{"id":3598,"date":"2019-04-02T00:00:00","date_gmt":"2019-04-02T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/francis-fukuyama-identitaetspolitik\/"},"modified":"2021-07-01T05:48:59","modified_gmt":"2021-07-01T05:48:59","slug":"francis-fukuyama-identitaetspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/francis-fukuyama-identitaetspolitik\/","title":{"rendered":"Francis Fukuyama: Identit\u00e4tspolitik"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tVor drei\u00dfig Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Dieses Ereignis er\u00f6ffnete enorme M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Einzelpersonen, Staaten und Unternehmen in Zentral- und Osteuropa. Damals schrieb der heute weltber\u00fchmte Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Buch Das Ende der Geschichte<\/em>, in dem er vorschlug, dass das Ende des Kommunismus zur Verbreitung der liberalen Demokratie f\u00fchren w\u00fcrde. Seine Theorien l\u00f6sen bis heute weitreichende Debatten aus. <\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDies ist die Niederschrift des Vortrags von Francis Fukuyama, den er am 7. M\u00e4rz 2019 in Wien als ersten von insgesamt vier Tipping Point Talks 2019<\/a> der ERSTE Stiftung zum Jubil\u00e4um 200 Jahre Sparkassenidee in \u00d6sterreich gehalten hat.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tTranskript<\/strong>

Ich hoffe, ich werde Sie nicht mit einer allzu ausufernden Vorlesung langweilen, und wir freuen uns schon auf die Diskussion. Mein Dank geht an die ERSTE Stiftung und an Sie alle, dass Sie heute Abend hergekommen sind, um \u00fcber etwas zu sprechen, was in meinen Augen ein ziemlich bedeutsames Problem ist, n\u00e4mlich die Krise, und zwar, wie ich meine, die globale Krise der Demokratie, die der Aufstieg eines nationalistischen Populismus verursacht hat.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIch war eigentlich mit anderen Forschungsprojekten besch\u00e4ftigt: Ich leite ein Zentrum zur Erforschung von Demokratie, Entwicklung und Rechtsstaatlichkeit. Den Gro\u00dfteil meines Lebens habe ich damit verbracht, dar\u00fcber nachzudenken, wie wir die demokratische Welt erweitern und mehr L\u00e4nder demokratisch machen k\u00f6nnen, sie verbessern und von autorit\u00e4ren zu demokratischen Regierungen gelangen k\u00f6nnen. Und dann kam pl\u00f6tzlich das Jahr 2016. In jenem Jahr fanden einige sehr best\u00fcrzende Ereignisse statt: die Wahl von Donald Trump zum Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten und die Entscheidung Gro\u00dfbritanniens, aus der Europ\u00e4ischen Union auszutreten. Und dies alles vor dem Hintergrund eines sich radikal wandelnden globalen Umfelds.

\u00dcber die letzten 30 Jahre hinweg, seit 1989 oder 1991 n\u00e4mlich, haben wir in einer immer liberaleren internationalen Ordnung gelebt. Diese ist zum Gro\u00dfteil von den USA errichtet worden, gemeinsam mit den Verb\u00fcndeten in Westeuropa und mit der NATO, im Fernen Osten, und hatte eine \u00f6konomische Komponente, das Freihandelssystem: die Bewegung von G\u00fctern, Menschen, Dienstleistungen, Ideen und Investitionen \u00fcber internationale Grenzen hinweg. Und sie besa\u00df eine politische Komponente in Gestalt der B\u00fcndnisse, die die USA in Europa und Asien geschmiedet haben. Und dies waren wirklich sehr erfolgreiche Projekte.

Die Anzahl der Demokratien wuchs in jener Zeit \u00fcber die etwa 35 hinaus, die es im Jahr 1970 gab, und erreichte einen H\u00f6chststand von etwa 115 bis 120, je nach Definition von Demokratie. Anfang der 2000er Jahre vervierfachte sich die Wirtschaftsleistung der Weltwirtschaft. Die \u00f6konomische Lage wurde in praktisch jeder Hinsicht besser, und zwar nicht nur mit Blick auf die Einkommen oder den Aufstieg der Mittelklasse in L\u00e4ndern wie China und Indien, sondern auch auf die Gesundheit der Kinder – die S\u00e4uglingssterblichkeit ging zur\u00fcck.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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Die ERSTE Foundation Tipping Point Talks 2019<\/h1>
Er\u00f6ffnung <\/strong>
Boris Marte, ERSTE Stiftung

Vortrag <\/strong>
Francis Fukuyama: Identit\u00e4tspolitik – Die Forderung nach W\u00fcrde und die Zukunft des Nationalstaates

Diskussion <\/strong>
Wie f\u00f6rdern wir die Demokratie in Europa 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs?

