{"id":3693,"date":"2020-02-26T00:00:00","date_gmt":"2020-02-26T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/wird-bald-der-letzte-arzt-den-kosovo-verlassen\/"},"modified":"2021-07-07T13:32:44","modified_gmt":"2021-07-07T13:32:44","slug":"wird-bald-der-letzte-arzt-den-kosovo-verlassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wird-bald-der-letzte-arzt-den-kosovo-verlassen\/","title":{"rendered":"Wird bald der letzte Arzt den Kosovo verlassen?"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tShkumbin Ahmetxhekaj deckt die alarmierenden Auswirkungen der Abwanderung auf das Gesundheitssystem des Kosovo auf. Versch\u00e4rft wird die Situation durch eine nicht reglementierte Privatwirtschaft, die massenweise medizinische Fachkr\u00e4fte f\u00fcr den deutschen Markt hervorbringt.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSchlussendlich war es die Pendelei, die den Ausschlag gab. Blerim Berisha war Assistenzarzt f\u00fcr Kardiologie im Universit\u00e4tsklinikum der Republik Kosovo in der Hauptstadt Pristina, wo er tags\u00fcber EKGs und Ultraschalluntersuchungen durchf\u00fchrte. Nach einem Acht-Stunden-Dienst sprang er in seine alte Karre und bretterte die Autobahn M9 bis ins 60 Kilometer westlich von Pristina gelegene Klina, wo er mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn lebte. Nicht, dass er viel Zeit mit ihnen verbrachte. Die einzige M\u00f6glichkeit, \u00fcber die Runden zu kommen, bestand darin, Nachtdienste in einem 30 Kilometer entfernten Gef\u00e4ngnis zu \u00fcbernehmen. Dann ruhte er sich zu Hause kurz aus, bevor es wieder nach Pristina ging und alles von vorne begann. \u201eManchmal f\u00fchlte es sich so an, als w\u00fcrde ich \u00fcberhaupt nicht zum Schlafen kommen\u201c, erinnerte er sich an diese Zeit. \u201eGanz zu schweigen davon, Zeit f\u00fcr meine Familie zu haben.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tHeute f\u00e4hrt Berisha (42) auf seinem Weg zur Arbeit an deutschen Fachwerkh\u00e4usern im malerischen Pegnitz in der N\u00e4he von N\u00fcrnberg vorbei, wo er als Kardiologe im gr\u00f6\u00dften Krankenhaus der Stadt arbeitet. Er verdient das Zehnfache seines alten Gehalts und besucht an den Wochenenden mit seiner Frau und seinen Kindern gerne historische St\u00e4tten. F\u00fcnf Jahre sind vergangen, seit er sein Stethoskop eingepackt und nach Deutschland gezogen ist. Berisha bereut es bis heute nicht. \u201eDie Entscheidung hierher zu kommen fiel mir wirklich sehr schwer, aber es ging nicht anders\u201c, meinte er in einem Gespr\u00e4ch bei sich zuhause in N\u00fcrnberg, an einem Apfelsaft nippend. Wenn es auch die strapazi\u00f6sen Dienste und langen Anfahrtszeiten waren, die ihm am meisten abverlangten, so \u00e4nderte auch seine Diagnose des kr\u00e4nkelnden Gesundheitssystems des Kosovo seine Sichtweise. \u201eKorruption, eine begrenzte Denkweise und Vetternwirtschaft in staatlich finanzierten Institutionen zerst\u00f6ren die Zukunft des Landes\u201c, lautet sein Fazit.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tBlerim Syla, Direktor des Verbands der Gesundheitsgewerkschaften, ist besorgt \u00fcber die Auswirkungen der Abwanderung von medizinischen Fachkr\u00e4ften. Foto: \u00a9 Shkumbin Ahmetxhekaj<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tBerisha ist einer von Hunderten von \u00c4rztinnen und \u00c4rzten im Kosovo, die niedrige Geh\u00e4lter und enorme Belastungen gegen ein lohnenderes Leben im Ausland ausgetauscht haben. Die meisten gehen nach Deutschland, wo im Kosovo erworbene medizinische Qualifikationen anerkannt werden. Eine Karriere im Ausland wird f\u00fcr kosovarische \u00c4rzte, Pflege- und anderes Gesundheitspersonal immer einfacher. BIRN zeigt das volle Ausma\u00df der Abwanderung medizinischer Fachkr\u00e4fte in Europas j\u00fcngstem Staat auf. Wie aus den Zahlen der \u00c4rztekammer und der Kammer f\u00fcr Krankenpflegeberufe hervorgeht, wandern in einem Land mit einer der niedrigsten \u00c4rztedichten des Kontinents alle zwei Tage eine \u00c4rztin oder ein Arzt und jeden Tag zwei Pflegekr\u00e4fte aus.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSituation in Kroatien<\/h2>\n\t
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\n\tDer Kosovo ist nicht das einzige Land in S\u00fcdosteuropa, das mit der Abwanderung von medizinischen Fachkr\u00e4ften zu k\u00e4mpfen hat. Das Ph\u00e4nomen betrifft die ganze Region, darunter auch das j\u00fcngste EU-Mitglied Kroatien. Nach Angaben der kroatischen \u00c4rztekammer wurde die f\u00fcr die Arbeitssuche im Ausland erforderliche Bescheinigung von mehr als zehn Prozent aller kroatischen \u00c4rztinnen und \u00c4rzte \u2013 rund 1.700 \u2013 angefordert. \u201eIch sage immer, dass das kroatische Gesundheitssystem ein schwieriges Terrain f\u00fcr \u00c4rzte und Patienten ist, wobei die Situation jeden Tag schlechter wird\u201c, meinte Ljiljana Cenan, eine praktische \u00c4rztin in Ivankovo, einer Ortschaft im Osten des Landes. Zwanzig Jahre arbeitete Cenan dort, bevor sie einen Job in Schweden annahm. Es sei schwierig, einen Ersatz f\u00fcr sie zu finden, meinte sie.

