{"id":3716,"date":"2020-08-18T00:00:00","date_gmt":"2020-08-18T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/pluralistisches-europa\/"},"modified":"2021-08-24T13:10:14","modified_gmt":"2021-08-24T13:10:14","slug":"pluralistisches-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/pluralistisches-europa\/","title":{"rendered":"Pluralistisches Europa"},"content":{"rendered":"
\n\tGegen Ende des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts steht das Problem der globalen Ungleichheit \u2013 ein mit der neoliberalen Globalisierung der vergangenen 25 Jahre in Zusammenhang stehendes Ph\u00e4nomen \u2013 zunehmend im Zentrum der Untersuchungen politischer Prozesse auf der ganzen Welt. In den Demokratien Europas und Nordamerikas kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu \u2013 der Rechtspopulismus.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tObwohl sich dessen bef\u00fcrchteter Siegeszug in der EU am Vorabend der Wahlen zum Europ\u00e4ischen Parlament nicht bewahrheitet hat, gelang es den Rechtspopulisten dennoch, ihre Position zu st\u00e4rken, vor allem aber ihre Pr\u00e4senz in der institutionellen Politik eindrucksvoll zu festigen.Siehe Artikel: Ivan Krastev, The Far Right Is Here to Stay. And other lessons from the European Parliament elections<\/a><\/em>, The New York Times, (28. Mai 2019) https:\/\/www.nytimes.com\/2019\/05\/28\/opinion\/european-elections.html?searchResultPosition=1 [Zugriff Mai 2019]<\/sup> Diese neue europ\u00e4ische Realit\u00e4t ist f\u00fcr Belarus keineswegs neu \u2013 der populistische Pr\u00e4sident regiert das Land seit 24 Jahren im Alleingang. Auch wenn der Kontext dieses speziellen autorit\u00e4ren Populismus ein anderer ist und als staatlicher Paternalismus (und nicht als Neoliberalismus des Weltmarkts) bezeichnet werden kann, ist er durch die moralisierte Form des Antipluralismus mit dem Rechtspopulismus verflochten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tMit diesem Ph\u00e4nomen setzt sich Jan-Werner M\u00fcller in seinem Buch \u00fcber den Populismus auseinander. Dieser gemeinsame Kern des rechten und autorit\u00e4ren Populismus zeigt heute, dass gerade der Pluralismus \u2013 die Verpflichtung, \u201eeine gerechte Grundlage zu finden, um einen gemeinsamen politischen Raum mit anderen Menschen zu teilen, die wir als frei und gleich respektieren, die aber gleichzeitig in ihrer Identit\u00e4t und ihren Interessen grundverschieden sind\u201cAufgrund der Verschiedenheit der Sprachversionen der Publikationen und mangels \u00dcbersetzung der deutschen Version des Buches (Jan-Werner M\u00fcller, Was ist Populismus?<\/em>, Berlin: Suhrkamp, 2016) wurde das Zitat nach folgender Quelle \u00fcbersetzt: Jan-Werner M\u00fcller, What is Populism?<\/em>, (Penguin Books, 2017). S. 82 <\/sup> \u2013 die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr die moderne, durch die Globalisierung sowohl vernetzte als auch gespaltene Welt darstellt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tZwischen alten und neuen Formen der Diskriminierung<\/strong> \n\tGing es in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie um die Ungleichheit zwischen Nationen, wie Branko Milanovi\u0107 in seinem viel zitierten Buch \u00fcber die globale Ungleichheit hinweist, so trat zu Beginn des 21. Jahrhunderts die innere Ungleichheit an ihre Stelle und es dr\u00e4ngt sich erneut das Bild einer Welt auf, wie sie Karl Marx beschrieben hat.Branko Milanovic, Global Inequality: A New Approach for the Age of Globalization<\/em> (Massachusetts: Harvard University Press, 2016) S. 118-154 <\/sup> Es ist gerade die wirtschaftliche Ungleichheit, die zunehmend als eine der wichtigsten Triebfedern f\u00fcr AfD-Anh\u00e4nger in Deutschland zu verstehen ist, w\u00e4hrend die Wirtschaftskrise und die Erosion des Sozialstaates im Vorfeld der Wahlen zum Europ\u00e4ischen Parlament zu den gr\u00f6\u00dften Bedrohungen f\u00fcr Europa z\u00e4hlten.Siehe Artikel: Ivan Krastev, Mark Leonard & Susi Dennison, What Europeans really want: five myths debunked<\/a><\/em>, European Council of Foreign Relations, (April 2019) [Zugriff Mai 