Alexander Van der Bellen, Pr\u00e4sident der Republik \u00d6sterreich
Francis Fukuyama, Politikwissenschaftler
Julia De Clerck-Sachsse, EU-Diplomatin
Ivan Krastev, Politikwissenschaftler
Karolina Wigura, Philosophin
Moderation: Almut M\u00f6ller<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tAll diese Entwicklungen fanden statt und kehrten sich trotzdem irgendwann von Mitte bis Ende der 2000er Jahre um. So kam es etwa zum Aufstieg zweier wieder sehr selbstbewusst und forsch auftretender autorit\u00e4rer M\u00e4chte: Russland und China. Aus meiner Sicht viel beunruhigender war allerdings dieses Aufkommen des Populismus in etablierten Demokratien, ja sogar innerhalb der beiden am st\u00e4rksten etablierten Demokratien: Gro\u00dfbritannien und den USA. Und mir schien es von gro\u00dfer Wichtigkeit zu sein, zu ermitteln, warum dies geschah und was vor sich ging, weil die ganze dritte Welle der Demokratisierung pl\u00f6tzlich abgewickelt zu werden schien.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tBitte sehen Sie es mir nach, dass ich als Professor f\u00fcr Politikwissenschaft Sie nun mit ein paar Definitionen konfrontieren muss, da Populismus oft unterschiedlich verstanden wird. Ich will mich auf drei beschr\u00e4nken, weil es wichtig ist, dass man zwischen ihnen unterscheiden kann.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie erste Definition ist eine \u00f6konomische: Ein Populist ist ein politischer F\u00fchrer, der eine Wirtschaftspolitik oder Sozialpolitik vertritt, die zwar kurzfristig popul\u00e4r ist, langfristig aber desastr\u00f6s. So hat zum Beispiel Hugo Ch\u00e1vez in Venezuela Augenkliniken er\u00f6ffnet und kostenloses Essen verteilt. Das Benzin kostete in Venezuela weniger als zehn Cent pro Gallone. Keine dieser Ma\u00dfnahmen war nachhaltig: 2014 rauschte der \u00d6lpreis in den Keller. Das ist nun also die \u00f6konomische Definition von Populismus.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie zweite Definition ist prim\u00e4r politischer Art: Ein populistischer F\u00fchrer will charismatisch sein und sagt: Ich bin unmittelbar mit euch, den Menschen, verbunden. Und das ist sehr wichtig, denn dies macht einen solchen Populisten, wie ich meine, per se zu einem Feind der Institutionen. Der Populist sagt: Ich repr\u00e4sentiere euch, die Menschen. Und da dr\u00fcben sind die ganzen anderen Institutionen wie die Gerichte, die Medien, ein b\u00fcrokratischer Gesetzgeber, und sie stehen mir alle dabei im Wege, euch das zu geben, was ihr von mir haben wollt. Deshalb blasen die Populisten zur Jagd auf all diese Institutionen. Und dies f\u00fchrt nun dazu, dass der demokratische Bestandteil der liberalen Demokratie den liberalen Teil attackiert. Ihn und s\u00e4mtliche institutionelle Strukturen, jene Kontrollinstanzen, die die Macht der Exekutive beschr\u00e4nken sollen. Demokratie bedeutet ja nicht nur, dass es \u00f6ffentliche Wahlen gibt, sondern auch einen Schutz von Minderheitenrechten sowie eine moderate Regierung, die den tats\u00e4chlichen Volkswillen angemessen repr\u00e4sentiert. Populisten neigen zu einer autorit\u00e4ren Politik, weil sie nicht wollen, dass die Institutionen ihnen in die Quere kommen. Um ein Beispiel zu nennen: Als Donald Trump im Jahr 2016 seine Nominierung durch die Republikaner annahm, \u00e4u\u00dferte er in seiner Grundsatzrede einen interessanten Satz. Er sagte: Nur ich verstehe eure Probleme und nur ich kann sie l\u00f6sen. Etwas in dieser Art h\u00e4tte Juan Per\u00f3n damals im Argentinien der 1940er Jahre sagen k\u00f6nnen. Es ist genau dieser Personalismus, der wieder in den Vordergrund dr\u00e4ngt. Das ist also Nummer zwei.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie dritte Definition lautet, dass ein Populist dann, wenn er sagt “ich stehe auf der Seite des Volkes”, oft nicht das ganze Volk meint. Er meint vielmehr bestimmte Personen einer bestimmten Rasse oder Ethnie, oft im Sinne traditioneller kultureller Werte oder eines traditionellen Verst\u00e4ndnisses nationaler Identit\u00e4t, das durchaus nicht im Einklang mit der tats\u00e4chlichen Bev\u00f6lkerung des betreffenden Landes sein muss. Viktor Orb\u00e1n in Ungarn hat etwa ausdr\u00fccklich verk\u00fcndet, dass die nationale Identit\u00e4t Ungarns darin besteht, ein ethnischer Ungar zu sein, was bedeutet, dass man der Nation nicht angeh\u00f6rt, wenn man kein ethnischer Ungar ist. Ist man andererseits ein ethnischer Ungar, der au\u00dferhalb der ungarischen Grenzen lebt – und von denen gibt es viele -, dann ist man Teil der Nation. Und das ist aus, wie ich meine, offensichtlichen Gr\u00fcnden problematisch.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDies erlaubt uns nun eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen des Populismus. Hugo Ch\u00e1vez in Venezuela war zum Beispiel ein klassischer Vertreter des ersten Typus, ein \u00f6konomischer Populist, ein linker Populist. Zudem war er, der zweiten Definition entsprechend, sehr charismatisch. Definition 3 hingegen entsprach er nicht, weil er keine rassische Auffassung davon vertreten hat, wer Venezolaner ist. Ich denke, Orb\u00e1n f\u00e4ngt wahrscheinlich … Nun, er vertritt eine populistische Wirtschaftspolitik, ist aber gewiss auch bem\u00fcht, ein Demagoge zu sein, ein charismatischer F\u00fchrer. Und er hat gewiss sehr restriktive Ansichten dar\u00fcber, wer Ungar ist oder als solcher zu gelten hat. Ich denke, uns allen in diesem Raum ist die Litanei der F\u00fchrer bekannt, jener neuen F\u00fchrer, die unter diese Kategorie fallen. Das ist Orb\u00e1n, das ist die Partei Recht und Gerechtigkeit, der polnische Beitrag, das ist Herr Erdo\u011fan in der T\u00fcrkei. Jetzt haben wir eine populistische Koalition in Italien, w\u00e4hrend Lateinamerika jetzt seinen ersten Populisten im nordeurop\u00e4ischen Stil in Gestalt von Jair Bolsonaro gew\u00e4hlt hat. Die meisten lateinamerikanischen Populisten sind wie die Populisten S\u00fcdeuropas: linksgerichtet, ohne ethnischen Exklusivit\u00e4tsanspruch und eher Populisten im \u00f6konomischen Sinne. Doch Lateinamerika hat beschlossen, sich den anderen anzuschlie\u00dfen. Man hat dort zudem einen F\u00fchrer gew\u00e4hlt, der, wie Sie wissen, rassistische Vorurteile hegt und der eine sehr christlich-fundamentalistische Auffassung davon hat, wie Brasilien aussehen sollte. Eigentlich geh\u00f6rt er also gewisserma\u00dfen nach Deutschland oder Skandinavien oder in so eine \u00e4hnliche Ecke. Das ist also nun in meinen Augen eine M\u00f6glichkeit, zwischen Populisten auf der Linken zu unterscheiden, die Nummer eins und Nummer zwei entsprechen, und Populisten auf der Rechten, die eher Nummer zwei und drei sind.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tFrancis Fukuyama<\/h2>\n\t
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\n\tFrancis Fukuyama ist Olivier Nomellini Senior Fellow am Freeman Spogli Institute for International Studies (FSI)<\/a> und Mosbacher Direktor des FSI Center on Democracy, Development and the Rule of Law<\/a>. Er ist Professor f\u00fcr Politikwissenschaft an der Stanford University.

