{"id":6323,"date":"2022-04-06T00:21:00","date_gmt":"2022-04-06T00:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/?p=6323"},"modified":"2022-06-07T15:16:41","modified_gmt":"2022-06-07T15:16:41","slug":"das-schweigen-von-theresienstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/das-schweigen-von-theresienstadt\/","title":{"rendered":"Das Schweigen von Theresienstadt"},"content":{"rendered":"
\n\tDas neue Buch einer tschechischen Historikerin befasst sich eingehend mit der H\u00e4ftlingsgesellschaft des Lagers Theresienstadt und stellt dabei weniger die g\u00e4ngigen tschechischen nationalen Narrative des Ghettos und des Holocaust infrage als die faktische Mauer des Schweigens.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNationale Narrative \u00fcber den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust sind in weiten Teilen Mitteleuropas zu einem heftig umk\u00e4mpften Streitthema geworden. Dies gilt nicht f\u00fcr die Tschechische Republik, wo der historische Blick auf das 20. Jahrhundert vom Kommunismus dominiert wird. In ihrem neuen Werk versucht die Holocaust-Historikerin Dr. Anna H\u00e1jkov\u00e1 jedoch, jene Geschichten aufzuzeigen, die durch diese Prozesse zum Schweigen gebracht wurden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tThe Last Ghetto: An Everyday History of Theresienstadt<\/a> [Das letzte Ghetto \u2013 Alltag in Theresienstadt] befasst sich eingehend mit der H\u00e4ftlingsgesellschaft dieses Lagers, das als letztes Nazi-Ghetto einen Tag nach Ende des Zweiten Weltkriegs befreit wurde, und damit, wie diese Gesellschaft \u201edie Mittelschicht Zentral- und Westeuropas vor und nach dem Krieg\u201c widerspiegelte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie rund 60 Kilometer nordwestlich von Prag gelegene ehemalige Garnisonsstadt Theresienstadt diente im Zweiten Weltkrieg als Internierungsghetto<\/a> f\u00fcr europ\u00e4ische J\u00fcdinnen und Juden. Ab November 1941 wurden in diesem Lager etwa 155.000 Menschen inhaftiert, rund 35.000 fanden hier den Tod und etwa 90.000 wurden zur Ermordung in andere Lager verschleppt. Die Verwaltung des Lagers war den Gefangenen weitgehend selbst \u00fcberlassen, w\u00e4hrend sie auf den Transport in die Vernichtungslager und Mordst\u00e4tten im besetzten Polen, in Wei\u00dfrussland (Belarus) und im Baltikum warteten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDaraus ergeben sich f\u00fcr H\u00e1jkov\u00e1 zahlreiche Ankn\u00fcpfungspunkte, um zu untersuchen, wie sich die Internierten untereinander organisierten, was ihnen nach Ansicht der Autorin eine gewisse Handlungsf\u00e4higkeit gab.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eIn geschichtlichen Abhandlungen werden Gefangene \u00fcblicherweise als handlungsunf\u00e4hig, als graue, ohnm\u00e4chtige Masse beschrieben\u201c, erkl\u00e4rt H\u00e1jkov\u00e1 gegen\u00fcber BIRN. \u201eAber die Menschen hassen es, machtlos zu sein. Man denke nur an die Pandemie. Angesichts des Virus k\u00f6nnen wir so wenig tun, aber die Menschen waren sehr erfinderisch, wenn es darum ging, die Einschr\u00e4nkungen des Lockdowns zu umgehen. Theresienstadt war eindeutig von der tschechischen Kultur gepr\u00e4gt.\u201c Auf die Idee, die H\u00e4ftlingsgesellschaft von Theresienstadt unter die Lupe zu nehmen, sei H\u00e1jkov\u00e1 urspr\u00fcnglich bei ihrem Besuch in Israel gekommen, wo sie \u00dcberlebende traf. Diese erz\u00e4hlten ihr nicht nur von Leid und Qual, sondern auch vom Fu\u00dfballspielen und wie sie hinter den M\u00e4dchen her waren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIm Gedenken an die Opfer. Anl\u00e4sslich des Internationalen Holocaust-Gedenktages organisierte das Vierte Internationale Forum \u201eLet My People Live\u201c auf dem j\u00fcdischen Friedhof nahe des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Theresienstadt (Tschechische Republik) eine Gedenkveranstaltung. 