{"id":3683,"date":"2020-02-05T00:00:00","date_gmt":"2020-02-05T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/blinde-justiz-fuer-rumaeniens-verkaufte-roma-kinder\/"},"modified":"2021-07-07T13:36:15","modified_gmt":"2021-07-07T13:36:15","slug":"blinde-justiz-fuer-rumaeniens-verkaufte-roma-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/blinde-justiz-fuer-rumaeniens-verkaufte-roma-kinder\/","title":{"rendered":"Blinde Justiz f\u00fcr Rum\u00e4niens verkaufte Roma-Kinder"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tF\u00fcr die rum\u00e4nische Staatsanwaltschaft schien der Fall gegen die mutma\u00dflichen Anf\u00fchrer eines der gr\u00f6\u00dften Kinderhandel-Ringe Europas klar. Doch warum ist es nach fast einem Jahrzehnt noch zu keiner einzigen Verurteilung gekommen?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAn einem milden Fr\u00fchlingsmorgen betritt ein gro\u00dfv\u00e4terlich wirkender Mann in der zentralrum\u00e4nischen Stadt T\u0203rgu Mure\u015f den Saal 52 des Berufungsgerichts. Die Abs\u00e4tze seiner Halbschuhe klappern \u00fcber das Parkett. Er tr\u00e4gt einen marineblauen karierten Blazer und eine cremefarbene Hose. Die wei\u00dfe Baskenm\u00fctze h\u00e4lt er in der Hand. Der Mann nimmt auf einer leeren Bank im hinteren Teil des Saals Platz. W\u00e4hrend er auf den Beginn seiner Verhandlung wartet, streicht er sich \u00fcber das Kinn und mustert die beiden Richter vor ihm. Sein Name ist Constantin Radu (66), aber jeder nennt ihn Titi.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIhm und 25 anderen M\u00e4nnern wird vorgeworfen, unz\u00e4hlige Roma-Kinder nach Westeuropa verschleppt zu haben, wo sie zu kriminellen Aktivit\u00e4ten gezwungen wurden. Zwei der Angeklagten sind seine S\u00f6hne. Langsam f\u00fcllt sich der Gerichtssaal mit den Beschuldigten und ihren Anw\u00e4lten. Erst als alle anderen Pl\u00e4tze bereits besetzt sind, setzt sich wer in die Bank hinten zu Titi. Unterdessen \u00fcberfliegt Titi eine Handvoll zerknitterter Papiere, auch wenn er den Inhalt bereits in- und auswendig kennt. Seit neun Jahren steht darin, was seine Verteidigungsstrategie ist. \u201eEr ist der eigentliche Drahtzieher\u201c, meinte Bernie Gravett, ein ehemaliger Kommissar der Londoner Metropolitan Police, der die Ermittlungen leitete, die die M\u00e4nner vor Gericht brachten. \u201eDie Spitze der Pyramide.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tLaut Staatsanwaltschaft ist Titi \u2013 selbst ein Rom \u2013 die Nummer eins einer ber\u00fcchtigten Bande aus \u0162\u0103nd\u0103rei, einer Kleinstadt im S\u00fcdosten Rum\u00e4niens, wo pomp\u00f6se, vor Wohlstand strotzende Villen direkt neben sch\u00e4bigen Baracken stehen. \u201eEs ist wie eine Milit\u00e4roperation\u201c, beschreibt Gravett den mutma\u00dflichen Einsatz einer Armee von Kindern zum Betteln und Stehlen. Sogar ein acht Wochen altes Baby wurde in den Dienst der Sache gestellt \u2013 als Requisite beim Betteln, mit Drogen ruhiggestellt. Den Ermittlern zufolge erstreckte sich Titis Imperium \u00fcber weite Teile Europas: Spanien, Italien, Frankreich und sogar bis nach Norwegen \u2013 in erster Linie aber Gro\u00dfbritannien. Nach einer noch nie dagewesenen gemeinsamen Ermittlung, die vier Jahre dauerte, wurden Dutzende Personen rum\u00e4nischer Nationalit\u00e4t in Gro\u00dfbritannien und Rum\u00e4nien verhaftet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDoch die M\u00fchlen der Justiz mahlen von Land zu Land anders. In Gro\u00dfbritannien wurden rund 100 Personen wegen Verbrechen verurteilt, die von Menschenhandel und Geldw\u00e4sche bis hin zu Sozialbetrug, Urkundenf\u00e4lschung und Kindesvernachl\u00e4ssigung reichten. In Rum\u00e4nien lautete das schockierende Urteil im Februar f\u00fcr alle 26 Angeklagten Freispruch \u2013 nach neun Jahren Prozess, der immer wieder ins Stocken geraten war. W\u00e4hrend die Staatsanwaltschaft Berufung einlegte und die M\u00e4nner nun wieder auf der Anklagebank sitzen, sahen viele das Urteil als Beweis daf\u00fcr, dass Rum\u00e4niens Rechtsystem zu schwach \u2013 oder zu mangelhaft \u2013 ist, um den Gangstern und der Korruption, die diesen zum Erfolg verhilft, die Stirn bieten zu k\u00f6nnen. \u201eDas zur Bek\u00e4mpfung transnationaler organisierter Netzwerke eingerichtete Strafrechtssystem steht in Rum\u00e4nien offenbar vor dem Kollaps\u201c, erkl\u00e4rten 25 Menschenrechtsgruppen nach dem Urteil in einer Petition, mit der sie an internationale Gremien appellierten, Rum\u00e4nien f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung des Menschenhandels \u201ezur Verantwortung zu ziehen\u201c. In einem Land, in dem wegen Korruption verurteilte Politiker daf\u00fcr bekannt sind, das Recht zu ihren Gunsten beugen zu wollen, hat der Fall einen Nerv getroffen. Er erregte in Rum\u00e4nien auch bei jenen Aufmerksamkeit, die die erb\u00e4rmliche Bilanz des Staates, was den Schutz seiner schwachen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger betrifft, satt hatten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas Fass zum \u00dcberlaufen brachte ein damit nicht zusammenh\u00e4ngender Fall eines 15-j\u00e4hrigen M\u00e4dchens in S\u00fcdrum\u00e4nien, das entf\u00fchrt, vergewaltigt und ermordet wurde, obwohl es die Polizei drei Mal um Hilfe gerufen hatte. Die Trag\u00f6die offenbarte die ersch\u00fctternde Inkompetenz der Polizei und Staatsanwaltschaft sowie mutma\u00dfliche Verbindungen zwischen Vollzugsbeh\u00f6rden und organisierten Verbrecherbanden, einschlie\u00dflich Menschenh\u00e4ndlerringen. Aus den Daten der Europ\u00e4ischen Kommission<\/a> geht hervor, dass knapp drei Viertel der in EU-Staaten identifizierten Opfer von Menschenhandel aus Rum\u00e4nien stammen \u2013 da sind mehr als 1.500 im Zweijahreszeitraum 2015-2016. Das US-Au\u00dfenministerium stufte Rum\u00e4nien in seinem j\u00fcngsten Bericht \u00fcber Menschenhandel<\/a> herab und bezeichnete 2018 als das schlimmste Jahr seit mehr als einem Jahrzehnt, was die Verurteilung von Menschenh\u00e4ndlern oder die Identifizierung von Opfern im Land betrifft.