{"id":3604,"date":"2019-04-25T00:00:00","date_gmt":"2019-04-25T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/die-drei-hs-und-die-leistungsgesellschaft\/"},"modified":"2021-08-23T10:44:15","modified_gmt":"2021-08-23T10:44:15","slug":"die-drei-hs-und-die-leistungsgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/die-drei-hs-und-die-leistungsgesellschaft\/","title":{"rendered":"Die drei Hs und die Leistungsgesellschaft"},"content":{"rendered":"
\n\tDie in westlichen Gesellschaften herrschende Unzufriedenheit, die zur gegenw\u00e4rtigen politischen Instabilit\u00e4t gef\u00fchrt hat, kennt viele Ursachen: Ungleichheit, die Nachwirkungen der Finanzkrise bis hin zu unf\u00e4higen und abgehobenen Politikern und Politikerinnen. Es gibt jedoch eine \u00fcbergreifende Erkl\u00e4rung, die f\u00fcr die meisten anderen Gr\u00fcnde gilt: Kognitive F\u00e4higkeiten sind zum Ma\u00dfstab menschlicher Wertsch\u00e4tzung geworden, und kognitive Eliten verfolgen bei der Gestaltung der Gesellschaft viel zu sehr ihre eigenen Interessen. \u00dcberspitzt formuliert: Die Schlauen sind zu m\u00e4chtig geworden.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tVor sechzig Jahren, als unsere Gesellschaft weniger komplex war, waren die Menschen an der Spitze von Politik und Wirtschaft gemeinhin kl\u00fcger und ehrgeiziger als der Durchschnitt. Dem ist auch heute noch so, aber neben der analytischen Intelligenz wurden damals auch andere Eigenschaften mehr gesch\u00e4tzt. Heutzutage \u00fcbertrumpfen \u201edie Kl\u00fcgsten und Besten\u201c die \u201eAnst\u00e4ndigen und Flei\u00dfigen\u201c. Andere Werte wie Charakter, Integrit\u00e4t, Erfahrung und Leistungsbereitschaft haben nicht an Bedeutung, sehr wohl aber an Wertsch\u00e4tzung verloren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEine gute Gesellschaft ist eine, die \u00fcber die richtige Balance zwischen Hirn<\/em>, Hand<\/em> und Herz<\/em> verf\u00fcgt. In der modernen wissensbasierten Wirtschaft steigen die L\u00f6hne hochqualifizierter Fachkr\u00e4fte jedoch immer weiter an, w\u00e4hrend der relative Verdienst und Status vieler handwerklicher T\u00e4tigkeiten und Sozialberufe abnimmt. Ein Wirtschaftssystem, das fr\u00fcher auch Menschen mit durchschnittlichen und geringen kognitiven F\u00e4higkeiten Platz bot \u2013 Stellen f\u00fcr nicht- oder geringqualifizierte Arbeitskr\u00e4fte in der Industrie, der Landwirtschaft, beim Milit\u00e4r \u2013, favorisiert nun die kognitiven Eliten und die mit Bildung Gesegneten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEine gute Gesellschaft ist eine, die \u00fcber die richtige Balance zwischen “Hirn”, “Hand” und “Herz” verf\u00fcgt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAndere Bereiche, in denen weniger Wert auf kognitive F\u00e4higkeiten gelegt wird, verlieren in den meisten westlichen L\u00e4ndern und ganz besonders in Europa stark an Bedeutung: Religion, Familie, das Milit\u00e4r sowie traditionelle Arbeitspl\u00e4tze in der Industrie. Ebenso wie der \u00dcbergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft verschiedene soziale Traumata und Symptome bewirkt hat, bringt auch die Entwicklung von der industriellen hin zur postindustriellen Gesellschaft ihre eigenen Traumata mit sich. Die Herausforderung ist hier wom\u00f6glich eher psychologischer als materieller Natur.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn der Industriegesellschaft wurden traditionelle religi\u00f6se \u00dcberzeugungen nicht zerst\u00f6rt \u2013 zumindest anfangs nicht; es entstanden neue kollektive Klassenidentit\u00e4ten und Formen arbeitsbezogener Anerkennung. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass die Industriegesellschaft bei der Verteilung von Status erfolgreicher war als die postindustrielle Gesellschaft, in der viele traditionelle Rollen und Quellen bedingungsloser Anerkennung (Familie, Religion, Nation) an Wert verlieren, die Leistungskultur dominiert, der Status von Leistungsschw\u00e4cheren als nicht sch\u00fctzenswert gilt und die Mediengesellschaft sozial transparenter geworden ist. Dar\u00fcber hinaus waren kognitive F\u00e4higkeiten fr\u00fcher eher willk\u00fcrlich verteilt. In den vergangenen Jahrzehnten hat ein enormer Ausleseprozess die jungen Examensabsolventen und -absolventinnen einverleibt und