In seinem Buch “Das Ende der Geschichte<\/em>” stellt Fukuyama die These auf, dass mehr Freiheit und Wohlstand automatisch zur Forderung nach demokratischer Regierungsf\u00fchrung weltweit f\u00fchren w\u00fcrden. Und doch scheinen die Wege zu sozialem und wirtschaftlichem Wohlstand in vielerlei Hinsicht entkoppelt. Wie kam es dazu? Ist Identit\u00e4tspolitik in der heutigen Europ\u00e4ischen Union eher ein Hindernis oder vielmehr ein Schritt zur Erf\u00fcllung einer nationalen Vision?

Foto: \u00a9 ERSTE Foundation \/ eSel<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n

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\n\tDas ist jetzt also die Art von Ph\u00e4nomen, die wir erkl\u00e4ren wollen. Speziell den Aufstieg der Rechtspopulisten, und zwar aus Gr\u00fcnden, auf die ich gleich noch kommen werde. Die Frage lautet dann also, warum es zu diesen Dingen ausgerechnet in der Mitte des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts kommt. Ich glaube, dass die Gr\u00fcnde daf\u00fcr in drei generelle Kategorien fallen. Die erste entspricht meiner Meinung nach der landl\u00e4ufigen Meinung zu diesem Thema, der zufolge es an der globalen \u00d6konomie liegt. Wenn Sie an der Uni ein Seminar zum Thema Handel belegen, dann lernen Sie, dass ein System des Freihandels die Einkommen aller Beteiligten erh\u00f6ht. Alle werden reicher. Wie ich bereits erw\u00e4hnte, hat sich die globale Wirtschaftsleistung \u00fcber 30 Jahre hinweg vervierfacht. Die \u00d6konomen lagen diesbez\u00fcglich zwar nicht falsch, doch wenn Sie Ihrem \u00d6konomieprofessor oder \u00d6konomieprofessorin genau zuh\u00f6rten, dann h\u00f6rten Sie sie oder ihn sagen: Nicht jeder Einzelne, nicht jedes Individuum in jedem Land wird reicher. Und in der Tat: Wenn Sie ein geringqualifizierter Arbeiter mit wenig Bildung in einem wohlhabenden Land sind, dann werden Sie gegen\u00fcber einem \u00e4hnlich qualifizierten Arbeiter in einem armen Land wom\u00f6glich das Nachsehen haben. Und genau so etwas ist ja tats\u00e4chlich geschehen: Durch Outsourcing und ausl\u00e4ndische Wettbewerber hat dieses globalisierte Freihandelssystem, das in den 1990er Jahren nach dem Mauerfall so richtig Fahrt aufgenommen hat, zum Export vieler Arbeitspl\u00e4tze aus der reichen Welt gef\u00fchrt. Au\u00dferdem hat es zum \u00f6konomischen Niedergang eines wichtigen Teils der alten Arbeiterklasse gef\u00fchrt. In den USA zum Beispiel ist zwischen Ende der 1990er Jahre und dem Jahr 2015 das Durchschnittseinkommen derjenigen in den unteren 90 % der Einkommensverteilung faktisch leicht zur\u00fcckgegangen. Das ist wirklich bemerkenswert: Da gab es zwei ganze Jahrzehnte, in denen die Menschen de facto Einkommensr\u00fcckg\u00e4nge zu verzeichnen hatten. Dieses Problem war \u00fcbrigens f\u00fcr die M\u00e4nner in gewisser Weise doppelt schlecht. Es gab hier n\u00e4mlich bedeutende geschlechtsspezifische Unterschiede, denn eine Sache, die sich parallel dazu abgespielt hat, war, dass wir von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs\u00f6konomie \u00fcbergangen sind, in der die Frauen von Haus aus eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSo kam es, dass ein m\u00e4nnlicher Fabrikarbeiter, der seinen Job verloren hat, dann beim Burgerbraten in einem Fast-Food-Restaurant weniger Geld verdient hat, weniger Geld als sein Vater und vielleicht sogar sein Gro\u00dfvater, und seine Frau oder Freundin dann der Hauptverdiener in der Familie war. Das bedeutete also gro\u00dfe Einkommens- und auch Statuseinbu\u00dfen. So lautet also, wie ich sagen w\u00fcrde, die landl\u00e4ufige Auffassung, die erkl\u00e4ren soll, warum sich die Dinge so entwickelt haben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEine zweite Kategorie von Gr\u00fcnden hat mit Politik zu tun. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Vorwurf an die Demokratie lautet, dass sie schwache Regierungen hervorbringt. Demokratien k\u00f6nnten keine Entscheidungen treffen. Da seien die Parlamente, die redeten, wo immer alle nur quasselten, da seien Koalitionen, da seien Interessengruppen, da sei der Lobbyismus, und all das mache es wirklich schwer, Entschlusskraft zu entwickeln. Daher gibt es unter den normalen Leuten ein starkes Verlangen nach einem starken Mann, einem Anf\u00fchrer, der diesem \u201eGefasel\u201c ein Ende setzt, Entscheidungen trifft und die Sache erledigt. Und wir in den USA sind aus irgendwelchen Gr\u00fcnden der Meinung, dass reiche Unternehmertypen genau diese Art von F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten sind. Daher gab es bei uns diese Tendenz dazu, Gesch\u00e4ftsleute zu politischen F\u00fchrern aufzubauen. Ich bin der Meinung, dass ein Konzernvorstand zu sein ungef\u00e4hr die schlechteste Vorbereitung darauf sein d\u00fcrfte, ein demokratischer politischer F\u00fchrer zu werden, da gro\u00dfe Unternehmen eigentlich ziemlich autorit\u00e4r organisiert sind. Besonders Familienunternehmen sind in dieser Hinsicht unglaublich. Diese sind, nun ja \u2013 sie werden von lauter kleinen K\u00f6nigen gelenkt, und das ist in der Tat kein besonders gutes F\u00fchrungstraining. Trotzdem hatten wir eine Reihe von Leuten, die \u2013 vor dem Hintergrund einer schwachen Regierung \u2013 gew\u00e4hlt worden sind, weil die Leute dachten, diese m\u00fcssten wirklich z\u00e4h sein. Denken Sie an Abe in Japan, Modi in Indien, Donald Trump in den USA\u2026 Das ist also ein weiterer Grund.