{"id":3744,"date":"2020-12-31T00:00:00","date_gmt":"2020-12-31T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/eine-tragoedie-bahnt-sich-an\/"},"modified":"2021-07-06T13:27:46","modified_gmt":"2021-07-06T13:27:46","slug":"eine-tragoedie-bahnt-sich-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/eine-tragoedie-bahnt-sich-an\/","title":{"rendered":"Eine Trag\u00f6die bahnt sich an"},"content":{"rendered":"
\n\tDie Pandemie, neue Gesundheitsbestimmungen und das, was manche als Voreingenommenheit der Regierung empfinden \u2013 all das bedroht das kulturelle Leben Polens<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNach monatelangen Proben macht sich unter Theaterk\u00fcnstlerinnen und -k\u00fcnstlern im September traditionell ein Gef\u00fchl der Aufregung und des Stolzes breit. In diesem Jahr ist der Beginn der neuen Spielzeit jedoch von Unsicherheit und der Angst gepr\u00e4gt, dass die Branche, die bereits durch den pandemiebedingten Lockdown und den damit einhergehenden Gesundheitsma\u00dfnahmen zum Erliegen gekommen ist, eine zweite Welle des Coronavirus nicht \u00fcberlebt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tPolens Theater \u00f6ffneten im Sommer vorsichtig ihre Tore, wenn auch unter strengen Gesundheits- und Sicherheitsauflagen. Die Besucherzahl pro Vorstellung wurde halbiert, jeder zweite Sitzplatz musste freibleiben und das Tragen von Masken auch w\u00e4hrend der Vorstellung war f\u00fcr Theaterbesucherinnen und -besucher vorgeschrieben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tViele Kunstschaffende empfinden das als ungerecht. In den vergangenen Monaten str\u00f6mten die Menschen in Polen unter Missachtung der Abstandsregeln zu Tausenden an die Str\u00e4nde, besuchten Hochzeiten, Nachtlokale sowie politische Kundgebungen im Vorfeld der Pr\u00e4sidentschaftswahl im Juni und Juli. F\u00fchrende Politikerinnen und Politiker sind in der \u00d6ffentlichkeit selten mit Masken zu sehen, und der Ministerpr\u00e4sident lie\u00df trotz nach wie vor ansteigender Infektionszahlen und Todesf\u00e4lle mit der Aussage aufhorchen, dass \u201edas Virus r\u00fcckl\u00e4ufig ist<\/a>\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAm 29. August 2020, w\u00e4hrend des Festivals European Stadium of Culture 2020 in Rzeszow, im S\u00fcdosten Polens, nehmen B\u00fchnenschauspieler an der Parade “Senses A3Theater” teil. Foto: \u00a9 EPA-EFE \/ Darek Delmanowicz<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer Schauspieler Micha\u0142 \u017bebrowski ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des angesagten privaten Teatr 6. pi\u0119tro (Theater im 6. Stock) im Zentrum Warschaus. Er erwartet nicht, dass Theater eine Sonderbehandlung bekommen. Bei nicht voller Auslastung sei die Inszenierung von St\u00fccken f\u00fcr sein Haus jedoch unrentabel. \u201eWenn es keine Zuschauer gibt, gehen wir zugrunde, dann sind wir weg.\u201c Die letzte Vorstellung in seinem Theater fand am 14. M\u00e4rz statt, nur einen Monat, nachdem man das 10-j\u00e4hrige Bestehen des Hauses geb\u00fchrend gefeiert hatte. Jetzt, da alle St\u00fccke f\u00fcr den Herbst abgesagt wurden, \u201eliegen wir in Agonie\u201c, kommentierte \u017bebrowski sarkastisch. \u201eAber wer interessiert sich gerade jetzt wirklich f\u00fcr das Schicksal von K\u00fcnstlern und Theatern?\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tVorw\u00fcrfe mangelnder Unterst\u00fctzung<\/strong> \n\tRaduszy\u0144ska ist eine von Tausenden K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern \u2013 viele mit unsteten Einkommen und fragilen Sicherheitsnetzen \u2013, die von der polnischen Regierung finanzielle Soforthilfe erhalten haben. Sie beantragte einen einmaligen Zuschuss von 1.800 Zloty netto (400 Euro) vom Kulturministerium und 2.400 Zloty netto (540 Euro) vom staatlichen Polnischen Filminstitut. Au\u00dferdem erhielt sie ein mit rund 7.500 Zloty netto (1.700 Euro) dotiertes \u201eKultur im Netz\u201c-Stipendium, das an einzelne Kunstschaffende und Einrichtungen, darunter lokale \u00f6ffentliche Kulturinstitutionen, NGOs und Kirchen, vergeben wird.