2019] <\/sup><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDabei ist jedoch zu bedenken, dass die wirtschaftliche Ungleichheit, die selbst in demokratischen L\u00e4ndern zu einer Erosion der Mittelschicht f\u00fchren kann, in ihrer reinen Form nicht mehr existiert und von einer Reihe gravierender Ver\u00e4nderungen begleitet wird. Eine dieser Ver\u00e4nderungen betrifft die Geschlechterfrage. Die Emanzipationsprozesse, die im 20. Jahrhundert den Ansto\u00df zur Bildung des Sozialstaates gaben, f\u00fchrten zu einer Schw\u00e4chung der symbolischen Rolle des Vaters, der letztendlich sein Monopol auf die Funktion des Alleinverdieners verlor. Der Umstand einer sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation (die auch der Abl\u00f6sung der produzierenden Industrie durch den Dienstleistungssektor geschuldet ist) tr\u00e4gt kaum zur Suche und Bildung neuer, progressiver symbolischer Muster bei. Das gilt insbesondere dann, wenn die Gesellschaft (auf Ebene der Massenkultur und in den Bereichen Pflege und h\u00e4usliche Arbeit) weiterhin Stereotype und Verhaltensmuster hochh\u00e4lt, die im Widerspruch zu den Emanzipationsprozessen der Frauen stehen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas bedeutet, dass moderne Kulturmodelle nicht im Widerspruch zu den Werten und Prinzipien stehen sollten, die aus der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte sowie den darauf basierenden Vereinbarungen hervorgehen. Foto: \u00a9 Ralf Hirschberger \/ dpa \/ picturedesk.com<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDaraus l\u00e4sst sich schlussfolgern, dass die europ\u00e4ischen Gesellschaften heute am Scheideweg zahlreicher Ver\u00e4nderungen stehen, die eine Radikalisierung der Themen und Agenden erfordern, die aus den 1970er-Jahren (in Antizipation der Globalisierung) stammen und mit neuen Formen des Sozialstaats und der Sozialpolitik, der Gleichstellung der Geschlechter sowie weiteren Entwicklungen der Emanzipation in Zusammenhang stehen. Und obwohl sie unter neuen, unterschiedlichen Bedingungen formuliert werden, die neben Globalisierung und Migration auch durch den Klimawandel und die neuen nationalistischen Bestrebungen nach 2015 beeinflusst sind, kann man sich bisweilen eines D\u00e9j\u00e0-vu-Gef\u00fchls nicht erwehren, dass solche Ph\u00e4nomene zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch als Rechtfertigung f\u00fcr wirtschaftliche \u00dcberlegenheit, soziale Hierarchien oder Sexismus dienen k\u00f6nnen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDaraus l\u00e4sst sich schlussfolgern, dass die europ\u00e4ischen Gesellschaften heute am Scheideweg zahlreicher Ver\u00e4nderungen stehen, die eine Radikalisierung der Themen und Agenden erfordern, die aus den 1970er-Jahren (in Antizipation der Globalisierung) stammen und mit neuen Formen des Sozialstaats und der Sozialpolitik, der Gleichstellung der Geschlechter sowie weiteren Entwicklungen der Emanzipation in Zusammenhang stehen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie h\u00e4ufigste Antwort, die heute als L\u00f6sung f\u00fcr die genannten Probleme angeboten wird, ist jedoch nicht die Kritik an der sozialen Ungleichheit und den verschiedenen Formen der Diskriminierung im globalisierten europ\u00e4ischen Raum, sondern die Identit\u00e4tspolitik. Sie scheint die europ\u00e4ischen Gesellschaften in die Zeit vor dem Aufkommen des Wohlfahrtsstaates zur\u00fcckzuwerfen \u2013 zu Existenzformen, die nicht auf der Grundlage gesellschaftlicher Solidarit\u00e4t, sondern durch die Rechtfertigung und Konsolidierung verschiedener Privilegien geregelt wurden. Die Sehnsucht nach diesen Privilegien steht heute nicht von ungef\u00e4hr im Zentrum der neuen alten Identit\u00e4tspolitik.