{"id":3684,"date":"2020-02-26T00:00:00","date_gmt":"2020-02-26T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/vergessene-pioniere\/"},"modified":"2022-09-29T14:15:23","modified_gmt":"2022-09-29T14:15:23","slug":"vergessene-pioniere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/vergessene-pioniere\/","title":{"rendered":"Vergessene Pioniere"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tVor vierzig Jahren lag die Hoffnung der Sowjetunion auf ihren Schultern. Heute sind die Physiker und Kybernetiker Georgiens Relikte eines Kriegs, den man mit intellektuellen Konzepten gewinnen wollte. Sie arbeiten dennoch weiter \u2013 in der Hoffnung auf eine bessere Rente und den wissenschaftlichen Nachwuchs, der ihre Ideen in die Zukunft rettet.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDer Himmel \u00fcber Tiflis ist so schmutzig wie die Stra\u00dfen der Hinterh\u00f6fe. Das Wetterrad an der Br\u00fcstung dreht sich aufgeregt, weit darunter liegt die Stadt, die unter den blau-grauen Regenschleiern aussieht wie eine post-sowjetische Sch\u00fcttelkugel. Wir steigen die Treppen hinab, vorsichtig an zerbrochenen Glasscheiben und rostigen Kanten vorbei. Unten stehen wir vor einer schweren Luke, die ins Innere des Turmes f\u00fchrt. Teimuraz Bliadze stemmt sich mit ganzer Kraft gegen das eiserne Verschlussrad. Kalte Luft schl\u00e4gt uns entgegen, es riecht nach Sole und Rost. Als ich mich nach vorne beuge und in die Tiefe blicke, umfasst seine linke Hand fest meinen Oberarm. \u201eWas ist das?\u201c, frage ich. \u201eDas ist die Wolke\u201c, sagt er und l\u00e4chelt. \u201eAber sie ist abgeschaltet, wir m\u00fcssen Strom sparen\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tIn den 70er Jahren, h\u00e4tte man Teimuraz vielleicht f\u00fcr das schlechte Wetter verantwortlich machen k\u00f6nnen. Gemeinsam mit 100 Physikern arbeitete er damals hier im Institut f\u00fcr Wolkenforschung an der Erforschung von Hagel. Das Feld der Wettermanipulation war vielversprechend und wurde von Moskau mit \u00fcppigen Geldern bedacht. Die Physiker hatten die neuesten Messinstrumente, schossen Raketen in Gewitter und verf\u00fcgten \u00fcber Flugzeuge, mit denen sie die Wolken impfen konnten. Aber der Hagel entzog sich hartn\u00e4ckig der wissenschaftlichen Feldarbeit, er zerst\u00f6rte die Feininstrumente und machte Forschungsfl\u00fcge unm\u00f6glich. Zudem war das Ph\u00e4nomen selten in Georgien, daf\u00fcr aber umso bedrohlicher f\u00fcr die Kornkammer der Sowjetunion. Daher verlagerte man die Forschungen in den kontrollierbaren Raum des Labors und baute einen Turm, in dem man es hageln lassen konnte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tGro\u00dfe Ideen hatten in der Sowjetunion der Nachkriegszeit Konjunktur. Auch wenn der Sieg \u00fcber Deutschland von den M\u00e4chtigen im Kreml als Triumph dargestellt wurde, hatte der \u201egro\u00dfe vaterl\u00e4ndische Krieg\u201c mit 20 Millionen Toten auf sowjetischer Seite doch gleichzeitig die Verwundbarkeit des Landes gezeigt und es zudem in eine schwierige geopolitische Situation gebracht. Der Vorsprung der USA zeigte sich vor allem in den \u00fcberlegenen Kriegstechnologien: D\u00fcsenantrieb, Raketen, Radar und nat\u00fcrlich Atomwaffen. Mit der politischen Kontrolle \u00fcber L\u00e4nder wie Bulgarien, Ungarn oder die DDR hatten die Sowjets einen G\u00fcrtel errichtet, der zwar vor konventionellen Angriffen sch\u00fctzen w\u00fcrde, allerdings keine Sicherheit vor atomaren Waffen bot. Der n\u00e4chste Krieg, das war den Machthabern im Kreml klar, w\u00fcrde durch die besseren Konzepte entschieden. Waren