{"id":3581,"date":"2019-01-23T00:00:00","date_gmt":"2019-01-23T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/wir-werden-euch-alle-erschiessen-lassen\/"},"modified":"2021-08-23T13:19:00","modified_gmt":"2021-08-23T13:19:00","slug":"wir-werden-euch-alle-erschiessen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wir-werden-euch-alle-erschiessen-lassen\/","title":{"rendered":"\u201eWir werden euch alle erschie\u00dfen lassen.\u201c"},"content":{"rendered":"
\n\tCejkov empf\u00e4ngt den Besucher mit Idylle. Das Dorf im Osten der Slowakei, unweit der ungarischen Grenze, liegt nur eine Zugstunde \u00f6stlich von Ko\u0161ice inmitten von Weinreben, weiten Feldern und sanften H\u00fcgeln. Am Ende einer staubigen Schotterstra\u00dfe steht der Hof der Familie Bojko: ein h\u00fcbsches Anwesen, mit Gel\u00e4ndern aus dunklem Holz und W\u00e4nden aus dickem Stein; eine kleine Landwirtschaft, acht K\u00fche und ein halbes Dutzend H\u00fchner. Bilderbuch.<\/strong> \n\tAm 25. Februar 2018 wurden der Investigativjournalist J\u00e1n Kuciak und seine Verlobte, Martina Ku\u0161n\u00edrov\u00e1, in einem Haus in der Westslowakei tot aufgefunden. Sie wurden mit drei Sch\u00fcssen ermordet; zwei in die Brust des jungen Mannes und einen in den Kopf der Frau. Der erst 27-j\u00e4hrige Kuciak hatte vor seinem Tod zu Verbindungen der italienischen Mafia in h\u00f6chste slowakische Regierungskreise recherchiert. An einem Zusammenhang zwischen seiner brutalen Hinrichtung und seiner journalistischen Arbeit bestehen kaum Zweifel. Deshalb sandte der Fall Schockwellen durch die Slowakei und sorgte daf\u00fcr, dass bei Protesten zehntausende Menschen auf die Stra\u00dfen str\u00f6mten; an einem Tag waren es sogar mehr als bei der Samtenen Revolution 1989. \n\tVielen Slowaken sind die Mechanismen der Einsch\u00fcchterung und Bedrohung, mit denen Kuciak vor seiner Ermordung konfrontiert war, nur allzu vertraut.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tVielen Slowaken sind die Mechanismen der Einsch\u00fcchterung und Bedrohung, mit denen Kuciak vor seiner Ermordung konfrontiert war, nur allzu vertraut. Sie k\u00f6nnen und wollen nicht mehr wegschauen. Deshalb erz\u00e4hlt auch Al\u017ebeta Bojkov\u00e1 ihre Geschichte – der Angst vor der Gewalt zum Trotz. Es ist das Jahr 2004, als ihr zum ersten Mal Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in den Geldfl\u00fcssen an ihrer Schule auffallen. Sie sitzt damals im Gemeinderat und vergleicht die Zahlen, die das Bildungsministerium f\u00fcr die \u00f6rtliche Schule der 6- bis 15-J\u00e4hrigen vorgesehen hat, mit der Summe, die tats\u00e4chlich auf dem Schulkonto landet. Da die Schulen in der Slowakei selbstverwaltet sind, \u00fcberweist der Staat das Geld f\u00fcr die Schule direkt an die Gemeinde. Doch an der Schule kommt eine geringere Summe an. Das trifft vor allem die Bonuszahlungen f\u00fcr die Lehrer, die ausbleiben. Wo das Geld genau landet, kann sie nicht mit Sicherheit sagen – aber irgendwo zwischen Gemeindekonto und Schulkonto scheinen die Gelder zu versickern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAls sie die Vorw\u00fcrfe \u00f6ffentlich macht und den B\u00fcrgermeister, der \u00fcber das Budget wacht, mit den Vorw\u00fcrfen konfrontiert, passiert erst einmal gar nichts. Dann wendet sie sich an h\u00f6here Instanzen, wie das Bildungs- und das Innenministerium. Wieder nichts. So geht das einige Jahre. Jedes Jahr notiert Al\u017ebeta die Fehlsummen minuti\u00f6s in kleinen, roten Lederb\u00e4ndchen, die sie in ihrem Schrank hortet. Sie z\u00e4hlt zusammen, ihre Finger huschen \u00fcber die Tabellen: Um insgesamt rund 150.000 Euro wurden die Lehrer in all den Jahren geprellt, sch\u00e4tzt sie. Als sie f\u00fcr drei Monate \u00fcberhaupt keine Geh\u00e4lter bekommen, wendet sie sich schlie\u00dflich an die Medien. Es ist das Jahr 2009, damals berichtet auch eine slowakische Nachrichtenseite \u00fcber den Fall. Doch wieder passiert nichts.