Wie ihre Kolleginnen und Kollegen im Kosovo klagen viele kroatische \u00c4rztinnen und \u00c4rzte \u00fcber begrenzte M\u00f6glichkeiten in der Facharztausbildung. Um den Exodus zu stoppen, werden \u00c4rztinnen und \u00c4rzte in Kroatien angehalten, nach Beendigung ihrer Assistenzzeit an der betreffenden Klinik zu bleiben \u2013 oder sie m\u00fcssen eine Strafe von bis zu 135.000 Euro zahlen.

Ivan Bekavac, Leiter des B\u00fcros f\u00fcr medizinische und internationale Angelegenheiten der \u00c4rztekammer, ist der Ansicht, dass das Land vor einem ernsten Problem stehe, auch wenn er nicht viel davon h\u00e4lt, junge \u00c4rztinnen und \u00c4rzte auf diese Weise an die Kandare zu nehmen. Er nannte das Beispiel eines Krankenhauses in Slavonski Brod, das 32 offene Stellen ausgeschrieben hatte, aber nur sieben Bewerbungen erhielt. \u201eAnhand unseres neuen [Online-] Systems ist ersichtlich, wie viele \u00c4rzte in den kommenden Jahren in jeder Gespanschaft in Pension gehen werden und wie viele \u00c4rzte je nach Fachgebiet sich alle Papiere geholt haben, um ins Ausland zu gehen\u201c, sagte er. In Kroatien gibt es rund 470 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte im Ruhestand, die aufgrund des Mangels an Nachwuchskr\u00e4ften weiterhin in Teilzeit arbeiten.<\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n

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\n\tDie Abwanderung hat ihren Preis: Stationen sind personell unterbesetzt, Patientinnen und Patienten sich selbst \u00fcberlassen, institutionelles Wissen ist vergeudet. Hinzu kommt der Preis f\u00fcr den Steuerzahler \u2013 rund 100.000 Euro kostet die Ausbildung jedes neuen Arztes. \u201eDa braut sich was zusammen\u201c, meinte Afrim Blyta, Professor f\u00fcr Neuropsychiatrie an der Medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Pristina. \u201eIch sehe, dass 95 Prozent der Studierenden Deutsch lernen und nach Deutschland gehen wollen. Bald wird es im Kosovo zu akuten Engp\u00e4ssen im Gesundheitswesen kommen.\u201c Gesundheitsexperten f\u00fchren die Krise auf niedrige L\u00f6hne und d\u00fcstere Jobaussichten im Kosovo sowie auf die uners\u00e4ttliche Nachfrage nach medizinischen Fachkr\u00e4ften in Deutschland zur\u00fcck, wo Europas gr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft mit dem Problem einer alternden Gesellschaft k\u00e4mpft.

Aber auch ein weniger bekanntes Ph\u00e4nomen treibt die Massenflucht an: die florierende Privatwirtschaft, deren einziger Zweck darin besteht, fertig ausgebildete Gesundheitskr\u00e4fte hervorzubringen, die nach Deutschland geschickt werden. Von Flie\u00dfband-Hochschulen und gierigen Headhuntern bis hin zu einem bl\u00fchenden Handel mit gef\u00e4lschten Abschl\u00fcssen \u2013 BIRN bringt diesen weitgehend unregulierten Export-Markt f\u00fcr medizinische Fachkr\u00e4fte ans Licht. Laut Kritikern hat dies zur Folge, dass dem Land Talente genommen werden und gleichzeitig Quantit\u00e4t vor Qualit\u00e4t geht. Die Folgen dessen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit sind gravierend.

\u00c4rzte ohne Grenzen<\/strong>

In Goranc\u00eb, einer Ortschaft in den H\u00fcgeln im S\u00fcden des Kosovo, ist man daran gew\u00f6hnt, dass die hiesigen \u00c4rztinnen und \u00c4rzte nach Deutschland verschwinden. Der letzte ist vor einigen Monaten weggegangen und die wenigsten machen sich Hoffnungen, dass ihm jemand nachfolgt. Im \u00c4rztezentrum tut Schwester Sevime Shkreta ihr M\u00f6glichstes, um die Kranken und Verletzten zu versorgen. Sie ist geschickt im Umgang mit dem Thermometer und legt einen erstklassigen Verband an. H\u00e4ufig muss sie ihre Patientinnen und Patienten jedoch in das im Osten gelegene st\u00e4dtische Gesundheitszentrum in Hani i Elezit\/Elez Han schicken.