m\u00f6glichst viele an die Hochschulen bef\u00f6rdert \u2013 in Gro\u00dfbritannien gehen 40 Prozent der Schulabg\u00e4nger an die Universit\u00e4t, worunter das Ansehen von Arbeitspl\u00e4tzen, die keines Hochschulabschlusses bed\u00fcrfen, stark leidet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tErbliche Meritokratie<\/strong> \n\tWarum ist das von Bedeutung? Gewiss herrscht in modernen, technologischen Gesellschaften ein gr\u00f6\u00dferer Bedarf an klugen K\u00f6pfen, und solange einige der eben genannten Tendenzen korrigiert werden k\u00f6nnen und Menschen jeglichen Hintergrunds eine faire Chance bekommen, Teil der kognitiven Elite zu werden, ist alles gut. Was die Produktivit\u00e4t einer Gesellschaft anbelangt, so sind kognitive F\u00e4higkeiten nebst Flei\u00df ein besseres Auswahlkriterium f\u00fcr angesehene Jobs als geerbter Grundbesitz oder Kapital. Das ist jedoch nicht unbedingt fairer oder humaner. Wie schon Michael Young vor 60 Jahren (in seinem Buch The Rise of the Meritocracy<\/em>, dt. Es lebe die Ungleichheit \u2013 Auf dem Wege zur Meritokratie<\/em>) aufgezeigt hat, f\u00fchlen sich Menschen, die aufgrund ihrer kognitiven Leistungen an der Spitze der Gesellschaft stehen, anderen mit unterdurchschnittlicher Intelligenz h\u00e4ufig weniger<\/em> verpflichtet, als die Reichen dies \u00fcblicherweise den Armen gegen\u00fcber taten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWirtschaftliche Ungleichheit vs. politische Gleichheit<\/strong> \n\tNicht einzusehen ist, warum Menschen, die bestimmte mentale Aufgaben effizienter erledigen als andere, mehr Bewunderung verdienen sollten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAnders ausgedr\u00fcckt: Eine Leistungsgesellschaft, die eine breite Unzufriedenheit in demokratischen Zeiten vermeiden will, muss Leistung in den handwerklichen oder sozialen Berufen, die geringere kognitive F\u00e4higkeiten erfordern, ausreichend respektieren und honorieren sowie f\u00fcr Menschen, die sich im Sinne der Leistungsgesellschaft nicht verwirklichen k\u00f6nnen oder wollen, Sinn und Wert stiften. In den heutigen Zeiten des Umbruchs scheint klar, dass wir bislang das richtige Gleichgewicht nicht gefunden haben. Viele Menschen des linken Spektrums sehen das Problem in erster Linie in einer Einkommens- und Wohlstandsungleichheit. Tats\u00e4chlich ist die Ungleichheit in vielen L\u00e4ndern, wie auch Gro\u00dfbritannien, wo es den heftigsten Widerstand gegen den Status quo gegeben hat, nicht wesentlich gr\u00f6\u00dfer geworden. Nat\u00fcrlich ist ein geringes oder fehlendes Lohnwachstum schwerer zu ertragen, wenn eine kleine Minderheit, insbesondere Banker, von den Einschr\u00e4nkungen nicht betroffen zu sein scheint. Hier fehlt jedoch der Blick auf das gro\u00dfe Ganze, was Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung in der Gesellschaft betrifft.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWertvorstellungen der modernen Wissens\u00f6konomie<\/strong> \n\tAnywheres vs. Somewheres<\/strong> \n\tAnywheres<\/em> haben im Allgemeinen kein Problem mit gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen, weil sie sich ihre Identit\u00e4t selbst erarbeitet haben (\u201eachieved identities\u201c). Sie definieren sich \u00fcber akademischen und beruflichen Erfolg, was dazu f\u00fchrt, dass sie sich praktisch \u00fcberall wohlf\u00fchlen. Im Unterschied dazu f\u00fchlen sich die Somewheres<\/em> einer zugeschriebenen Identit\u00e4t (\u201eascribed identities\u201c) verpflichtet, die auf einer Zugeh\u00f6rigkeit zu einem bestimmten Ort oder einer Gruppe basiert, weshalb ihnen rasche Ver\u00e4nderungen eher Unbehagen bereiten. Aufgrund der von ihnen bevorzugten Werte wie Offenheit, Mobilit\u00e4t und individuelle Selbstverwirklichung dominieren die Anywheres<\/em> die moderne Gesellschaft und alle gro\u00dfen politischen Parteien mittlerweile in jeder Hinsicht. Und die Antwort der Anywheres<\/em> auf alle Fragen \u2013 von sozialer Mobilit\u00e4t bis hin zu verbesserter Produktivit\u00e4t \u2013 war bislang: mehr akademische Bildung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNiemand hat etwas gegen soziale Mobilit\u00e4t und kluge K\u00f6pfe jedweden Hintergrunds, die es so weit bringen, wie es ihre Talente zulassen. Der britische Traum eines Universit\u00e4tsstudiums