{"id":3623,"date":"2019-06-27T00:00:00","date_gmt":"2019-06-27T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/auf-den-november-1989-waren-wir-nicht-vorbereitet\/"},"modified":"2021-07-07T18:43:11","modified_gmt":"2021-07-07T18:43:11","slug":"auf-den-november-1989-waren-wir-nicht-vorbereitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/auf-den-november-1989-waren-wir-nicht-vorbereitet\/","title":{"rendered":"“Auf den November 1989 waren wir nicht vorbereitet.”"},"content":{"rendered":"
\n\t\u201eWir waren nicht darauf vorbereitet, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und in die Politik zu gehen\u201c, sagt Martin M. \u0160ime\u010dka, einer der Hauptprotagonisten der Revolutionsbewegung und erz\u00e4hlt, warum nach der Revolution Me\u010diar (ehemaliger autokratisch regierender slowakischer Premierminister, der gemeinsam mit V\u00e1clav Klaus die friedliche Aufl\u00f6sung der Tschechoslowakei verhandelte) an die Macht kam. Warum h\u00f6ren die Menschen heutzutage nicht auf die Eliten? Muss es erst zu einem Kollaps kommen, bis wir verstanden haben, dass die einfachen Wahrheiten der Populisten nicht funktionieren?<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSie waren von den Anf\u00e4ngen an bei der Samtenen Revolution dabei, doch heute wird immer deutlicher, dass viele Menschen nostalgisch auf eine Zeit vor der Wende zur\u00fcckblicken. Was hat Ihrer Meinung nach versagt?<\/strong> \n\t\u0160ime\u010dka wuchs in der Familie eines Philosophen und bedeutenden Dissidenten w\u00e4hrend des kommunistischen Regimes auf. \n\tWarum nimmt das Misstrauen gegen\u00fcber der Demokratie diese Ausma\u00dfe an? Als w\u00fcrde hier nach mehr als 20 Jahren eine tiefe Entt\u00e4uschung entstehen und das nicht nur bei Menschen, die den Kommunismus miterlebten, sondern auch bei den Jungen, die immer mehr mit extremistischen Bewegungen lieb\u00e4ugeln.<\/strong> \n\tAls wir vor einem Jahr gemeinsam mit den Studenten vom Sokrates-Institut (Bildungszentrum in der Slowakei) eine Diskussion f\u00fchrten, haben Sie offen zugegeben, dass auch Sie als Teil der Intellektuellen im Jahr 1989 versagt haben, weil sie nicht bereit waren, die Macht zu \u00fcbernehmen. Somit w\u00e4re der Macht\u00fcbernahme Me\u010diars der Weg geebnet worden. Warum hatten Sie damals diese Einstellung?<\/strong> \n\tWas habt ihr euch erwartet?<\/strong> \n\t“Wir waren nicht im Stande, im Vorhinein zu \u00fcberdenken, was Verantwortung gegen\u00fcber einer Gesellschaft bedeutet.”<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWir waren nicht im Stande, im Vorhinein zu \u00fcberdenken, was Verantwortung gegen\u00fcber einer Gesellschaft bedeutet. Das war unser gro\u00dfer Fehler und aus diesem Grund besetzten wir Regierungs\u00e4mter mit unterschiedlichen ehemaligen Kommunisten mit der \u00dcberzeugung, dass wir sie schon kontrollieren w\u00fcrden. Diese politische Naivit\u00e4t ist nur deswegen verzeihlich, weil wir auf politisches Denken \u00fcberhaupt nicht vorbereitet waren. Das zweite gro\u00dfe Problem ist, dass wir selbst bei unseren urspr\u00fcnglichen \u00dcberzeugungen nachgegeben und das Vorantreiben des Wandels in der Gesellschaft \u00d6konomen \u00fcberlassen haben. Dabei haben wir es verpasst, die demokratischen Grundlagen der Gesellschaft aufzubauen und das auch im Sinne eines Rechtssystems, das die damaligen Gelegenheiten f\u00fcr Raubz\u00fcge bei Privatisierungen eingeschr\u00e4nkt h\u00e4tte. Wir glaubten damals den liberalen \u00d6konomen, die behaupteten, dass der freie Markt damit aufr\u00e4umen w\u00fcrde und durch nat\u00fcrliche Selektionsprozesse die Besten gew\u00e4hlt w\u00fcrden. Doch es zeigte sich, dass das bei uns andersrum funktionierte. Das war unser weiteres Versagen und ein Grund daf\u00fcr war auch Naivit\u00e4t.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tHabt ihr tats\u00e4chlich geglaubt, dass ihr Me\u010diar an die Spitze der Regierung setzt und ihm dann vorschreiben k\u00f6nnt, was er zu tun hat?<\/strong> \n\t“Wir glaubten, es funktioniert im Westen, also muss es auch bei uns funktionieren.”<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWir glaubten, es funktioniert im Westen, also muss es auch bei uns funktionieren. Wir wussten damals noch nicht, dass unsere Gesellschaft auf ganz anderen Prinzipien fu\u00dfte. Heute wissen wir alle, wenn die Demokratie nicht jeden Tag gegen\u00fcber dem B\u00f6sen verteidigt wird, dann geht sie unter. \n\tWarum gab es in der Slowakei eigentlich keine mehrheitliche Dissenskultur? Warum gab es hier so wenige Menschen, die dem Regime gegen\u00fcber offen kritisch waren und keine Angst hatten, ihre Kritik auch laut auszusprechen?