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eDas sind nur einige der vielen Formen der Unterst\u00fctzung f\u00fcr Kunstschaffende und Kultureinrichtungen\u201c, teilte das Kulturministerium BIRN per E-Mail mit. Es gebe noch andere, etwa die Aufstockung der Mittel f\u00fcr Sonderprogramme oder Stipendien, die vom Kulturminister vergeben werden. Selbstst\u00e4ndige und Personen in atypischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen k\u00f6nnen auch bestimmte Beihilfen im Rahmen der vom Parlament verabschiedeten Wirtschaftshilfspakete<\/a> beantragen. Im Herbst dieses Jahres werde zudem ein neues Hilfsprogramm im Umfang von rund 425 Millionen Zloty (95 Millionen Euro) bereitgestellt, teilte das Ministerium mit. Bislang habe man seit dem Ausbruch der Krise Mitte M\u00e4rz knapp 94,5 Millionen Zloty (21 Millionen Euro) in die Kunst investiert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas Kulturministerium wurde von einigen Kommentatoren daf\u00fcr kritisiert, zu lange mit einer angemessenen Reaktion auf die Krise gewartet zu haben. Das bisherige Paket sei eher ein symbolischer Beitrag, besonders im Vergleich zu den Geldern, die Anfang des Jahres an loyale Medien \u00fcberwiesen wurden (450 Millionen Euro) oder den Millionen Euro, die f\u00fcr die geplante Pr\u00e4sidentschaftswahl ausgegeben wurden, auf die die rechte Regierungspartei PiS (\u201eRecht und Gerechtigkeit\u201c) im Mai in Form einer reinen Briefwahl<\/a> gedr\u00e4ngt hatte, die aber schlussendlich nicht stattfand.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer stellvertretender polnische Ministerpr\u00e4sident und Minister f\u00fcr Kultur und nationales Erbe Piotr Glinski. Foto: \u00a9 Leszek Szyma\u00f1ski \/ PAP \/ picturedesk.com<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tLaut Jerzy Hausner, \u00d6konom und Koautor des Alert Kultura<\/a> Bulletins, ist das Kulturministerium seiner Verantwortung faktisch nicht nachgekommen. Das Paket des Ministeriums sei \u201eeine kurzfristige L\u00f6sung\u201c gewesen, die \u201enicht dem Ernst der Lage entsprach\u201c.Unter der PiS-Regierung \u201ewird die Kultur als Erstes geschlossen und als Letztes wieder ge\u00f6ffnet\u201c, f\u00fcgte Hausner hinzu.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tPolitisches Desinteresse?<\/strong> \n\tEinige Schritte des polnischen Kulturministers Piotr Gli\u0144ski, wie die Forderung, die Auff\u00fchrung umstrittener St\u00fccke zu unterbinden, sowie die K\u00fcrzung \u00f6ffentlicher Ausgaben f\u00fcr liberale und linke Medien, wurden als Zensurversuche angesehen. Von Gli\u0144ski h\u00e4ufig ohne Ausschreibungsverfahren ernannten Kulturmanagern wurde von lokalen Akteuren der Kunstwelt vorgeworfen, den f\u00fchrenden Institutionen des Landes nationalistische Dogmen aufzwingen zu wollen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tJust in diesem Sommer sorgten Janusz Gajos<\/a> und Jan Peszek<\/a>, die zu den bedeutendsten zeitgen\u00f6ssischen Schauspielern Polens z\u00e4hlen, f\u00fcr Kontroversen, als sie in getrennten Interviews ihre Unzufriedenheit mit PiS zum Ausdruck brachten. Die Reaktionen von PiS-Funktion\u00e4ren, darunter Gli\u0144ski<\/a>, fielen dementsprechend heftig aus.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tBIRNs Versuche, mit acht PiS-Mitgliedern der parlamentarischen Kulturaussch\u00fcsse \u2013 f\u00fcnf aus dem Sejm und drei aus dem Senat, darunter auch die Leiter der verschiedenen Aussch\u00fcsse \u2013 in Kontakt zu treten, um das Thema der staatlichen Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Kunst sowie Spannungen zwischen der PiS und vielen Kunstschaffenden zu diskutieren, blieben erfolglos.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer Wirtschaftswissenschaftler Hausner wirft der PiS zwar vor, keine angemessene finanzielle Unterst\u00fctzung sicherzustellen, ist aber der Meinung, dass K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler selbst aktiver werden sollten, sich an das Leben w\u00e4hrend und nach der Pandemie anzupassen. \u201eW\u00e4re ich der Leiter einer Kulturinstitution, w\u00fcrde ich mir sofort dar\u00fcber Gedanken machen, wie ich meine k\u00fcnstlerische Arbeit neu organisieren k\u00f6nnte. In den letzten Monaten haben sich sowohl das Publikum als auch die Rahmenbedingungen dramatisch ver\u00e4ndert \u2013 es wird nie mehr so sein wie vorher.