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tRum\u00e4niens Bilanz beim Thema Menschenhandel. In rot die Anzahl der mutma\u00dflichen, in blau die verurteilten Menschenh\u00e4ndler. Die schwarze Kurve zeigt die Anzahl der identifizierten Opfer von Menschenhandel in Rum\u00e4nien. Infografik: \u00a9 Marta Klawerzeczy<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAls im Fr\u00fchjahr dieses Jahres das Berufungsverfahren gegen Titi und seine Mitangeklagten begann, ackerte sich BIRN monatelang durch Gerichtsakten und befragte Personen, die mit dem Fall zu tun hatten, um das Ausma\u00df und die Komplexit\u00e4t der mutma\u00dflichen kriminellen Organisation in \u0162\u0103nd\u0103rei zu verstehen. Wie sich herausstellte, gibt es eine in sich geschlossene und marginalisierte Roma-Gemeinschaft unter der Kontrolle der lokalen Mafia, die es auf arme Familien abgesehen hat und deren Kinder durch eine abscheuliche Form der Schuldknechtschaft versklavt. Die Gerichtsakten und Befragungen von Fachleuten zeigen auch auf, wie ein Prozess scheitern konnte, der gemeinhin als Test f\u00fcr Rum\u00e4niens Engagement im Kampf gegen moderne Sklaverei verstanden wurde. F\u00fcr Anthony Steen, einen ehemaligen britischen Abgeordneten, der den Prozess aufmerksam verfolgte, handelte es sich um einen \u201esehr tragischen Fall von Justizirrtum\u201c. \u201eEs gab weder von Seiten der Politik noch von Seiten des Gerichts Druck, die Angelegenheit zu kl\u00e4ren\u201c, erkl\u00e4rte er gegen\u00fcber BIRN.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tGoldbarren und Kalaschnikows<\/strong>

An einem normalen Schultag spielen Kinder in den staubigen Stra\u00dfen von \u0162\u0103nd\u0103rei mittags Fu\u00dfball. Auf dem allj\u00e4hrlichen, nahe des Stadtzentrums stattfindenden Jahrmarkt fahren sie Autodrom und schie\u00dfen mit Spielzeuggewehren. Die 13.000 Einwohner z\u00e4hlende Stadt liegt inmitten einer Tiefebene, auf halbem Weg zwischen der Hauptstadt Bukarest und dem Schwarzen Meer im Osten. Die h\u00f6chsten Geb\u00e4ude sind die vierst\u00f6ckigen Wohnblocks aus der Zeit des Kommunismus. Was jedoch hervorsticht, sind die Luxusvillen mit ausladenden Balkonen und kunstvollen schmiedeeisernen Toren \u2013 viele davon aus den Erl\u00f6sen krimineller Aktivit\u00e4ten finanziert, sagen Ermittler. Kommt man von der Hauptstra\u00dfe ab, l\u00e4uft man Gefahr, in einem Schlagloch zu landen oder im Schlamm stecken zu bleiben. Das schreckt die Fahrer der Luxuskarossen, die \u00fcberall in der Stadt zu sehen sind, nicht ab: BMWs, Mercedes, sogar ein Porsche ist darunter. Bei einigen Fahrzeugen befindet sich das Lenkrad wie in Gro\u00dfbritannien auf der rechten Seite.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEin BMW parkt auf einer unbefestigten Stra\u00dfe in \u0162\u0103nd\u0103rei neben einem imposanten Haus mit kunstvollem schmiedeeisernem Zaun. Foto: \u00a9 Andrei Pungovschi<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Menschen haben Angst, mit den Medien zu sprechen. Sie h\u00fcten sich davor, fotografiert zu werden, selbst bei \u00f6ffentlichen Veranstaltungen wie dem allj\u00e4hrlichen Jahrmarkt, wo einem auch damit gedroht werden kann, \u201edie Fresse poliert zu bekommen\u201c, wenn man die Bilder nicht l\u00f6scht. Mit der bislang herrschenden Ruhe in \u0162\u0103nd\u0103rei war es am 8. April 2010 vorbei, als etwa 300 vermummte rum\u00e4nische und britische Polizeibeamte 34 Villen st\u00fcrmten, w\u00e4hrend \u00fcber ihnen die Helikopter kreisten. Die \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden wurden nicht vorab alarmiert. Die fr\u00fchmorgendliche Razzia, die auf einem von der rum\u00e4nischen Polizei ver\u00f6ffentlichten Video<\/a> festgehalten wurde, f\u00f6rderte Geldb\u00fcndel, Goldbarren, Geburtsurkunden und Waffen \u2013 darunter auch Kalaschnikows \u2013 zu Tage, die unter dem Fu\u00dfboden versteckt waren. Die Polizei holte einige Verd\u00e4chtige \u2013 alle Roma \u2013 direkt aus dem Bett. Achtzehn wurden sofort festgenommen, darunter auch Titi. Neben dem Handel von Minderj\u00e4hrigen, f\u00fcr den bis zu 12 Jahre Haft drohen, wurden die M\u00e4nner wegen Bildung einer organisierten kriminellen Vereinigung, Geldw\u00e4sche und Verst\u00f6\u00dfen gegen das Waffengesetz angeklagt. Alle bestreiten die Vorw\u00fcrfe. Die Staatsanwaltschaft entschied, die mutma\u00dflichen Menschenh\u00e4ndler in dem 350 Kilometer von \u0162\u0103nd\u0103rei entfernten Kreis Harghita in Zentralrum\u00e4nien vor Gericht zu stellen, um die Bande davon abzuhalten, auf den Prozess Einfluss zu nehmen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tInfografik: \u00a9 Marta Klawerzeczy<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Razzia und das anschlie\u00dfende Gerichtsverfahren waren das Ergebnis einer beispiellosen Ermittlung, die 2006 aufgenommen wurde, nachdem eine Tschechin mit drei Roma-Kindern aus \u0162\u0103nd\u0103rei in Gro\u00dfbritannien gelandet war. Die Einwanderungsbeh\u00f6rden am Londoner Flughafen Stansted waren misstrauisch geworden, als sie bemerkten, dass sich die Kinder nicht mit der Frau verst\u00e4ndigen konnten. Sie wurde sp\u00e4ter f\u00fcr den Versuch, die Kinder illegal ins Land zu bringen, zu drei Jahren Haft verurteilt. Kommissar Gravett von der Londoner Metropolitan Police \u00fcbernahm den Fall, nachdem er hunderte rum\u00e4nische Roma-Kinder beim Laden- und Taschendiebstahl im Zentrum Londons erwischt hatte. Seinen Aussagen zufolge seien von rum\u00e4nischen Staatsb\u00fcrgerinnen und -b\u00fcrgern ver\u00fcbte Straftaten nach dem Beitritt Rum\u00e4niens zur Europ\u00e4ischen Union in nur drei Monaten um beinah 800 Prozent gestiegen. In den meisten F\u00e4llen handelte es sich um von Roma-Kindern ver\u00fcbte Diebst\u00e4hle. Gravett erinnerte sich an ein 13-j\u00e4hriges M\u00e4dchen, das mehr als zehn Mal unter verschiedenen Namen und Geburtsdaten verhaftet wurde.