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDer dritte ist hingegen kultureller Art, und das ist der, der mit Identit\u00e4t zu tun hat. Darum geht es auch in meinem j\u00fcngsten Buch. Ich glaube, dass es eine Tendenz dazu gab, die Relevanz der \u00f6konomischen Triebkr\u00e4fte zu \u00fcbersch\u00e4tzen und die Bedeutung der kulturellen Dimension des Ganzen nicht vollst\u00e4ndig zu w\u00fcrdigen, die Tatsache n\u00e4mlich, dass wir es hier letztlich mit einem Identit\u00e4tskampf zu tun haben. Was ist also Identit\u00e4t? Das Wort Identit\u00e4t und Identit\u00e4tspolitik war bis in die 1950er Jahre hinein im gew\u00f6hnlichen Sprachgebrauch nicht verankert. Soweit ich wei\u00df, war ein Psychologe namens Erik Erikson der Erste, der diesen Ausdruck verwendet hat, wobei er eigentlich ein sehr alter Begriff ist. Und wie ich in meinem Buch behaupte, geht er auf ein griechisches Wort zur\u00fcck, das Platon in seinem “Staat” verwendet hat: “Thymos”. Thymos ist der Teil der Seele, der nach Achtung und Anerkennung ihres Wertes verlangt. Wir wollen eben nicht nur materielle Dinge wie Essen, Trinken, ein Dach \u00fcber dem Kopf und so weiter. Wir wollen auch, dass uns andere wertsch\u00e4tzen, in dem Ma\u00dfe, von dem wir glauben, dass wir es verdienen, und ich denke – die \u00d6konomen im Raum m\u00f6gen es mir bitte nachsehen -, ich denke also, dass die \u00d6konomen ein zu engstirniges Verst\u00e4ndnis des menschlichen Verhaltens haben, weil sie sagen, okay, die Menschen haben Bed\u00fcrfnisse, sie haben Pr\u00e4ferenzen und sie sind rational und nutzen ihre Rationalit\u00e4t zur Maximierung ihrer Pr\u00e4ferenzen. Und das erkl\u00e4rt, warum Menschen das tun, was sie eben tun. Blickt man nun aber erneut auf den “Staat”, dann sagt Sokrates: Das stimmt nicht. Da ist noch dieser dritte Seelenteil, dem es nicht prim\u00e4r um materielle G\u00fcter geht, sondern der nach Achtung verlangt, und dies \u00fcbertrumpft in vielen F\u00e4llen das Bed\u00fcrfnis nach materiellem Wohlergehen, da Achtung an die Emotionen gekoppelt ist. Wenn man nicht in dem Ma\u00dfe geachtet wird, in dem man glaubt, es zu verdienen, dann wird man w\u00fctend, und das treibt einen dann zur Gewalt, zur Politik und zu vielen anderen Dingen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas moderne Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4t ist nun ein klein wenig anders gelagert. \u201eThymos\u201c ist eine universelle menschliche Eigenschaft, alle Menschen haben sie in gewissem Umfang, und es gab sie in jeder geschichtlichen Periode. Es gibt allerdings ein spezifisch modernes Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4t, das meiner Ansicht nach seinen Anfang mit Martin Luther genommen hat. Luther hat n\u00e4mlich gesagt: In den Augen Gottes, was Gott interessiert, das ist deine innere \u00dcberzeugung, dein innerer Glaube. Gott schert sich nicht um \u2013 es ist einfacher, diesen Punkt in einem protestantischen Land zu machen, wie vor ein paar Tagen in Hamburg, als hier in Wien, aber nun gut \u2013, Gott also interessiert sich nicht f\u00fcr die ganzen Rituale der katholischen Kirche. Ihn k\u00fcmmert es nicht, ob man den Rosenkranz betet oder in die Messe geht oder so etwas, ob man den Regeln folgt, die die katholische Kirche vorgibt, denn Gott interessiert sich nur f\u00fcr den innerlich Gl\u00e4ubigen, und nur als solcher wird man errettet werden. Das macht den christlichen Glauben aus. Und die ganze Gesellschaft um einen herum kann falschliegen und irren und unterdr\u00fcckerisch sein, weil sie die Authentizit\u00e4t jenes inneren Selbst, das den Gl\u00e4ubigen auszeichnet, leugnet, und der Einzige, der es erkennen kann, ist \u2013 man vielleicht selbst auch, vor allem aber Gott: denn es l\u00e4sst sich nicht am \u00e4u\u00dferen Verhalten ablesen. Dies begr\u00fcndet in gewisser Weise das moderne Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4t, das besagt, dass wir einen inneren Wert haben, der der Bewertung \u00fcbergeordnet ist, die wir von der uns umgebenden Gesellschaft erhalten. Zu anderen, vormodernen Zeiten h\u00e4tte man gesagt: Tja, Pech gehabt. Du musst dich anpassen. Die Gesellschaft gibt die Regeln vor, also werde erwachsen und sieh ein, dass du diese Regeln befolgen musst. Die moderne Fassung hingegen besagt: Nein, das ist nicht wahr, denn was hier von Wert ist, ist jenes innere Selbst, und der Rest der Gesellschaft liegt falsch, und deshalb ist sie es, die sich \u00e4ndern muss. Es gibt dann noch sp\u00e4tere Variationen dieses Gedankens, besonders