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIm Gegenteil: F\u00fcr die Bojkos wird es im Dorf damals immer ungem\u00fctlicher. Es f\u00e4ngt mit kleinen Schikanen an. Ihre S\u00f6hne d\u00fcrfen nicht mehr auf dem Fu\u00dfballfeld spielen, der Vater darf nicht mehr auf dem Lehrerparkplatz parken. Als ihre Tochter Betka, die als Historikerin an der Universit\u00e4t in Ko\u0161ice unterrichtet, wegen eines Krankheitsfalls kurzfristig als Aushilfslehrerin an der Schule einspringen soll, wird ihre Bestellung vom B\u00fcrgermeister blockiert. Lehrer, die \u00fcber die Zust\u00e4nde in der Schule klagen und streiken, werden unter Druck gesetzt. Der Schulleiter, der ebenfalls auf die Fehlzahlungen hinweist, wird schlie\u00dflich durch einen loyalen Direktor ersetzt. \u201eEine Marionette in den H\u00e4nden des B\u00fcrgermeisters\u201c, wie es eine Lehrerin in einem Fernsehbeitrag sp\u00e4ter nennt. \u201eDas stimmt nicht\u201c, dementiert dieser damals. \n\tF\u00fcr die Bojkos wurde es im Dorf immer ungem\u00fctlicher. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDoch unter dem neuen Schuldirektor werden Al\u017ebeta bald ihre Geschichtsstunden gestrichen, stattdessen wird sie gezwungen, den Flur zu schrubben. Als sie sich weigert, wird sie gefeuert. Hinter vorgehaltener Hand wird den Bojkos Mut zugesprochen, aber offen tritt niemand f\u00fcr sie ein. Auch nicht unter den Lehrern, die direkt von den Ausfallszahlungen betroffen sind. Geld, das sie gut gebrauchen k\u00f6nnten, denn mit einem Einstiegsgehalt von rund 500 Euro geh\u00f6rt die Slowakei immerhin zu den EU-Schlusslichtern bei der H\u00f6he von Lehrergeh\u00e4ltern. Doch der B\u00fcrgermeister setzt auf eine W\u00e4hrung, die h\u00e4rter ist als jede Bonuszahlung: auf die Angst der Menschen, ihren Job zu verlieren. Auch wenn Al\u017ebeta sich ihre Lehrerstelle \u00fcber das Arbeitsgericht wieder zur\u00fcckerk\u00e4mpft, ist die Lektion inzwischen im Dorf angekommen: Halte lieber still, sonst ergeht es dir noch wie den Bojkos.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAl\u017ebetas Mutter f\u00fchrte ein Notizbuch \u00fcber die Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in der Schule und alle Vorf\u00e4lle, die der Familie Bojko widerfahren sind. Foto: \u00a9 D\u00e1vid Hanko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer B\u00fcrgermeister von Cejkov geh\u00f6rt der m\u00e4chtigen sozialdemokratischen Partei Smer an, die auch den Regierungschef stellt. Er habe es immer wieder verstanden, seinen Einfluss bei den Institutionen geltend zu machen, mutma\u00dfen die Bojkos. Als Beispiel nennt Al\u017ebetas und J\u00e1ns Tochter Betka, die den Kampf ihrer Eltern zu ihrem eigenen gemacht hat, einen Fall aus dem Jahr 2016: Als es zuletzt doch sechs Lehrerkollegen der Bojkos wagten, sich mit ihren Beschwerden \u00fcber die Schikanen an das Slowakische Nationale Menschenrechtsinstitut zu wenden, wurden diese nicht