Das ist keine Option f\u00fcr die Familie der 65-j\u00e4hrigen Arife Berisha (nicht verwandt mit Blerim Berisha). Sie leidet an Bluthochdruck, ihr Mann hat Herzprobleme und ihre Schwiegermutter Diabetes. \u201eWir k\u00f6nnen es uns nicht leisten, nach Hani i Elezit zu fahren, weil wir kein Auto haben und meine S\u00f6hne arbeitslos sind\u201c, erkl\u00e4rte sie, w\u00e4hrend Schwester Shkreta ihren Blutdruck ma\u00df.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u00dcberall im 1,8 Millionen Einwohner z\u00e4hlenden Land haben sich einst betriebsame \u00c4rztezentren in Geisterkliniken verwandelt. Selbst regionale Krankenh\u00e4user in Pej\u00eb\/Pe\u0107 und Gjakov\u00eb\/\u00d0akovica im Westen des Landes mussten einige Abteilungen schlie\u00dfen. Laut \u00c4rztekammer praktizieren landesweit 4.100 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte. Das sind 2,3 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte pro 1.000 Einwohner, eine der niedrigsten \u00c4rztedichten in den 47 Mitgliedsstaaten des Europarats. Nur in Albanien (1,2), der T\u00fcrkei (1,8) und in Bosnien-Herzegowina (2,0) ist die \u00c4rztedichte laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation noch niedriger. In Deutschland kommen dagegen 4,2 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte auf 1.000 Einwohner, in Schweden sind es 5,4.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u00c4rztedichte am Balkan. So viele \u00c4rzte kommen auf 1.000 Einwohner. Quelle: WHO. Die einzelnen Vergleichswerte stammen von den zuletzt verf\u00fcgbaren Daten<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tPleurat Sejdiu, Pr\u00e4sident der kosovarischen \u00c4rztekammer, ist der Ansicht, dass das Land mindestens 5.000 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte braucht, um die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Standards zu erf\u00fcllen. Das bedeutet, dass derzeit 900 Medizinerinnen und Mediziner fehlen. Indes geht aus den Statistiken hervor, dass die Fluktuation ein alarmierendes Ausma\u00df erreicht hat. Auf 150 neue \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, die jedes Jahr ihren Abschluss machen, kommen mindestens 180, die das Land verlassen, so Sejdiu. \u201eDie meisten haben vor, den Kosovo zu verlassen, obwohl sie im Gastland eine zus\u00e4tzliche Ausbildung und Praktika durchlaufen m\u00fcssen\u201c, erkl\u00e4rte Sejdiu. Im vergangenen Jahr erhielt er 176 Anfragen von medizinischen Fachkr\u00e4ften f\u00fcr eine Unbescholtenheitsbescheinigung, die f\u00fcr die Arbeitssuche im Ausland gesetzlich vorgeschrieben ist.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAuch Suzana Manxhuka Kerliu, Dekanin der Medizinischen Fakult\u00e4t an der Universit\u00e4t Pristina, wird mit Anfragen nach Bescheinigungen von auswanderungswilligen Absolventen und Studierenden bombardiert. \u201eDas Negative daran ist, dass wir unsere kl\u00fcgsten K\u00f6pfe verlieren\u201c, meinte sie. \u201eAuf der anderen Seite wird unser Angebot vom Markt positiv aufgenommen, aber f\u00fcr uns ist das schlecht, weil wir mit Engp\u00e4ssen rechnen m\u00fcssen.\u201c Beinah alle Medizinstudierenden an der Universit\u00e4t Pristina w\u00fcrden als Vorbereitung auf die Jobsuche private Sprachschulen besuchen, um Deutsch zu lernen, f\u00fcgte sie hinzu. \u201eMan kann von niemandem verlangen, aus Gr\u00fcnden des Patriotismus zu bleiben\u201c, sagte sie. \u201eNicht, wenn wir den jungen Leuten keine angemessenen Arbeits- und Studienbedingungen bieten k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“Man kann von niemandem verlangen, aus Gr\u00fcnden des Patriotismus zu bleiben. Nicht, wenn wir den jungen Leuten keine angemessenen Arbeits- und Studienbedingungen bieten k\u00f6nnen.”<\/p>