27. J\u00e4nner 2015. Foto: Matej Divizna \/ EPA \/ picturedesk.com<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie Autorin musste jedoch bald feststellen, dass diese sch\u00f6nen Momente weitgehend der sozialen Elite vorbehalten waren: In Theresienstadt waren dies junge tschechische M\u00e4nner, die bereits seit Anbeginn im Lager waren und einen Gro\u00dfteil davon selbst aufgebaut hatten. Am anderen Ende der Hierarchie standen die \u00e4lteren H\u00e4ftlinge, die sp\u00e4ter aus Deutschland oder \u00d6sterreich hergebracht wurden. Ihnen \u00fcberlie\u00df die j\u00fcdische Selbstverwaltung die d\u00fcrftigsten Rationen und sch\u00e4bigsten Unterk\u00fcnfte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNach ethnischen Kriterien getrennt<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tH\u00e1jkov\u00e1 stellt fest, dass die Klassen- und Hierarchiestruktur unter den H\u00e4ftlingen nicht auf der gemeinsamen j\u00fcdischen Abstammung beruhte, was den damaligen h\u00f6chst s\u00e4kularen Umgang mit Religion in Tschechien widerspiegelt. Vielmehr wurden die Ghetto-Insassen streng nach ethnischen Gesichtspunkten getrennt. Diese Hierarchie hatte f\u00fcr die untersten Schichten t\u00f6dliche Folgen. Aufzeichnungen zufolge starben 84 Prozent der H\u00e4ftlinge \u00fcber 60, die nicht in den Osten deportiert wurden, in Theresienstadt. Bei keiner anderen Altersgruppe lag die Wahrscheinlichkeit, im Lager umzukommen, \u00fcber 11,5 Prozent.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eDie nationalsozialistische Politik [der unzureichenden Versorgung mit Lebensmitteln] wurde durch die Einteilung der Menschen in Lebensmittelkategorien, durch Korruption und das Streben nach individueller Bereicherung einiger H\u00e4ftlinge auf fatale Weise potenziert\u201c, hei\u00dft es im Buch. \u201eZusammen bewirkten diese Vorg\u00e4nge die Ausl\u00f6schung einer ganzen Generation \u00e4lterer deutscher, \u00f6sterreichischer und tschechischer J\u00fcdinnen und Juden.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEurope’s-Futures-Alumni Luke Cooper \u00fcber seinen letzten Besuch in Ungarn<\/p>\t\t\t<\/a>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\t \n\tAuch andere Funktionsweisen der Hierarchie, die Korruption, Klassenunterschiede und Missbrauch ebenso wie Bindung, Loyalit\u00e4t und Solidarit\u00e4t hervorbrachte, werden im Buch analysiert. Gegenstand der Untersuchungen ist insbesondere der zus\u00e4tzliche Druck, dem weibliche H\u00e4ftlinge ausgesetzt waren \u2013 von der mangelnden M\u00f6glichkeit, sich die begehrtesten Posten im Lagerbetrieb zu sichern, bis hin zu sexuellen \u00dcbergriffen. Die tief sitzenden Vorurteile, unter denen LGBT-Gefangene litten, die in den meisten geschichtlichen Abhandlungen ausgeblendet werden, finden ebenfalls Erw\u00e4hnung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSolche Geschichten w\u00fcrden jedoch von den \u00fcblichen Berichten \u00fcber den Holocaust und \u201everkl\u00e4rten Erz\u00e4hlungen\u201c \u00fcber Theresienstadt als ein moderates Lager f\u00fcr Angeh\u00f6rige der Mittelschicht, die den Kern des g\u00e4ngigen tschechischen Narrativs bilden, \u00fcbert\u00f6nt werden, erkl\u00e4rt H\u00e1jkov\u00e1. Mit diesen Geschichten wolle sie lediglich \u201eeine heterogene Gesellschaft, die sich unterschiedlich verh\u00e4lt, weil das einfach menschlich ist\u201c zeigen, so die Autorin.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tKapitel noch nicht abgeschlossen<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tZugleich beharrt H\u00e1jkov\u00e1 darauf, dass das Aufdecken von Geschichten \u00fcber sexuelle \u00dcbergriffe und Homophobie ein unverhohlen politischer Akt ist, der zweifellos an die aktuellen #MeToo- und LGBT-Debatten ankn\u00fcpft. Damit k\u00f6nnte sie eine Gegenreaktion ausl\u00f6sen. Die Geschichte des Holocaust ist in Mitteleuropa zu einer Art Minenfeld geworden, wo rechte Regime versuchen, Narrative so zu gestalten, wie es ihren Interessen dienlich ist.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tTheresienstadt liegt nur 60 Kilometer von Polen entfernt. Dort ist die Regierung unter der Partei Recht & Gerechtigkeit (PiS) vehement darauf bedacht, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs \u2013 einschlie\u00dflich die der im Land errichteten NS-Vernichtungslager \u2013 zu kontrollieren, um Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihren nationalistischen Populismus zu mobilisieren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEin Demonstrant tr\u00e4gt ein Stoffabzeichen mit der Aufschrift \u201eUngeimpft\u201c, das an die j\u00fcdischen Abzeichen der Nazizeit erinnert, auf einem \u201eMarsch der Freiheit\u201c auf dem Prager Wenzelsplatz. 