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eDa wurde uns klar, dass man uns zum Narren hielt\u201c, erz\u00e4hlte er BIRN w\u00e4hrend eines Interviews in einem Caf\u00e9 in der s\u00fcdostenglischen Stadt Brighton. Er nahm einen Laptop heraus und \u00f6ffnete eine PowerPoint-Pr\u00e4sentation \u00fcber den Fall \u0162\u0103nd\u0103rei. Gravett, der nach 31 Jahren bei der Polizei mittlerweile im Ruhestand ist, arbeitet nun als Berater und bringt Polizeibeamten am Beispiel dieses Falls den Umgang mit Menschenhandel n\u00e4her. Dann bat er um eine Serviette \u2013 \u201eIch zeichne gern auf wei\u00dfe Servietten\u201c, sagte er \u2013 und kritzelte Kreise, Pfeile und Pyramiden darauf, um die Zirkulation von Personen und Geld zu veranschaulichen. Kurz nach dem EU-Beitritt Rum\u00e4niens erfuhr Gravett, dass die Polizei des Beitrittskandidaten der Europol, der Strafverfolgungsbeh\u00f6rde der EU, eine Liste mit 1.087 Namen von Kindern und 67 mutma\u00dflichen Bandenmitgliedern \u00fcbermittelt hatte, die \u00fcberwacht werden sollten. Nach Einsch\u00e4tzungen der Europol handelte es sich dabei um einen der gr\u00f6\u00dften Menschenh\u00e4ndlerringe Europas. Bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Liste stellte Gravett fest, dass etwa 200 der minderj\u00e4hrigen Personen in London wegen Bagatelldelikten festgenommen worden waren. Er bem\u00fchte sich um EU-Mittel, um weiter ermitteln zu k\u00f6nnen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“Es gab einen Vater, der versuchte, sein acht Wochen altes Kind der Bande anzubieten. Er versuchte es drei Mal.”<\/p>

\n\t\u2014 Bernie Gravett, ehemaliger Kommissar der Londoner Metropolitan Police<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSo kam es zur Operation Golf \u2013 die erste von zwei L\u00e4ndern gemeinsam gef\u00fchrte EU-Ermittlung in Sachen Menschenhandel. Im Jahr 2008 stellte die Europ\u00e4ische Kommission der britischen und rum\u00e4nischen Polizei eine Million Euro zur Verf\u00fcgung, um der kriminellen Vereinigung ein Ende zu setzen. Die Ermittler fanden heraus, dass Bandenchefs arme Roma-Familien in Rum\u00e4nien kontaktierten und ihnen vorschlugen, ihre Kinder ins Ausland zu bringen, damit sie dort Geld verdienen konnten. Den Eltern wurden daf\u00fcr pro Kind 1.000 Euro verrechnet, so Gravett. Die Bande gab ihnen das Geld in Form eines verzinsten Kredits, wodurch sich die Familie dauerhaft verschuldete. Also schickte sie ein weiteres Kind und noch eines, bis die ganze Familie im Ausland gelandet war und f\u00fcr die Bande arbeitete. \u201eEs gab einen Vater, der versuchte, sein acht Wochen altes Kind der Bande anzubieten\u201c, erz\u00e4hlte Gravett. \u201eEr versuchte es drei Mal.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEin Mann bearbeitet auf dem allj\u00e4hrlichen Jahrmarkt von \u0162\u0103nd\u0103rei einen Boxsack. Foto: \u00a9 Andrei Pungovschi<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Bande vermittelte die Kinder dann an Familien weiter, die unter ihrer Kontrolle standen. Gravett nannte den Fall einer 13-J\u00e4hrigen, die nach Slough nahe London gebracht wurde. Wenn man sie nicht gerade zum Betteln zwang, wurde sie als Haussklavin gehalten. Ihr Vater wurde schlie\u00dflich zu f\u00fcnf Jahren Freiheitsstrafe in einem britischen Gef\u00e4ngnis verurteilt, weil er seine eigene Tochter verkauft hatte. Die Ermittlungen ergaben, dass er auch noch andere M\u00e4dchen im Auftrag der Bande unter seiner Kontrolle hatte, sogar in Spanien. W\u00e4hrend einer Razzia in Slough wurden von der Polizei 211 Menschen in 16 H\u00e4usern aufgegriffen, in denen entsetzliche Zust\u00e4nde herrschten. Die Roma-Kinder schliefen zusammengepfercht auf dem Fu\u00dfboden. Die K\u00fchlschr\u00e4nke waren gr\u00f6\u00dftenteils leer. Die meisten der zwischen 10 und 17 Jahre alten Kinder und Jugendlichen hatten ein \u201eenormes Vorstrafenregister\u201c, so Gravett. Den Ermittlern zufolge wurde Gro\u00dfbritannien aufgrund seines relativ gro\u00dfz\u00fcgigen Sozialsystems von der Bande bevorzugt. Mit gef\u00e4lschten Dokumenten kassierten sie Sozialhilfeschecks, wobei ihnen zuweilen so eklatante Fehler wie \u201e30. Februar\u201c unterliefen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tReichtum und Macht<\/strong>