einmal bearbeitet. Weil der B\u00fcrgermeister selbst dort interveniert hatte, wie die Leiterin des Instituts in einem pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch mit Betka sp\u00e4ter einr\u00e4umte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tImmer wieder geraten die Bojkos und der B\u00fcrgermeister, der die Gemeinde seit mehr als 15 Jahren f\u00fchrt, aneinander. Am schlimmsten wird es an einem Tag, der inzwischen zehn Jahre zur\u00fcckliegt. \u201eWir werden euch alle erschie\u00dfen lassen\u201c, deine ganze Familie, hat der B\u00fcrgermeister bei einem Streit unter starkem Alkoholeinfluss damals zu Betkas Vater gesagt, beteuert dieser. \u201eUnd du wirst der Erste sein!\u201c Das dumpfe Echo der Worte hallte noch lange in Betkas Hinterkopf nach. Seit dem Doppelmord an Kuciak und seiner Verlobten t\u00f6nen sie pl\u00f6tzlich wieder laut und klar. \u201eIch werde mich jetzt f\u00fcr deine Mutter, deinen Vater und deine Geschwister interessieren\u201c, soll ein m\u00e4chtiger Gesch\u00e4ftsmann, \u00fcber den der Journalist berichtet hatte, wenige Monate vor dessen Tod zu J\u00e1n Kuciak gesagt haben. \u201eAber du wirst der Erste sein.\u201c So ist es neben der Wut auch die Angst, die neuerdings am Hof der Bojkos mit am Tisch sitzt. \u201eFr\u00fcher war diese Drohung immer abstrakt\u201c, sagt Betka. \u201eDoch mit dem Mord an Kuciak ist sie konkret geworden.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eFr\u00fcher war diese Drohung immer abstrakt. Doch mit dem Mord an Kuciak ist sie konkret geworden.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tZwar gibt es auch immer wieder Menschen, die mit dem Kampf der Bojkos sympathisieren. Seit Betka zuletzt mit einer Beschwerde auf der Arbeitsinspektion in Ko\u0161ice abgeblitzt ist -mit der Begr\u00fcndung, dass sie kein Fehlverhalten der Schule und der Gemeinde erkennen k\u00f6nnten – werden ihr von einer Mitarbeiterin der Beh\u00f6rde interne Dokumente zugespielt. Wie der Mailverkehr zwischen einem Abteilungsleiter und einem Mitarbeiter, \u00fcber den sich Betka bei der Leitung beschwert hatte, der zeigte, warum der Fall nicht weiterverfolgt wurde – und wie in der Beh\u00f6rde eine Hand die andere w\u00e4scht. \u201eDas ist also der Dank daf\u00fcr, dass ich immer in den schwierigsten F\u00e4llen involviert war und die Dinge auf unsere Art gel\u00f6st habe\u201c, schreibt der Mitarbeiter an den Leiter. \u201eDa war ich immer gut genug f\u00fcr Sie? So schnell wird das vergessen?\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tMan k\u00f6nnte das alles als eine pers\u00f6nliche Fehde zwischen dem B\u00fcrgermeister von Cejkov und den Bojkos abtun. Doch der Fall in dem 1.200-Einwohner-Dorf, in dem es nach der Schlie\u00dfung der kommunistischen Landwirtschaftskolchosen praktisch keine Arbeitspl\u00e4tze mehr gibt und Schule sowie Gemeinde die wichtigsten Arbeitgeber sind, erregte so viel Aufsehen, dass vor zwei Jahren sogar das slowakische Fernsehen aus dem 400 Kilometer entfernten Bratislava anreiste, um dar\u00fcber zu berichten. Ge\u00e4ndert hat das alles nichts, seufzt die Mutter. \u201eIch verstehe das nicht\u201c, sagt sie. \u201eWozu haben wir Institutionen, wenn sie nicht funktionieren?\u201c Aus Sicht der Bojkos ist ihre Geschichte beispielhaft f\u00fcr den Zustand der slowakischen Gesellschaft. Die andere Seite, jene der lokalen Politiker und Volksvertreter, schweigt dazu beharrlich: Auf der Gemeinde war nach mehrmaligen schriftlichen und telefonischen Anfragen niemand zu einer Stellungnahme bereit.