{"id":3636,"date":"2019-09-05T00:00:00","date_gmt":"2019-09-05T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/bewegungen-gruenden-haltungen-veraendern\/"},"modified":"2021-08-24T13:23:22","modified_gmt":"2021-08-24T13:23:22","slug":"bewegungen-gruenden-haltungen-veraendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/bewegungen-gruenden-haltungen-veraendern\/","title":{"rendered":"Bewegungen gr\u00fcnden, Haltungen ver\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tInnovative Ideen zu skalieren schafft Inklusion am Arbeitsmarkt. Sagt\u00a0<\/strong>Johanna Mair<\/a>, die\u00a0sich seit vielen Jahren mit der Wirksamkeit von sozialer Innovation besch\u00e4ftigt.\u00a0Maribel K\u00f6niger fragt die Expertin, die in Stanford forscht und\u00a0an der Hertie School of Governance<\/a> in Berlin unterrichtet, warum sie Skalierung f\u00fcr einen integralen Bestandteil des Innovationsprozesses h\u00e4lt.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tWas genau ist eigentlich \u201esoziale Innovation\u201c nach Ihrer Definition?<\/strong>

Soziale Innovation nennt man den Prozess, der in Gang gesetzt wird, um zur Bew\u00e4ltigung sozialer Probleme und gesellschaftlicher Herausforderungen neue Ideen und neuartige Ans\u00e4tze zu entwickeln. Dabei werden verschiedene Methoden, Ressourcen und Praktiken gekoppelt und neu kombiniert. Viele dieser Ans\u00e4tze und Modelle werden au\u00dferhalb des privaten oder \u00f6ffentlichen Sektors entwickelt und bestimmen nachhaltig die Spielregeln.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t\n
\n\t\n\n
\n\t\n
\n\n\t\n\t\t\t\n
\n\t

\n\tJohanna Mair<\/h2>\n\t
\n\t\t\n

\n\tJohanna Mair<\/a> leitet das Global Innovation for Impact Lab an der Stanford University in Kalifornien, ist wissenschaftliche Redakteurin der Stanford Social Innovation Review<\/a>, Senior Research Fellow an der Harvard Kennedy School und war als Gastwissenschaftlerin an der Harvard Business School und am INSEAD t\u00e4tig. An der Hertie School of Governance<\/a> in Berlin unterrichtet sie als Professorin f\u00fcr Organisation, Strategie und Leadership.

In ihrer Forschung besch\u00e4ftigt sie sich mit der Frage, wie neue Organisationsmodelle und Institutionsformen wirtschaftliche und soziale Entwicklungen erm\u00f6glichen k\u00f6nnen. Sie ist Mitglied des Vorstands mehrer Organisationen und Stiftungen und ber\u00e4t Unternehmen, Regierungen und wirkungsorientierte Investoren zum Thema soziale Innovationen.

Foto: <\/em>\u00a9\u00a0 Hertie School of Governance<\/em> <\/span><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n

\n\t\n
\n\n\t\n\t\t\t

\n\tTechnische Innovationen sind in aller Munde, soziale Innovationen bekommen, so scheint es, weniger \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit. Warum sind sie trotzdem wichtig?<\/strong>

Gerade wegen der technischen Ver\u00e4nderungen brauchen wir soziale Innovationen. So haben wir zum Beispiel noch \u00fcberhaupt keine ad\u00e4quaten Werkzeuge, um die Folgen der digitalen Revolution zu bew\u00e4ltigen. In der Wirtschaft werden neue Organisationsformen auf uns zu kommen, die die Beziehung von Angebot und Nachfrage ver\u00e4ndern werden. Der Arbeitsmarkt – der Zugang zu und die Verteilung von Arbeit – wird durch ein komplexes Paket sich st\u00e4ndig \u00e4ndernder gesetzlicher und freiwilliger Regelungen organisiert. Diese Dynamik f\u00fchrt dazu, dass wirksame Instrumente und Vorschriften veralten und erneuert werden m\u00fcssen.