\n\t\u2014 Suzana Manxhuka Kerliu, Dekanin der Medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Pristina<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Ironie an der Sache ist, dass trotz des \u00c4rztemangels viele Absolventinnen und Absolventen der Medizin im Kosovo nur schwer Arbeit finden. Der \u00c4rztekammer zufolge gibt es im Kosovo 440 qualifizierte \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, die keine Arbeitsstelle gefunden haben \u2013 zumindest nicht auf heimischem Boden. Experten machen daf\u00fcr eine Kultur der Vetternwirtschaft in einem Land verantwortlich, das nach Angaben des Gesundheitsministeriums nur 220 Millionen Euro im Jahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit ausgibt. Das sind 122 Euro pro Person, im Vergleich zu rund 5.000 Euro in Deutschland. \u201eWenn man keine Beziehungen hat, ist es schwierig, einen Job oder einen Platz f\u00fcr eine Facharztausbildung zu bekommen\u201c, erkl\u00e4rte Blerim Syla, Direktor des Verbands der Gesundheitsgewerkschaften im Kosovo. Aber selbst jene, die eine Anstellung bekommen, plagt das Fernweh. Eine k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrte Umfrage der \u00c4rztekammer ergab, dass der Hauptgrund, warum sich medizinische Fachkr\u00e4fte nach besseren Angeboten umsehen, die schlechten Arbeitsbedingungen sind, gefolgt von mangelnden M\u00f6glichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung. Erst an dritter Stelle stehen die niedrigen Geh\u00e4lter.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tStudierende der Krankenpflege an der Universit\u00e4t f\u00fcr Wirtschaft und Technologie in Pristina w\u00e4hrend einer Vorlesung. Viele wollen nach Deutschland abwandern. Foto: \u00a9 Shkumbin Ahmetxhekaj<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tFlamur Llabjani (34) ist einer von jenen, die mit der Situation unzufrieden sind. Der angehende Gastroenterologe schloss vor f\u00fcnf Jahren sein Studium ab und steht kurz vor Ende seiner Facharztausbildung am Universit\u00e4tsklinikum der Republik Kosovo in Pristina, wo er 18 Stunden am Tag arbeitet und t\u00e4glich von seinem 40 Kilometer s\u00fcdlich gelegenen Wohnort Ferizaj\/Uro\u0161evac nach Pristina pendelt. \u201eDie \u00e4lteren \u00c4rzte, die uns eigentlich unterrichten und ihr Wissen weitergeben sollten, tun dies leider nicht, mit einer Ausnahme\u201c, erz\u00e4hlte er. Llabjani bef\u00fcrchtet, dass er seine Facharztausbildung beenden wird, ohne gelernt zu haben, wie man einfache diagnostische Verfahren wie Gastroskopien und Koloskopien durchf\u00fchrt. Er glaubt, dass er in Deutschland mehr gefordert w\u00e4re. \u201eFr\u00fcher war ich sehr dagegen, dass die Leute weggehen\u201c, sagte er. \u201eMittlerweile sehe ich, dass sogar meine engsten Freunde, die mich anflehten zu bleiben, es in Betracht ziehen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas Gesch\u00e4ft floriert<\/strong>

Deutschland braucht zus\u00e4tzlich zu den 500.000 derzeit Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen weitere 70.000 \u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte, hei\u00dft es aus dem deutschen Gesundheitsministerium. Rund ein Zehntel der Arbeitskr\u00e4fte kommt aus dem Ausland. Sie zieht es in ein Land, das mehr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit ausgibt als jedes andere in Europa \u2013 laut Eurostat, der Statistikagentur der EU, 351,7 Milliarden Euro im Jahr 2016. Nur ein Bruchteil der ausl\u00e4ndischen \u00c4rztinnen und \u00c4rzte in Deutschland stammt aus dem Kosovo. Die deutsche Bundes\u00e4rztekammer beziffert die Zahl auf 292, doch der kosovarischen \u00c4rztekammer zufolge sind es mehr als 450. So winzig diese Zahlen im Vergleich zu den 84 Millionen Einwohnern Deutschlands auch sein m\u00f6gen, so machen sie doch einen betr\u00e4chtlichen Anteil der Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen des Kosovo aus. Experten zufolge \u00f6ffnet der Kosovo seine Schleusen \u2013 besonders wenn es um Pflegekr\u00e4fte geht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“Es ist unm\u00f6glich, mehr als 4.000 Studierenden eine ad\u00e4quate Ausbildung zukommen zu lassen. Ich sehe sie jeden Tag durch die G\u00e4nge der Kliniken laufen, aber auf die Praxis vorbereitet werden sie nicht.”<\/p>

