{"id":6327,"date":"2022-03-24T19:13:41","date_gmt":"2022-03-24T19:13:41","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/?p=6327"},"modified":"2022-06-07T20:00:53","modified_gmt":"2022-06-07T20:00:53","slug":"westbalkan-diaspora","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/westbalkan-diaspora\/","title":{"rendered":"Westbalkan-Diaspora"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tMan kann ohne \u00dcbertreibung behaupten, dass die Zukunft des Westbalkans vom Engagement der Diaspora in ihren Herkunftsl\u00e4ndern abh\u00e4ngt. Das Potenzial der Diaspora, die im Ausland gewonnenen Erfahrungen, das Wissen, die Netzwerke und die Visionen auf kreative Weise in ihr Land einzubringen, ist enorm und wohl der Schl\u00fcssel zum Erfolg der Region. Die Mehrheit der abgewanderten Bev\u00f6lkerung, die von den Chancen eines Arbeitsaufenthaltes im Ausland profitiert hat, hat nach wie vor eine enge Bindung zum Heimatland und will ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit ihren Landsleuten teilen.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDamit die Westbalkanstaaten jedoch in vollem Umfang von der Dynamik der internationalen Diaspora profitieren k\u00f6nnen, m\u00fcssen seitens der Regierungen eindeutige und transparente Strukturen die Emigration betreffend geschaffen werden, die eine rasche Informationsweitergabe zwischen den Gemeinschaften sowie die Portabilit\u00e4t von Sozialleistungen zwischen Staaten erm\u00f6glichen. Mit anderen Worten: Um das Potenzial, die Ressourcen und Kapazit\u00e4ten der Diaspora zur Unterst\u00fctzung der Entwicklung ihrer Heimatregion nutzen zu k\u00f6nnen, muss sie in alle entsprechenden politischen Dialoge miteinbezogen werden. Politische Entscheidungstr\u00e4ger m\u00fcssen einen klaren Rahmen f\u00fcr die Diaspora vorgeben, damit sie bei wichtigen und strategischen Entscheidungen auf staatlicher Ebene ein Mitspracherecht hat, was auch zur Schaffung eines f\u00f6rderlichen und positiven Umfelds zwischen Regierungen und ihrer Diaspora beitragen wird.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDieses Unterfangen ist eine anspruchsvolle Aufgabe f\u00fcr jede Regierung, aber je fr\u00fcher die Westbalkanstaaten damit beginnen, das Potenzial der Diaspora zu erschlie\u00dfen, desto eher ist ein Nutzen zu erwarten. Wie auch andernorts zu beobachten ist, zeigt eine Diaspora-Politik erst Jahrzehnte sp\u00e4ter messbare Ergebnisse.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tUm zu verdeutlichen, wie wichtig eine enge Verbindung zur Diaspora ist und um aufzuzeigen, wie die Abwanderung von qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften unmittelbare negative Folgen in den Herkunftsl\u00e4ndern haben kann, wird in dieser Arbeit besonders auf die aktuelle Krise eingegangen, die durch die globale Covid-19-Pandemie verursacht wurde, sowie auf deren Auswirkungen in L\u00e4ndern mit hohen Abwanderungsraten. Insbesondere mit Verweis auf die massive Abwanderung von medizinischem Personal wird hier die Ansicht vertreten, dass in den westlichen Balkanl\u00e4ndern M\u00f6glichkeiten und Anreize geschaffen werden m\u00fcssen, um Talente in der Region zu halten, aber auch enge Kontakte zu denjenigen zu pflegen sind, die das Land verlassen haben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eUnser Gesundheitssystem ist stark belastet. Wenn sich das Virus weiterhin mit dieser Geschwindigkeit ausbreitet, werden wir nicht in der Lage sein, allen, die sie ben\u00f6tigen, eine angemessene und schnelle medizinische Versorgung zukommen zu lassen.\u201c Dieser Appell stammt von Marko Lugonja, einem praktischen Arzt und Spezialisten f\u00fcr Bauchchirurgie in der Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina, vom Juni 2020. \u00c4hnliche Appelle waren auch anderswo in der Region zu h\u00f6ren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tW\u00e4hrend die Zahl der Infizierten jeden Tag zunimmt, schlagen \u00c4rztinnen und \u00c4rzte aus den Westbalkanl\u00e4ndern aufgrund ihrer zunehmenden \u00dcberforderung und der \u00dcberlastung des Gesundheitssystems Alarm. \u201eWir sind seit Langem am Limit\u201d, erkl\u00e4rten junge, in den Kliniken der Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina t\u00e4tige Medizinerinnen und Mediziner.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMit \u00fcber 300 neuen Covid-19-F\u00e4llen pro Tag im August 2020 und mittlerweile Hunderten Toten haben die L\u00e4nder der Region, insbesondere Serbien und Bosnien, mit den Auswirkungen der Pandemie schwer zu k\u00e4mpfen. Die Kapazit\u00e4ten der Krankenh\u00e4user sind ausgelastet, es fehlt an medizinischem Personal, und die Ressourcen des Gesundheitssystems sind ersch\u00f6pft.