es kurz zuvor noch die Soldaten der roten Armee gewesen, die die sowjetische Idee in die Welt trugen, so r\u00fcckten in den 50er Jahren die Wissenschaftler nach. Diese Pioniere sind heute alte Frauen und M\u00e4nner, die den Glauben an die Bedeutung ihrer Arbeit \u00fcber den Zusammenfall der Sowjetunion nicht verloren haben. Sie arbeiten weiter, in der Hoffnung auf eine bessere Rente und den wissenschaftlichen Nachwuchs, der ihre Ideen in die Zukunft rettet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDas Innere der Wettermaschine erinnert ein wenig an ein gestrandetes Atom-U-Boot: Schneckenf\u00f6rmige L\u00fcftungsrohe verbinden die Wetterkammer mit der Au\u00dfenwelt, Messinstrumente mit milchigen Gl\u00e4sern und verrostete Hebeln, offene Sicherungsk\u00e4sten, dazwischen eine Pinnwand mit vergilbten Schwarzwei\u00df-Bildern. Auf den meisten ist Hagel zu sehen. Die Zeiten, in denen man Geld in teure Grundlagenforschung steckte, sind vorbei. Heute f\u00fchrt das Institut nur noch kleinere Messungen durch, die Pioniere der Wetterforschung forschen mit Instrumenten deren Beschriftungen noch auf Kyrillisch sind. Auf die Frage, warum die letzten drei Regierungen das Interesse am Hagel verloren h\u00e4tten, bekommen wir nur eine ausweichende Antwort, vielleicht gebe es ja andere Felder, die wichtiger seien. Durch eine T\u00fcre verlassen wir das Innere des Turmes und betreten ein Gemeinschaftsb\u00fcro. Die Forscher, die uns freundlich empfangen, geh\u00f6ren wie Teimuraz zu den Pionieren, die damals das Wetter z\u00e4hmen wollten. Altherrenh\u00e4nde werden uns zur Begr\u00fc\u00dfung hingestreckt, St\u00fchle vor eine schmutzige Tafel geschoben. Einer der Alten beginnt einen Ad-Hoc-Vortrag \u00fcber die Manipulation von Hagel. Sein Englisch ist bruchst\u00fcckhaft, eigentlich besteht es nur aus Fachtermini, die er aneinanderreiht: \u201eThermal \u2013 under Archimedes- Force \u2013 temperature arise \u2013 condensation level. Vapor transfer into water particles.\u201c Mit abgehackten Bewegungen zeichnet er Hagelk\u00f6rner in ein Gewitter aus Vektoren und Zahlen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\t\u201eDas ist die Wolke\u201c, sagt er und l\u00e4chelt. \u201eAber sie ist abgeschaltet, wir m\u00fcssen Strom sparen\u201c.<\/p>

\n\t\u2014 Teimuraz Bliadze, Institut f\u00fcr Wolkenforschung<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tBetrachtet man heute die wissenschaftliche Agenda der sowjetischen F\u00fchrung, kann man leicht den Eindruck bekommen, dass die Ideen in einem riesigen Land wie der Sowjetunion einfach nicht gro\u00df genug sein konnten. Ideen wie die Errichtung einer riesigen, atombetriebenen Pumpenanlage in der Beringstra\u00dfe, mit der man die Str\u00f6me des Pazifiks kontrollieren und so das Wetter auf der Nordhalbkugel verbessern wollte. Im Rausch von Machbarkeitswahn und Futurismus erschienen selbst Projekte wie die Umleitung der sibirischen Fl\u00fcsse in den Aralsee machbar. Dass daf\u00fcr ein Stausee in der Gr\u00f6\u00dfe Neuseelands h\u00e4tte gebaut werden m\u00fcssen, konnte den Pathos der Sowjets nicht bremsen. Auf der anderen Seite der Weltkugel machte dieser Forschungseifer einen geh\u00f6rigen Eindruck. Die Strategen warnten Pr\u00e4sident Eisenhower vor einer neuen Form der Kriegsf\u00fchrung durch Wettermanipulation und in New York bef\u00fcrchtete man schon in den 50ern Fluten durch abgeschmolzene Polkappen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\t\u201eWenn dieses Gespr\u00e4ch 40 Jahre fr\u00fcher stattgefunden h\u00e4tte, w\u00e4ren wir alle ins Gef\u00e4ngnis gewandert,\u201c sagt Rafael Tkhuvaleli. Seine H\u00e4nde streichen behutsam \u00fcber ein in Leder gebundenes Buch. Auf die maschinenbeschriebenen Seiten sind kleine Schwarzweissbilder geklebt, auf denen geometrische K\u00f6rper zu sehen sind. Beim Bl\u00e4ttern fallen gro\u00dfformative Negative aus dem Band. \u201eDas sind Hologramme von Flugk\u00f6rpern, es k\u00f6nnten zum Beispiel Raketen sein,\u201c sagt Rafael. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern arbeitete er in den 1970ern an einem Programm, das eine schnelle Identifikation von Objekten in Bewegung erm\u00f6glichen sollte. \u201eAus Moskau habe ich sehr detaillierte Teilaufgaben bekommen. Aber ich habe nie den gr\u00f6\u00dferen Kontext erfahren, f\u00fcr den meine Arbeit gebraucht wurde. Das hatte nat\u00fcrlich System,\u201c sagt Rafael. Hinter ihm steht eine Reihe schwerer Metallregale, in denen B\u00fccher, Papierrollen, Zettelk\u00e4sten und Stapel aus dicht beschriebenem Rechenpapier ein ungleichm\u00e4\u00dfiges Muster bilden. Die andere H\u00e4lfte des Raumes wird von elektronischen Bauteilen beherrscht. Kabel, Spulen, Schalter und L\u00f6tkolben in wildem Durcheinander, zwischendrin offene Platinen und Schaltkreise. Im Kontrollzentrum der georgischen Kybernetik riecht es ein wenig nach der Eisenbahnplatte meiner Kindheit.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDie Abendsonne wirft das Schattenraster riesiger Baugerippe durch die Fenster. Zum Institut f\u00fcr Kybernetik kommt man derzeit nur durch ein Labyrinth aus Wellblechz\u00e4unen, das graue Geb\u00e4ude kauert in der letzten Reihe einer Gro\u00dfbaustelle. Von den acht Stockwerken sind derzeit nur die unteren in Benutzung. Die oberen Etagen wurden von der Regierung vor einigen Jahren f\u00fcr Binnenvertriebene aus Abchasien und S\u00fcdossetien freigestellt. Nun ist der Trakt wieder leer, nur ein paar ausrangierte K\u00fchlschr\u00e4nke und Feldbetten in den Fluren wirken etwas deplatziert. Wir folgen Rafael durch die dunklen G\u00e4nge. Hier und da klopfen wir an und werden von freundlichen alten Herren zum Tee gebeten. Das Institut hat ein Nachwuchsproblem, die j\u00fcngsten Kybernetiker hier sind Anfang 50. Irgendwann stehen wir in einem kleinen B\u00fcro. Der Raum wurde fast vollst\u00e4ndig ger\u00e4umt, auf dem Boden liegen herausgerissene Bl\u00e4tter und Karteikarten, dazwischen Klemmbretter, Kabel und eine ausrangierte Gasmaske, \u00fcber allem ruht eine sephiafarbene Decke aus Baustaub. \u201eHier habe ich \u00fcber 30 Jahre gearbeitet, bis wir nach unten gezogen sind,\u201c sagt Rafael.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tIn den 1960ern war Rafael einer von f\u00fcnf jungen Physikern, die ein Stipendium in Moskau bekamen. Als man ihm im Anschluss eine Stelle in seinem Heimatland anbot, z\u00f6gerte er nicht, die Hauptstadt wieder zu verlassen: Das Institut f\u00fcr Kybernetik war damals eines der f\u00fchrenden Institute der Sowjetunion. \u00dcber 1000 Wissenschaftler forschten hier an Themen, unter denen sich die meisten ihrer Zeitgenossen nicht im Entferntesten etwas h\u00e4tten vorstellen k\u00f6nnen. Allerdings gab es gro\u00dfes Interesse seitens der Machthaber, die in der Kybernetik milit\u00e4risches Potenzial sahen. Die Geheimauftr\u00e4ge, an denen Rafael und seine Kollegen arbeiteten, kamen zwar aus Moskau, sie h\u00e4tten aber genauso gut aus dem Zettelkasten von Stanis\u0142aw Lem stammen k\u00f6nnen: Ein System, das aus der Mustererkennung von Gehirnstr\u00f6men ableiten kann, ob der Fahrer eines Panzers kurz davor ist, einzuschlafen; Eine Karte des sibirischen Hinterlandes, die \u00fcber den Abgleich von Satelitenbildern und regionalen Erz\u00e4hlungen den Standort von Diamanten voraussagen konnte. \u201eMoskau mochte unsere Arbeit, wir waren in der ganzen UdSSR angesehene Wissenschaftler\u201c, sagt Rafael und in seinen Augen ist ein Flackern zu sehen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t\n