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAnderes Europa und andere in Europa<\/strong> \n\tDas \u201eneue Europa\u201c und die Auseinandersetzung um die europ\u00e4ische Idee<\/strong> \n\tDie Notwendigkeit solcher Diskussionen ergibt sich wiederum aus dem Gef\u00fchl der wirtschaftlichen und sozialen Unsicherheit, der Vulnerabilit\u00e4t, in einem Land zu leben, in dem der Sozialstaat erodiert und Machtstrukturen au\u00dferhalb der Kontrolle der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger liegen. Infolgedessen ist es die Kirche, die pl\u00f6tzlich den moralischen Diskurs in Belarus wie auch in den europ\u00e4ischen Nachbarl\u00e4ndern beherrscht. Dies gilt selbst f\u00fcr die Quasi-Gl\u00e4ubigen, die in Belarus in der Mehrheit sind und als \u201eorthodoxe Atheisten\u201c bezeichnet werden \u2013 Menschen, die nur an religi\u00f6sen Feiertagen in die Kirche gehen und gleichzeitig abergl\u00e4ubisch sind und an Horoskope glauben. \n\tDie Aufrechterhaltung der sozialen Gleichheit in ihrer offenen und umstrittenen Form bzw. die Gleichheit ohne Gleichstellung kann nicht l\u00e4nger losgel\u00f6st vom Ringen um die Gleichstellung der Geschlechter und Frauen betrachtet werden, die nicht dem Recht verschiedener Gemeinschaften auf ihre kulturelle Identit\u00e4t zum Opfer fallen darf. Dies wird in der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau klar zum Ausdruck gebracht: Frauen (und M\u00e4nner) d\u00fcrfen nicht zu Geiseln von Traditionen und Vorurteilen werden, die auf der Vorstellung der Unter- bzw. \u00dcberlegenheit eines der Geschlechter beruhen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie Hochhaltung dieser und anderer Prinzipien in der EU erfordert einen kritischen Blick auf die Kultur insgesamt. Unterschiedliche Kulturmodelle spielten und spielen eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und Gemeinschaften. Dies ist jedoch kaum m\u00f6glich, wenn sie in Gestalt romantisch verkl\u00e4rter Vorstellungen vom \u201eLeben vor der Europ\u00e4ischen Union\u201c oder vom Leben vor der Industrialisierung und Globalisierung einherkommen. Das bedeutet, dass moderne Kulturmodelle nicht im Widerspruch zu den Werten und Prinzipien stehen sollten, die aus der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte sowie den darauf basierenden Vereinbarungen hervorgehen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas macht die Frage nach der Struktur und Existenz der Gemeinschaften selbst zu einer der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Anders ausgedr\u00fcckt: Schon die Struktur der Gemeinschaften selbst muss heute verhindern, dass diese sich in Ghettos verwandeln, d.h. sie darf nicht zulassen, dass ihre Grenzen absolut undurchl\u00e4ssig und die Prinzipien ihrer Organisation der Diskussion entzogen werden.Ich gehe in meinem Buch Community-after-Holocaust: on the way to inclusion in society<\/em> (Minsk: Eclab Books, 2018) ausf\u00fchrlicher darauf ein. <\/sup><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tLassen sich Egalitarismus, Solidarit\u00e4t und die Wahrung der Menschenrechte auch in einer Situation sch\u00fctzen, in der die Grenzen der EU geschlossen sind \u2013 wie von ultrarechten Regierenden und Politikern ertr\u00e4umt?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas bringt uns zur Kernfrage \u2013 der Struktur der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft bzw. der Europ\u00e4ischen Union selbst. Lassen sich Egalitarismus, Solidarit\u00e4t und die Wahrung der Menschenrechte auch in einer Situation sch\u00fctzen, in der die Grenzen der EU geschlossen sind \u2013 wie von ultrarechten Regierenden und Politikern ertr\u00e4umt? All dies in einer Situation der Globalisierung, die es privilegierten Menschen und Gruppen, einschlie\u00dflich derer aus Europa, erlaubt, weiterhin von der Globalisierung in erster Linie f\u00fcr ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen zu profitieren; und vor dem Hintergrund einer Kriegssituation in der Ukraine, deren B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ihre proeurop\u00e4ische Entscheidung klar zum Ausdruck gebracht haben und die volle Unterst\u00fctzung ihrer europ\u00e4ischen Partner ben\u00f6tigen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tHannah Arendt, eine der meistzitierten Philosophinnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, gelangte in einer Betrachtung der Fl\u00fcchtlingssituation in der Zwischenkriegszeit zu folgender Beobachtung: Sie schreibt, dass es einfach keinen Platz gab, wohin sie \u201egehen konnten, ohne den sch\u00e4rfsten Einschr\u00e4nkungen unterworfen zu sein\u201c. Arendt kommt zu dem Schluss, dass \u201ediese Unm\u00f6glichkeit keineswegs ihren Grund in Bev\u00f6lkerungsproblemen\u201c hatte. \u201eEs war kein Raumproblem, sondern eine Frage politischer Organisation.