\n\t\u2014 Pleurat Sejdiu, Pr\u00e4sident der kosovarischen \u00c4rztekammer<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm Kosovo gibt es nach Angaben der Kammer f\u00fcr Krankenpflegeberufe rund 27.000 zertifizierte Krankenpflegerinnen und -pfleger, obwohl nur 21.000 im Land besch\u00e4ftigt sind. Vermutlich arbeiten die meisten der verbleibenden 6.000 in Deutschland. Viele weitere werden folgen. Seit 2016 ist es privaten Hochschulen im Kosovo gestattet, Pflegekr\u00e4fte und Hebammen en masse auszubilden. Neben zwei \u00f6ffentlichen Universit\u00e4ten, die ein Medizinstudium anbieten, gibt es mittlerweile sechs davon. W\u00e4hrend private Hochschulen unbegrenzt Absolventinnen und Absolventen hervorbringen k\u00f6nnen, sind \u00f6ffentliche Universit\u00e4ten an eine Obergrenze von jeweils 50 Studierenden pro Jahr gebunden \u2013 eine Zahl, die von der Kosovo-Akkreditierungsagentur (KAA), die f\u00fcr die Einhaltung von Standards an Hochschulen Sorge tr\u00e4gt, festgelegt wurde.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tStudienrichtungen im Kosovo mit der gr\u00f6\u00dften Zahl an registrierten Studierenden 2017\/2018. An erster Stelle sind Hebammen und Krankenpflege, Platz zwei nehmen die Wirtschaftswissenschaften ein und an dritter Stelle der Beliebtheit steht Jus.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDadurch kam es zu einem explosionsartigen Anstieg der Einschreibungen zum Krankenpflegestudium, das schon bald Wirtschaft und Recht als beliebteste Studienrichtungen des Landes abl\u00f6ste. Mehr als 5.700 Studierende wurden laut Bildungsministerium im Studienjahr 2017\/18 zum Studium der Krankenpflege und Geburtshilfe zugelassen. Die erste Generation von Absolventinnen und Absolventen privater Hochschulen wird dieses Jahr ihren Abschluss machen \u2013 das bedeutet Tausende von neuen Pflegekr\u00e4ften, die sich auf Jobsuche begeben werden. Kritiker sind der Meinung, dass der Anstieg der Immatrikulationen zum Krankenpflegestudium Fragen der Qualit\u00e4tskontrolle aufwirft (siehe Kasten: Eine Frage der Standards). \u201eEs ist unm\u00f6glich, mehr als 4.000 Studierenden eine ad\u00e4quate Ausbildung zukommen zu lassen\u201c, meinte \u00c4rztekammerchef Sejdiu. \u201eIch sehe sie jeden Tag durch die G\u00e4nge der Kliniken laufen, aber auf die Praxis vorbereitet werden sie nicht.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas \u00d6kosystem der Abwanderung<\/strong>

Es ist kein Zufall, dass ein eigenes \u00d6kosystem entstanden ist, mit dem Ziel, Fachkr\u00e4fte im Gesundheitswesen auf den deutschen Markt zu bringen. Hunderte von Sprachzentren im gesamten Kosovo versprechen, auswanderungswilligen Menschen dabei zu helfen, die f\u00fcr die Beantragung eines Arbeitsvisums erforderlichen Deutschtests zu bestehen. Die meisten privaten Hochschulen haben Vertr\u00e4ge mit Headhunting-Agenturen, die Krankenhauspersonal an Deutschland vermitteln. Michael Weiss-Gehring, Pflegedienstleiter der Ha\u00dfberg-Kliniken im bayerischen Ha\u00dffurt, erz\u00e4hlte BIRN, dass deutsche Spit\u00e4ler Headhuntern in der Regel rund 6.000 Euro f\u00fcr jede vermittelte \u00c4rztin, jeden Arzt und jede Pflegekraft zahlen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEine Frage der Standards<\/h2>\n\t
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\n\tW\u00e4hrend sich Tausende Studierende f\u00fcr einen Pflegeberuf entscheiden, um in Deutschland arbeiten zu k\u00f6nnen, bef\u00fcrchten Gesundheitsexperten ein Absinken der Standards. Suzana Manxhuka Kerliu, Dekanin der Medizinischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Pristina, verurteilte die Entscheidung der Kosovo-Akkreditierungsagentur (KAA) vor drei Jahren, privaten Hochschulen die Aufnahme einer unbegrenzten Zahl von Studierenden der Krankenpflege pro Jahr zu gestatten. \u201eWarum darf unsere Fakult\u00e4t nur 50 Studierende der Krankenpflege aufnehmen, w\u00e4hrend es bei privaten Schulen Tausende sind?\u201c, fragte sie. \u201eWettbewerb ist gut, aber wir sollten auf Qualit\u00e4t und strenge Kontrollen achten.\u201c KAA-Chef Gazmend Luboteni meinte, die Entscheidung sei auf der Einsch\u00e4tzung basiert, dass \u201edie Nachfrage des Markts h\u00f6her ist als das Angebot der Medizinischen Fakult\u00e4t\u201c \u2013 trotz der Tatsache, dass Hunderte von Absolventinnen und Absolventen der Medizin keine Arbeit im Kosovo finden.

Lul Raka, Professor f\u00fcr Mikrobiologie an der Universit\u00e4t Pristina und ehemaliges KAA-Vorstandsmitglied, war der Meinung, der Kosovo habe sowohl gegen die Richtlinien der Europ\u00e4ischen Kommission als auch gegen seine eigenen Hochschulgesetze versto\u00dfen. \u201eBasierend auf EU-Richtlinien k\u00f6nnen Titel wie Arzt, Zahnarzt, Apotheker, Krankenpfleger oder Physiotherapeut nur von einer Universit\u00e4t oder wissenschaftlichen Einrichtungen zugeh\u00f6rigen Hochschulen vergeben werden\u201c, erkl\u00e4rte er. \u201eKeine der privaten Hochschulen erf\u00fcllt diese Bedingung.\u201c Zu der Sorge um die Standards gesellen sich Berichte, wonach an einigen privaten Hochschulen an allen Ecken und Enden gespart wird. \u201eSie halten sich nicht an die Vorschriften \u2026 Es gibt viele Lehrende mit dem Titel Professor, die aber nicht promoviert sind\u201c, so Manxhuka-Kerliu.