Ohne technischen Fortschritt also kein Anlass f\u00fcr soziale Innovation?<\/strong>

Iwo, das sind nur die neuen Herausforderungen. Daneben gibt es aber noch gen\u00fcgend \u201eDauerbrenner\u201c: etwa die gro\u00dfe Zahl von Frauen oder marginalisierten Menschen, denen immer noch ein gleichberechtigter Zugang zum Arbeitsmarkt und faire Behandlung verweigert werden.

K\u00f6nnen Sie erkl\u00e4ren, wie soziale Innovation f\u00fcr den Arbeitsmarkt funktioniert?<\/strong>

Ein Beispiel ist Impact Sourcing. Der technologische Fortschritt erh\u00f6ht die Nachfrage nach digitalen L\u00f6sungen und bietet berufliche M\u00f6glichkeiten f\u00fcr digital ausgebildete Arbeitskr\u00e4fte auf der ganzen Welt, einschlie\u00dflich armer und l\u00e4ndlicher Gemeinschaften. Impact Sourcing kombiniert diesen stark nachgefragten digitalen Arbeitsmarkt mit einem neuartigen Ansatz zur Bek\u00e4mpfung von Armut vor Ort. Organisationen wie
Samasource<\/a> bieten ihren Kunden weltweit kosteng\u00fcnstige Outsourcing-L\u00f6sungen f\u00fcr Gesch\u00e4ftsprozesse, indem lokale Mitarbeiter in unterversorgten Gemeinden geschult werden, um die globale Nachfrage auf dem digitalen Arbeitsmarkt zu befriedigen.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tIst das nicht eine andere Form Arbeit in Niedriglohnl\u00e4nder zu verlagern?<\/strong>

Keineswegs. Diese innovative L\u00f6sung war zwar urspr\u00fcnglich auf l\u00e4ndliche und arme Regionen in Indien und Afrika ausgerichtet, inzwischen richtet sie sich aber zunehmend an armutsgef\u00e4hrdete Bev\u00f6lkerungsgruppen in den Vereinigten Staaten, wie z. B. Ehepartner von Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen und Veteranen. In Europa bieten Organisationen wie
ReDI School <\/a>Programmierlehrg\u00e4nge f\u00fcr Asylbewerber in Deutschland an und vernetzen sie mit der lokalen Start-up- und Digitalbranche.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDas hei\u00dft, soziale Innovationsmodelle erh\u00f6hen Diversit\u00e4t am Arbeitsmarkt?<\/strong>

Genau. Sie machen ihn beispielsweise durchl\u00e4ssiger f\u00fcr diejenigen, die aufgrund k\u00f6rperlicher oder geistiger Beeintr\u00e4chtigungen ausgeschlossen sind. Organisationen wie
Specialisterne<\/a> heben die besonderen und einzigartigen F\u00e4higkeiten von Menschen mit Autismus hervor und bauen auf diesen Kompetenzen eine Reihe von Gesch\u00e4ftsmodellen auf, darunter IT-Beratung. Eine andere Organisation, discovering hands<\/a>, hat ein innovatives Modell entwickelt, das die einzigartigen Tastf\u00e4higkeiten blinder und stark sehbehinderter Menschen zur Fr\u00fcherkennung von Brustkrebs nutzt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDas sind jetzt aber echte Nischenbegabungen, oder?<\/strong>

Darum geht es nicht. Es geht grunds\u00e4tzlich vielmehr darum, wen wir als Teil des formellen Arbeitsmarktes betrachten. Organisationen wie
Nidan<\/a> haben etwa in Indien den Arbeitsmarkt total umgekrempelt. Sie haben f\u00fcr informelle Arbeiter und Stra\u00dfenverk\u00e4ufer Infrastrukturen und Plattformen aufgebaut und k\u00fcmmern sich um deren Anliegen, auch auf politischer Ebene. Nidan hat zum Beispiel mehr als 700.000 Arbeiter und ihre Familien in neun Bundesstaaten Indiens f\u00fcr den Arbeitsmarkt fit gemacht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDamit reichen diese Initiativen wiederum weit \u00fcber arbeitsmarktpolitische Ma\u00dfnahmen hinaus, nicht wahr?<\/strong>