\n\t
\n\n\t\t\t\n\t\n\t<\/div>\t
\n\t\t

\n\tRafael Tkhuvaleli am Institut f\u00fcr Kybernetik, Tiflis.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tIm Kalten Krieg zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten war die Kybernetik das hei\u00dfeste Eisen. Das Verst\u00e4ndnis komplexer Systeme als ,Regelkreise\u2018, die sich beobachten und steuern lassen, entwickelte sich in den 50er Jahren zu einer Denkrichtung, deren postmodernem Charme sich kaum eine Disziplin entziehen konnte: In der Biologie begann man die Interaktionen zwischen Zellen und ihrer Umwelt zu erforschen, in der Psychologie machte sich die Idee vom menschlichen Geist als Informationsmaschine breit und in der Informatik begann man mit der Entwicklung dezentraler Netzwerke. In Amerika formierte sich die Kybernetik um den exzentrischen Mathematiker Norbert Wiener und befand sich damit im Gravitationsfeld des schon damals legend\u00e4ren Massachusetts Institute of Technology.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tT\u00fcr an T\u00fcr mit den Kybernetikern entstand noch ein anderes ehrgeiziges Projekt, dessen Leiter zu den begeisterten Teilnehmern von Wieners Kolloquien geh\u00f6rte: Gemeinsam mit seiner Forschungsabteilung und ausgestattet mit Geldern des Verteidigungsministeriums arbeitete der Informatiker Joseph Carl Robnett Licklider an einem Recherchenetzwerk, das die Gro\u00dfrechner der amerikanischen Universit\u00e4ten miteinander verbinden sollte. Ein dezentrales System, in dem sich die Informationen selbst ihren Weg zum n\u00e4chsten Knotenpunkt suchen w\u00fcrden. Ein System, das sich optimal f\u00fcr die Verteilung von universit\u00e4rem Wissen eignet, das aber ebensogut auch als milit\u00e4risches Netzwerk dienen k\u00f6nnte, weil es im Falle eines russischen Erstschlages noch in der Lage w\u00e4re zu reagieren. W\u00e4hrend Rafael im geschlossenen System seines Tifliser Instituts an Teilaufgaben forschte, die mit der Geheimpost aus dem Kreml kamen, arbeiteten seine transatlantischen Kollegen in interdisziplin\u00e4ren Think Tanks an den gleichen Fragen unter anderen politischen Vorzeichen. Die Geschichte sollte sich auf die amerikanische Seite schlagen: Zehn Jahre nachdem die Sowjets den ersten Satelliten ins All geschossen hatten, hatte sich der Westen bereits vom Sputnik- Schock erholt. Aber genau genommen waren es im Jahr 1969 nicht Neil Armstrong und Buzz Aldrin, die Geschichte schrieben, sondern die Sch\u00fcler der amerikanischen Kybernetikpioniere, die das Arpa-Net online schalteten und damit das Zeitalter des Internet einleiteten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\t\u201eIm Westen w\u00fcrden unsere Forschungsergebnisse nur gelten, wenn man sie mit aufw\u00e4ndigen Verfahren testen w\u00fcrde. Aber wenn ein Patient krank ist, hat man keine Zeit f\u00fcr teure Experimente.\u201c<\/p>

