{"id":3585,"date":"2019-02-21T00:00:00","date_gmt":"2019-02-21T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/europa-im-keller\/"},"modified":"2021-08-23T11:23:47","modified_gmt":"2021-08-23T11:23:47","slug":"europa-im-keller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/europa-im-keller\/","title":{"rendered":"Europa im Keller"},"content":{"rendered":"<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<strong>Im Ausland wird Nicoleta Esinencu f\u00fcr ihre kritischen Theaterst\u00fccke gesch\u00e4tzt, in ihrer Heimat l\u00f6st sie damit Skandale aus. Darum bleibt sie. Und sucht f\u00fcr ihre Texte nach der Identit\u00e4t ihres gespaltenen Landes.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tFeuchtkalte Dunkelheit f\u00fcllt den Raum, in dem gleich die Proben beginnen. Stromausfall, und das zur Mittagszeit. Mit einer Taschenlampe leuchtet Nicoleta Esinencu auf ein abgeklebtes Fenster, wo durch einen Spalt ein Kabel in den Keller f\u00fchrt. Mit drei Schauspielern und einer Assistentin versucht sie, f\u00fcr Licht und Ton zu sorgen. Hochbetrieb auf zwanzig Quadratmetern. Ein Darsteller verlegt Kabel quer durch den Raum, der andere bastelt an der B\u00fchne herum, Esinencu bespricht sich mit einer Kollegin. Es scheppert, quietscht, ruckelt, dann ein Klick und eine Lampe taucht den Raum in fahles Licht. Notstrom vom Hauptgeb\u00e4ude der Theaterakademie Chi\u015fin\u0103u. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tBetonw\u00e4nde kommen zum Vorschein, die tiefe Decke, der abgekratzte Putz. Dieser Ort hei\u00dft, wie er aussieht: Bunker. Hier zeigt Nicoleta Esinencu derzeit ihr aktuelles St\u00fcck <em>Recviem for Europe<\/em>, Totenmesse f\u00fcr Europa. \u201eWenn wir bei der Auff\u00fchrung auch keinen Strom haben, m\u00fcssen wir improvisieren\u201c, sagt sie. Ihre 39 Jahre alte Stimme klingt kratzig, ein ironischer Unterton schwingt mit. Die Schauspieler lachen. Sie kennen das schon, R\u00e4ume, in denen der Strom und im Winter die Heizung ausf\u00e4llt. Theater made in Moldova. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie Dramatikerin gastiert regelm\u00e4\u00dfig in Deutschland, \u00d6sterreich, Frankreich, Schweden, das Publikum sch\u00e4tzt sie f\u00fcr ihre kritische Haltung, ihre zornig-ehrlichen Texte. In ihrer Heimat, der Republik Moldau, ist Esinencu froh, wenn sie \u00fcberhaupt einen Raum f\u00fcr ihre Arbeiten findet. Den Bunker muss die Gruppe sofort nach den Vorstellungen um Punkt 21 Uhr verlassen, f\u00fcr den Applaus kehren die Schauspieler nicht auf die B\u00fchne zur\u00fcck, es kostet zu viel Zeit. \u201eDie Akademie mag uns nicht besonders\u201c, sagt Esinencu, die selbst hier studiert hat, wieder mit Ironie. Vielleicht ist es schon Zynismus.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tAus einer Kiste kramt sie einen Hammer hervor und schl\u00e4gt einen Nagel in die Sitzfl\u00e4che eines kaputten Stuhls. Vierzig Zuschauer finden im Bunker Platz. Esinencu stellt sich vor der B\u00fchne auf, ihre stechend blauen Augen mustern die drei K\u00e4sten, auf denen N\u00e4hmaschinen stehen. \u201eDie m\u00fcssen eine Linie ergeben, genau unter dem Licht\u201c, sagt sie und zeichnet mit ihrem Arm einen senkrechten Strich in die Luft. Die Schauspieler r\u00fccken die M\u00f6bel zurecht, nur wenige Zentimeter. Es folgt ein Test der N\u00e4hmaschinen, die wie Gewehre losrattern. Esinencu schaut skeptisch, der Klang der mittleren gef\u00e4llt ihr nicht. Der Perfektionistin entgeht kein Detail.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--biggest paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-quote__paragraph\">\n\tEuropa galt in Moldau nach dem Zerfall der Sowjetunion als Heilsbringer. Die Hoffnung war nicht mehr russisch, sondern europ\u00e4isch, das Alphabet lateinisch statt kyrillisch.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tIn ihren St\u00fccken dagegen beleuchtet sie das gro\u00dfe Ganze, Moldau, seine Probleme, Europa. Ihr St\u00fcck <em>FUCK YOU, Eu.ro.Pa<\/em> l\u00f6ste 2005 einen Skandal aus. In diesem Monolog rechnet sie mit Europa ab, das in Moldau nach dem Zerfall der Sowjetunion als Heilsbringer galt. Die Hoffnung war nicht mehr russisch, sondern europ\u00e4isch, das Alphabet lateinisch statt kyrillisch. \u201eMir scheint, ich hatte in meiner Kindheit kein Land\u201c, hei\u00dft es in dem St\u00fcck. Die Autorin schreibt ihre Wut so auf, wie sie sie f\u00fchlt, harsch und direkt. \u201eWas hat mein Land f\u00fcr mich getan? Papa, ich hab&#8217;s nicht gerne in den Arsch. Das erinnert mich an mein Vaterland. Wenn du liebst und es weh tut.