{"id":3733,"date":"2020-10-01T00:00:00","date_gmt":"2020-10-01T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/ungleichheit-zur-sprache-bringen\/"},"modified":"2021-07-06T15:14:35","modified_gmt":"2021-07-06T15:14:35","slug":"ungleichheit-zur-sprache-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/ungleichheit-zur-sprache-bringen\/","title":{"rendered":"Ungleichheit zur Sprache bringen"},"content":{"rendered":"
\n\tAm 16. April hielt Branko Milanovic auf Einladung des Albert Hirschman Centre on Democracy einen Vortrag in Genf.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanovic z\u00e4hlt zu den weltweit f\u00fchrenden Experten auf dem Gebiet der globalen Ungleichheit. Mit Shalini Randeria sprach er am Rande eines Vortrags am Graduate Institute in Genf<\/a> \u00fcber Einkommensunterschiede, Reichensteuern und die Vision eines egalit\u00e4ren Kapitalismus. Shalini Randeria ist Professorin f\u00fcr Sozialanthropologie und Soziologie am Graduate Institute of International and Development Studies (IHEID) in Genf, wo sie seit M\u00e4rz 2017 auch das Albert Hirschman Centre on Democracy am IHEID leitet. Sie ist ebenso Direktorin des Instituts f\u00fcr die Wissenschaften vom Menschen<\/a> (IWM).<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tShalini Randeria: Wie kommt es dazu, dass sich \u00d6konomen erst in den letzten Jahrzehnten f\u00fcr die Frage der Ungleichheit interessiert haben? Ebenso \u00fcberrascht es, dass ausgerechnet die Weltbank, f\u00fcr die Sie mehr als 10 Jahren lang t\u00e4tig waren, erst k\u00fcrzlich das Problem der Ungleichheit f\u00fcr sich entdeckt hat, obwohl sie ein anhaltendes Interesse am Thema Armut hat. <\/strong> \n\tBranko Milanovi\u0107 arbeitete zwanzig Jahre als \u00d6konom und Chef\u00f6konom in der Forschungsabteilung der Weltbank. Derzeit is er Visiting Presidential Professor am Graduate Center der City University of New York (CUNY) und ein Senior Scholar am Stone Center on Socio-economic Inequality. Sein Buch Die ungleiche Welt – Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht wurde 2016 mit dem Bruno-Kreisky-Preis f\u00fcr das Politische Buch ausgezeichnet.<\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n \n\tWas Ihre zweite Frage betrifft, so hat sich die Weltbank sehr viel mehr mit Armut als mit Ungleichheit besch\u00e4ftigt, weil Armutsbek\u00e4mpfung ein \u201esexy Thema\u201c war. \n\tSie haben Recht, Ungleichheit f\u00fchrt uns sofort in die Welt der Reichen. Klassen- und Verm\u00f6gensunterschiede sind viel schwieriger zu analysieren als die Welt der Armen, die viel leichter zug\u00e4nglich ist. Aber ich m\u00f6chte gerne auf eine andere, nicht minder \u00fcberraschende Erkenntnis Ihrer Forschung eingehen \u2013 n\u00e4mlich, dass der Geburtsort der wichtigste der Faktoren ist, die auf Lebenschancen und Einkommen Einfluss nehmen. Wie l\u00e4sst sich das erkl\u00e4ren?<\/strong> \n\tWenn der Ort f\u00fcr die H\u00f6he des Einkommens so entscheidend ist, w\u00e4re es nur logisch, dorthin zu ziehen, wo die L\u00f6hne h\u00f6her sind. Sie sprechen sich zwar f\u00fcr Migration aus, pl\u00e4dieren aber f\u00fcr begrenzte Leistungen und vor\u00fcbergehende Aufenthaltstitel f\u00fcr MigrantInnen. Warum nehmen Sie hier eine so kontroverse Position ein?<\/strong>
Branko Milanovi\u0107: Das sind ausgezeichnete Fragen, denn sie sprechen direkt den politischen bzw. ideologischen Aspekt des Themas Ungleicheit an. Wenn man \u2013 so wie im Falle der meisten \u00d6konomen \u2013 st\u00e4ndig ein allgemeines Gleichgewichtsmodell im Hinterkopf hat, besteht das generelle Problem darin, dass die zwei f\u00fcr Ungleichheit so zentralen Elemente \u2013 die Preise sowie die Ausstattung der Produktionsfaktoren \u2013 wirklich au\u00dferhalb ihres Fokus liegen. Lassen Sie es mich n\u00e4her erkl\u00e4ren. Preise wie Lohn und Kapitalrendite werden vom Markt bestimmt, ob es einem gef\u00e4llt oder nicht. Und wie viel Kapital oder Arbeit man hat, liegt au\u00dferhalb des Systems: Man betritt den Markt mit den eigenen Ressourcen. \u00d6konomen nahmen daher sowohl Preise als auch individuelle Ressourcenausstattung als gegeben an, weil sie diese au\u00dferhalb ihres disziplin\u00e4ren Zust\u00e4ndigkeitsbereichs sahen. Folglich wurden Ungleichheit oder Einkommensverteilung von der Wirtschaftswissenschaft fast vollst\u00e4ndig au\u00dfer Acht gelassen. Als ich in den 90er Jahren anfing, \u00fcber Ungleichheit zu schreiben, war das Thema in wirtschaftlichen Fachzeitschriften kaum vorhanden. Im Journal of Economic Literature gab es damals kein eigenes Stichwort f\u00fcr \u201eUngleichheit\u201c, weshalb man auf Stichw\u00f6rter wie \u201eWohlfahrt” oder “Bildung” zur\u00fcckgreifen musste. Man musste erfinderisch sein, weil Ungleichheit schlichtweg f\u00fcr \u00d6konomen nicht existierte!<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\tBranko Milanovi\u0107<\/h2>\n\t
Jeder wollte als jemand gesehen werden, der armen Menschen hilft. Wie ein Freund von mir einmal sagte: “Wann immer ich meine Vorstandsmitglieder bitte, ein Projekt zu finanzieren, das sich mit Ungleichheit besch\u00e4ftigt, denken sie, dass ich hinter ihrem Geld her bin.