Private Hochschulen, die von den Studierenden in der Regel 1.000 bis 2.000 Euro pro Jahr kassieren, entgegnen, dass die Universit\u00e4t Pristina kein Qualit\u00e4tsmonopol hat. Fitim Alidemaj, Leiter des Instituts f\u00fcr Krankenpflege an der privaten Universit\u00e4t f\u00fcr Wirtschaft und Technologie, sagte, dass man an seiner Hochschule mehr in Personal und Infrastruktur investiere.
\u201eWir haben 102 Besch\u00e4ftigte allein f\u00fcr die Krankenpflege\u201c, meinte er. Eine BIRN-Analyse von online ver\u00f6ffentlichten Lebensl\u00e4ufen zeigt, dass es an allen \u00f6ffentlichen Universit\u00e4ten und privaten Hochschulen, die eine Ausbildung in der Krankenpflege anbieten, akademisches Personal gibt, das keinen gesetzlich vorgeschriebenen Doktortitel hat. In vielen F\u00e4llen sind die Dozenten Masterstudierende. Zu ihrer Verteidigung berufen sich terti\u00e4re Bildungseinrichtungen auf eine Verwaltungsanordnung des Bildungsministeriums aus dem Jahr 2017, die ihnen eine f\u00fcnfj\u00e4hrige \u201eSchonfrist\u201c einr\u00e4umt, um zu gew\u00e4hrleisten, dass das Personal \u00fcber die erforderlichen Postgraduiertenabschl\u00fcsse verf\u00fcgt. Die KAA hat die Aufgabe, Universit\u00e4ten und Fachhochschulen zu kontrollieren, um sicherzustellen, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle Kriterien erf\u00fcllen. Einige Experten bezweifeln jedoch, dass die KAA dazu f\u00e4hig \u2013 oder bereit \u2013 ist.

Im September k\u00fcndigte die Europ\u00e4ische Vereinigung f\u00fcr Qualit\u00e4tssicherung in der Hochschulbildung (European Association for Quality Assurance in Higher Education, ENQA), eine in Br\u00fcssel ans\u00e4ssige Dachorganisation der Qualit\u00e4tssicherungsagenturen, die Mitgliedschaft der KAA mit der Begr\u00fcndung, dass diese nicht genug f\u00fcr die Sicherung der Standards tue. \u201eEs gibt keine \u00dcberwachung oder Weiterverfolgung der Empfehlungen fr\u00fcherer \u00dcberpr\u00fcfungen\u201c, schrieb die ENQA in einem Schreiben an die KAA, das online verf\u00fcgbar ist<\/a>. \u201eDie \u00dcberwachung beschr\u00e4nkt sich auf formale Anforderungen, es geht dabei eher um Kontrollen als um Qualit\u00e4tsverbesserungen.\u201c Laut Experten k\u00f6nnte der Schritt der ENQA die Anerkennung von Qualifikationen kosovarischer Studierender erschweren.<\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n

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\n\tEine der gr\u00f6\u00dften Sprachschulen im Kosovo ist in Pristina angesiedelt: InterPersonnel bietet rund 550 Studierenden pro Jahr kostenlose Deutschkurse und Pflegepraktika f\u00fcr die Dauer von 18 Monaten an \u2013 Ziel ist immer Deutschland. Die Schule verdient allein durch Vermittlungsgeb\u00fchren. Die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer m\u00fcssen einen Vertrag unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, sich von InterPersonnel, die mit der deutschen Headhunting-Firma Dekra zusammenarbeitet, einen Arbeitsplatz vermitteln zu lassen. \u201eAuf 140 freie Pl\u00e4tze kommen rund 3.000 Bewerbungen\u201c, so Musa Ahmeti, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von InterPersonnel. \u201eWir tragen nicht zum Bev\u00f6lkerungsschwund im Kosovo bei, sondern senken die Arbeitslosigkeit und bieten Pflegefachkr\u00e4ften die Chance auf ein besseres Leben.\u201c

In ganz Deutschland schie\u00dfen Headhunting-Agenturen, die Gesch\u00e4ftschancen wittern und sich auf den Kosovo und andere Balkan-L\u00e4nder konzentrieren, aus dem Boden. \u201eDie Nachfrage in Krankenh\u00e4usern ist hoch und steigt enorm\u201c, meinte Sadik Shkreli, der 1991 den Kosovo verlie\u00df und jetzt eine Personalvermittlungsfirma in Landshut bei M\u00fcnchen betreibt. Er sch\u00e4tzt, dass er j\u00e4hrlich 50 bis 60 Pflegekr\u00e4fte aus dem Kosovo, Albanien, Nordmazedonien und Serbien vermittelt.

