski\u0107 aus einer bosnischen Familie. Gemeinsam leisten die beiden jungen M\u00e4nner als erste \u00d6sterreicher ihren Zivildienst in Srebrenica ab.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tFrost und Matsch bedecken den Friedhofsboden von Poto\u010dari in der ostbosnischen Gemeinde Srebrenica. Durch die Reihen wei\u00dfer Marmorstelen stapfen Dennis Miski\u0107 und Aleksandar Petrovi\u0107, zwei junge Wiener, an deren Schuhen ein Brei aus feuchter Erde und Grashalmen klebt. Ihre Aufgabe: Die Gr\u00e4ber mit den muslimischen Namen darauf aus drei verschiedenen Perspektiven zu fotografieren. Insgesamt rund 20.000 Aufnahmen. \u201eMir dreht es jedes Mal den Magen um, wenn ich hier bin\u201c, sagt Miski\u0107. \u201eDas ist schon ein mulmiges Gef\u00fchl, neben einem Massengrab zu arbeiten\u201c, erg\u00e4nzt Petrovi\u0107. Nach wochenlanger Arbeit schie\u00dfen sie die letzten Bilder. Rechtzeitig, bevor der Winter den Friedhof unter einer Decke aus Schnee begraben und erst im Fr\u00fchling wieder freigeben wird. Aus den Fotos der Burschen soll eine 3D-animierte Datenbank aller Grabsteine entstehen, die es vereinfacht, auf Standort und Informationen der Beigesetzten zuzugreifen. In Sichtweite verwittert ein einsamer Wachturm wie ein Mahnmal. \u201eUN\u201c steht darauf geschrieben, Vereinte Nationen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVor den Augen niederl\u00e4ndischer Blauhelm-Soldaten spielt sich zwischen 11. und 22. Juli 1995 mitten in Europa ein Kriegsverbrechen ab. Unter der F\u00fchrung des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladi\u0107 t\u00f6ten Soldaten der Armee der Republika Srpska, sowie bosnisch-serbische Polizisten und serbische Paramilit\u00e4rs \u00fcber 8.000 bosniakische Jungen und M\u00e4nner in der UN-Schutzzone Srebrenica. Zum Zeitpunkt des systematisch geplanten V\u00f6lkermordes an den bosnischen Muslimen sind Dennis Miski\u0107 und Aleksandar Petrovi\u0107 noch nicht einmal ein Gedanke in den K\u00f6pfen ihrer Eltern, die f\u00fcnfzig Flugminuten von dem Massaker entfernt im sicheren Wien leben. Miski\u0107s Eltern stammen aus Bosnien-Herzegowina und sind dem Krieg in ihrer Heimat gerade noch entkommen, Petrovi\u0107s Eltern kamen bereits in den 1980er-Jahren als Gastarbeiter aus Serbien, damals noch als Jugoslawen. In der \u00f6sterreichischen Hauptstadt begegnen sich die jeweiligen Paare zum ersten Mal, verlieben sich. Wenige Wochen nach den Ereignissen in Srebrenica werden sie unabh\u00e4ngig voneinander heiraten, Dennis und Aleksandar kommen erst Jahre sp\u00e4ter zur Welt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer Grundstein f\u00fcr das Srebrenica-Poto\u010dari Memorial Center f\u00fcr die Opfer des V\u00f6lkermords von 1995 wurde auf Beschluss des Hohen Repr\u00e4sentanten f\u00fcr Bosnien und Herzegowina im Jahr 2000 gelegt. Der Gedenktag findet j\u00e4hrlich am 11. Juli statt. Foto: Martin Zinggl \/ tippingpoint.net<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tW\u00e4hrend ihre Herkunftsl\u00e4nder miteinander Krieg f\u00fchren, leben die Eltern der beiden Burschen in Wien in benachbarten Bezirken. Getrennt nur durch die Donau werden sie einander dennoch niemals kennenlernen \u2013 und auch nicht mehr auf den Balkan zur\u00fcckkehren, um dort zu leben. Ihre S\u00f6hne hingegen schon. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm Oktober 2021, also mehr als ein Vierteljahrhundert nach den Kriegsverbrechen in Srebrenica, legen der mittlerweile 19-j\u00e4hrige Miski\u0107 und der 23-j\u00e4hrige Petrovi\u0107 ihre Wertgegenst\u00e4nde in eine dunkle Plastikschale und treten durch die Sicherheitsschranke ins Wiener Justizministerium. Ihre Blasen dr\u00fccken, die K\u00f6pfe err\u00f6ten, die H\u00e4nde schwitzen, ihre Stirnen sind nass. Die Burschen sind nerv\u00f6s, denn Justizministerin Alma Zadi\u0107 nimmt die beiden in Empfang, um sie offiziell zu verabschieden. Zadi\u0107, selbst geb\u00fcrtige Bosnierin, ist daf\u00fcr bekannt, junge Menschen ins Ministerium einzuladen, vor allem, wenn eine Verbindung zwischen Ex-Jugoslawien und \u00d6sterreich besteht. Miski\u0107 und Petrovi\u0107 werden ihren Zivildienst in Bosnien-Herzegowina absolvieren, einen sogenannten Friedensdienst leisten. Erstmals in der Geschichte der Entsendeorganisation, des \u00d6sterreichischen Auslandsdienstes, reisen Freiwillige nach Poto\u010dari, keine zehn Kilometer von Srebrenica entfernt, wo neben dem Friedhof ein Gedenkzentrum errichtet wurde.