mit anschlie\u00dfender akademischer Berufst\u00e4tigkeit ist jedoch mittlerweile zu eng gefasst. Kein Wunder, wenn mehr als 90 Prozent aller britischen Parlamentarier Hochschulabsolventen sind. Indes sind handwerkliche Fertigkeiten und soziale Kompetenzen in der modernen britischen Gesellschaft hartn\u00e4ckig unterbewertet, bringen unsere Gesellschaft aus dem Gleichgewicht und verunsichern Millionen von Menschen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn j\u00fcngster Zeit wurde versucht, Schulabg\u00e4ngern mit einem verbesserten Angebot an Lehrstellen und fachlichen Qualifizierungen andere Optionen aufzuzeigen. Diese k\u00f6nnen jedoch nicht mit dem Prestige einer universit\u00e4ren Laufbahn konkurrieren, was dazu f\u00fchrt, dass unserer Wirtschaft unverzichtbare Arbeitskr\u00e4fte fehlen. Vergangenes Jahr traten weniger als 10.000 junge Menschen eine ordentliche Lehrstelle im Bauwesen an, w\u00e4hrend 40 Prozent der Bauarbeiter in London aus dem Ausland sind. Indes sind Jobs im Sozialbereich des staatlichen Gesundheitswesens, in der fr\u00fchkindlichen Bildung und Kinderbetreuung weiterhin unterbewertet (und unterbezahlt), weil es sich dabei um Aufgaben handelt, die traditionell innerhalb der Familie, prim\u00e4r von Frauen, wahrgenommen wurden. Das erkl\u00e4rt zum Teil die Krise im Sozialwesen und den eklatanten Pflegekr\u00e4ftemangel.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWir werden vermehrt dazu angespornt, ein kopfgesteuertes Leben zu f\u00fchren, was durch die meisten technologischen Fortschritte verst\u00e4rkt wird, die immer weniger M\u00f6glichkeiten f\u00fcr handwerkliches K\u00f6nnen bieten und die Notwendigkeit menschlicher Kontakte verringern \u2013 selbst die Notwendigkeit, eine gute Handschrift zu entwickeln. Wer vorhat, sich den kognitiven Leistungstr\u00e4gern anzuschlie\u00dfen, l\u00e4sst normalerweise \u2013 zumindest in Gro\u00dfbritannien \u2013 seine Wurzeln hinter sich, was zum Teil daran liegt, dass die meisten h\u00f6heren Bildungseinrichtungen \u00fcber eigene Unterk\u00fcnfte verf\u00fcgen und man mit dem Studium traditionell von zu Hause auszieht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tViele Somewheres<\/em> k\u00f6nnen oder wollen ihre Wurzeln nicht verlassen und sich den Anywheres<\/em> anschlie\u00dfen. Dazu kommt, dass die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung naturgem\u00e4\u00df ohnehin immer in der unteren H\u00e4lfte des kognitiven F\u00e4higkeitsspektrums zu finden ist. Und doch braucht jeder von uns das Gef\u00fchl, einen anerkannten Platz in der Gesellschaft zu haben, auch wenn wir keine mobilen \u00dcberflieger sind. Die politische Klasse der Anywheres<\/em> hat zu sehr nach eigenen Interessen regiert und einige der grundlegenden politischen Intuitionen der Somewheres<\/em> ignoriert: die Bedeutung eines stabilen Umfelds und sicherer Grenzen, die Vorrangigkeit von nationalen B\u00fcrgerrechten vor universellen Rechten, die Notwendigkeit eines Narrativs und der Achtung vor jenen, die sich in den vornehmlich bildungsbasierten Wirtschaften nicht so gut entfalten k\u00f6nnen. Dieser Mangel an Empathie f\u00fcr die Weltsicht der Somewheres<\/em> hat uns nun als Gegenreaktion den Brexit eingehandelt \u2013 und ein Land, das so gespalten ist wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr. Ist das nicht Beweis genug f\u00fcr die Grenzen kognitiver F\u00e4higkeiten?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tOriginal auf Englisch. Erstmals publiziert in der IWMpost Nr. 122<\/a> (Herbst \/ Winter 2018). David Goodhart \u00fcber Ungleichheit und die fehlende Balance in der heutigen Gesellschaft<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1701,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,436,268],"tags":[280,371,281],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3604"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3604"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3604\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5515,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3604\/revisions\/5515"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3604"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