bei Jean-Jacques Rousseau, der sagt, dass der ganze Verlauf der Geschichte uns eigentlich zu Heuchlern gemacht hat, dass er diese \u00e4u\u00dferlichen Regeln geschaffen hat, Regeln, die das eigene Selbst unterdr\u00fccken. Der Zweck, der uns erf\u00fcllt, besteht aber darin, jenes authentische innere Selbst zum Vorschein kommen zu lassen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWenn man sich dies vor Augen h\u00e4lt, dann merkt man, dass dieser Gedanke der Struktur vieler moderner sozialer Bewegungen entspricht. So hat meines Erachtens etwa die Me-Too-Bewegung gewisserma\u00dfen dieselbe Struktur, was die Wertsch\u00e4tzung des inneren Selbst angeht. Was ist denn das Problematische an sexueller Bel\u00e4stigung? Es hat damit zu tun, dass M\u00e4nner Frauen eben nicht als Menschen im umfassenden Sinne respektieren. Frauen besitzen Wissen, Fertigkeiten und Charakter. All diese Eigenschaften. Die M\u00e4nner interessieren sich aber nur f\u00fcr ihre geschlechtlichen Eigenschaften, und das entwertet die Frauen. Dies ist jedoch eine moderne Ansicht, weil die Folgerung, die man aus diesem Umstand zieht, nicht lautet, dass die Frauen einfach nur lernen m\u00fcssen, wie sie damit klarkommen. Die Lektion lautet vielmehr, dass es das innere Selbst ist, das wertvoll ist, und dass sich die ganze Gesellschaft im Au\u00dfen ver\u00e4ndern muss, was ja gerade auch geschieht. Die M\u00e4nner machen also gerade eine kulturelle Umschulung durch. Sie lernen, dass ihre Regeln in Wahrheit nicht die richtigen sind, und dass wir andere Regeln f\u00fcr die Beziehungen zwischen M\u00e4nnern und Frauen brauchen, die die W\u00fcrde der ganzen Person in diesen Beziehungen achten. Das ist also die moderne Auffassung von Identit\u00e4t, die eine ganze Reihe von politischen und sozialen Bewegungen in den letzten 200 oder 300 Jahren befeuert hat.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tFoto: \u00a9 APA \/ Ludwig Schedl<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie erste Manifestation von Identit\u00e4tspolitik ist, wenn Sie meiner Interpretation folgen, eigentlich die Demokratie selbst. 2011 war da dieser Gem\u00fcseh\u00e4ndler, Mohamed Bouazizi, in Tunesien. Er hatte einen Gem\u00fcsewagen, der von einer Polizistin beschlagnahmt wurde. Er ging dann zum Sitz des Gouverneurs und fragte: “Wo ist mein Wagen, warum habt ihr mir mein Auskommen genommen?” – Niemand antwortete ihm. Die Polizistin hat ihn angespuckt, und er war so verzweifelt, dass er nicht einmal eine Antwort von der Regierung bekommen hat, dass er sich angez\u00fcndet hat. Diese Tat l\u00f6ste den Arabischen Fr\u00fchling aus, denn viele Leute in den arabischen L\u00e4ndern \u2013 die zum damaligen Zeitpunkt allesamt Diktaturen waren \u2013 erkannten sich in Mohamed Bouazizi wieder. Die tunesische Regierung, die Diktatur von Ben Ali, behandelte ihn nicht einmal mit dem Mindestma\u00df an Achtung, das ein Mensch verdient. Deshalb gingen sie zu Millionen auf die Stra\u00dfe, in Libyen, \u00c4gypten, Syrien, im Jemen und vielen anderen Teilen der arabischen Welt, weil autorit\u00e4re Regierungen keine Achtung vor ihren B\u00fcrgern haben. Bei gem\u00e4\u00dfigt autorit\u00e4ren Regierungen wie etwa in Singapur gilt, dass sie ihre B\u00fcrger wie Kinder behandeln, nach dem Motto: Die Regierung wei\u00df besser, was in eurem Interesse liegt, und ihr seid nicht reif genug, um diese Entscheidung selbst zu treffen. Deshalb m\u00fcssen wir euch f\u00fchren. In einer sehr ausgepr\u00e4gten Diktatur ist es viel schlimmer: Man ist kein Mensch, sondern nur Kanonenfutter oder blo\u00df ein R\u00e4dchen im Getriebe der Geschichte, das die Regierung f\u00fcr ihre eigenen Zwecke einspannen kann. Die liberale Demokratie hingegen erkennt uns tats\u00e4chlich an, unsere W\u00fcrde, und das tut sie, indem sie uns mit Rechten ausstattet: Wir haben das Recht auf Meinungsfreiheit, auf freie Versammlung und letztlich auf politische Teilhabe durch Wahlen. Wir haben Anteil an unserer eigenen Selbstregierung, weil die Regierung uns gen\u00fcgend respektiert, um uns Dinge wie etwa das Wahlrecht anzuvertrauen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDies liegt also der Demokratie zugrunde, die wir, denke ich, alle wertsch\u00e4tzen, und diese Grundlegung erfolgt auf Basis einer universellen Anerkennung der B\u00fcrger als moralisch gleichwertig. Sie sind gleiche Akteure. Alle Menschen sind gleich geschaffen, wie es in der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung hei\u00dft. Es gibt allerdings noch andere Formen von Anerkennung, die partieller und eigentlich historischer Art sind. Diese universelle, liberale Form der Anerkennung konkurrierte von Anfang an mit der anderen ma\u00dfgeblichen Form von Anerkennungspolitik, dem Nationalismus. Tats\u00e4chlich bestanden seit der Franz\u00f6sischen Revolution beide Str\u00e4nge parallel. Einerseits ging es bei der Franz\u00f6sischen Revolution um die Menschenrechte und deren Verbreitung in der ganzen