<\/strong> \n\tWar es nicht wom\u00f6glich ein Fehler, dass die Samtene Revolution Kommunisten und Mitgliedern der Staatssicherheit gegen\u00fcber sehr tolerant war und man viele von ihnen auch nach dem Fall des Regimes in bedeutenden \u00c4mtern weiterwirken lie\u00df?<\/strong> \n\tDas war nat\u00fcrlich ein gro\u00dfes moralisches Problem. Wir mussten uns eingestehen, dass wir mit Kommunisten weiterleben und ihnen eine zweite Chance geben mussten. Aber meiner Meinung nach hatten wir auch keine andere Wahl. Etwas anderes ist nat\u00fcrlich die Tatsache, dass wir mehr Druck h\u00e4tten machen k\u00f6nnen, um die Bew\u00e4ltigung der kommunistischen Verbrechen voranzutreiben. Unmoral l\u00e4sst sich nur schwer r\u00fcckwirkend verfolgen, aber bei Verbrechen ist das m\u00f6glich. Dies ist uns allerdings nicht gelungen. Als sich zum Beispiel West- und Ostdeutschland vereinten, durften ostdeutsche Richter nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen und ihre Posten wurden mit Personen aus dem demokratischen Deutschland besetzt. Wir hatten in der Slowakei jedoch keine zweite demokratische Slowakei, die uns zur Verf\u00fcgung gestanden w\u00e4re, um Posten in der Justiz zu besetzen. Da hatte man es also mit ganz praktischen Problemen zu tun, da war nichts zu machen. \n\tWenn man heute den Begriff \u201eElite\u201c oder \u201eIntellektueller\u201c verwendet, l\u00f6st es bei den meisten Menschen in der Gesellschaft etwas Negatives aus. Der \u201eIntellektuelle\u201c wird eher als Beleidigung aufgefasst, er wird als Belastung f\u00fcr die Gesellschaft gesehen. Warum ist das so?<\/strong> \n\tIst es aber nicht ein Problem der Elite, dass sie es nicht geschafft hat, die Gesellschaft anzusprechen und mit ihr zu kommunizieren?<\/strong> \n\tDie Welt ist komplex und schwer zu verdeutlichen, doch auf der anderen Seite m\u00f6chte die Mehrheit der Menschen, dass ihnen jemand diese Welt erkl\u00e4rt. Sie sagen aber, das sei unm\u00f6glich. Dann kommen Personen wie Trump oder Kotleba daher, die vorgeben, die Welt zu begreifen, jedoch auf ihre ganz eigene Weise, und die Menschen w\u00e4hlen sie. Es klingt so, als gebe es keine L\u00f6sung.<\/strong> \n\tMir kommen die 25 Prozent sehr viel vor, denn alles \u00dcbel in der Geschichte war einem schweigenden Anteil der Bev\u00f6lkerung zu verdanken.<\/strong> \n\tOriginal auf Slowakisch. Erstmals publiziert am 20. M\u00e4rz 2017 auf \u010cierna labu\u0165<\/a>. Juraj Hip\u0161 im Gespr\u00e4ch mit Martin M. \u0160ime\u010dka<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,436,245],"tags":[348,387,342,333],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3623"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3623"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3623\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5102,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3623\/revisions\/5102"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1806"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3623"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
Umfragen zeigen, dass die Menschen zwar nostalgisch an den Kommunismus zur\u00fcckdenken, aber sie h\u00e4tten ihn nicht gerne wieder. Da sollte man also unterscheiden. Es ist eine von Optimismus gepr\u00e4gte Erinnerungshaltung. Man war jung, verliebt, man bekam eine neue Wohnung und danach Kinder und hatte das Gef\u00fchl, dass im eigenen Leben etwas weiterging. Das kann ich auch absolut verstehen. Man muss sagen, dass es der Slowakei im Kommunismus tats\u00e4chlich sehr gut ging und das Land reicher wurde. Trotz des Regimes entwickelte sich die Gesellschaft weiter. Das ist der Unterschied zu Tschechien oder Polen, also L\u00e4ndern, in denen die Gesellschaften bereits vor dem Kommunismus entwickelt waren. Bei uns haben die Menschen darum den Eindruck, dass sie vom Kommunismus profitiert haben. Daher w\u00fcrde ich es nicht so tragisch sehen, wenn Menschen auch nostalgische Gef\u00fchle gegen\u00fcber dieser Zeit hegen. Etwas anderes ist nat\u00fcrlich, dass viele Menschen nicht mehr an die Demokratie glauben, und das deutet schon gewisserma\u00dfen darauf hin, dass etwas versagt hat. Dies betrifft jedoch nicht nur die Slowakei. Schau auch in den Westen und sieh dir an, wie es dort aussieht.
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Das Studium wurde ihm verwehrt, weshalb er eine Lehre beim Unternehmen Slovnaft absolvierte. Bis zum Jahr 1989 \u00fcbte er zahlreiche einfache Berufe aus: Er arbeitete unter anderem als Pfleger, Verk\u00e4ufer, Bademeister und Heizer.