\u201c F\u00fcr die Auff\u00fchrungen in Moldau musste Esinencu das St\u00fcck umbenennen. <em>Stopp Europa<\/em> wurde ab 16 Jahren freigegeben. Gedruckt wurde der Text in ihrer Heimat bis heute nicht. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tF\u00fcr ihre Geschichten gr\u00e4bt sich die Autorin durch ihr Heimatland, sucht entlegene Orte und ihre Bewohner, verwebt die Biografien ihrer Landsleute mit ihrer eigenen Vita. So n\u00e4hert sie sich der Identit\u00e4t eines zerrissenen Landes, greift Themen auf wie Homosexualit\u00e4t, Nationalismus, Ausbeutung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tOder Feminismus, wovon ihr n\u00e4chstes St\u00fcck handelt, an dem sie gerade schreibt. Inspiration daf\u00fcr sucht sie in Str\u0103\u015feni, einer Kleinstadt eine Stunde von Chi\u015fin\u0103u entfernt. Das Theaterteam und ein paar Freunde sind mitgekommen. Zu acht sitzt die Gruppe in einem Kleinbus verteilt, drau\u00dfen herrschen drei\u00dfig Grad, drinnen gibt es keine Klimaanlage. Esinencu wischt sich mit einem Taschentuch \u00fcber die Stirn. Und erz\u00e4hlt. Von den drei Jahren am staatlichen Eug\u00e8ne-Ionesco-Theater in Chi\u015fin\u0103u, wo sie nach ihrem Studium als Dramaturgin anheuerte. Dann Finanzkrise. Der Intendant strich Inszenierungen vom Spielplan, weil das Geld fehlte, vor allem f\u00fcr Kost\u00fcme. \u201eDie sind das Wichtigste f\u00fcr einen Schauspieler, haben wir an der Uni gelernt.\u201c Auf ihren Lippen ein argw\u00f6hnisches L\u00e4cheln. F\u00fcr Esinencu gab es nichts Unwichtigeres, ihr kam es schon immer auf den Inhalt der St\u00fccke an. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tSie begann, gegen das etablierte Theater zu rebellieren, wollte nicht mehr auf staatliche Subventionen angewiesen sein, gr\u00fcndete 2010 mit Kollegen das alternative <em>Teatrul Spalatorie<\/em>, \u00fcbersetzt: Theater W\u00e4scherei. Sieben Jahre betrieb sie eine eigene B\u00fchne. Hierarchien wie an gro\u00dfen H\u00e4usern kannte sie nicht, alles entschieden die Mitglieder des Kollektivs gemeinsam. \u201eWir haben uns jahrelang ein Publikum aufgebaut, doch die jungen Leute sind weggezogen, also mussten wir immer wieder von Neuem beginnen.\u201c Vergangenes Jahr sperrten sie die B\u00fchne zu. Zu m\u00fchsam die Organisation, zu hoch die Kosten, f\u00fcr das kleine Team nicht zu schaffen. Esinencu wollte sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf ihre St\u00fccke, auf das, was sie den Menschen erz\u00e4hlen will. Seitdem vagabundiert die Gruppe von einem Spielort zum n\u00e4chsten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tMit ihren Begleitern verl\u00e4sst Esinencu den Bus und marschiert zu Fu\u00df weiter durch Str\u0103\u015feni, vorbei an einem Park und dem Rathaus, das seine G\u00e4ste durch sechs m\u00e4chtige S\u00e4ulen empf\u00e4ngt. Esinencu zieht eine gr\u00fcne Kappe aus ihrem Rucksack, setzt sie auf ihre hellbraunen Locken, schnauft laut aus. Auf sandigem Untergrund stapft die Gruppe einen Berg hinauf, der an einem eisernen Gartentor endet. Dahinter ein H\u00e4uschen, aus dem eine Frau mit kleinen, l\u00e4chelnden Augen heraustritt. Die 60-J\u00e4hrige, die alle nur Maria nennen, umarmt ihre Besucher und bittet sie in einen Garten mit dutzenden Kirschb\u00e4umen. Mittendrin ein gro\u00dfer Tisch, vollbeladen mit moldauischen Spezialit\u00e4ten: Fleischb\u00e4llchen, eingelegtes Gem\u00fcse, Teigtaschen. Maria hat f\u00fcr ihre Besucher gro\u00df aufgekocht. In einer Voliere im Garten flattern und gurren Tauben, aus einem Lautsprecher schallt traditionelle Musik. Das Treffen ist eine Mischung aus Gartenparty und Recherche, es wird gegessen, gelacht, dazwischen erz\u00e4hlt die Gastgeberin ihre Geschichte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tLange ertrug Maria die Exzesse ihres st\u00e4ndig besoffenen Ehemanns, seine Schl\u00e4ge, die ihr zeigten, was er von ihr hielt. Als die Dorfbewohner munkelten, er habe eine Geliebte, war es Maria der Dem\u00fctigung zu viel. Sie reichte die Scheidung ein und begann, in einer Fabrik zu schuften. Alleinerziehend im Moldau der neunziger Jahre, das kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion in Armut und Frustration versank. Die M\u00fctter verlie\u00dfen das Land, um Geld zu verdienen. Auch Maria lie\u00df ihre Kinder zur\u00fcck und fuhr Richtung Italien. Ihre Flucht endete im ungarischen Gef\u00e4ngnis, nach zwei Wochen kehrte sie heim.