Welt. Auf der anderen Seite war sie aber auch eine Manifestation des franz\u00f6sischen Nationalismus. Sie war die erste moderne Nationalbewegung. Die Franzosen wollten ihr Land gegen die einfallenden europ\u00e4ischen M\u00e4chte verteidigen, die Fremden hinauswerfen und ein Land haben, das unter ihrer eigenen Kontrolle steht. Tats\u00e4chlich lag dieses liberale Verst\u00e4ndnis von Anerkennung das ganze 19. Jahrhundert hindurch mit der nationalistischen Interpretation im Widerstreit. In Deutschland gab es, und hier in Wien 1848, eine liberale Revolution, aber auch eine nationalistische Revolution im Namen des deutschen Volkes. Und diese beiden Auffassungen von Anerkennung haben die deutsche Geschichte tats\u00e4chlich von jenem Zeitpunkt an bestimmt. Am Ende hat sich dann eine \u00e4u\u00dferst aggressive und intolerante Form des Nationalismus in vielen L\u00e4ndern etabliert, was zu der Katastrophe der beiden Weltkriege des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts gef\u00fchrt hat. Dies ist also eine fr\u00fche Form von Identit\u00e4tspolitik, und es ist genau dieses nationale Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4t, das gerade in vielen L\u00e4ndern wiederkehrt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIch w\u00fcrde nun behaupten, dass auch der Islamismus so aufgefasst werden kann, dass er eine Suche nach Anerkennung darstellt. Und dies betrifft meiner Meinung nach in besonderer Weise viele der jungen europ\u00e4ischen Muslime, die in den Krieg gezogen sind f\u00fcr Al-Qaida oder im Namen des Islamischen Staats, weil sie in einem echten Identit\u00e4tskonflikt gesteckt haben. Diese jungen Leute stammten aus Familien, die nach Frankreich eingewandert sind oder in die Niederlande oder nach Deutschland. Sie f\u00fchlten sich nicht wohl mit der Art der Religiosit\u00e4t ihrer Eltern und fanden diese zu altmodisch und zu traditionell. Gleichzeitig f\u00fchlten sie sich aber auch nicht hinreichend integriert in die Gesellschaft, in der sie lebten. Sie litten daher unter dieser Art von Entfremdung und konnten die Frage “wer bin ich wirklich?” f\u00fcr sich nicht beantworten. Und die Islamisten kommen dann und sagen: Ich werde dir sagen, wer du bist. Du bist ein stolzer Moslem, du bist Teil einer gro\u00dfen Umma, wir werden \u00fcberall auf der Welt verfolgt und verachtet, und du kannst etwas dagegen tun, n\u00e4mlich dich uns anschlie\u00dfen und zur\u00fcckschlagen und den Islam wieder zu einer stolzen Zivilisation machen. Gut, ich glaube, diese Einsch\u00e4tzung ist wirklich kompliziert, denn ich denke, dass der Islamismus zum Teil tats\u00e4chlich durch echte Religiosit\u00e4t motiviert ist und Fr\u00f6mmigkeit, aber auch, dass er weithin vom Wunsch angetrieben wird, herauszufinden, wer man ist und die Art von Identit\u00e4t anzunehmen, die einen mit einer Gemeinschaft vereint, die einem eine Heimat und ein Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit gibt. Dies sind meiner Meinung nach nun alles verschiedene Formen des Anerkennungskampfes.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEine davon, die in den liberalen Gesellschaften im Lauf des 20. Jahrhunderts entstanden ist, bringt es uns n\u00e4her, was sich aktuell in unserer Gegenwart ereignet. Und das ist die Identit\u00e4tspolitik, die die Leute meinen, wenn sie sich \u00fcber Identit\u00e4tspolitik beschweren. Ihre Anf\u00e4nge liegen in vielerlei Hinsicht im Amerika der 1960er Jahre, wo es eine Reihe wichtiger sozialer Bewegungen gab: Die B\u00fcrgerrechtsbewegung f\u00fcr die Afroamerikaner, die feministische Bewegung, Bewegungen f\u00fcr behinderte Menschen oder die LGBT-Bewegung. Sie alle repr\u00e4sentierten Gruppen, die von der Mehrheitsgesellschaft marginalisiert worden sind. In den fr\u00fchen 1960er Jahren war diese wei\u00df und m\u00e4nnlich. Und keine dieser Gruppen hatte einen Platz in dieser Gesellschaftsordnung, und so kam es zu einem sozialen Gerechtigkeitskampf um Anerkennung und dann auch um echten Ausgleich in Form eines Zugangs zum Arbeitsmarkt, rechtlicher Gleichbehandlung und so weiter. All diese Bewegungen haben auf echte soziale Missst\u00e4nde reagiert und spielten eine gro\u00dfe Rolle dabei, sie abzustellen, zum Beispiel die Rassentrennung in den USA. Im Zuge der Entstehung der gegenw\u00e4rtigen Form von Identit\u00e4tspolitik ist es jedoch zu einem Wandel in der Art und Weise gekommen, wie die linken Parteien \u00fcber Ungleichheit denken. Im 20. Jahrhundert betrachtete man sie oft \u2013 besonders in Europa \u2013 durch eine marxistische Brille, wonach der entscheidende Kampf derjenige zwischen Kapitalisten und Proletariat sei. Und das Proletariat bestand damals in den meisten entwickelten Gesellschaften aus wei\u00dfen Menschen, ja eigentlich aus wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen Arbeitern. Diese waren der Gegenstand der Linken, die Gruppe, der die Linke helfen wollte. Mit der Zeit wandelte sich das Verst\u00e4ndnis von Ungleichheit dahingehend, jenen