\n\t\u2014 Inga Giorgadze, Leiterin des Labors des Eliava Institutes f\u00fcr Bakteriophagenforschung<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDas Schattenmuster auf Rafaels Schreibtisch wird langsam vom Schein der Neonr\u00f6hren verschluckt. \u201eIch bin wirklich sehr traurig dar\u00fcber, dass die Kybernetik in Georgien auf den Schultern von einigen alten Herren liegt,\u201c sagt er. Seit vielen Jahren hangelt sich der 79-J\u00e4hrige mit kleinen Forschungsauftr\u00e4gen durch. Letztes Jahr wurde sein Gehalt etwas angehoben, davor war es schwer die Wohnung zu bezahlen in der er gemeinsam mit seinem Bruder lebt. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich die Situation der georgischen Wissenschaft drastisch ver\u00e4ndert. Waren in der Sowjetunion zwei Drittel der Forschung vom Milit\u00e4r finanziert, versiegte mit dem schrumpfenden Verteidigungshaushalt in den 90er Jahren die wichtigste Einnahmequelle der angewandten Forschung. Gleichzeitig stehen die sowjetischen Pioniere pl\u00f6tzlich in einem weltweiten Wettbewerb, dessen Regeln der Westen geschrieben hat. Die internationale Verst\u00e4ndigung leidet darunter, dass die Mehrzahl der sowjetischen Forschungsergebnisse nie ins Englische \u00fcbersetzt wurden und sich im Westen andere empirische Verfahren zur \u00dcberpr\u00fcfung von Ergebnissen durchgesetzt hatten. Die gr\u00f6\u00dfere Kluft tut sich aber zwischen den verschiedenen Ideologien auf: Auf beiden Seiten stellte sich die Forschung zwar in den Dienst des Staates, aber die sowjetischen Pioniere standen – anders als ihre Kollegen in den USA – vor der Frage, wie sich das Wissen der letzten beiden Forschergenerationen unter andern politischen Vorzeichen weiterf\u00fchren lassen w\u00fcrde.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t\n
\n\t
\n\n\t\t\t\n\t\n\t<\/div>\t
\n\t\t

\n\tInga Giorgadze, Eliava Institut f\u00fcr Bakteriophagen, Tiflis.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\t\u201eIm Westen w\u00fcrden unsere Forschungsergebnisse nur gelten, wenn man sie mit aufw\u00e4ndigen Verfahren testen w\u00fcrde\u201c, sagt Inga Giorgadze. \u201eAber wenn ein Patient krank ist, hat man keine Zeit f\u00fcr teure Experimente.\u201c Die Professorin leitet das Labor des Eliava Institutes f\u00fcr Bakteriophagenforschung in Tbilisi. Sie hat die Aufgabe von ihrem Vater \u00fcbernommen, der in den 1920er Jahren zu den Pionieren der Mikrobiologie geh\u00f6rte. Bakteriophagen sind hochspezialisierte Viren, die sich ausschlie\u00dflich von Bakterien ern\u00e4hren. Damit k\u00f6nnen sie prinzipiell alle bakteriellen Krankheiten heilen, von der einfachen Magendarm-Infektion bis hin zum Milzbrand. Als Kind strich Inga \u00fcber das riesige Gel\u00e4nde und ritt auf den Pferden, aus deren Urin die \u00c4rzte Seren gegen Tetanus herstellten. Wenn sie sich das Knie aufschlug oder aus einer dreckigen Pf\u00fctze getrunken hatte, zitierte der Vater sie in sein B\u00fcro und gab ihr tr\u00fcben Phagensaft zum Trinken. Dass sie das Institut in den 90ern erfolgreich in die Privatisierung f\u00fchren konnte und heute mit Menschen zusammenarbeitet, die ihre Enkel sein k\u00f6nnten, ist auch ein Teil der georgischen Wissenschaftsgeschichte. Ihr wichtigstes Kapital sind die \u00fcber 1200 Phagenst\u00e4mme, die seit \u00fcber einem Jahrhundert wie ein gut gek\u00fchlter Schatz in den Kellern des Instituts lagern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t\n
\n\t\n\n
\n\t\n
\n\n\t\n\t\t\t\n
\n\t

\n\tTbilisi \u2013 Archive of Transition<\/h2>\n\t
\n\t\t\n

\n\tDie georgische Hauptstadt erwacht gewisserma\u00dfen jeden Morgen mit einem neuen Gesicht. Ambitionierte Bauprojekte und ausl\u00e4ndische Gro\u00dfinvestitionen ver\u00e4ndern das Stadtbild von Tiflis kontinuierlich. Unter den Bewohnern f\u00fchrt diese unaufhaltsame Entwicklung zu einer anhaltenden Diskussion: Was soll erhalten bleiben und was darf dem Wandel unterliegen? Was steht zum Verkauf und was ist Allgemeingut? Was wollen wir erinnern und woraus sch\u00f6pfen wir?