Nach der Revolution gr\u00fcndete er den Verlag Archa, sp\u00e4ter leitete er drei Jahre lang die Wochenzeitschrift Domino f\u00f3rum<\/em>. Ab 1999 arbeitete er als Chefredakteur der Zeitung SME<\/a><\/em>, bis er im Jahr 2006 seine Funktion zur\u00fccklegte. Zwei Jahre lang war er Chefredakteur der Wochenzeitschrift Respekt<\/em>, wo er bis 2016 auch als Herausgeber fungierte.
Zurzeit schreibt er Kommentare und wirkt als Herausgeber bei der Zeitung Dennik N<\/a><\/em>. Dar\u00fcber hinaus arbeitet er als Lektor am Sokrates-Institut<\/a>.
Foto: \u00a9 \u010cesk\u00e1 televize<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n
Einerseits ist das ein gesamtmitteleurop\u00e4isches Problem, wobei es in Polen und in Ungarn noch dramatischer ist. Dort haben die Menschen bei Wahlen f\u00fcr Politiker gestimmt, die gegen jene grundlegenden demokratischen Prinzipien versto\u00dfen, auf die wir uns im Jahr 1989 verst\u00e4ndigt hatten. Die W\u00e4hler dieser Politiker treibt die Entt\u00e4uschung an und gr\u00f6\u00dftenteils ist die Korruption daf\u00fcr verantwortlich, die leider f\u00fcr Zentraleuropa typisch ist. Ein tieferes Problem, das ich dahinter sehe, ist, dass nach der Wende im Jahr 1989 die bipolare Welt \u2013 zusammengesetzt aus Kommunismus und Demokratie \u2013 aufgeh\u00f6rt hat zu existieren. Schon Margaret Thatcher sagte: \u201eThere is no alternative.\u201d Es gibt keine Alternative zur liberalen Demokratie. Das System, das wir haben, ist definitiv. Wenn du den Menschen jedoch sagst, sie h\u00e4tten keine Wahl, und die Welt, in der sie leben, macht sie unzufrieden \u2013 darunter die Korruption und ein nicht funktionierender Staat \u2013, dann fangen sie an, sich aufzulehnen und sie sagen sich langsam, dass es eine Alternative geben muss. Und das nutzen Politiker wie Kotleba (slowakischer rechtsextremer Politiker und Parteichef der \u013dSNS) und Gleichgesinnte aus, deren Alternative eine illiberale Demokratie ist und eine Demokratie der nationalen Mehrheit, die auf dem Nationalismus, dem Hass und negativen Emotionen fu\u00dft. Das Hauptproblem ist somit, dass die liberale Demokratie die Menschen nicht davon \u00fcberzeugen konnte, dass sie in ihrem Wesen eine Menge an Alternativen bietet. Doch die Menschen sehen sie als geschlossenes Modell, mit dem sie nicht einverstanden sind. Das ist das tiefere Motiv f\u00fcr all diese Entwicklungen.
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Das ist wieder einmal ein slowakisches Spezifikum. Wir waren darauf nicht vorbereitet, weil es in der Slowakei unter dem kommunistischen Regime im Prinzip in der breiten Gesellschaft keinen Dissens gab. Es fehlte an Menschen, die es mit ihrem Widerstand gegen\u00fcber dem Regime geschafft h\u00e4tten zu zeigen, dass sie charakterstark und mutig sind und eine ausgepr\u00e4gte Meinung haben. Dies entstand erst knapp vor den Ereignissen im November. Man k\u00f6nnte also sagen, dass der November zu fr\u00fch kam. Wir waren auf ihn \u00fcberhaupt nicht vorbereitet. Wir haben nicht verstanden, dass es nicht nur in unserer Verantwortung liegt, eine Revolution zu organisieren, sondern dass auch die Schaffung eines demokratischen Regimes vorangetrieben werden muss. Die Reaktion der Mehrheit war, wir h\u00e4tten f\u00fcr die Revolution gesorgt, weil wir frei sein wollten. Jetzt hatten wir die Freiheit und f\u00fcr alles andere sollte jemand anderer sorgen.
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Es herrschte der naive Glaube daran, dass sich die geeigneteren Menschen f\u00fcr politische Aufgaben schon melden und sich dank nat\u00fcrlicher Selektionsprozesse behaupten w\u00fcrden. Bald war jedoch klar, dass die nat\u00fcrliche Selektion in der Slowakei andersrum funktioniert.