8. J\u00e4nner 2021. Foto: Petr David Josek \/ AP \/ picturedesk.com<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tInfolge dieses Bestrebens, zu dem auch das \u201eHolocaust-Gesetz\u201c geh\u00f6rt, das unter Strafe verbietet, dem polnischen Volk Mitschuld an den Verbrechen der Nazis zuzuschreiben, geriet die Wissenschaft ins Visier. Historikerinnen und Historiker, die von der \u201eoffiziellen Darstellung\u201c abweichen, wurden verklagt<\/a>, haben ihren Arbeitsplatz verloren<\/a> und sahen sich medialer Verfolgung ausgesetzt. Der tschechische Zugang zur Geschichte des 20. Jahrhunderts ist jedoch ein v\u00f6llig anderer. Die hochgradig individualistische tschechische Gesellschaft sei weitgehend immun gegen die Blut-und-Boden-Rhetorik, die anderswo in der Region zur F\u00f6rderung des Nationalismus eingesetzt wird, meint der Dozent Ondrej Klipa von der Prager Karls-Universit\u00e4t.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t“In Tschechien gibt es keine wirkliche Diskussion \u00fcber die Geschichte von Theresienstadt.”<\/p> \n\t\u2014 Anna H\u00e1jkov\u00e1, Holocaust-Historikerin<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas mag auch dazu beigetragen haben, dass sich die Tschechinnen und Tschechen nicht mit Theresienstadt auseinandergesetzt haben. H\u00e1jkov\u00e1s Arbeit \u00fcber das Lager habe ihren Angaben zufolge keine negativen Reaktionen hervorgerufen, auch wenn es spezifischere Gr\u00fcnde daf\u00fcr gebe, so die Autorin, dass ihre Arbeit nicht die Art von Ressentiment ausgel\u00f6st hat, wie dies anderswo der Fall sein k\u00f6nnte. \u201eIn Tschechien gibt es keine wirkliche Diskussion \u00fcber die Geschichte von Theresienstadt\u201c, sagt sie, wobei sie darauf hinweist, dass es sich dabei um ihre pers\u00f6nliche Meinung und nicht die Lehrmeinung handelt. Im Vergleich zu den meisten L\u00e4ndern im Osten Europas, so H\u00e1jkov\u00e1 weiter, verstehen die Tschechen den Holocaust als \u201eeigene Geschichte\u201c, die in der nationalen Erinnerung keine gro\u00dfe Rolle spielt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas k\u00f6nnte ihrer Meinung nach daran liegen, dass das Land nicht so stark traumatisiert war wie seine Nachbarn. Die Historikerin beobachtet jedoch auch einen virulenten Antikommunismus, der mittlerweile das nationale Narrativ in der tschechischen \u00d6ffentlichkeit und Politik dominiert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tVon dieser Dynamik zeugen die j\u00fcngsten politischen Vorf\u00e4lle. Der ehemalige Senatspr\u00e4sident Jaroslav Kubera wurde vergangenes Jahr zum Helden, als seine Missachtung der Kommunistischen Partei Chinas mit einem t\u00f6dlichen Herzinfarkt endete. Dieser Ruhm wurde ihm allerdings zuteil, kurz nachdem er in Theresienstadt vor Publikum erkl\u00e4rt hatte, dass sich Totalitarismus und Rassismus heute hinter Begriffen wie Umweltschutz, Gleichberechtigung, politische Korrektheit und Multikulturalismus verstecken.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tErst k\u00fcrzlich sah man Demonstrierende mit gelben Sternen auf den Stra\u00dfen Prags, die behaupteten, dass Menschen, die sich der Covid-19-Impfung verweigerten, wie die Juden w\u00e4hrend des Krieges gebrandmarkt werden w\u00fcrden. Der \u00f6ffentliche Aufschrei hielt sich, abgesehen von den Protesten fassungsloser j\u00fcdischer Gruppen, jedoch in Grenzen. H\u00e1jkov\u00e1s Buch stellt also nicht so sehr die g\u00e4ngigen nationalen Narrative \u00fcber das Ghetto und den Holocaust infrage als die faktische Mauer des Schweigens. \u201eIch denke, es ist befreiend und hilfreich f\u00fcr Menschen, \u00fcber die Gesellschaft nachzudenken, in der sie leben, wenn diese totgeschwiegenen Geschichten erz\u00e4hlt werden\u201c, argumentiert die Autorin. \u201eTschechien hat sich mit seiner Vergangenheit, was den Kommunismus oder den Holocaust betrifft, noch nicht geb\u00fchrend auseinandergesetzt.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tOriginal auf Englisch.\n\t\n\t<\/div>\t
\n\t\n\t\tEuropas schleichender Faschismus\t<\/h2>\n<\/a>\t\t\t\n\t\t\t\t
\n<\/div>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Erstmals publiziert am 16. M\u00e4rz 2021 auf\u00a0Reportingdemocracy.org<\/a>, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network.
Aus dem Englischen von\u00a0Barbara Maya<\/a>.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n