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSeit 2003 gibt es diese staatliche Einrichtung, die Wissen und Geschichte vermitteln m\u00f6chte. Ein Archiv aus Erinnerungsst\u00fccken der Get\u00f6teten, Fotos, Videos und tausenden Stunden dokumentierter Interviews, das in Ausstellungen die Ereignisse vom Juli 1995 und deren Folgen aufarbeitet, um an das Grauen und seine Opfer zu erinnern \u2013 und an das Z\u00f6gern der Internationalen Gemeinschaft. Eineinhalb Jahre Vorbereitung und hunderte E-Mails investierte Miski\u0107 in die Antragstellung bei den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden, bevor die Genehmigung f\u00fcr den Auslandseinsatz kam. Kurz darauf folgte Petrovi\u0107 der Initiative seines Kollegen. F\u00fcnf Monate lang unterst\u00fctzen die ersten ausl\u00e4ndischen Friedensdiener das Memorial Center, werden in die Projekte involviert: Interviews mit \u00dcberlebenden f\u00fchren, transkribieren und \u00fcbersetzen, Grabsteine fotografieren, Ausstellungen vorbereiten, versuchen, aus der Geschichte die Fakten herauszuarbeiten. Danach f\u00fchrt sie der zweite Teil ihres Einsatzes f\u00fcr weitere f\u00fcnf Monate ins US-amerikanische Dayton. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eSo lange in Bosnien zu sein, erstmals weg von zu Hause und dann auch noch als Serbe. Ich bewege mich dort auf d\u00fcnnem Eis.\u201c<\/p>

\n\t\u2014 Aleksandar Petrovi\u0107<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDorthin, wo im November 1995 durch den Friedensvertrag von Dayton das dreieinhalb Jahre andauernde Lynchen, Vergewaltigen und Zerst\u00f6ren offiziell beendet, das Staatsgebilde Bosnien-Herzegowina geschaffen wurde. Wo Bill Clinton, Jacques Chirac und Helmut Kohl sich damit r\u00fchmten, das kleine Land zu seinem Besten in zwei halbautonome Entit\u00e4ten geteilt zu haben, dessen komplexe Struktur bis heute Gesellschaft und Politik im W\u00fcrgegriff h\u00e4lt. Seitdem leben im Landesteil \u201eRepublika Srpska\u201c mehrheitlich bosnische Serben, in der \u201eF\u00f6deration\u201c sind vorwiegend bosnische Kroaten und Bosniaken zu Hause. Srebrenica und die Gedenkst\u00e4tte in Poto\u010dari liegen ganz im Osten der Republika Srpska, keine f\u00fcnfzehn Kilometer entfernt von der Grenze Bosnien-Herzegowinas mit Serbien. \r<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEin Ort ohne Zukunft<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEinst war Srebrenica bekannt f\u00fcr seine Silber- und Zinkminen, und als Kurort bei Jugoslawen aus allen Teilen des Vielv\u00f6lkerstaates beliebt. Eine prosperierende Kleinstadt in einer 40.000-Einwohner-Gemeinde, mehrheitlich von Bosniaken bewohnt. Dann verwirrte Nationalismus den Bewohnern die K\u00f6pfe, f\u00fchrte zu Krieg und gipfelte in dem V\u00f6lkermord f\u00fcr den Srebrenica traurige Ber\u00fchmtheit erlangte. Nach dem Krieg lag das Leben brach. Wenige kehrten zur\u00fcck, heute z\u00e4hlt die Stadt keine 5.000 Menschen, ist ein Ort ohne Zukunft, nur mit einer kaum ertr\u00e4glichen Vergangenheit. Jeder kennt hier jeden. Darum wissen die Opfer, wer die T\u00e4ter sind und umgekehrt.\r<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tViele fl\u00fcchteten im Krieg aus ihrer Heimat f\u00fcr immer, was blieb ist die kaum ertr\u00e4gliche Vergangenheit. Heute z\u00e4hlt die einst prosperierende Bergbaustadt Srebrenica keine 5.000 Menschen. Auch vom Glanz des ehemals beliebten Kurorts ist nichts mehr zu sp\u00fcren. Foto: Martin Zinggl \/ tippingpoint.net<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tKaum ein Ort in Bosnien-Herzegowina sorgt aufgrund seiner Geschichte und Lage f\u00fcr mehr Aufruhr unter den Nachbarn, die einander einst besuchten ohne zu klopfen und schlie\u00dflich aufeinander losgingen. Miski\u0107 und Petrovi\u0107 sind sich der Brisanz ihres gew\u00e4hlten Einsatzortes bewusst, und um die der Gedenkst\u00e4tte, deren \u00fcber siebzig Mitarbeiter sich aus \u00dcberlebenden und Angeh\u00f6rigen von Opfern zusammensetzen. Dass die Wurzeln der beiden Burschen aus Wien bis ins ehemalige Jugoslawien reichen, macht die Aufgabe nicht unbedingt einfacher, vor allem f\u00fcr Petrovi\u0107.\r<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eDas ist eine gro\u00dfe Aufgabe f\u00fcr mich\u201c, sagt er im Gespr\u00e4ch mit Justizministerin Zadi\u0107. \u201eSo lange in Bosnien zu sein, erstmals weg von zu Hause und dann auch noch als Serbe. Ich bewege mich dort auf d\u00fcnnem Eis.\u201c Zadi\u0107 antwortet: \u201eIch finde es toll, dass du dich dem stellst und bewundere deinen Mut.\u201c \u201eIch m\u00f6chte ein Idol sein, so wie Sie, Frau Ministerin\u201c, sagt Petrovi\u0107. \r<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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