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Ja, das haben wir gedacht. Auch er behauptete am Anfang: \u201eLeute, ich tue, was ihr mir sagt.\u201c Und wir glaubten ihm. Ich glaubte es zwar nicht ganz und ich habe auch nie daf\u00fcr gestimmt, dass er Regierungschef wird. Viele andere stimmten jedoch f\u00fcr ihn und als er schlie\u00dflich Premier wurde, war bereits klar, dass alles anders ist. Aus seiner Sicht hatte er jedoch recht. Er sagte uns: \u201eIhr werdet mir hier doch nichts vorschreiben, w\u00e4rt ihr doch selbst in die Politik gegangen.\u201c Es war Naivit\u00e4t, die heute fast komisch wirkt. Aber damals glaubten wir ganz fest an die Demokratie als ein sich selbst lenkendes System, in dem es nur die Besten an die Spitze schaffen und das im Interesse der Gesellschaft, die sie w\u00e4hlt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
H\u00e4tten Sie das Wissen von heute damals im November gehabt, w\u00e4ren Sie bereit gewesen, in die Politik zu gehen?<\/strong>
Ja, und das mit dem wahrscheinlichen Risiko, bei Wahlen zu verlieren. Ich w\u00e4re sicher mit einem Gef\u00fchl der Verantwortung und mit Pflichtbewusstsein in die Politik gegangen. Ich habe jedoch erst sp\u00e4ter erkannt, dass es in unserer Verantwortung lag, in die Politik zu gehen.
Oft entgegnen mir Menschen, mit denen ich \u00fcber einen Gang in die Politik spreche, sie w\u00fcrden sich f\u00fcr eine politische Karriere nicht eignen. Das behaupten Sie auch von sich selbst. <\/strong>
F\u00fcr mich liegt der Sinn meiner Existenz in der M\u00f6glichkeit des Entdeckens neuer Inhalte. Das ist meine gr\u00f6\u00dfte Leidenschaft. Und in der Politik geht es nicht um das Entdecken des Neuen, sondern um das \u00dcberzeugen der anderen von bereits bekannten Inhalten. Man muss unerm\u00fcdlich und st\u00e4ndig das Gleiche wiederholen, und das macht mir \u00fcberhaupt keinen Spa\u00df. Es ist Knochenarbeit und l\u00e4stig. Daf\u00fcr braucht man Leidenschaft und Ehrgeiz und an beidem fehlt es mir. Und im besten Fall geht man in die Politik, weil man etwas ver\u00e4ndern m\u00f6chte. Auch diese Eigenschaft fehlt mir. Dar\u00fcber hinaus braucht man in der Politik ein sehr gutes Ged\u00e4chtnis und hervorragende soziale F\u00e4higkeiten, um sich st\u00e4ndig alle Gesichter und Namen von Menschen, die man trifft, zu merken. Auf jeden Fall braucht man auch strategisches Denkverm\u00f6gen, um immer den ersten richtigen Schachzug machen zu k\u00f6nnen. Das sind alles Attribute, die mir fehlen [lacht]. Ich habe ein sehr schlechtes Personenged\u00e4chtnis, die Welt nehme ich anders wahr als andere und taktisches Denken war nie meine St\u00e4rke. Ich w\u00fcrde in der Politik sehr schnell untergehen. Und da ich mir dessen bewusst bin, w\u00e4re es f\u00fcr mich sinnlos, das politische Parkett zu betreten. Es w\u00fcrde mich niemand w\u00e4hlen [lacht].
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Das hat historische Gr\u00fcnde. Einen Grund habe ich bereits genannt, als ich sagte, dass die Menschen mit dem kommunistischen Regime einen h\u00f6heren Lebensstandard verbanden. In Tschechien herrschte das gegenteilige Gef\u00fchl, ein Gef\u00fchl des Abstiegs, denn das Land \u2013 einst zu den zehn am meisten entwickelten Staaten geh\u00f6rend \u2013 rutschte in der Rangliste nach unten. Ein weiterer Grund ist, dass Slowaken noch immer eine Stammesmentalit\u00e4t haben. Nach der Wende verloren in Tschechien zehntausende Menschen ihren Job, darunter Akademiker, Wissenschaftler und Journalisten. In der Slowakei waren es viel weniger Menschen, weil die Slowaken ihre nationale Elite nicht vollkommen zu liquidieren beabsichtigten. Dahinter lag eine gute Absicht. Auch die Kommunisten hatten das Gef\u00fchl, sie k\u00f6nnten es sich nicht erlauben, 80 Prozent ihrer Elite zu vernichten. Dar\u00fcber hinaus kam jeder aus irgendeinem Dorf, in dem er Freunde hatte. Man half sich gegenseitig. Au\u00dferdem mochten die Slowaken Prag nicht besonders. Als ihnen dann aus Prag Quoten vorgeschrieben wurden, also die Anzahl von Menschen, die aus der Partei und aus ihren Positionen geworfen werden sollten, gingen die Slowaken nur widerwillig dieser Aufforderung nach.