Gravetts Sch\u00e4tzungen zufolge k\u00f6nnte die Bande seit 2002 bis zu 10.000 Kinder ins Ausland verschleppt haben \u2013 weit mehr als bei den gemeinsamen Ermittlungen festgestellt wurde \u2013, wobei jedes Kind etwa 160.000 Euro pro Jahr einbringt. Ein Gro\u00dfteil der Profite sei an Titi geflossen und wurde per MoneyGram und Western Union \u00fcberwiesen oder von Schl\u00e4gertypen b\u00fcndelweise nach Rum\u00e4nien gebracht. Titi wollte sich nicht dazu \u00e4u\u00dfern, als er von BIRN nach einer seiner Berufungsverhandlungen im Gerichtsgeb\u00e4ude darauf angesprochen wurde. Seine Verteidigungsstrategie ist jedoch nach wie vor dieselbe: Er behauptet, Opfer einer Verwechslung zu sein. Laut Anklageschrift spielte Titi bei der Rekrutierung der Kinder eine federf\u00fchrende Rolle und bestimmte auch, wer sie ins Ausland bringen sollte. In der Anklageschrift aufgef\u00fchrte Telefonmitschnitte zeigen, dass Titi in regelm\u00e4\u00dfigem Kontakt mit der \u00f6rtlichen Polizei stand, die ihn warnte, wenn es Probleme gab. Aus abgeh\u00f6rten Gespr\u00e4chen geht au\u00dferdem hervor, dass er einem Mann, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, gegen Geld versprach, ihn vor dem Gef\u00e4ngnis zu bewahren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDem Vernehmen nach wird Titi in \u0162\u0103nd\u0103rei respektiert und gef\u00fcrchtet. Ein rum\u00e4nischer Polizeibeamter, der an dem Fall arbeitete und anonym bleiben wollte, meinte, dass Titi bei den Roma als \u201eoberster Richter\u201c gilt. Vor Gericht bestritt Titi im November 2018 s\u00e4mtliche Vorw\u00fcrfe: Er habe weder Minderj\u00e4hrige rekrutiert noch Geld verliehen, noch sei er vor Ort als Anf\u00fchrer bekannt. \u201eIch habe auf niemanden in unserer Gemeinschaft Einfluss\u201c, erkl\u00e4rte er. Er habe auch keine Kenntnis \u00fcber die in der Anklageschrift erw\u00e4hnten Telefonate und besitze einen Waffenschein f\u00fcr die in seinem Haus sichergestellten Waffen, die er f\u00fcr die Jagd benutze. \u201eJemand hat den gleichen Namen wie ich\u201c, sagte er, \u201eund ich bin wahrscheinlich an seiner Stelle hier und das Geld, das man mir angeblich geschickt hat, wurde in Wirklichkeit im Namen dieser anderen Person versandt.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u0162\u0103nd\u0103rei ist von massiver Abwanderung betroffen. Etwa 80 Prozent seiner Einwohnerinnen und Einwohner arbeiten nach hiesigen Sch\u00e4tzungen aufgrund der Arbeitsplatzknappheit im Ausland. Fast alle Fabriken, die w\u00e4hrend des Kommunismus florierten, wurden geschlossen. Rund ein Viertel der Bev\u00f6lkerung \u0162\u0103nd\u0103reis sind Roma, die nach Ungarinnen und Ungarn zweitgr\u00f6\u00dfte ethnische Minderheit in Rum\u00e4nien. Wie auch anderswo leben viele Roma-Familien in extremer Armut, grundlegende Leistungen wie Bildung und Gesundheitsversorgung bleiben ihnen verwehrt. Diskriminierung ist weit verbreitet. Das gr\u00f6\u00dfte Roma-Viertel in \u0162\u0103nd\u0103rei hei\u00dft Strachina. Au\u00dfenstehende d\u00fcrfen dort nur mit Erlaubnis der Roma-\u00c4ltesten hinein. Laut Nicusor Lefter, einem Rom aus \u0162\u0103nd\u0103rei, der mit Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeitet, um die Gemeinschaft zu unterst\u00fctzen, seien die Villen der Stadt mit dem im Ausland verdienten Geld erbaut worden und nicht von heute auf morgen entstanden. \u201eAlles, was Sie hier sehen, wurde von den Roma finanziert\u201c, erkl\u00e4rte er. \u201eOhne die Roma g\u00e4be es hier keine Gesch\u00e4fte, weil viele Rum\u00e4nen ausgewandert sind.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“Ich bin unschuldig. Wir sind hier wegen der Taten eines anderen.”<\/p>

\n\t\u2014 Gheorghe Dr\u0103gu\u015fin, mutma\u00dflicher Bandenchef<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tGelu Duminic\u0103, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Stiftung Impreuna, die Roma-Gemeinschaften landesweit unterst\u00fctzt, lud unmittelbar im Anschluss an die Ermittlungen in Sachen Menschenhandel eine Gruppe britischer Politiker nach \u0162\u0103nd\u0103rei ein. Diese h\u00e4tten sich mit etwa 30 der einflussreichsten Personen der Stadt getroffen, die sich \u00fcber die r\u00fccksichtslose Vorgehensweise der Polizeirazzien beklagten. Wie sich herausstellte, waren mehr als die H\u00e4lfte der Anwesenden Angeklagte in dem Fall, so Duminic\u0103. Noch heute behauptet der Mann, der beschuldigt wird, der zweitwichtigste Mann nach Titi zu sein \u2013 Gheorghe Dr\u0103gu\u015fin alias \u201eFrant\u201c \u2013, dass er Berater der B\u00fcrgermeisterin von \u0162\u0103nd\u0103rei, Nicoleta Toma, in Roma-Fragen sei. Toma lehnte eine Interviewanfrage ab und BIRN konnte Dr\u0103gu\u0219ins Behauptung nicht verifizieren. \u201eIch bin unschuldig\u201c, erkl\u00e4rte Dr\u0103gu\u015fin (57) gegen\u00fcber BIRN nach einer Berufungsverhandlung in T\u0203rgu Mure\u015f. \u201eWir sind hier wegen der Taten eines anderen.\u201d<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tBernie Gravett, ehemaliger Kommissar der Londoner Metropolitan Police. Foto: \u00a9 Ani Sandu<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer Staatsanwaltschaft zufolge organisierte Dr\u0103gu\u015fin Fahrten ins Ausland, bestach Grenzschutzbeamte und kassierte Geld von jenen, die zum Betteln gezwungen wurden. \u201eSind diese Kinder noch am Leben?\u201c, fragte Dr\u0103gu\u015fin rhetorisch. \u201eHaben wir sie umgebracht? Was soll das hei\u00dfen, wir h\u00e4tten diese Kinder von ihren Familien getrennt und diese w\u00fcssten nicht, wo sie sind?\u201c In Strachina betrachtet man die Bandenmitglieder laut Experten h\u00e4ufig als \u201emoderne Robin Hoods\u201c, die Geld von den Reichen im Ausland nehmen, um es den Armen zu Hause zu geben. \u201eDas Traurige daran ist, dass wir verstehen m\u00fcssen, dass es die Roma in der Vergangenheit schwer hatten, aber hier handelt es sich um organisierte Kriminalit\u00e4t der Roma, die niedrigere Clans, andere Roma und mittellose Familien aus ihrer eigenen Gemeinschaft ausnutzen\u201c, erkl\u00e4rte Ex-Kommissar Gravett. \u201eIch war schon oft in \u0162\u0103nd\u0103rei; die Gangster werden reich und die Armen bleiben verschuldet und am untersten Rand der Gesellschaft. Sie verraten die Bande sicher nicht.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eWir bringen deine Familie um\u201c<\/strong>