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tF\u00fcr Expertinnen und Experten der Region ist das Unverm\u00f6gen des Gesundheitssystems des Westbalkans, mit den Folgen der globalen Pandemie fertig zu werden, nicht \u00fcberraschend. Die Qualit\u00e4t der Gesundheitsversorgung in der Region nimmt bereits seit mehr als einem Jahrzehnt stark ab, was auf veraltete und desolate Ausstattung und medizinische Einrichtungen, aber auch auf den R\u00fcckgang hochqualifizierter Fach\u00e4rztinnen und -\u00e4rzte zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Die massive Abwanderung gut ausgebildeter \u00c4rztinnen und \u00c4rzte war f\u00fcr die Region schon vor der Pandemie nicht unproblematisch; Covid-19 hat den Ernst der Lage jedoch deutlich gemacht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMit finanzieller Unterst\u00fctzung der Europ\u00e4ischen Union wurden in den ersten Monaten der Pandemie Teilma\u00dfnahmen zur St\u00e4rkung der Kapazit\u00e4ten des Gesundheitssektors in der gesamten Region ergriffen. In Albanien wurden beispielsweise Mittel in H\u00f6he von 3,5 Milliarden Lek (1 Million US-Dollar) f\u00fcr den Ankauf von pers\u00f6nlicher Schutzausr\u00fcstung (PSA) f\u00fcr das Gesundheitspersonal bereitgestellt. \u00c4rztinnen und \u00c4rzten erhielten Zulagen in H\u00f6he von 1.000 Euro, Pflegekr\u00e4fte 500 Euro. Nationale Regierungen wandten sich au\u00dferdem an alle verf\u00fcgbaren medizinischen Fachkr\u00e4fte. Am 10. M\u00e4rz rief [Albaniens] Pr\u00e4sident Ilir Meta pensionierte albanische \u00c4rztinnen und \u00c4rzte dazu auf, ihre berufliche T\u00e4tigkeit wieder aufzunehmen. Fachkr\u00e4ften im Gesundheitsbereich und Studierenden der Medizin wurden Gehaltserh\u00f6hungen und Boni angeboten, und \u00c4rztinnen und \u00c4rzte im Ruhestand aufgefordert, wieder zu arbeiten. \u00c4hnliche Aufrufe gab es in Bosnien, Serbien und dem Rest der Region, wo Regierungen verzweifelt versuchten, ausreichendes medizinisches Personal bereitzustellen. Tatsache ist jedoch, dass es nur noch eine begrenzte Anzahl an verf\u00fcgbaren \u00c4rztinnen und \u00c4rzten, Pflegekr\u00e4ften und medizinischem Personal in der Region gibt, und dass auch die, die noch hier sind, m\u00f6glicherweise ebenso mit dem Gedanken spielen, auszuwandern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tExport von medizinischem Personal<\/strong>

Die Gesundheitsversorgung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der westlichen Balkanl\u00e4nder finanziert sich durch eine verpflichtende Krankenversicherung, die \u00fcber ein Netzwerk von Gesundheitseinrichtungen organisiert ist. Aufgrund der jahrelangen Unterfinanzierung ist die Qualit\u00e4t des \u00f6ffentlichen Gesundheitssystems gesunken. Gesundheitsfachkr\u00e4fte sind zwar gut ausgebildet, die Ausstattung ist jedoch oft mangelhaft oder veraltet und die Geh\u00e4lter niedrig. Daher ist die Abwanderung von \u00c4rztinnen und \u00c4rzten in westliche L\u00e4nder ein zunehmendes Problem. Auch wenn die westlichen Balkanl\u00e4nder nicht zur EU geh\u00f6ren, ist es f\u00fcr \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, Pflegekr\u00e4fte und Gesundheitspersonal relativ einfach, in ein EU-Land zu ziehen, wo die Geh\u00e4lter und Bedingungen weitaus besser sind.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tLaut Angaben der \u00c4rztekammer von Bosnien und Herzegowina haben im Jahr 2016 rund 300 hochqualifizierte \u00c4rztinnen und \u00c4rzte das Land verlassen. Im September 2019 gab das Kantonskrankenhaus Zenica in Bosnien in einer \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung bekannt, dass in der \u00fcber 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner z\u00e4hlenden Stadt Zenica keine neurop\u00e4diatrische Versorgung mehr gew\u00e4hrleistet ist. Zum Zeitpunkt der Ank\u00fcndigung waren zahlreiche Kinder zu Kontrolluntersuchungen angemeldet, was dazu f\u00fchrte, dass diese Termine bis auf Weiteres verschoben wurden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie \u00c4rzteflucht in den Westen in den vergangenen Jahren l\u00e4sst sich in allen ehemals sozialistischen L\u00e4ndern S\u00fcdosteuropas und des Balkans beobachten. \u00c4rztinnen und \u00c4rzte aus Polen, Rum\u00e4nien, Moldawien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Nordmazedonien, Albanien und dem Kosovo wandern zu Tausenden aus.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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