spezifischen Gruppen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Oft waren damit etwa Frauen gemeint, ethnische Minderheiten oder sonstige diskriminierte Gruppen. Und damit begannen viele linke Parteien, ihren Bezug zur alten wei\u00dfen Arbeiterklasse zu verlieren, die damals im 20. Jahrhundert ihre Hauptunterst\u00fctzerin war. In den USA der 1930er Jahre etwa stimmten in der Zeit von Roosevelts New Deal etwa 80 % der wei\u00dfen Landbewohner im S\u00fcden f\u00fcr die Kandidaten der Demokratischen Partei. Sie w\u00e4hlten die eher linksgerichteten Kandidaten, weil diese Umverteilung betreiben und ihnen wirtschaftlich helfen w\u00fcrden. Doch als sich der Begriff der Ungleichheit eher in Richtung Identit\u00e4t zu bewegen begann, verloren die Demokraten zusehends den Kontakt zu jener alten wei\u00dfen Arbeiterklasse. Und diese fing dann an, zu den Republikanern \u00fcberzulaufen. Das war der eigentliche Grund daf\u00fcr, dass Ronald Reagan in den 80er Jahren gew\u00e4hlt worden ist. Denn er hat die W\u00e4hler aus der wei\u00dfen Arbeiterklasse auf eine Weise angesprochen, wie es fr\u00fchere republikanische Kandidaten nicht getan haben. Etwas \u00e4hnliches passierte auch in Europa mit einer Linken, die entweder sehr auf Umweltfragen konzentriert war oder eben auf diese Art von \u2013 Ja, Identit\u00e4tsfragen waren damals noch etwas anders gelagert in Europa; es ging bei ihnen oft um Einwanderer oder andere diskriminierte Klassen. Und etwas sehr \u00c4hnliches ereignete sich dort, wo die wei\u00dfe Arbeiterklasse bisher Hauptunterst\u00fctzerin zum Beispiel der Kommunistischen Partei Frankreichs war. Viele dieser Leute w\u00e4hlten daraufhin den Front National oder andere rechte Parteien. Und dies hat dann zu unserer Gegenwart gef\u00fchrt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tFoto: \u00a9 Marcel Billaudet \/ ERSTE Stiftung<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIch m\u00f6chte eine Sache ganz klar sagen: Viele haben mir vorgeworfen, die Linke f\u00fcr den Aufstieg des rechten populistischen Nationalismus verantwortlich zu machen, was ich aber nicht tue. Ich m\u00f6chte nur eine Geschichte davon erz\u00e4hlen, was sich in der Entwicklung unserer Art und Weise, \u00fcber links und rechts nachzudenken, ereignet hat. Es gibt viele Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass es diesen rechten Fl\u00fcgel gibt, und die \u00f6konomischen z\u00e4hlen in jedem Fall dazu. Es gibt also viele Faktoren, die dieses Ph\u00e4nomen entstehen lie\u00dfen, und einer davon waren Anleihen am Begriff der Identit\u00e4t, die Leute auf der Rechten bei Vertretern seiner linken Fassung gemacht haben. Wenn Sie vor 50 Jahren in Amerika ein Wei\u00dfer waren, haben Sie einfach gedacht: Tja, ich bin … Ich will sagen, Sie h\u00e4tten sich nicht einmal selbst als wei\u00dfe Person verstanden. Sie h\u00e4tten gesagt: Ich bin Amerikaner, denn das ist das, was ein Amerikaner ist. Heute haben wir diese wei\u00dfen Nationalisten, die sagen: Nein, in Wirklichkeit geh\u00f6re ich einer Minderheit an, die von den Eliten diskriminiert wird. Ich geh\u00f6re also einer Gruppe an, die in Wahrheit \u00fcberhaupt nicht privilegiert ist. Das wird mir nur unterstellt, und zwar von Leuten, die wirklich privilegiert sind, n\u00e4mlich diesen ganzen schlauen Leuten an den Unis und in den Medien und so weiter. Identit\u00e4t, dieses Framing von Identit\u00e4t, hat sich also, wie ich glaube, von der Linken zur Rechten verlagert. Nicht die Linke verursacht dies, sondern es ist vielmehr eine gemeinsame Auffassung von Viktimisierung, die von links nach rechts gewandert ist.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWas ich in meiner Schilderung des Aufstiegs der populistischen Rechten und der Leute, die populistische Parteien w\u00e4hlen, betonen m\u00f6chte, ist, dass es in einem gewissen Umfang zutreffend ist, wenn man sie f\u00fcr missachtet und \u00fcbergangen h\u00e4lt. Viele Menschen neigen dazu zu sagen, dass diese ganze Gruppe der populistischen W\u00e4hler einfach aus Rassisten und Fremdenhassern besteht. Das sind Wei\u00dfe, die in ihren Gesellschaften bisher tonangebend waren, ihre dominante Stellung jetzt aber verlieren, ver\u00e4rgert sind \u00fcber diesen Verlust und einfach versuchen, ihre alte soziale Position zur\u00fcckzubekommen. Und f\u00fcr eine bestimmte Gruppe von Menschen in dieser Kategorie trifft das auch zu. Ich glaube aber, dass es darauf ankommt zu verstehen, dass sie einen Punkt haben, dass sie eben wirklich von den Eliten missachtet und \u00fcbergangen worden sind. Nachvollziehbar wird dies vielleicht, wenn man sich zum Beispiel ansieht, was mit der wei\u00dfen Arbeiterklasse in den USA geschehen ist. Ein Gutteil von ihr ist, wie die schwarze Arbeiterklasse, in eine Art gesellschaftliches Chaos gest\u00fcrzt. Daher gibt es heute unter den geringqualifizierten wei\u00dfen Arbeitern so einen gewaltigen Zuwachs an Alleinerziehenden, eine steigende Kriminalit\u00e4tsrate