Headhunter k\u00f6nnten jedoch bald weniger zu tun haben. Im J\u00e4nner wird Deutschland die Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr arbeitssuchende Fachkr\u00e4fte aus dem Ausland lockern und \u00c4rztinnen, \u00c4rzten und Pflegekr\u00e4ften die Einreise mit einem Sechsmonatsvisum erm\u00f6glichen, damit sie selbst auf Jobsuche gehen k\u00f6nnen. Arbeitssuchende werden weiterhin ausreichende Sprachkenntnisse nachweisen m\u00fcssen, was f\u00fcr weniger Sprachbegabte ein erhebliches Hindernis darstellt. Manch einer hat jedoch einen einfachen, wenn auch unethischen schnelleren Weg gefunden.

BIRN befragte vier Personen, die aus dem Kosovo ausgewandert sind, die behaupteten, andere daf\u00fcr bezahlt zu haben, an ihrer Stelle Sprachpr\u00fcfungen abzulegen. Unter ihnen war ein 39-j\u00e4hriger Krankenpfleger aus dem Ostkosovo, der beschloss, nach Deutschland auszuwandern, nachdem seine Mutter an Brustkrebs gestorben war. Ein Problem in der Versorgungskette ihres Krankenhauses bedeutete, dass er ihre Medikamente aus eigener Tasche bezahlen musste, was ihn beinah in den Bankrott trieb.

\u201eStellen Sie sich vor, sie verdienen nur 400 Euro im Monat und m\u00fcssen Medikamente um 5.000 Euro kaufen\u201c, erz\u00e4hlte er. \u201eIch f\u00fchlte mich im Stich gelassen. Ich war selbst Mediziner und konnte meiner Mutter nicht mehr viel helfen.\u201c Um einen Termin f\u00fcr einen Visumsantrag bei der Botschaft zu bekommen, ben\u00f6tigte der Krankenpfleger ein Zertifikat, das Deutschkenntnisse auf B2-Niveau bescheinigte. Er meinte, er pflichte dem britischen Dramatiker Oscar Wilde bei, dass \u201edas Leben zu kurz ist, um Deutsch zu lernen\u201c. F\u00fcr 2.000 Euro musste er das auch nicht.

Pr\u00fcfungsanbieter wie das \u00d6sterreichische Sprachdiplom Deutsch (\u00d6SD) und das Goethe-Institut bekr\u00e4ftigen, alles zu unternehmen, um einen solchen Betrug zu verhindern. \u201ePr\u00fcfungsanbieter wie das \u00d6SD werden durch den geschilderten Betrug im Zusammenhang mit dem Ablegen von Sprachpr\u00fcfungen massiv gesch\u00e4digt\u201c, schrieb Brigitte Mitteregger, Leiterin des Wiener \u00d6SD-B\u00fcros, in einer E-Mail. Berichte \u00fcber Betr\u00fcgereien haben die deutsche Botschaft in Pristina dazu veranlasst, die Liste der Pr\u00fcfungsanbieter, deren Zertifikate anerkannt werden, auf das \u00d6SD und das Goethe-Zentrum im Kosovo, das \u00d6SD in Nordmazedonien und \u00d6sterreich und das Goethe-Institut und TELC in Deutschland zu beschr\u00e4nken.

Neue Horizonte<\/strong>

Im Februar verabschiedete das kosovarische Parlament ein neues Gehaltsgesetz, wonach die Arztbez\u00fcge fast verdoppelt werden sollen. Es wurde jedoch bislang noch nicht umgesetzt. An \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern verdienen \u00c4rztinnen und \u00c4rzte momentan zwischen 600 und 750 Euro im Monat. Auch die Geh\u00e4lter von Pflegekr\u00e4ften sollen um rund 50 Prozent, von 400 Euro auf rund 600 Euro im Monat, angehoben werden.

\u201eAuch im Hinblick auf verbesserte Arbeitsbedingungen sollten es sich junge \u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte zweimal \u00fcberlegen, bevor sie weggehen\u201c, meinte Basri Sejdiu, Direktor der Universit\u00e4tsklinik Kosovo. Er f\u00fcgte hinzu, dass die Klinik, die f\u00fcr die Verwaltung regionaler Krankenh\u00e4user zust\u00e4ndig ist, daran arbeite, die Facharztausbildung im ganzen Land zu \u00fcberpr\u00fcfen, damit die Ausbildungsstellen gerecht verteilt werden.