Stadtplaner, Architekten und Aktivisten erz\u00e4hlen, was die Ver\u00e4nderungen f\u00fcr sie und das Leben in der faszinierenden Stadt im Kaukasus bedeuten. Die ganz unterschiedlichen und eindrucksvoll bebilderten Beitr\u00e4ge dokumentieren unmittelbar den vielf\u00e4ltigen Wandel zwischen Festhalten an der Vergangenheit und Aufbruch in eine neue Zeit. Diese Reportage von Sebastian Pranz und Fabian Weiss entstand im Rahmen des Buchprojekts Tbilisi \u2013 Archive of Transition<\/em><\/a>.<\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n

\n\t\n
\n\n\t\n\t\t\t

\n\tEs war der georgische Bakteriologe Giorgi Eliava, der die Phagenforschung Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts aus Frankreich nach Georgien brachte. Stalin war so angetan, dass er dem jungen Forschungszweig ein komplettes Institut spendierte. Die n\u00e4chsten 20 Jahre wurden zur Bl\u00fctezeit der Forschung, neben Georgien waren auch Frankreich und die USA involviert \u2013 ein richtiges Volksmedikament wurden die Phagen allerdings nur in der UdSSR. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, und in den Lazaretten Wunderkrankungen grassierten, sattelte der Westen auf ein anderes Mittel um, das gerade markttauglich geworden war: Penizilin. Weil die Herstellung von Antibiotika teuer war, und wichtige Patente im Westen lagen, behandelte die Sowjetunion bakterielle Infekte jedoch weiterhin vor allem mit Phagen \u2013 und war dabei sehr erfolgreich. Und so wurde Georgien mit dem Einbruch des Krieges zum wichtigsten Land der Bakteriophagenforschung. Eine Zeitkapsel, in der Eliavas Phagen den Zweiten Weltkrieg und die Wirren der Unabh\u00e4ngigkeit \u00fcberdauerten.