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAus Sicht der Bojkos ist ihre Geschichte beispielhaft f\u00fcr den Zustand der slowakischen Gesellschaft. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u00dcber die Jahre wurden die Bojkos in ihrem Dorf immer isolierter. Wenn Betka heute durch das Dorf schlendert, vorbei an den geduckten H\u00e4usern, den sechs Kapellen und den Kreuzen an den Hausw\u00e4nden, wirft sie jedem Bewohner ein fr\u00f6hliches \u201eAhoj\u201c \u00fcber die bunten Holzz\u00e4une zu. Nicht alle gr\u00fc\u00dfen zur\u00fcck. \u201eWir sind die Rebellen in diesem Dorf\u201c, zuckt Betka mit den Schultern, w\u00e4hrend sie mit ihrem Vater, der barfu\u00df ist, durch die Siedlung geht. \u201eDie Bojkos geh\u00f6ren nicht zum Dorf\u201c, soll der B\u00fcrgermeister einmal gesagt haben. Ist es nur ein Zufall, dass die Gemeindestra\u00dfe noch weit vor dem Hof der Bojkos endet und kein asphaltierter, beleuchteter Weg zum Hof f\u00fchrt? Inzwischen geht die Familie auch zum Beten nicht mehr in die Dorfkirche, wie alle anderen, sondern zum steinernen Kreuz, das ihre Vorfahren auf einer Anh\u00f6he errichtet haben, von der aus man an klaren Tagen bis hin\u00fcber in die Ukraine sehen kann. \u201eIch denke, sie wundern sich dar\u00fcber, warum wir keine Angst haben\u201c, sagt Betka. \u201eUnd wir wundern uns \u00fcber sie.\u201c Zuhause erz\u00e4hlt man sich indes gerne die Familienlegende, wie schon die Vorfahren der Bojkos im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg gegen den Kaiser k\u00e4mpften und Betkas Mutter schon als Zehnj\u00e4hrige ein Plakat malte, um gegen den Einmarsch der sowjetischen Soldaten zur Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings zu protestieren. \u201eDer Widerstand liegt uns im Blut\u201c, sagt sie, mit einer Mischung aus Stolz und Trotz. Sich den Protesten nach der Ermordung Kuciaks anzuschlie\u00dfen, ist f\u00fcr Betka daher das Nat\u00fcrlichste der Welt gewesen, sagt die 33-J\u00e4hrige. Auch in Ko\u0161ice formierte sich damals rasch Widerstand. Der Journalistenmord ist erst wenige Wochen her, als sich an einem nasskalten Freitagabend im M\u00e4rz die Menschen im Stadtzentrum versammeln. Mit roten Grablichtern in den H\u00e4nden, zum Zeichen der Trauer, und mit rasselnden Schl\u00fcsselb\u00fcnden, zum Zeichen des Zorns.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tJ\u00e1n Bojko vor der Grundschule in Cejkov. Foto: \u00a9 D\u00e1vid Hanko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tHinter der B\u00fchne suchen die Organisatoren noch h\u00e4nderingend nach Sprechern. Ein Aktivist versucht, Betka zu \u00fcberreden, aufs Podium zu gehen. Doch sie sch\u00fcttelt den Kopf mit ihren langen, blonden Haaren. \u201eDort sprechen ein Priester und ein Schauspieler, die schon bei der Samtenen Revolution gesprochen haben\u201c, antwortet sie ihm. \u201eWas habe ich den Menschen schon zu sagen?\u201c \u201eDu bist tapfer, du sprichst gut, und du bist eine Frau\u201c ,entgegnet ihr Kollege. \u201eWir brauchen dich.