Titi und die anderen Angeklagten wurden nach zehn Monaten Untersuchungshaft freigelassen \u2013 lange vor Beginn des Prozesses im Februar 2013. Alle Angeklagten beteuerten vor Gericht ihre Unschuld. Manche behaupteten, reingelegt worden zu sein. Andere gaben vor, sich an die Geschehnisse nicht erinnern zu k\u00f6nnen. Bei den \u00dcberweisungen aus Gro\u00dfbritannien habe es sich um ehrlich verdientes Geld von Verwandten gehandelt. Ein Cousin Titis sagte aus, er habe sein Haus und sein Auto in \u0162\u0103nd\u0103rei mit dem Verkauf von Fahrzeugen, Zeitungen und Lebensmitteln in Spanien, Gro\u00dfbritannien, Italien und Frankreich finanziert. \u201eMeine Kinder wurden noch nie von der Polizei verhaftet.\u201c Ein anderer erkl\u00e4rte, er habe 13 Kinder in Gro\u00dfbritannien und erhalte Sozialleistungen im Wert von etwa 200 Pfund (230 Euro) pro Kind. \u201eIch wusste nicht, und es ist mir auch nie in den Sinn gekommen, dass Kinder aus \u0162\u0103nd\u0103rei rekrutiert werden, damit sie im Ausland betteln gehen.\u201c Wieder ein anderer behauptete, seit 2008 im Lieferservice in Gro\u00dfbritannien zu arbeiten. \u201eIch habe in England noch nie ein rum\u00e4nisches Kind beim Betteln gesehen\u201c, erkl\u00e4rte er dem Richter.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tTiti engagierte einen der ber\u00fchmtesten Anw\u00e4lte Rum\u00e4niens, C\u0103t\u0103lin Dancu, der Spitzenpolitiker und Gesch\u00e4ftsleute verteidigt und sich den Beinamen \u201eStaranwalt\u201c erworben hatte. Der Prozess hat sich von Anfang an immer wieder verz\u00f6gert. Es gab ein Problem mit der Anklage, die neu erhoben werden musste. Anh\u00f6rungen wurden verschoben, da die Angeklagten ihre Anw\u00e4lte wechselten. Einmal bat die Verteidigung um einen Aufschub, weil es schneite. Ein anderes Mal musste sich Titi einen neuen Rechtsbeistand suchen, nachdem sein Anwalt zum Leiter des rum\u00e4nischen Generalkonsulats in New York ernannt worden war. Das gr\u00f6\u00dfte Problem bestand aber darin, Zeugen zu finden, die bereit waren, auszusagen. Manche konnten nicht vorgeladen werden, weil sie gestorben waren. Viele gingen ins Ausland oder konnten nicht ausfindig gemacht werden. Ein Richter verh\u00e4ngte sogar eine Geldstrafe von rund 230 Euro gegen die \u00f6rtliche Polizei wegen mangelnder Bem\u00fchungen, den Aufenthaltsort dieser Personen zu ermitteln. Immer wieder entschlugen sich Zeugen ihrer Aussage, weil sie mit dem Angeklagten verwandt oder verschw\u00e4gert waren. BIRN z\u00e4hlte rund 20 solcher Ausnahmen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tM\u00e4dchen vor einem Fahrgesch\u00e4ft auf dem Jahrmarkt in \u0162\u0103nd\u0103rei. Foto: \u00a9 Andrei Pungovschi<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDazu kam die Tatsache, dass es in diesem Prozess keine gesch\u00e4digte Partei gab. Wenn die Ermittler mutma\u00dflich verschleppte Kinder oder ihre Familien befragten, wurden sie als Zeugen gef\u00fchrt und nicht als Opfer. Das lag daran, dass sich die Kinder nicht als Opfer sahen, erkl\u00e4rte der rum\u00e4nische Ermittlungsbeamte. Zun\u00e4chst einmal bedeutete das Leben in Gro\u00dfbritannien eine Verbesserung im Vergleich zu ihrer Existenz in \u0162\u0103nd\u0103rei. \u201eJetzt lebten sie in einem Haus\u201c, erkl\u00e4rte er. \u201eSie hatten einen Fernseher in diesem Haus. Die Stra\u00dfen waren gepflastert. Sie sahen dies als gro\u00dfen Vorteil.\u201c Im Laufe des Prozesses widersprachen die Zeugen ihren urspr\u00fcnglichen Aussagen gegen\u00fcber der britischen Polizei. Sie behaupteten, freiwillig nach Gro\u00dfbritannien gekommen zu sein, um f\u00fcr sich selbst zu betteln. F\u00fcr die Ermittler besteht kein Zweifel, dass viele aus Angst gelogen haben. \u201eOft wird ihnen auch gedroht: \u201aWir bringen deine Familie um\u2018\u201c, meinte Gravett. Ein Zeuge schrieb dem Gericht, dass es zu gef\u00e4hrlich sei, auszusagen und widerrief sp\u00e4ter seine Aussage gegen\u00fcber der Polizei. Nur vier der 158 Zeugen bestanden auf Schutz ihrer Identit\u00e4t. Doch selbst dann gab es Probleme. W\u00e4hrend einer Anh\u00f6rung, die per Videoschaltung durchgef\u00fchrt wurde, konnte ein gesch\u00fctzter Zeuge aufgrund einer technischen Panne die Angeklagten nicht sehen, als er aufgefordert wurde, diese zu identifizieren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eFahrl\u00e4ssigkeit oder vors\u00e4tzliche T\u00e4uschung\u201c<\/strong>

Als das Gericht in Harghita im Februar 2019 zu einem Urteil kam, z\u00e4hlte der Prozess bereits 53 Verhandlungstage. Der Richter stellte fest, dass mit Dezember 2018 einige der Anklagepunkte verj\u00e4hrt waren. Dazu z\u00e4hlten Verst\u00f6\u00dfe gegen das Waffengesetz und die Bildung einer organisierten kriminellen Vereinigung. Im Zuge der 2014 vorgenommenen \u00c4nderungen des Strafgesetzbuches war die Verj\u00e4hrungsfrist verk\u00fcrzt und das Strafma\u00df f\u00fcr bestimmte Delikte reduziert worden. Was die Anklagepunkte Menschenhandel und Geldw\u00e4sche betraf, so entschied der Richter, dass die Beweise f\u00fcr eine Verurteilung nicht ausreichten. In seiner Urteilsbegr\u00fcndung f\u00fchrte er aus, dass die Kl\u00e4rung der Sachverhalte \u201ein Ermangelung von gesch\u00e4digten, w\u00e4hrend der strafrechtlichen Ermittlung identifizierten Parteien verhindert wurde\u201c \u2013 ein Verweis auf das Fehlen offizieller Opfer.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u00dcber Titi hei\u00dft es: \u201eAus den Beweisen in diesem Fall und unter Ber\u00fccksichtigung insbesondere der Zeugenaussagen geht nicht hervor, dass er mit falschen Versprechungen an der Rekrutierung, Unterbringung und Bef\u00f6rderung einiger Minderj\u00e4hriger beteiligt war.