\u201cHannah Arendt, Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft<\/em> (M\u00fcnchen\/Z\u00fcrich: Piper, 1996) S. 457 <\/sup> Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass das Schicksal des europ\u00e4ischen Projekts sowohl auf Ebene der einzelnen europ\u00e4ischen Staaten als auch der EU insgesamt von der L\u00f6sung dieses Problems abh\u00e4ngt. Wenn dies gelingt, kann das europ\u00e4ische Projekt zum Gegenentwurf zu den Zukunftsvisionen der rechten und autorit\u00e4ren Populisten f\u00fcr Europa werden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tOriginal in Englisch. Erstmals erschienen im Oktober 2019 in der Publikation “Whose Europe?<\/a>” (“Wessen Europa”).<\/em> \u00dcber Grenzen hinweg oder wie man dem rechten und autorit\u00e4ren Populismus Einhalt gebieten kann.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2383,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,268],"tags":[280,369,281,344,366],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3716"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3716"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3716\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5734,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3716\/revisions\/5734"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2383"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3716"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3716"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3716"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3716"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
In diesem neuen Kontext l\u00e4sst sich der Pluralismus kaum auf die Wertefrage, oder besser gesagt, auf den Wertediskurs abseits von Wirtschaft und Politik reduzieren. Bei den \u201eanderen Menschen\u201c, von denen M\u00fcller spricht, handelt es sich nicht mehr nur um Fl\u00fcchtlinge und Migranten aus arabischen L\u00e4ndern, sondern ebenso um Individuen verschiedener Generationen, Gesellschaftsklassen oder verschiedenen Geschlechts.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Besonders ausgepr\u00e4gt ist diese Tendenz in den L\u00e4ndern Mittel- und Osteuropas. F\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger dieser L\u00e4nder spielt Religiosit\u00e4t f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis ihrer nationalen Identit\u00e4t eine wichtige Rolle (w\u00e4hrend die Religiosit\u00e4t in Westeuropa abnimmt). Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Religiosit\u00e4t und der Verweigerung des Rechts der Frauen auf ihren eigenen K\u00f6rper, des Rechts auf Abtreibung und des allgemeinen Rechts auf Eheschlie\u00dfung gleichgeschlechtlicher Paare.Siehe Artikel: Eastern and Western Europeans Differ on Importance of Religion, Views of Minorities, and Key Social Issues<\/a><\/em>, Pew Research Center (29. Oktober 2018) https:\/\/www.pewforu.org\/2018\/10\/29\/eastern-and-western-europeans-differ-on-importance-of-religion-views-of-minorities-and-key-social-issues\/ [Zugriff Mai 2019] <\/sup> Aus belarussischer Sicht d\u00fcrfte die Zunahme der Religiosit\u00e4t die Folge des Mangels an ernsthaften, fundierten \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00fcber jede Art von moralischen Themen sein. Derartige Diskurse finden im Bildungssystem und in den belarussischen Medien praktisch nicht statt, und dieser Umstand wird vom autorit\u00e4ren Staat unterst\u00fctzt und genutzt, um die \u00f6ffentliche Meinung zu kontrollieren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\tWessen Europa?<\/h2>\n\t
Wer geh\u00f6rt zu Europa? Und wenn wir von \u201eEuropa\u201c sprechen, was genau meinen wir damit? Fragen wie diese werden in ganz Europa und dar\u00fcber hinaus kontrovers diskutiert. Dabei waren und sind Europa als Gemeinschaft und die Europ\u00e4ische Union als supranationale und intergouvernementale Staatengemeinschaft wichtige Bezugspunkte.
In Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren aus den L\u00e4ndern der \u00d6stlichen Partnerschaft sowie mit Partnern des Zentraleuropa-Projekts wurden im Rahmen des Projekts Wessen Europa?\/ Whose Europe? verschiedene Formen der Interaktion auf lokaler, nationaler und europ\u00e4ischer Ebene identifiziert und konzipiert, ihre Auswirkungen erhoben und die Ergebnisse ver\u00f6ffentlicht. Auf diese Weise wurden sie in ganz Europa und dar\u00fcber hinaus zug\u00e4nglich gemacht, aber auch in ihren urspr\u00fcnglichen lokalen Kontexten zur Diskussion gestellt.
Das Projekt \u201eWessen Europa?\/Whose Europe?<\/a>\u201c beinhaltete eine Konferenz in Eriwan, lokale Interventionen in Chi\u0219in\u0103u, Kiew, Minsk, Tiflis und Eriwan sowie eine Ausstellung und eine Diskussion in Berlin und in weiterer Folge diese Publikation. Das Projekt wurde vom Ausw\u00e4rtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Programms \u201e\u00d6stliche Partnerschaften\u201c gef\u00f6rdert.<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n
Wenn es jedoch um die \u201emuslimische Bedrohung\u201c geht, spekulieren Rechtspopulisten in Westeuropa gerne \u00fcber die Vorstellung eines \u201echristlichen Europas\u201c. Wie in den mittel- und osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern geht es bei diesem Ansatz darum, Probleme durch Konzepte zu ersetzen \u2013 statt die Bedingungen, einschlie\u00dflich der wirtschaftlichen Lage[6]<\/a><\/sup>, zu analysieren, die die Integration verschiedener Gemeinschaften und Mitglieder der Gesellschaft erschweren, soll genau das gest\u00e4rkt werden, was \u201euns\u201c von \u201edenen\u201c trennt. Die neo-nationalistische Rhetorik bringt immer mehr \u201eandere\u201c hervor, zu denen traditionell gespaltene Gruppen geh\u00f6ren; M\u00e4nner gegen Frauen oder Katholiken gegen Juden; ebenso wie neu konstruierte Gruppen, die sich durch die Migration oder eine andere Auslegung von Sexualit\u00e4t ergeben.
Neue solidarische Gesellschaften \u00fcber Grenzen hinweg<\/strong>
Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass der Pluralismus in den modernen europ\u00e4ischen Gesellschaften, was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig gest\u00e4rkt werden muss, wobei die wirtschaftliche Lage und der soziale Status gleicherma\u00dfen zu ber\u00fccksichtigen sind. Das bedeutet, dass die benachteiligte Stellung bestimmter Menschen und Gruppen einer separaten Untersuchung bedarf und eine Identifizierung von Bedingungen erfordert, die es erm\u00f6glichen, die Globalisierung als ein multidimensionales Ph\u00e4nomen zu begreifen, das von sehr unterschiedlichen Akteuren in ihrem eigenen Interesse und f\u00fcr sehr unterschiedliche Zwecke genutzt wird.
Um jedoch einige dieser Zwecke als inakzeptabel zu erkennen, ist es notwendig, zu den Prinzipien und Werten zur\u00fcckzukehren, die sich aus der gesellschaftlichen Neuordnung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg ergeben haben. Dazu z\u00e4hlen in erster Linie der Egalitarismus und die Privilegienkritik. Unter Beachtung dieses Prinzips darf die soziale Benachteiligung und Dem\u00fctigung beispielsweise von wei\u00dfen M\u00e4nnern in den Vereinigten Staaten, die ihre prestigetr\u00e4chtigen Arbeitspl\u00e4tze und ihren sozialen Status verloren haben (wie Francis Fukuyama in seinem j\u00fcngsten Vortrag ausf\u00fchrte)[7]<\/a><\/sup>, nicht au\u00dfer Acht gelassen werden, sondern sollte in den Kontext des Strebens nach einem menschenw\u00fcrdigen Leben und gesellschaftlicher Anerkennung aller anderen Menschen und Gruppen gestellt werden.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
\u00dcbersetzung ins Deutsche von Barbara Maya<\/a>.
Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Olga Shparaga \/ tranzit.at \/ ski stadtkultur international. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>.
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