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tNicoleta Esinencu, das Kinn auf den Arm gest\u00fctzt, saugt Marias Worte auf. \u201eWas w\u00fcrden Sie Ihren T\u00f6chtern auf keinen Fall w\u00fcnschen?\u201c Maria antwortet, ohne zu \u00fcberlegen: \u201eDass sie von einem Mann geschlagen werden.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/portrt2.jpg\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Martin Zinggl\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tIm Ausland gesch\u00e4tzt, in der Heimat skandalisiert: Dramatikerin Nicoleta Esinencu ist eine der kritischsten Stimmen Moldawiens. Foto: \u00a9 Martin Zinggl<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tW\u00e4hrend ihre Begleiter nach dem Essen im Schatten der Kirschb\u00e4ume ruhen, schreibt die Dramatikerin Notizen in ein kleines Buch: Patriarchat, Gewalt, harte Arbeit, Armut. \u201eF\u00fcr Maria und viele Frauen ist das Alltag, auch wenn es das nicht sein sollte\u201c, sagt Esinencu, ihr Blick wandert nachdenklich durch den Garten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tF\u00fcr ein fr\u00fcheres St\u00fcck \u00fcber den Holocaust bereiste sie D\u00f6rfer, aus denen Menschen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs deportiert wurden. Sie sprach mit Angeh\u00f6rigen, lauschte ihren Geschichten. \u201eDer Holocaust wird in Moldau verleugnet.\u201c Kein Wort davon im Schulunterricht. In Berlin erfuhr sie im Gespr\u00e4ch mit Theaterkollegen zum ersten Mal, dass es auch in Moldau, damals Teil Rum\u00e4niens, Deportationen gegeben hat, dass dort w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs Abertausende ums Leben kamen. Zur\u00fcck in der Heimat begann sie zu recherchieren, schrieb alles in einem St\u00fcck nieder, das f\u00fcr Aufruhr sorgte: <em>Clear History<\/em>. \u201eDie Politik manipuliert uns, spaltet die Gesellschaft, in der sich sehr viel Hass entwickelt. Wir stecken in einer gro\u00dfen Identit\u00e4tskrise. Das Problem ist, dass wir einen gest\u00f6rten Zugang zu unserer eigenen Geschichte haben.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--biggest paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-quote__paragraph\">\n\t\u201eDie Politik manipuliert uns, spaltet die Gesellschaft, in der sich sehr viel Hass entwickelt. Wir stecken in einer gro\u00dfen Identit\u00e4tskrise. Das Problem ist, dass wir einen gest\u00f6rten Zugang zu unserer eigenen Geschichte haben.\u201c<\/p><p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-quote__author\">\n\t\u2014  Aus dem St\u00fcck <em>Clear History<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tWeil sie genau das thematisiert, eckt sie an, provoziert, vor allem in Moldau. Und sie findet Gefallen daran. F\u00fcr einige Monate lebte die Dramatikerin dank Stipendien in Deutschland und Frankreich. W\u00e4hrend viele K\u00fcnstlerkollegen l\u00e4ngst im Ausland geblieben sind, zieht es sie immer wieder zur\u00fcck. Sie will ihr Theater weiterentwickeln, in ihrer Heimat etwas ver\u00e4ndern, trotz der widrigen Bedingungen. \u201eHier gibt es kaum M\u00f6glichkeiten, Werke zu pr\u00e4sentieren, weder finanziell noch ideell. Es interessiert sich einfach niemand f\u00fcr unsere Kunst.\u201c Esinencu spricht \u00fcber die Misere ihres Landes nonchalant, abgebr\u00fcht. Manchmal klingen ihre Worte fast verbittert. \u201eIch bin nicht mehr so naiv zu hoffen, dass Politiker etwas \u00e4ndern.