\u201c Er f\u00fcgte hinzu, dass Aufzeichnungen von Telefongespr\u00e4chen zwischen Titi und der \u00f6rtlichen Polizei \u201eauf andere Straftaten hindeuteten, jedoch nicht auf jene, die dem Angeklagten zur Last gelegt wurden\u201c. Silvia Tabusca, Professorin der Rechtswissenschaften und Koordinatorin des Human Security Programme am European Centre for Legal Education and Research, einer in Bukarest ans\u00e4ssigen Menschenrechtsgruppe, meinte, sie finde es seltsam, dass das Urteil unmittelbar nach Ablauf der Verj\u00e4hrungsfrist erging. Sie warf dem Staatsanwalt au\u00dferdem vor, nicht konsequent genug gearbeitet zu haben. \u201eEs handelt sich entweder um grobe Fahrl\u00e4ssigkeit oder vors\u00e4tzliche T\u00e4uschung\u201c, erkl\u00e4rte sie.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t“Es handelt sich entweder um grobe Fahrl\u00e4ssigkeit oder vors\u00e4tzliche T\u00e4uschung.”<\/p>

\n\t\u2014 Silvia Tabusca, European Centre for Legal Education and Research<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAuf Anfrage von rum\u00e4nischen Abgeordneten das Urteil betreffend, gab der damalige Generalstaatsanwalt Augustin Laz\u0103r eine Erkl\u00e4rung zur Verteidigung des Staatsanwalts ab. Er hielt fest, dass der Staatsanwalt rechtlich nicht in der Lage gewesen sei, ein schnelleres Verfahren zu beantragen und bis zuletzt auf Verurteilungen wegen Menschenhandels und Geldw\u00e4sche gedr\u00e4ngt habe. M\u0103d\u0103lina Mocan vom Zentrum f\u00fcr Demokratieforschung, einem Thinktank in Cluj Napoca im Nordwesten Rum\u00e4niens, ist der Ansicht, dass sich F\u00e4lle von Menschenhandel in Rum\u00e4nien viel zu sehr auf Aussagen von Opfern st\u00fctzen \u2013 eine schwierige Anforderung angesichts der Tatsache, dass Prozesse Jahre dauern k\u00f6nnen und es an psychologischer Beratung fehlt, bevor man den Zeugenstand betritt. \u201eOhne eindeutige Zeugenaussagen steht der Fall auf wackeligen Beinen\u201c, meinte sie. \u201eIch interessiere mich [mehr] f\u00fcr das lukrierte Geld, das beweist, dass beispielsweise ein Jaguar mit Gewinnen aus dem Menschenhandel finanziert wurde.\u201c Bei Menschenrechtsf\u00e4llen in Gro\u00dfbritannien k\u00f6nnen Urteile allein auf der Grundlage solcher Beweise gef\u00e4llt werden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tNach einem Aufschrei gegen das Urteil wies das Gericht von Harghita in einer Erkl\u00e4rung darauf hin, dass man \u00fcber zu wenige Richter verf\u00fcge und \u00fcberfordert sei. Es wurde auf die Dimension des \u0162\u0103nd\u0103rei-Falls verwiesen, an dem \u2013 die Angeklagten und Zeugen miteingerechnet \u2013 mehr als 200 Personen beteiligt waren. Die Anklageschrift allein f\u00fcllte 600 Seiten. Bis 2019 hatten sich gen\u00fcgend Akten angeh\u00e4uft, um f\u00fcnf gro\u00dfe Einkaufswagen zu f\u00fcllen. Letztlich konnte die Justizaufsichtsbeh\u00f6rde, deren Aufgabe es ist, die Arbeit von Richterinnen und Richtern zu \u00fcberpr\u00fcfen und die laut Kritikern unter politischer Kontrolle steht, nach vier Pr\u00fcfungen des Falls keine M\u00e4ngel an dem Verfahren feststellen. In einer Erkl\u00e4rung an BIRN hielt die Beh\u00f6rde fest, dass die Dauer des Verfahrens auf die Komplexit\u00e4t des Falls und die Menge der Beweise zur\u00fcckzuf\u00fchren sei. Der Richter sei mit einem \u201ebetr\u00e4chtlichen Arbeitsvolumen\u201c konfrontiert gewesen und es habe von Mai 2017 bis Februar 2019 keine ungerechtfertigten Verz\u00f6gerungen gegeben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAnthony Steen, ehemaliger britischer Abgeordneter und derzeitiger Leiter der Human Trafficking Foundation. Foto: \u00a9 Ani Sandu<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer an der Untersuchung beteiligte rum\u00e4nische Ermittlungsbeamte meinte, es w\u00e4re wahrscheinlich besser gewesen, den Fall auf kleinere, leichter zu bew\u00e4ltigende Brocken aufzuteilen. Der einzige Erfolg habe darin bestanden, dass \u201ediese Gruppe aus \u0162\u0103nd\u0103rei viel Geld f\u00fcr Anw\u00e4lte ausgegeben hat\u201c. Der ehemalige britische Abgeordnete Steen, der die Londoner Human Trafficking Foundation [Stiftung gegen Menschenhandel] leitet und die Polizei auf einigen der britischen Razzien begleitete, meinte, der Fall w\u00e4re in Gro\u00dfbritannien niemals gescheitert, solange es stichhaltige Beweise gegeben h\u00e4tte. \u201eIch wei\u00df nicht, ob es sich um Korruption, Mangelhaftigkeit oder Unf\u00e4higkeit handelt oder \u2013 was ich eher vermute \u2013 um eine Verbindung zu jemandem, der sehr reich ist oder jemandem bei der Polizei oder in der Politik oder auch eine Mischung aus all dem, der in Wirklichkeit verhindert hat, dass die Dinge vorangehen.\u201c Ex-Kommissar Gravett bedauerte, zugestimmt zu haben, die mutma\u00dflichen Bandenbosse in Rum\u00e4nien und nicht in Gro\u00dfbritannien anzuklagen. \u201eWenn wir das getan h\u00e4tten, s\u00e4\u00dfen sie alle im Gef\u00e4ngnis\u201c, meinte er.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eSch\u00fctzt die Schwachen\u201c<\/strong>

Der \u0162\u0103nd\u0103rei-Prozess r\u00fcckte die Roma-Gemeinschaft in einem Land, in dem die Roma-feindliche Stimmung \u00fcberwiegt, in ein negatives Licht. Duminic\u0103 von der Impreuna Agency for Community Development ist jedoch der Ansicht, dass man den Fall nicht im Hinblick auf die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit betrachten sollte, da es in Wirklichkeit um das Versagen des Staates gehe, die Schwachen zu sch\u00fctzen. Zum einen h\u00e4tten die hiesigen Beh\u00f6rden und die Kinderschutzeinrichtungen feststellen m\u00fcssen, dass die Roma-Kinder vermisst wurden, meinte Duminic\u0103, selbst ein Rom.