in ihren Wohnvierteln, eine Opiumkrise, in deren Verlauf \u00fcber 70 000 Amerikaner gestorben sind, und einen R\u00fcckgang der Lebenserwartung unter den M\u00e4nnern, den wei\u00dfen M\u00e4nnern in den USA, in den vergangenen Jahren. Man kann daher eigentlich kaum behaupten, dass diese Leute nicht tats\u00e4chlich in einem bestimmten Sinne \u00e4u\u00dferst schlecht abschneiden sozusagen. Doch was die Leute in Wahrheit aufregt, ist meiner Meinung nach der kulturelle Aspekt. Es gibt ein sehr sch\u00f6nes Buch mit dem Titel “Fremd in ihrem Land”, verfasst von der Soziologin Arlie Hochschild, die in Berkeley lehrt. Diese hat viele Tea-Party-W\u00e4hler im l\u00e4ndlichen Louisiana interviewt und hat diese Metapher, die zentrale Metapher ihres Buches, die lautet: Diese Leute sehen sich selbst so, als w\u00fcrden sie in einer Schlange anstehen und in der Ferne ist eine T\u00fcr, \u00fcber der geschrieben steht: “Der amerikanische Traum”. Und sie warten alle darauf, durch diese T\u00fcr namens “Der amerikanische Traum” zu gehen. Sie gr\u00fcnden Familien, gehen jeden Tag zur Arbeit und pl\u00f6tzlich sehen sie Leute, die sich vor ihnen in die Schlange dr\u00e4ngeln. Ein paar davon sind schwarz, ein paar davon sind Frauen, ein paar sind Schwule und Lesben und ein paar andere syrische Fl\u00fcchtlinge. Und die Leute, die ihnen beim Vordr\u00e4ngeln helfen, sind im Grunde, offen gesagt, Leute wie Sie und ich, wie diese Zuh\u00f6rerschaft hier: Es sind gebildete Menschen, Leute aus der Kunst oder aus den Medien und aus den beiden politischen Parteien, die sie weithin ignoriert haben. Und ich denke, einen Widerhall davon kann man auch hier in den populistischen Bewegungen Europas vernehmen, dass es n\u00e4mlich einen kulturellen Snobismus der gebildeten, kosmopolitischen, kultivierten Gro\u00dfst\u00e4dter gibt, die in den modernen Gesellschaften die Eliten stellen, und der gegen die Menschen gerichtet ist, die weniger gebildet und keine Gro\u00dfst\u00e4dter sind und die viel traditionellere soziale und kulturelle Werte haben. Es gibt daher in meinen Augen ein gewisses Quantum an gerechtfertigter Emp\u00f6rung \u00fcber diese Art von Missachtung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas ist nun also die Lage. Ich glaube, dass die kulturelle Triebfeder, die in der Furcht davor besteht, dass uns die Einwanderer unsere nationale Identit\u00e4t wegnehmen, die von Leuten auf der populistischen Rechten zum Ausdruck gebracht wird, ein Thema ist, das praktisch alle neuen populistischen Bewegungen eint. Dass Einwanderung ein so gro\u00dfes politisches Thema f\u00fcr sie ist, liegt eben daran, dass sie glauben, sie selbst h\u00e4tten die nationale Identit\u00e4t lange Zeit bestimmt und jetzt eben nicht mehr, und dass nationale Identit\u00e4t heute untergraben wird, und zwar nicht nur von den Einwanderern, sondern auch von den Eliten, die sie unterst\u00fctzen und die wollen, dass diese Einwanderer ins Land kommen. Damit ist der politische Streit umrissen, der uns erwartet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWir werden hier gleich ein Panel haben. Man kann viel dazu sagen, was man dagegen tun k\u00f6nnte. Das ist eine naheliegende Frage, die mir ziemlich h\u00e4ufig gestellt wird. Ich habe zwar ein paar Ideen, doch letztendlich ist das eine sehr schwierige Frage. Ich glaube, dass man nicht anfangen kann, das Problem zu l\u00f6sen, bevor man es nicht angemessen analysiert hat. Versuchen wir, mit einigem Wohlwollen zu verstehen, was die Leute tats\u00e4chlich dazu bringt, solche Parteien zu w\u00e4hlen. Es geht um sehr viel, denn ich denke, dass hier tats\u00e4chlich die liberale Demokratie selbst auf dem Spiel steht. Diese Parteien sind keine Gefahr f\u00fcr die Demokratie \u2013 viele von ihnen werden schlie\u00dflich vom Volk gew\u00e4hlt \u2013, sondern f\u00fcr die liberale Demokratie, f\u00fcr einen an Gesetzen und Verfassungsnormen orientierten Rechtsstaat, der politische Macht begrenzt. Dieser ist in Ungarn und in Polen erodiert, und ebenso in den USA, wo Donald Trump das FBI, die Geheimdienste und die freie Presse als Feinde des Volkes beschimpft. Das ist das, was f\u00fcr uns alle auf dem Spiel steht. Vielen Dank f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit. Ich freue mich sehr auf die folgende Diskussion.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDieser Text ist das Transkript eines Vortrages, der anl\u00e4sslich der Tipping Point Talks 2019<\/a> der ERSTE Stiftung am 7. M\u00e4rz 2019 in Wien gehalten wurde.
Aus dem Englischen von Frank Lachmann.<\/em>

Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Francis Fukuyama. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der
Redaktion<\/a>.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Francis Fukuyama bei den ERSTE Foundation Tipping Point Talks 2019. Foto: \u00a9 Marcel Billaudet \/ ERSTE Stiftung<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

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