Wenn ich sie jedoch bitte, ein Projekt zur Armutsbek\u00e4mpfung zu finanzieren, sind alle daf\u00fcr und f\u00fchlen sich gut dabei.”
Als ich bei der Weltbank war, nutzte ich den einzigartigen Datensatz, den es dort gab, um zum ersten Mal die globale Ungleichheit zu messen. Ich arbeitete fast ausschlie\u00dflich allein, ohne nennenswerte wissenschaftliche Unterst\u00fctzung und so gut wie keine F\u00f6rderung aus dem sonst so \u00fcppigen Forschungsetat der Weltbank.
Aber ich konnte ungehindert arbeiten, da sich niemand f\u00fcr das Thema interessierte. Wie sich die Zeiten \u00e4ndern!<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Im Wesentlichen habe ich festgestellt, dass, wenn man alle Menschen der Welt, von den \u00e4rmsten 1% bis zu den reichsten 1% eines jeden Landes, in Perzentilgruppen unterteilt und untersucht, wie viel von ihrem Gesamteinkommen durch die Variable Geburtsland erkl\u00e4rt werden kann, man im Grunde genommen eine Antwort von 0,6 erh\u00e4lt. Das ist bemerkenswert! Um es anders auszudr\u00fccken, 60% des Lebenseinkommens werden durch den Geburtsort bestimmt. Ich habe diese Zahlen dann mit Sch\u00e4tzungen zur intergenerationalen Weitergabe von Einkommen kombiniert. Es zeigte sich, dass 80% des Einkommens einer Person durch die Faktoren Geburtsland (60%) und Einkommenssituation der Eltern (20%) erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Die restlichen 20% entfallen auf Leistung, Gl\u00fcck oder andere Faktoren wie Geschlecht, ethnische Zugeh\u00f6rigkeit etc.
Diese Erkenntnis ist besonders relevant f\u00fcr die aktuellen Migrationsdebatten. Wir m\u00fcssen uns dar\u00fcber im Klaren sein, dass Migration einfach das Ergebnis des Zufalls ist, wo man geboren wurde.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Es handelt sich in der Tat um eine sehr provokative und umstrittene Position, die von der Pr\u00e4misse ausgeht, dass Migration genauso behandelt werden sollte wie Kapital: als ein Produktionsfaktor, der sich im Zeitalter der Globalisierung v\u00f6llig frei bewegen sollte. Wenn wir die Freiz\u00fcgigkeit des Kapitals akzeptieren, sollten wir das auch bei der Freiz\u00fcgigkeit der Arbeitnehmer tun. Aber hier sto\u00dfe ich auf ein Problem: Die Bev\u00f6lkerung der Empf\u00e4ngerl\u00e4nder ist nicht bereit, einer solchen Idee Rechnung zu tragen. Wir k\u00f6nnen darauf bestehen, dass Migration positive Auswirkungen auf das allgemeine Wirtschaftswachstum (und sogar das der Empf\u00e4ngerl\u00e4nder) hat und Armut sowie Ungleichheit insgesamt reduziert, aber wenn die Bev\u00f6lkerung in den jeweiligen L\u00e4ndern dagegen ist, m\u00fcssen wir diesen Widerstand zur Kenntnis nehmen. Genau das habe ich getan. Ich habe den umstrittenen Vorschlag gemacht, die B\u00fcrgerrechte von MigrantInnen einzuschr\u00e4nken, um die Akzeptanz von Einwanderung bei der einheimischen Bev\u00f6lkerung zu erh\u00f6hen. Ich schlage einen Kompromiss vor \u2013 nicht weil ich so vernarrt in ihn bin, sondern weil die Alternative eine Nullmigration w\u00e4re. Meine Position ist eigentlich eine Verteidigung der Migration, aber auf eine kontraintuitive Weise.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n