\u201eStraft\u00e4ter gehen immer Risiken ein. Es ist die staatliche Institution, die mit dem Straft\u00e4ter gemeinsame Sache macht, die ihn unantastbar werden l\u00e4sst.\u201c Die L\u00f6sung bestehe darin, den Roma mehr Chancen zu er\u00f6ffnen, f\u00fcgte er hinzu. \u201eZun\u00e4chst gilt es, Recht anzuwenden\u201c, sagte er. \u201eStaatliche Institutionen m\u00fcssen ihren Job erledigen.\u201c In Zukunft brauche die Gemeinschaft nachhaltige Alternativen, wie sich auch ohne \u201eein Bettler, Menschenh\u00e4ndler oder was auch immer zu sein, Geld verdienen l\u00e4sst\u201d. Der ehemalige britische Abgeordnete Steen ist derselben Meinung. \u201eHier werden Menschen missbraucht, die ohne eigenes Verschulden in einer bedauerlichen Lage sind, v\u00f6llig mittellos, in bitterer Armut leben und dieser Situation entkommen wollen. Und deshalb sind sie f\u00fcr Menschen, die Dinge versprechen, eine leichte Beute.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tAus Protokollen von Gemeinderatssitzungen geht hervor, dass B\u00fcrgermeisterin Toma aus \u0162\u0103nd\u0103rei eine bereits seit Langem geschlossene Schule in Strachina zu einer medizinischen Klinik und einem Bildungszentrum f\u00fcr Roma umbauen will. \u201eWir m\u00fcssen irgendwo anfangen\u201c, erkl\u00e4rte sie in einer Ratssitzung im M\u00e4rz und wies darauf hin, dass im Viertel nur zehn der 373 Kinder im schulpflichtigen Alter eine Schule besuchen. \u201eOb es uns gef\u00e4llt oder nicht, sie sind B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger unserer Stadt.\u201c Wenn nichts f\u00fcr die Kinder getan werde, dann \u201ed\u00fcrfen wir uns nicht wundern, wenn sie uns auf der Stra\u00dfe die K\u00f6pfe einschlagen\u201c, f\u00fcgte Toma hinzu. Gespr\u00e4che mit der rum\u00e4nischen Regierung, der Weltbank und der Stadt Madrid zur Finanzierung des Projekts seien im Gange, meinte sie. Die B\u00fcrgermeisterin von Madrid, wo viele Roma aus \u0162\u0103nd\u0103rei leben, besuchte die Stadt im vergangenen Herbst. Die Madrider B\u00fcrgermeisterin Manuela Carmena (mittlerweile nicht mehr im Amt) hielt gemeinsam mit hiesigen Funktion\u00e4ren eine Pressekonferenz, bei der sie mit einem der Angeklagten an einem Tisch sa\u00df. Dann fuhr sie nach Strachina und besuchte einige H\u00e4user. Umringt von Roma sprach sie auf der Stra\u00dfe mit der Presse \u00fcber die Notwendigkeit, \u201erum\u00e4nischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, die von hier sind und in Madrid leben, ein w\u00fcrdevolles Leben zu erm\u00f6glichen\u201c. B\u00fcrgermeisterin Toma aus \u0162\u0103nd\u0103rei sprach sp\u00e4ter von der Notwendigkeit, gute Lebensbedingungen in der Stadt zu schaffen, damit \u201eunsere B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger hier bleiben\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tKinder auf einer aufblasbaren Rutsche auf dem Jahrmarkt in \u0162\u0103nd\u0103rei. Foto: \u00a9 Andrei Pungovschi<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\t\u00dcber dem Gesetz?<\/strong>

    Polizeiquellen und Menschenrechtsgruppen zufolge sei die \u0162\u0103nd\u0103rei-Bande nach wie vor in L\u00e4ndern wie Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Spanien aktiv \u2013 oft werden Kinder von einem ins n\u00e4chste Land gebracht. \u201eSie tun, was sie seit Jahren machen und scheinen \u00fcber dem Gesetz zu stehen\u201c, meinte Gravett. Ein Kinderrechtsexperte, der die Aktivit\u00e4ten der Bande in Frankreich verfolgt, erz\u00e4hlte BIRN, dass seit 2004 im Gro\u00dfraum Paris zwischen 200 und 300 Kinder aus \u0162\u0103nd\u0103rei betteln und stehlen. Der franz\u00f6sische Soziologe Olivier Peyroux hat in den vergangenen Jahren im Zuge seiner Recherche f\u00fcr ein Buch \u00fcber die Ausbeutung von Kindern in Osteuropa rund 50 von ihnen kennengelernt. Darin ist auch ein Kapitel \u00fcber \u0162\u0103nd\u0103rei enthalten. Nach den von Gro\u00dfbritannien und Rum\u00e4nien gemeinsam gef\u00fchrten Ermittlungen habe die Bande ihre Strategie ge\u00e4ndert: Eltern h\u00e4tten begonnen, ihre Kinder viel \u00f6fter zu begleiten, um die R\u00e4delsf\u00fchrer zu sch\u00fctzen. \u201eGanz allm\u00e4hlich haben sie die Familien in das Netzwerk integriert\u201c, erkl\u00e4rte er BIRN. \u201eSie passen sich irgendwie den Methoden der Ermittler an und finden einen Weg, um den Eindruck zu erwecken, die Familien nutzen ihre eigenen Kinder aus.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\t“Ganz allm\u00e4hlich haben sie die Familien in das Netzwerk integriert. Sie passen sich irgendwie den Methoden der Ermittler an und finden einen Weg, den Eindruck zu erwecken, die Familien nutzen ihre eigenen Kinder aus.”<\/p>

    \n\t\u2014 Olivier Peyroux, franz\u00f6sischer Soziologe<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tIn Italien gab die Polizei im Mai bekannt, dass sie 40 Roma aus \u0162\u0103nd\u0103rei und der nahegelegenen Stadt Fete\u0219ti erwischt h\u00e4tten, die der Beteiligung an mehr als 100 Raub\u00fcberf\u00e4llen verd\u00e4chtigt wurden. In Gro\u00dfbritannien ist laut Angaben der Heilsarmee, die erwachsenen Opfern moderner Sklaverei beisteht, die Zahl ausgebeuteter Rum\u00e4ninnen und Rum\u00e4nen im vergangenen Jahr betr\u00e4chtlich angestiegen. Noch h\u00f6her ist die Zahl der Opfer, die um Hilfe suchen, nur unter Menschen albanischer und vietnamesischer Nationalit\u00e4t. Im Mai postete eine Britin in der nordenglischen Stadt Ashton Market nahe Manchester Handyaufnahmen in einer Facebook-Gruppe, die eigens eingerichtet wurde, um Straftaten in der Gegend zu melden. Darin wirft sie einem jungen Mann und einer jungen Frau \u2013 vermutlich beide Roma \u2013 vor, Parfum von ihrem Marktstand gestohlen zu haben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tDas Video