Das kann man so sagen. Dank solcher Erfolge halten Regierungen und politische Entscheidungstr\u00e4ger soziale Innovation zunehmend f\u00fcr ein kosteng\u00fcnstiges Allheilmittel: Es schafft neue Arbeitspl\u00e4tze, f\u00f6rdert Besch\u00e4ftigung und bildet gleichzeitig inklusive Gesellschaften.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tUnd? Ist es eins?<\/strong>

Soziale Innovation hat definitiv das Potential nachhaltig auf Probleme einzuwirken. Damit das aber gelingt, muss sie mit einer wirksamen Strategie zur Skalierung kombiniert werden. Die Umsetzung neuer Ideen und ihre Verbreitung m\u00fcssen mit vorhandenen organisatorischen St\u00e4rken in Einklang gebracht werden. Das ist weniger sexy als Innovation, denn da geht es haupts\u00e4chlich um langweilige und m\u00fchsame Routinearbeit. Skalierung ist jedoch f\u00fcr wirksame soziale Innovation unerl\u00e4sslich. Da geht es weniger um die \u201erichtige\u201c L\u00f6sung, sondern vielmehr darum, ob es gelingt Haltungen und Vorstellungen zu \u00e4ndern, die in der Gesellschaft vorherrschen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tWelche Rolle spielen dabei Organisationen?<\/strong>

F\u00fcr die ist das eine besondere Herausforderung, da sie die direkte Kontrolle \u00fcber den Skalierungsprozess abgeben m\u00fcssen. Damit Skalierungsstrategien wirken, muss man eine Bewegung gr\u00fcnden, die Politik beeinflussen und Verhaltens- und Denkmuster tiefgreifend ver\u00e4ndern. Sowas ist f\u00fcr organisatorische Kontrolle eher irrelevant. Um effektiv skalieren zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Organisationen \u00fcber das hinausdenken, was sie allein erreichen k\u00f6nnen. Sie m\u00fcssen sich \u00fcberlegen, wie sie mit anderen Sektoren zusammenarbeiten. Die Beispiele, die ich vorhin genannt habe, zeigen, dass wirksame soziale Innovation Partner einbezieht. Es braucht Mobilisierung und F\u00fcrsprache. Specialisterne hat sich von Anfang an mit einem der gr\u00f6\u00dften IT-Unternehmen der Welt zusammengetan. Nidan hat Einfluss auf die Politik genommen, weil sie den Aufbau von Beziehungen zu politischen Entscheidungstr\u00e4gern von Anfang an zu einer zentralen S\u00e4ule ihrer Arbeit gemacht haben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t\n
\n\t
\n\n\t\t\t\n\t\n\t<\/div>\t
\n\t\t

\n\tJulius aus dem Slum Kibera in Nairobi unterrichtet junge M\u00e4nner in seiner Gemeinde und ermutigt sie, in der Schule zu bleiben und Banden zu meiden. Foto: \u00a9 Samasource <\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDas hei\u00dft, dass soziale Innovation im Idealfall nicht nur in ein inklusives Ergebnis m\u00fcndet, sondern auch schon im Prozess integrativ sein muss?<\/strong>

Genau! Der Aufbau von Skalierungskapazit\u00e4ten in Organisationen allein reicht nicht. Soziale Innovationen m\u00fcssen vom privaten Sektor aufgegriffen bzw. vom \u00f6ffentlichen Sektor angenommen werden. Wenn man diese Zusammenarbeit in der Entwicklung der Innovation fr\u00fchzeitig mitdenkt, hilft das enorm. Auf den Arbeitsm\u00e4rkten geht es um das Humankapital der Gesellschaft. Es geht um Menschen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

\n\t\t\t
\n\t\t\t\t

\n\tDieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Johanna Mair \/ Maribel K\u00f6niger. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: \u00a9 Samasource.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

Johanna Mair im Interview zur Relevanz von sozialer Innovation am Arbeitsmarkt<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3637,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[436,245],"tags":[270,410,278,334,366],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3636"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3636"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3636\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5755,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3636\/revisions\/5755"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3637"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3636"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3636"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3636"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3636"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}