Die Auswirkungen waren paradoxerweise negativ. Die gesamte Gesellschaft fand sich mit Kompromissen und der Unmoral des Systems ab, sie passte sich an und es bildete sich keine starke Gemeinschaft des Widerstands, wie in Tschechien. Die Folge dessen war auch der Amtsantritt Me\u010diars. Wir haben nicht gelernt, gegen den Druck von oben Widerstand zu leisten und unsere nationale Mentalit\u00e4t nahm Schaden daran. Kompromisse eingehen, sich anpassen und Zustimmung zu offensichtlicher Unmoral und L\u00fcge wurden Teil des nationalen Charakters.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Die Slowakei ging da im Vergleich zu Polen und Ungarn am weitesten. Bei uns gab es ein illustratives Gesetz, das es Agenten der Staatssicherheit verbot, hohe \u00c4mter in der staatlichen Verwaltung und der Regierung inne zu haben. Das war ein sehr gro\u00dfer Schritt. In der Slowakei gab es jedoch eine halbe Million Kommunisten und ihre Familien. Ein Drittel der Bev\u00f6lkerung hatte somit einen Kommunisten in der Familie. Ein ganzes Drittel aus der Gesellschaft auszuschlie\u00dfen ist daher unm\u00f6glich und w\u00e4re auch nicht richtig gewesen. Wir h\u00e4tten uns auf diese Weise eine gro\u00dfe Gruppe an Feinden geschaffen. Dar\u00fcber hinaus wurden viele dieser Menschen nur aus Karrieregr\u00fcnden Kommunisten. Sie hatten sich ziemlich gut behauptet und waren professionell. Wir h\u00e4tten damit den Aufbau der Gesellschaft geschw\u00e4cht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Wir sprechen viel dar\u00fcber, dass die Elite versagt hat und nach der Revolution die Verantwortung daf\u00fcr trug, die Macht zu \u00fcbernehmen. Wer sind Ihrer Meinung nach die Eliten?<\/strong>
Das ist ein terminologisches Problem. Der Begriff der Elite wird vereinfacht benutzt. Der Widerspruch liegt darin, dass heute alles Negative, wie zum Beispiel auch die Wahl von Donald Trump, Widerstand gegen die Eliten darstellt. Man nennt es auch Establishment. Das hei\u00dft, wir sprechen von Journalisten, Intellektuellen, der Regierung und vielen anderen. Ich sehe in der Elite eine Gemeinschaft gebildeter Menschen aus unterschiedlichen Berufskreisen, darunter Wissenschaftler, Journalisten und K\u00fcnstler. Diese Gemeinschaft besteht im Prinzip aus Zehntausenden von Menschen. Dazu sollten auch Lehrer geh\u00f6ren. Sie sollten die Tr\u00e4ger des Begriffs der Elite sein. Doch diesbez\u00fcglich habe ich in der Slowakei so meine Zweifel. Im weiten Sinne sind Eliten Tr\u00e4ger von Ver\u00e4nderungen und sie beeinflussen die Gesellschaft. Fr\u00fcher war das der Pfarrer, der Lehrer und der Arzt. Heutzutage ist es viel weitgefasster. F\u00fcr mich sind es vor allem die liberalen Eliten, also Menschen, die sich mittels ihrer Sehnsucht nach Freiheit definieren, die die allgemeine G\u00fcltigkeit der Menschenrechte anerkennen und einen humanistischen Zugang zum Leben haben. Es gibt n\u00e4mlich auch andere Eliten. Theoretisch gesehen ist der Politiker Kotleba auch Teil der Elite. Es ist nat\u00fcrlich furchtbar, aber er ist Abgeordneter im Parlament. F\u00fcr mich z\u00e4hlt er jedoch nicht zur Elite.
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Ein Grund daf\u00fcr ist vielleicht, dass Eliten sichtbar sind. Sie treten in den Medien auf und im Westen werden sie als Menschen gesehen, die die \u00f6ffentliche Meinung beeinflussen und diese untereinander in Diskussionen pr\u00e4gen. Den allt\u00e4glichen B\u00fcrger interessiert das nicht. Der arbeitet den ganzen Tag und sieht sich am Abend die Nachrichten oder irgendeine Fernsehdiskussion an. Aber im Grunde geh\u00f6rt es nicht zu seiner beruflichen Erf\u00fcllung, \u00fcber die Gesellschaft und die Welt nachzudenken, weil er daf\u00fcr keine Zeit hat. Das war lange in der Vergangenheit so eingerichtet, aber die Situation hat sich ge\u00e4ndert. Die Menschen wurden unzufrieden angesichts der Situation in der Welt, mit der Gesellschaft und dem Staat, und machten daf\u00fcr nat\u00fcrlich die Elite verantwortlich. Die Elite sollte ihrer Meinung nach daf\u00fcr verantwortlich sein, dass alle diese Dinge funktionieren.
Sicherlich spielen auch die sozialen Netzwerke eine Rolle darin.<\/strong>
Ja, das Ph\u00e4nomen der sozialen Netzwerke hat die \u00f6ffentliche Meinungs\u00e4u\u00dferung demokratisiert. Heutzutage ist man bei Facebook mit jedem beliebigen Menschen gleichgestellt, unabh\u00e4ngig davon, ob man Intellektueller ist oder nicht. Man ver\u00f6ffentlicht seinen Status und ist an der \u00f6ffentlichen Debatte beteiligt. Den Menschen hat es sofort sehr imponiert, dass jede Meinung den gleichen Wert hat. Sie erkannten, dass man mit etwas mehr Aktivit\u00e4t und Flei\u00df sogar Zehntausende Fans haben kann. Sie sind sich immer mehr dessen bewusst geworden, dass nicht nur die Elite, sondern auch sie selbst zur Stimme der \u00d6ffentlichkeit werden k\u00f6nnen. Dass ihre Stimme meistens stupide und hasserf\u00fcllt ist, die Suche nach der Wahrheit ablehnt und L\u00fcgen verbreitet, das ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die Leute an Selbstbewusstsein gewonnen haben, der Elite gegen\u00fcberstehen und sie jetzt bek\u00e4mpfen, indem sie ihr sagen: \u201eSchert euch alle zum Teufel, jetzt haben wir das Sagen. Jahrhundertelang mussten wir schweigen, ihr und die Medien habt uns mundtot gemacht. Wir durften nicht zu Wort kommen und jetzt sprechen wir!\u201c Einerseits ist das komisch, aber andererseits ist es auch gef\u00e4hrlich, denn genau auf diese Art wurde Donald Trump gew\u00e4hlt.