wurde vielfach geteilt und mit unz\u00e4hligen fremdenfeindlichen Kommentaren versehen. \u201eRum\u00e4nisches St\u00fcck Dreck\u201d, schrieb ein Social-Media-User. \u201eSCHLIESST UNSERE GRENZEN, WERFT SIE RAUS\u201c, ein anderer. Auch Einwohner aus \u0162\u0103nd\u0103rei stie\u00dfen auf das Video. Mehrere von ihnen posteten humorvolle Kommentare, die darauf hindeuteten, dass die mutma\u00dflichen Diebe in der Gemeinde hinl\u00e4nglich bekannt waren. Der junge Mann wurde als ein 20-j\u00e4hriger Einwohner von \u0162\u0103nd\u0103rei identifiziert, der jetzt in Deutschland lebt und in Frankreich eine Haftstrafe verb\u00fc\u00dfte. Eine Analyse dutzender Facebook-Konten aus \u0162\u0103nd\u0103rei zeigt, dass viele junge M\u00e4nner \u2013 darunter einige Angeklagte in dem Fall sowie ihre S\u00f6hne \u2013 gerne pers\u00f6nliche Livestreams versenden. Manche bezeichnen sich als \u201eMafia\u201c oder \u201eBoss\u201c und prahlen mit den Luxuswagen, die sie kaufen wollen. Andere Videos zeigen Leute aus \u0162\u0103nd\u0103rei, die Verwandte in britischen Gef\u00e4ngnissen besuchen. In einem sieht man f\u00fcnf junge M\u00e4nner, die sich aus Verzweiflung dar\u00fcber, dass ein Cousin im Gef\u00e4ngnis gelandet ist, betrinken und wehm\u00fctige Lieder h\u00f6ren. In einem anderen Video deutet eine Frau, deren Sohn in Gro\u00dfbritannien verurteilt wurde, auf ihre Handtasche und sagt, sie habe \u201egenug Geld, um halb \u0162\u0103nd\u0103rei zu begraben [ein teures Begr\u00e4bnis zu bezahlen]\u201c. Sie f\u00fcgt hinzu: \u201eDas ist, was es [wirklich] bedeutet, ein Gangster zu sein.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tIndes neigt sich das Berufungsverfahren in T\u0203rgu Mure\u015f dem Ende zu. Am 10. Dezember hielt das Gericht die elfte und letzte Verhandlung ab. Ein Urteil wurde f\u00fcr den 23. Dezember 2019 erwartet. Wie schon im ersten Prozess hatte das Gericht Schwierigkeiten, Zeugen zu finden. Und selbst wenn sich welche finden, sind diese nicht wirklich gespr\u00e4chig. W\u00e4hrend einer Anh\u00f6rung im September befragten die Staatsanw\u00e4lte einen Fahrer, der der Polizei erz\u00e4hlt hatte, er habe Roma-Kinder aus \u0162\u0103nd\u0103rei f\u00fcr zwei der Angeklagten \u00fcber die Grenze gebracht. Er zog seine urspr\u00fcngliche Aussage zur\u00fcck, bestritt, die Angeklagten zu kennen und behauptete, sich nicht an viel zu erinnern. \u201eIch sehe, dass Sie sich [nur] an das erinnern, was Sie wollen\u201c, gab der Richter sp\u00f6ttisch zur\u00fcck. Nach ihren Social-Media-Posts zu urteilen, scheinen viele der Angeklagten nach fast einem Jahrzehnt vor Gericht unbeeindruckt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tAm ersten Tag des Berufungsverfahrens, dem 24. April, streamte einer der Angeklagten ein Live-Video von sich und einigen anderen Angeklagten, wie sie es sich in einem Bergresort 200 Kilometer s\u00fcd\u00f6stlich von T\u0203rgu Mure\u015f gutgehen lie\u00dfen \u2013 nur wenige Stunden, nachdem sie das Gericht verlassen haben. Sie schienen bestens gelaunt zu sein, als ob sie Urlaub machen w\u00fcrden. \u201eDie Pferde sterben nicht, wenn die Hunde es wollen\u201c, sagte einer von ihnen. Auf dem Parkplatz des Resorts hupten sie ausgelassen wie Feiernde zu Silvester. W\u00e4hrend sich auf dem Jahrmarkt von \u0162\u0103nd\u0103rei im September Menschen jeden Alters auf Karussells vergn\u00fcgten und Buben und M\u00e4nner abwechselnd ihre Kraft an Boxs\u00e4cken testeten, tauchte Titi in wei\u00dfem Hemd und cremefarbenen Hosen auf. Dazu trug er seine unverkennbare wei\u00dfe Baskenm\u00fctze. In Begleitung von zwei Frauen und zwei Buben blieb er in der N\u00e4he einer aufblasbaren Rutsche mit Tom-und-Jerry-Motiven stehen. Dort unterhielt er sich mit einem der Buben wie ein Gro\u00dfvater, der wichtige Ratschl\u00e4ge f\u00fcrs Leben erteilt. Dann verschwanden sie alle wieder in der Menge.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tOriginal auf Englisch. Erstmals publiziert am 11. Dezember 2019 auf Balkaninsight.com<\/a>. Die deutsche \u00dcbersetzung ist erstmals am 17. J\u00e4nner 2020 auf derstandard.at<\/a> erschienen.
    Aus dem Englischen von
    Barbara Maya<\/a>.<\/em>

    Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Ani Sandu, bearbeitet von Timothy Large. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der
    Redaktion<\/a>.
    Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Ein Mann h\u00e4lt auf einem Jahrmarkt in der rum\u00e4nischen Stadt \u0162\u0103nd\u0103rei sein Kind im Arm. Foto: \u00a9 Andrei Pungovschi<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tDieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence<\/a>, unterst\u00fctzt von der ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network<\/a>.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

    Warum ist es nach fast einem Jahrzehnt noch zu keiner einzigen Verurteilung im Fall eines der gr\u00f6\u00dften Kinderhandel-Ringe Europas gekommen?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2048,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,299,436],"tags":[492,291,427,276,277,371],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3683"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3683"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3683\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5062,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3683\/revisions\/5062"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2048"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3683"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3683"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3683"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3683"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}