\u201c So verhasst ist ihr das politische System Moldaus, das immer wieder unter Korruptionsverdacht steht, in dem Gelder in Millionenh\u00f6he verschwinden, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung in Armut lebt. \u201eVon diesem Staat w\u00fcrde ich kein Geld f\u00fcr meine Arbeit annehmen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tFinanzielle Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt Esinencu vor allem von Stiftungen aus dem Ausland. Doch sie nimmt sie nicht um jeden Preis. Eine deutsche Stiftung hat die Gelder f\u00fcr ihr aktuelles St\u00fcck <em>Recviem for Europe<\/em> gek\u00fcrzt, erz\u00e4hlt sie. Darin geht es um ausbeuterische Arbeitsbedingungen in moldauischen Fabriken, die g\u00fcnstig f\u00fcr die EU produzieren. Moldau, das neue China: Versace, Armani, Nike, Zara und auch der deutsche Autozulieferer Dr\u00e4xlmaier. Mit Esinencus Kritik an dem Unternehmen war die Stiftung nicht einverstanden. Sie habe verlangt, dass die Autorin den Text \u00e4ndert. F\u00fcr Esinencu ausgeschlossen. \u201eDie Stiftung gibt vor, demokratisch zu sein, und dann behandelt sie uns so.\u201c Nicht die kritische Darstellung des Unternehmens sei Grund f\u00fcr die Ablehnung gewesen, rechtfertigt die Stiftung heute. \u201eEs war allein die pauschale anti-europ\u00e4ische Grundausrichtung des Textes\u201c, hei\u00dft es in einer Stellungsnahme. Esinencu verzichtete komplett auf die F\u00f6rderung, <em>Recviem for Europe<\/em> brachte sie trotzdem auf die B\u00fchne.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tEine Woche nach dem Ausflug pr\u00e4sentiert sie das St\u00fcck vor 35 Besuchern im Bunker. Hinter dem Publikum lehnt die Regisseurin am Ausgang im T\u00fcrrahmen und \u00fcberblickt den Raum mit Argusaugen. Die drei Schauspieler im Blaumann erheben sich hinter ihren N\u00e4hmaschinen. Betont freundlich sprechen sie in Richtung Publikum auf Englisch, Rum\u00e4nisch und Russisch: <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDanke, Chef, dass wir Uniformen tragen m\u00fcssen, die wir selbst zahlen. <br>Danke, Chef, dass du uns beibringst, wie wir hart arbeiten. <br>Danke, Chef, dass du \u00fcberall \u00dcberwachungskameras installiert hast. <br>Danke, Chef, dass du mir erlaubst, drei Schichten zu arbeiten, 24 Stunden lang. <br>Danke, Chef, dass du dich darum k\u00fcmmerst, dass mein Lohn nie das Minimalgehalt \u00fcberschreitet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t\n<ol class=\"block-footnotes js-footnote-list\">\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<em>Erstmals publiziert auf <a href=\"https:\/\/www.reporterreisenmoldau.de\/reportagen\/bunker\/\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">Reporterreisenmoldau.de<\/a>, sowie am 30. Juni 2018 auf <a href=\"https:\/\/magazin.spiegel.de\/SP\/2018\/27\/158150045\/index.html\" rel=\"noopener\" target=\"_blank\">spiegel.de<\/a> und am 7. August 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.<\/em><br><br><em>Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Christina Fleischmann. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der <a href=\"http:\/\/magazine.erstestiftung.org\/de\/erste-stiftung\/impressum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Redaktion<\/a>.<br>Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Europa, Moldawien, Chi\u015fin\u0103u,&#8221;Der Bunker&#8221;. Theater-Generalprobe des St\u00fccks &#8220;Requiem for Europe&#8221;. Nicoleta Esinencu ist eine der kritischsten Stimmen Moldawiens. Sie macht Independent Theater. Die Schauspieler (von links nach rechts): Doriana Talmazan, Kira Semionov, Artiom Zavadovsky. Foto: \u00a9 \u00c9ric Vazzoler \/ Zeitenspiegel<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die moldawische Theatermacherin Nicoleta Esinencu sucht nach der Identit\u00e4t ihres gespaltenen Landes.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1573,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,299,434],"tags":[264,398,267],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3585"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3585"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3585\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5534,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3585\/revisions\/5534"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1573"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3585"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3585"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3585"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3585"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}