Im Jahr 1989 gab es hier ein \u00e4hnliches Ph\u00e4nomen. Die ersten Demonstrationen nahmen ihren Anfang und w\u00e4hrend im Kommunismus alle schwiegen, tauchten nun pl\u00f6tzlich wie aus dem Nichts Hunderte Menschen auf und st\u00fcrmten auf die Trib\u00fcne. Das waren schlicht Verr\u00fcckte mit gro\u00dfen Augen, die Kommunisten h\u00e4ngen wollten und \u00c4hnliches. Unsere gro\u00dfe Aufgabe war es, ihnen den Zutritt zur Trib\u00fcne zu verwehren, weil sie die Massen dazu verlockt h\u00e4tten, Schaufenster demolieren zu gehen. Die Polizei w\u00e4re gekommen und das Massaker h\u00e4tte begonnen. Damals hatten wir vor diesen Menschen Angst und sie waren auch sehr zahlreich vorhanden. Heute beobachte ich \u00c4hnliches auf Facebook. Es sind genau die gleichen Typen wie damals. Nur heute werden sie geh\u00f6rt, weil Facebook allen eine B\u00fchne bietet. Das, wovor ich mich w\u00e4hrend der Revolution f\u00fcrchtete und was wir verhindern konnten, spielt sich heute in der gesamten Gesellschaft ab und das nicht nur in der Slowakei.
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Ich glaube, dass die Elite nie volksnah war. Das geht aus ihrem Wesen hervor. Ich verbringe zum Beispiel auch sehr viel Zeit damit, \u00fcber die Welt nachzudenken und das ist eine Knochenarbeit. Ganz ehrlich, ich lese viel, denke nach, manchmal schreibe ich etwas und ich brauche daf\u00fcr viel Zeit, weil ich jedes einzelne Wort, das ich nutze, abw\u00e4ge. Das ist eine ganz andere Art der Kommunikation, als wenn ich unter Menschen in Kneipen gehen und mit diesen Menschen reden w\u00fcrde. Sorry, aber daf\u00fcr habe ich keine Zeit. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es gut, wenn die Eliten die Komplexit\u00e4t der Welt in einfacheren Worten erkl\u00e4ren k\u00f6nnten, aber genau das geht eben nicht. Die Welt ist tats\u00e4chlich sehr komplex [lacht].
Und dann nehmen sich jene dieser Aufgabe an, die die Welt vereinfacht sehen. Aber die Welt wird nie so vereinfacht funktionieren. Die Menschen glauben diesen Aussagen jedoch, weil sie den Eindruck haben, dass sie die Inhalte verstehen. Die Eliten haben sie nie verstanden und daher haben sie vor ihnen keinen Respekt mehr und sagen, sie h\u00e4tten versagt. Doch wenn es etwas gibt, das die Welt ausmacht, dann ist es die Tatsache, dass sie unerkl\u00e4rlich ist. Und in zwei S\u00e4tzen kann man sie schon gar nicht beschreiben. Heute versteht die Welt kaum jemand mehr. Das kann man auch bei Trump beobachten. Er dachte, dass sich alles schon richten lie\u00dfe. Jetzt macht er einen Bl\u00f6dsinn nach dem anderen und die ganze Welt sieht ihm dabei mit Schrecken zu. Er war davon \u00fcberzeugt, dass er dieses und jenes machen, verbieten bzw. erlauben w\u00fcrde und dann w\u00fcrde schon alles funktionieren. Die Realit\u00e4t zeigt jedoch, dass die Dinge sehr komplex sind und jeder unserer Schritte unabsehbare Folgen haben kann.
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Nein, ich glaube, dass es durchaus eine L\u00f6sung gibt, aber im Moment ziehen wir den K\u00fcrzeren und daher ist diese Zeit auch so gef\u00e4hrlich. Das ist etwa so wie beim Arzt, den man vor der Operation auch nicht danach ausfragt, wie unser K\u00f6rper funktioniert, weil man wei\u00df, dass er kompliziert ist. Du musst an seine Professionalit\u00e4t glauben und dich operieren lassen, auch wenn du keine Ahnung davon hast, was er mit dir eigentlich anstellt. Der Arzt kann dir zwar ein paar Grundlagen erkl\u00e4ren, aber den Rest \u2013 wie zum Beispiel die Instrumente, die dich umgeben \u2013 hinterfragst du nicht. Dein Schicksal liegt in seiner Hand und du vertraust darauf, dass er es gut mit dir meint. Heute wollen Menschen gerne h\u00f6ren, wie die Welt funktioniert. Und dann kommt irgendein Populist daher und erkl\u00e4rt, die Welt sei so oder so, und sie glauben ihm. Im schlimmsten Fall werden diese Populisten gew\u00e4hlt und sie f\u00fchren uns alle in eine Katastrophe, mit den m\u00f6glichen Folgen von Kriegen, Chaos und Verfall. Bis die Menschen die Macht nicht erneut Personen anvertrauen, die versuchen, die Welt im besten Sinne zu verstehen. Und die zumindest nicht so tun, als h\u00e4tten sie auf alles eine Antwort. Wenn die Menschen in Bansk\u00e1 Bystrica noch immer nicht erkannt haben, dass Kotleba nichts f\u00fcr sie getan hat, dann steht es sehr schlecht um uns. Eines Tages werden sie es verstehen, dann wird es jedoch schon zu sp\u00e4t sein. Zurzeit sehe ich einfach keine M\u00f6glichkeit daf\u00fcr, dass die Eliten diesen Trend umkehren k\u00f6nnten. Bis die Menschen nicht selbst feststellen, dass dies kein guter Weg ist und vor ihrem eigenen Hass zur\u00fcckschrecken.