Das bedeutet nicht, dass wir in einer echten Leistungsgesellschaft leben. Der Bildungserfolg von Kindern h\u00e4ngt nach wie vor in hohem Ma\u00dfe vom Einkommen ihrer Eltern ab. Verdeutlicht wird dies durch etwas, das mit dem h\u00e4sslichen Begriff \u201eassortative Paarung\u201c bezeichnet wird, was bedeutet, dass Menschen, die einem angesehenen Beruf nachgehen, der ein hohes Ma\u00df an kognitiven F\u00e4higkeiten voraussetzt, bei der Wahl ihrer Partner eher \u00e4hnliche Menschen bevorzugen. Die Kinder dieser Paare werden sehr wahrscheinlich von Eltern gro\u00dfgezogen, die beide gut vernetzt sind und wissen, was n\u00f6tig ist, damit auch durchschnittlich begabte Kinder an einer guten Universit\u00e4t studieren und einen hochqualifizierten Job bekommen k\u00f6nnen. Dadurch entsteht zunehmend eine Art erblicher Meritokratie.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Es ist einer der schwierigsten Balanceakte offener, moderner Gesellschaften, der allerdings selten zur Sprache gebracht wird: Wie l\u00e4sst sich die Meritokratie eind\u00e4mmen und wie kann man verhindern, dass ein unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohes Ma\u00df an Status und Prestige (und finanzieller Entlohnung) jenen Jobs zukommt, die besondere kognitive F\u00e4higkeiten erfordern \u2013 und nicht den nach wie vor unerl\u00e4sslichen handwerklichen und sozialen Berufen \u2013, ohne dabei die f\u00e4higsten und ambitioniertesten Menschen in unserer Gesellschaft zu demotivieren? Eine erfolgreiche Gesellschaft muss in der Lage sein, das Spannungsfeld zwischen der Ungleichheit<\/em> der Wertsch\u00e4tzung (als Folge des relativ offenen Wettbewerbs um hochqualifizierte Jobs) und dem Ethos der Gleichheit<\/em> der Wertsch\u00e4tzung (eine demokratiepolitische Frage) zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
H\u00e4ufig verwechseln wir n\u00e4mlich beinah unwissentlich kognitive F\u00e4higkeiten mit menschlichen Werten und menschlichem Wirken im Allgemeinen. Nicht einzusehen ist, warum Menschen, die bestimmte mentale Aufgaben effizienter erledigen als andere, mehr Bewunderung verdienen sollten. Und doch gibt es in der modernen liberalen Politik einen klaren Trend, der uns zeigt, dass dem tats\u00e4chlich so ist. Hohe kognitive\/analytische F\u00e4higkeiten und Erfolg korrelieren in einer wissensbasierten Wirtschaft stark mit der Bef\u00fcrwortung moderner Werte wie Offenheit, Mobilit\u00e4t und Ablehnung der Tradition. Und wer diese Werte nicht begr\u00fc\u00dft, wird h\u00e4ufig \u2013 besonders in liberalen Kreisen \u2013 als sozialer und intellektueller Schwachkopf bezeichnet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
In meinem j\u00fcngsten Buch The Road to Somewhere<\/em> behandle ich die durch die Brexit-Abstimmung sehr deutlich zutage getretene Wertekluft in der britischen Gesellschaft, die sich durch diese beschr\u00e4nkte Sicht auf kognitive F\u00e4higkeiten versch\u00e4rft hat. Auf der einen Seite steht eine Gruppe, die ich die Anywheres<\/em> (“\u00dcberall-Menschen”) nenne und die etwa 20 bis 25 Prozent der Bev\u00f6lkerung ausmachen. Sie sind gut ausgebildet, leben \u00fcblicherweise nicht in der N\u00e4he des Elternhauses und sch\u00e4tzen im Allgemeinen Offenheit, Autonomie und soziale Fluidit\u00e4t. Demgegen\u00fcber steht eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe von Menschen, etwa die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung, die ich die Somewheres<\/em> (“Irgendwo-Menschen”) nenne, die weniger gebildet und st\u00e4rker verwurzelt sind. Sie sch\u00e4tzen Sicherheit\/Vertrautheit und legen viel gr\u00f6\u00dferen Wert auf Gruppenzugeh\u00f6rigkeiten (lokal und national) als die Anywheres<\/em>.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Aus dem Englischen von Barbara Maya<\/a>.<\/em>
Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt. \u00a9 David Goodhart. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Ein gro\u00dffl\u00e4chiges Wandbild des italienischen Street-Art-K\u00fcnstlers “Blu” zeigt im Juli 2010 in Berlin zwei gro\u00dfe, goldene Uhren an den Handgelenken eines Mannes, die durch eine goldene Kette miteinander verbunden sind. Der K\u00fcnstler kreierte ein symbolisches Bild f\u00fcr “Zeit” und die goldenen Ketten der Meritokratie. Foto: \u00a9 Wolfram Steinberg \/ dpa \/ picturedesk.com<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"