Auf dem Tisch vor mir liegen mikroskopische Schwarzwei\u00dfaufnahmen von Bakteriophagen, als w\u00e4ren es die Bilder der j\u00fcngsten Enkelkinder. Die Nachzucht ist der ganze Stolz der Forscherinnen, wundersch\u00f6ne Exemplare h\u00e4tten sie bereits in ihrer Sammlung.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tHilft ein Standardmedikament nicht, entwicklen die Forscher um Giorgadze einen spezialisierten Phagenstamm, so w\u00e4chst das gek\u00fchlte Archiv in den Kellern des Instituts. Der \u00fcber 100 Jahre ausgebaute Wissensvorsprung k\u00f6nnte sich bald lohnen, denn das Interesse an der Phagentherapie erwacht wieder \u2013 nicht zuletzt befeuert durch eine zunehmende Angst vor multiresistenten Erregern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDort wo Antibiotika nicht mehr helfen, k\u00f6nnen Phagen wahre Wunder bewirken ohne zu neuen Resistenzen zu f\u00fchren. \u201eLetzte Woche hatten wir einen Patienten aus Deutschland hier\u201c, sagt die Professorin. \u201eEr kam mit einer \u00fcblen Wundinfektion im Bauch. In Heidelberg wollte man ihm bereits Muskelfleisch entnehmen, aber ich sagte ihm: Wenn Sie tun, was ich sage, wird es Ihnen bald besser gehen.\u201c Die Nachfrage am deutschen Markt w\u00e4chst, auch wenn die Behandlung mit Phagen dort derzeit noch nicht erlaubt ist. \u201eAls wir ihn nach zwei Wochen nach Hause schickten, sind unsere deutschen Kollegen fast vom Glauben abgefallen,\u201c sagt sie und ihr Gesicht legt sich in tiefe Lachfalten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\t\u201eWie lange werden Sie noch arbeiten?\u201c, frage ich Inga zum Abschied. Sie nimmt die Brille ab und blickt mich aufmerksam an. \u201eDas werden wir sehen. Wenn Gott mir noch ein wenig Zeit gibt \u2026 Wissen Sie, wenn man sich seiner Aufgabe nicht voll und ganz widmet, bringt man es doch zu nichts.\u201c Auch Rafael wird weiter jeden Morgen zu seinem B\u00fcro laufen, durch ein Labyrinth aus Baustellen das der Komplexit\u00e4t eines kybernetischen Schaltplans in Nichts nachsteht. Er hat noch viele Ideen, mehr als in ein Forscherleben passen. Gerade hat er der Regierung das Konzept f\u00fcr ein Informationszentrum vorgestellt, in dem die seismografischen Daten des Landes zusammengef\u00fchrt werden sollen. \u201eDie Zukunft der k\u00fcnstlichen Intelligenz liegt in der Fr\u00fcherkennung von Naturkatastrophen\u201c, sagt er. Die letzten Finanzierungen, die in Aussicht standen, scheiterten jedoch an der Auflage, dass junge Forscher mit eingebunden werden sollten. Aber bald soll das Institut renoviert werden, es soll neue B\u00fcros geben und ein Informationszentrum. Dann werden auch junge Menschen kommen, da ist sich Rafael sicher. Und dann wird die Kybernetik aufs Neue ihre Zauberkraft entfalten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDas Institut f\u00fcr Wolkenforschung arbeitet inzwischen nur noch an kleineren Teilaufgaben und f\u00fchrt atmosph\u00e4rische Messungen f\u00fcr die Versuche anderer Institute durch. \u201eDie Wissenschaft ist ein teures Vergn\u00fcgen\u201c, sagt Teimuraz. \u201eNat\u00fcrlich h\u00e4tten wir gerne mehr M\u00f6glichkeiten, aber wir sind zufrieden mit dem, was wir haben.\u201c \u00dcber 30 Jahre hat er hier gearbeitet, seine gr\u00f6\u00dfte Errungenschaft ist die Konstruktion der Wetterkammer. \u201eManchmal habe ich das Gef\u00fchl, wir haben damals etwas geschaffen, das wir bis heute noch nicht vollst\u00e4ndig verstanden haben\u201c, sagt Teimuraz. Dann erz\u00e4hlt er von den Cumuluswolken und ihrer komplexen Sch\u00f6nheit w\u00e4hrend drau\u00dfen der Regen auf die Wettermaschine trommelt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tErstmals publiziert im Juni 2018 in der Publikation Tbilisi \u2013 Archive of Transition<\/a>.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Sebastian Pranz \/ Braun Publishing AG \/ Niggli Verlag. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>. Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen bzw. am Beginn vermerkt. Titelbild: Eliava Institut f\u00fcr Bakteriophagen, Tiflis. Foto: \u00a9 Fabian Weiss<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

Einst wollten die UdSSR mithilfe der Wissenschaft den Kalten Krieg auf intellektueller Ebene gewinnen. Was davon bis heute \u00fcbrig blieb.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[436,299],"tags":[428,314,395,348,350,365,414],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3684"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3684"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3684\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8581,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3684\/revisions\/8581"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3684"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}