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eAll diese Erfahrungen w\u00e4hrend der Pandemie haben mein Selbstwertgef\u00fchl gest\u00e4rkt\u201c, bekannte Januszkiewicz. \u201eIch wei\u00df, dass ich alles schaffen kann, dass ich stark genug bin und dass ich mit allen m\u00f6glichen Unw\u00e4gbarkeiten umgehen kann.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repr\u00e4sentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tOriginal auf Englisch. Erstmals publiziert am\u00a07. September 2020 auf\u00a0Reportingdemocracy.org<\/a>, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network.<\/em> Die Theaterszene in Polen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2592,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[299,434],"tags":[381,264,358],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3744"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3744"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3744\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4946,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3744\/revisions\/4946"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2592"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3744"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3744"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3744"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3744"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}\n\t\n\t<\/div>\t
Wo Vorstellungen nicht abgesagt wurden, war man gezwungen, andere Wege zu gehen. F\u00fcr die Theaterregisseurin Katarzyna Raduszy\u0144ska sollte die Inszenierung von Edmond Rostands Cyrano de Bergerac<\/em> in ihrer Heimatstadt Walbrzych im S\u00fcdwesten Polens nach Jahren in Warschau und im Ausland eine zutiefst pers\u00f6nliche Reise werden. Das Konzept war nicht ausgefallen: Geplant war die Inszenierung eines St\u00fccks f\u00fcr 12 Schauspielerinnen und Schauspieler mit Originalmusik und -choreografie. Doch nach dem Ausbruch des Coronavirus wurde ihr stattdessen ein Einpersonenst\u00fcck ohne Musik und Choreografie vorgeschlagen. Sie hege jedoch keinen Groll, meinte sie. \u201eIn vielerlei Hinsicht hat dieses Monodrama das gesamte Projekt und meine Kollegen gerettet, die ihre Arbeitspl\u00e4tze behalten konnten\u201c, r\u00e4umte Raduszy\u0144ska ein. \u201eIrgendwie w\u00e4re ich mit dieser eigenartigen Situation schon fertig geworden, doch vielen K\u00fcnstlern, die ich kenne, geht es bei Weitem schlechter.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Seitens der seit f\u00fcnf Jahren regierenden PiS wird stetig versucht, das kulturelle Leben Polens in eine nationalistischere Richtung zu lenken. Das f\u00fchrt zu heftigen Konflikten mit einem Gro\u00dfteil der Kunstszene, was den momentanen Frust unter Kunstschaffenden nur verschlimmert hat.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Aus dem Englischen von\u00a0Barbara Maya<\/a>.<\/em>
Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Dariusz Kalan \/ Reporting Democracy. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der\u00a0Redaktion<\/a>.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Schauspieler des Sfinks-Theaters treten w\u00e4hrend der Premiere von \u201eForcing Freedom\u201c unter der Regie von Robert Florczak vor dem Shakespeare-Theater in Danzig auf. Es ist eine Auff\u00fchrung, die im Rahmen der Feier des 40. Jahrestages der Abkommen vom August 1980 in Danzig, am 28. August 2020, stattfindet. Die August-Vereinbarungen von 1980 zwischen streikenden Arbeitern und den kommunistischen Beh\u00f6rden Polens f\u00fchrten zur Schaffung einer unabh\u00e4ngigen selbstverwalteten Gewerkschaft, der Solidarno\u015b\u0107. Foto: \u00a9 EPA-EFE \/ Adam Warszawa<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"