Zusammengefasst kann man sagen, dass Sie meinen, es m\u00fcsste zuerst zu einem Kollaps kommen, damit etwas Neues und Lebensf\u00e4higes entstehen kann.<\/strong>
Nein, die Menschen k\u00f6nnen auch fr\u00fcher feststellen, dass sie diesen Weg nicht wollen. Zurzeit sind sie davon begeistert, dass sie die Elite ohrfeigen, denn sie machen sie f\u00fcr ihr Leben verantwortlich und sind mit ihr unzufrieden. Es ist fraglich, ob sie die Elite nur ohrfeigen oder tats\u00e4chlich auch austauschen m\u00f6chten. Viele Menschen haben Trump deswegen gew\u00e4hlt, weil sie verdeutlichen wollten, dass sie w\u00fctend sind und nicht, weil sie ihn tats\u00e4chlich f\u00fcr den Richtigen halten. Dann waren alle \u00fcberrascht, als er tats\u00e4chlich die Wahlen gewann. Die W\u00e4hler k\u00f6nnen somit tats\u00e4chlich jene Personen an die Spitze der Macht w\u00e4hlen, die ihre Gesellschaft in den Kollaps f\u00fchren. Die Situation in Polen und in Ungarn ist zum Beispiel in dem Sinne alarmierend, weil sie zeigt, dass die Menschen bereit sind, jene Politiker zu w\u00e4hlen, die gegen ihre Interessen arbeiten. Doch es ist dann sehr schwer, diese Politiker loszuwerden.
In der Slowakei ist es nicht so einfach, f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten zu finden, die tats\u00e4chlich bereit und f\u00e4hig sind, N\u00e4gel mit K\u00f6pfen zu machen. Wo sind diese Menschen deiner Meinung nach verloren gegangen?<\/strong>
Diese Pers\u00f6nlichkeiten entstehen meistens in Krisenzeiten. Mikul\u00e1\u0161 Dzurinda zum Beispiel war keine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit. Er war ein ganz normaler Typ aus dem Osten, der Ambitionen hatte. Im Laufe der Zeit wurde aus ihm jedoch eine Art F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit. Viele Menschen haben diese Qualit\u00e4t im Blut, doch die Zeit, in der sie leben, hat sie noch nicht an die Oberfl\u00e4che gesp\u00fclt. Es wird sich eine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit finden, wenn es keinen anderen Ausweg mehr geben wird. Wir sprechen zwar \u00fcber eine aufgebrachte Gesellschaft, doch jene, die das System tats\u00e4chlich st\u00fcrzen m\u00f6chten, befinden sich noch immer in der ausdr\u00fccklichen Minderheit. Es sind noch immer weniger als 25 Prozent der Bev\u00f6lkerung, die sich tats\u00e4chlich einen grundlegenden Wandel im System w\u00fcnschen. Die Krise ist also noch nicht gro\u00df genug, um neue F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten hervorzubringen.
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Die Zahl ist tats\u00e4chlich schrecklich, aber sie liegt nicht au\u00dferhalb der Norm. In Tschechien ist dieser Trend konstant. Nur wir waren an solche Zahlen nicht gew\u00f6hnt. Wir hatten Me\u010diar, der im Prinzip Extremist war, besiegt und dann gab es hier fast 20 Jahre lang eine Art Konsens \u00fcber Stabilit\u00e4t und eine grundlegende Ausrichtung der Slowakei an der Europ\u00e4ischen Union. Dies h\u00e4lt meiner Meinung nach noch weiter an, trotz der Tatsache, dass viele von uns das Gef\u00fchl haben, dass die Lage nicht schlimmer sein k\u00f6nnte. Doch sie k\u00f6nnte schlimmer sein. Das, was wir als dramatische gesellschaftliche und politische Krise empfinden, nimmt die Mehrheit der Menschen nicht so wahr. Wenn du dir ansiehst, was die Menschen am meisten plagt, dann ist es das Gesundheitswesen und die Gerechtigkeit. Sie werden dir nicht erz\u00e4hlen, dass ihnen die politische Krise Sorgen bereitet.