Das Gesundheitsministerium will die Zahl der Medizinstudierenden an der Universit\u00e4t Pristina von derzeit 150 auf bis zu 250 erh\u00f6hen. Gleichzeitig erkl\u00e4rte Gazmend Luboteni, der Leiter der KAA zur Einhaltung akademischer Standards, dass er plane, ab diesem Jahr erneut Quoten f\u00fcr die Aufnahme von Studierenden an privaten Hochschulen einzuf\u00fchren.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSolche Pl\u00e4ne, talentierte Nachwuchskr\u00e4fte zu halten, k\u00f6nnten jedoch durch ein im Juli vom Kosovo und Deutschland unterzeichnetes Abkommen zur Er\u00f6ffnung eines regionalen Zentrums f\u00fcr die Ausbildung und Akkreditierung von Pflegepersonal aus dem Kosovo speziell f\u00fcr den deutschen Markt durchkreuzt werden. Das Zentrum, das an einem noch nicht fixierten Standort im Kosovo eingerichtet werden soll, wird eine staatlich gef\u00f6rderte Ausbildung, Praktikumspl\u00e4tze und Deutschkurse f\u00fcr angehendes Pflegepersonal anbieten. Im Gegenzug soll der Kosovo von Deutschland bei der St\u00e4rkung seines Gesundheitssystems unterst\u00fctzt werden, einschlie\u00dflich des Aufbaus einer staatlichen Krankenversicherung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tLaut Krankenhausmanagern kann auch die Integration von ausl\u00e4ndischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern problematisch sein. \u201eAuch nach der Einstellung kann es zwei Jahre dauern, bis ein neuer Mitarbeiter voll integriert ist\u201c, gab Michael Weiss-Gehring zu bedenken. Er ist Pflegedienstleiter der Ha\u00dfberg-Kliniken in Ha\u00dffurt, wo die H\u00e4lfte aller \u00c4rztinnen und \u00c4rzte nicht aus Deutschland stammt. Auf Initiative von Weiss-Gehring treffen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter w\u00f6chentlich bei einem Bier, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und sich besser zu integrieren. \u201eDie Sprache ist das gr\u00f6\u00dfte Problem, das wir haben. Eine andere Sache ist die Kultur\u201c, sagte er. \u201eDie Menschen kommen aus v\u00f6llig unterschiedlichen Gesundheitssystemen. Das gilt insbesondere f\u00fcr Pflegekr\u00e4fte, denn die Arbeit, die sie hier leisten, ist eine v\u00f6llig andere.\u201c
    \u201eViele Patienten glauben, dass die \u00c4rzte ihre Probleme nicht verstehen\u201c, f\u00fcgte er hinzu.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tAlfred Schmitt, ein 82-j\u00e4hriger Patient der Ha\u00dfberg-Klinik, meinte, es st\u00f6re ihn nicht, dass das Personal oftmals nicht aus Deutschland stammt. \u201eSie verstehen, was ich brauche\u201c, sagte er. Eine albanische Krankenschwester, die in M\u00fcnchen arbeitet, findet jedoch, dass andere weniger tolerant seien. \u201eIn einer Nachtschicht waren von zehn Mitarbeitern nur zwei geb\u00fcrtige Deutsche\u201c, erz\u00e4hlte die Krankenschwester, die anonym bleiben wollte. \u201ePatienten haben sich dar\u00fcber beklagt und geschimpft, dass sie von Ausl\u00e4ndern behandelt wurden.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tKritiker bef\u00fcrchten, dass die Initiative zu einem Freibrief f\u00fcr diejenigen werden k\u00f6nnte, die ein One-Way-Ticket aus dem Kosovo suchen. Auf die Frage seitens BIRN w\u00e4hrend einer Pressekonferenz, ob die Regierung versuche, die Abwanderung von medizinischen Fachkr\u00e4ften zu f\u00f6rdern, erkl\u00e4rte Gesundheitsminister Uran Ismaili: \u201eEs liegt in ihrem Ermessen, ob sie zur\u00fcckkehren wollen oder nicht.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tIndes k\u00f6nnte sich f\u00fcr Gesundheitspersonal aus dem Kosovo bald ein Vielfaches an M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen, da auch andere L\u00e4nder ihre T\u00fcren \u00f6ffnen. InterPersonell-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Ahmeti best\u00e4tigte, dass sein Unternehmen Gespr\u00e4che mit dem Schweizerischen Roten Kreuz f\u00fchre, das zertifizierte Pflegehelferinnen und -helfer ausbildet, um \u201eeinen neuen Markt in der Schweiz zu erschlie\u00dfen\u201c. \u201eDie Geh\u00e4lter sind \u00e4u\u00dferst gut und beginnen bei 8.000 Schweizer Franken (7.200 Euro) [im Monat]\u201c, sagte er. \u201eAber man muss mindestens drei Jahre Berufserfahrung haben und \u00fcber Deutschkenntnisse auf B2-Niveau verf\u00fcgen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tF\u00fcr \u00c4rzte wie Blerim Berisha in Pegnitz bei N\u00fcrnberg geht es nicht nur um Geld. Auf die Frage was, wenn \u00fcberhaupt etwas, ihn zur\u00fcck in den Kosovo locken k\u00f6nnte, dachte er einen Moment nach, bevor er antwortete. \u201eRespekt und Integrit\u00e4t\u201c, meinte er dann.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tOriginal auf Englisch. Erstmals publiziert am 4. Dezember 2019 auf Balkaninsight.com<\/a>. Die deutsche \u00dcbersetzung ist erstmals am 31. J\u00e4nner 2020 auf derstandard.at<\/a> erschienen.
    Aus dem Englischen von
    Barbara Maya<\/a>.<\/em>

    Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Shkumbin Ahmetxhekaj, bearbeitet von Timothy Large. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der
    Redaktion<\/a>.
    Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Eine Krankenschwester misst in der kosovarischen Ortschaft Goranc\u00eb den Blutdruck bei Arife Berisha (65). Foto: \u00a9 Shkumbin Ahmetxhekaj<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tDieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence<\/a>, unterst\u00fctzt von der ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network<\/a>.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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