Sie selbst sind vor einigen Jahren nach Tschechien gezogen. Auch viele junge Menschen verlassen das Land und kommen nicht mehr zur\u00fcck. Warum sind Sie gegangen?<\/strong>
Aus einem einfachen Grund. Ich habe bei der Tageszeitung SME<\/em> gek\u00fcndigt und sagte mir, ich w\u00fcrde mir ein Jahr Zeit nehmen, um nachzudenken. Ich war darauf vorbereitet, irgendwo auf einer Baustelle zu arbeiten oder so. Als man davon jedoch bei der Zeitschrift Respekt<\/em> Wind bekommen hat, rief man mich sofort an und es hie\u00df, man wolle mich haben. Ich sagte mir, es ist meine Pflicht, das Angebot der Zeitschrift anzunehmen und ihnen zu helfen, wenn sie denken, dass gerade ich ihnen helfen k\u00f6nnte. Ausschlaggebend war somit die Zeitschrift Respekt<\/em> und nicht Tschechien.
Und warum sind Sie wieder in die Slowakei zur\u00fcckgekehrt?<\/strong>
Ich h\u00e4tte es selbst nie von mir gedacht, aber erstens sprach mich Mat\u00fa\u0161 an (Mat\u00fa\u0161 Kostoln\u00fd, Chefredakteur der Tageszeitung Dennik N<\/em>) und fragte, ob ich bei ihnen arbeiten wollte. Das war ein praktischer Grund. Physisch war ich zwar in der Slowakei und bin nach Prag gependelt, geistig war ich aber ganz bei der Zeitschrift Respekt<\/em> und habe die Geschehnisse in der Slowakei nur am Rande oder \u201eim Vorbeigehen\u201c betrachtet.
Ich bekam langsam den Eindruck, dass die Zeichen der Zeit darauf hindeuteten, dass ich es mir nicht mehr leisten konnte. Und das nicht, weil ich dachte, dass ich als Erl\u00f6ser ins Land zur\u00fcckkommen w\u00fcrde, das war \u00fcberhaupt nicht der Grund. Ich bin in der Slowakei zu einer Zeit aufgewachsen, in der viele ins Ausland ausgewandert sind, und die Emigration schw\u00e4chte die Gemeinschaft ungemein. Ich habe es den Menschen damals ver\u00fcbelt, dass sie emigrierten. Mir hatten dabei Polizisten auch angeboten auszuwandern, sie w\u00e4ren mich gerne losgeworden [lacht]. Ich wollte es aber meinen Freunden nicht antun. Und dieses gleiche Gef\u00fchl kam jetzt wieder in mir hoch. So ein inneres Gef\u00fchl, dass die Zeit so schlimm ist, dass ich zur\u00fcckkommen und daheim sein muss.
Die Zeitschrift Respekt<\/em> wurde vom tschechischen Oligarchen Zden\u011bk Bakala aufgekauft. Das ist die gleiche Situation wie bei der Zeitung SME<\/em> und ihrem Eigent\u00fcmer, der Investitionsgruppe Penta. Hatten Sie damit kein Problem?<\/strong>
Das ist eben nicht das Gleiche. Der Begriff des Oligarchen kann meiner Meinung nach bei Bakala nicht angewendet werden, und ich kann versichern, dass er nie auch nur irgendwie den Inhalt des Mediums beeinflussen w\u00fcrde. Zweitens hat er mit dem Staat nur sehr wenige Gesch\u00e4fte gemacht, worin er sich von Penta unterscheidet. Er brauchte den Staat und seine Regierung nicht f\u00fcr seine Gesch\u00e4fte. Es ist auch kein Zufall, dass Penta Interesse daran hatte, Politiker zu korrumpieren, weil das Unternehmen das f\u00fcr seine Gesch\u00e4fte brauchte. Bakala ist somit kein Oligarch. In zehn Jahren ist es nicht einmal passiert, dass er versucht h\u00e4tte, auch nur ansatzweise unseren Inhalt zu beeinflussen. Bei Penta ist klar, dass die Investitionsgruppe Medien aufkauft, um politischen Einfluss zu gewinnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch bei der Zeitung SME<\/em> in Erscheinung treten wird. Es ist illusorisch zu glauben, dass die Anwesenheit von Penta bei SME<\/em> keine Rolle beim Inhalt des Mediums spielen wird. Ich w\u00fcrde meine Hand daf\u00fcr ins Feuer legen, dass dies passieren wird.
Das Gleiche sagt man aber auch \u00fcber die Zeitung Dennik N<\/em>, deren Investor Anton Zajac ist, der sich offen zur Partei “Progressive Slowakei” bekennt.<\/strong>
Und schon wieder hinkt dieser Vergleich. Die Redaktion von Dennik N<\/em> ist auch mehrheitlicher Aktieninhaber der Zeitschrift. Und es ist auch hier eine Frage der Erfahrung. Anton Zajac w\u00fcrden keine zehn Pferde dazu bringen, sich in Inhalte einzumischen. Der Grund f\u00fcr seine Beteiligung am Medium Dennik N<\/em> war ein ganz anderer als bei Penta. Und au\u00dferdem gibt es das \u00dcbereinkommen, das besagt, wenn Zajac in die Politik gehen sollte, er seine Aktienanteile abtreten muss. Einige Parallelen scheint es zwar zu geben, aber in Wahrheit sind sie ziemlich unterschiedlich.
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Aus dem Slowakischen von Nikolett Losonci.
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