\u201c Der Regen prasselt auf das Zeltdach, die Zuh\u00f6rer haben sich die Kapuzen ihrer Regenjacken und Winterm\u00e4ntel tief ins Gesicht gezogen, als Betka ans Mikrofon tritt. Sie schl\u00e4gt die Augen nieder und z\u00f6gert. Ein, zwei, drei Sekunden lang. Die Menge feuert sie an. Sie h\u00e4lt die Tr\u00e4nen zur\u00fcck und beginnt zu erz\u00e4hlen. Sie spricht immer fester, schneller und bestimmter. Von der Korruption und dem Kleinkrieg in dem Dorf an der ungarisch-slowakischen Grenze, in dem ihre Eltern leben. Und von dem Streit, der eines Tages zwischen dem B\u00fcrgermeister des Dorfes und ihrem Vater eskalierte und mit den Worten endete: \u201eIch werde deine ganze Familie erschie\u00dfen, und du wirst der Erste sein!\u201c Die Menge tobt, als sie die Worte wie Sch\u00fcsse in den Abendhimmel feuert. Sp\u00e4ter wird ihre Rede auf Youtube hochgeladen und im Fernsehen gezeigt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSich den Protesten nach der Ermordung Kuciaks anzuschlie\u00dfen, ist f\u00fcr Betka daher das Nat\u00fcrlichste der Welt gewesen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSo ist die Geschichte aus dem Dorf Cejkov ein Lehrst\u00fcck dar\u00fcber, wie Korruption in der Slowakei funktioniert: ein Mikrokosmos aus Machtmissbrauch, Vernetzung, Einsch\u00fcchterung und Ignoranz. Ein System, in dem eine Hand die andere w\u00e4scht und im entscheidenden Moment alle wegschauen. \u201eNie je n\u00e1m to jedno\u201c, \u201eEs ist uns nicht egal\u201c, wurde zu einem Leitspruch der Protestbewegung. Etwas, das wohl auch der Pr\u00e4sident Andrej Kiska meinte, als er mit ungew\u00f6hnlich dramatischen Worten nach dem Journalistenmord klagte: \u201eEtwas Schlechtes steckt in den Grundfesten unseres Staates.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDabei galt die Slowakei eigentlich bis zuletzt als Stabilit\u00e4tsanker in Osteuropa. Das 5,4-Millionen-Einwohner-Land ist das kleinste Land der Visegr\u00e1d-Staaten und hat nach Litauen als zweites Land des ehemaligen Ostblocks 2009 den Euro eingef\u00fchrt. Die internationale Automobilindustrie hat hier so sehr investiert, dass die Slowakei mittlerweile der gr\u00f6\u00dfte Autoproduzent pro Kopf ist, weltweit. Der Sozialdemokrat Robert Fico galt in Br\u00fcssel als moderater und salonf\u00e4higer Premierminister inmitten von illiberal und populistisch gef\u00fchrten Staaten. Doch die Probleme mit der Korruption und der Vetternwirtschaft liefen international lange unter dem Radar. Und als Fico zuletzt die Proteste als eine Verschw\u00f6rung ausl\u00e4ndischer Kr\u00e4fte abtat, war der rhetorische Abstand zu Viktor Orb\u00e1n nicht mehr gro\u00df.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u201eDas Problem in der Slowakei sind nicht die Institutionen, sondern es ist die politische Kultur.\u201c<\/p> \n\t\u2014 Gabriel Sipos, Chef von Transparency International in der Slowakei \n\tVielleicht war es gerade die Kluft zwischen diesem Selbstverst\u00e4ndnis und dem Abgrund, in den die Slowaken nach dem Journalistenmord blickten, die die Wucht der Proteste erkl\u00e4rt. Das Bed\u00fcrfnis nach einem Rechtsstaat, einer \u201eanst\u00e4ndigen Slowakei\u201c, welche die Aktivisten in ihren Reden immer wieder bem\u00fchten und die Wut \u00fcber Verh\u00e4ltnisse, die die Slowaken f\u00fcr l\u00e4ngst \u00fcberwunden hielten, die aber immer noch weiterwirken. \n\tJ\u00e1n Bojko vor der Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr den Bruder seines Urgro\u00dfvaters. Janos Bojko starb im 1. Weltkrieg. Foto: \u00a9 D\u00e1vid Hanko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tUnd auch im Dorf gelten noch die alten Regeln. Dass es bei der Bestellung des Schuldirektors nicht mit rechten Dingen zuging, wurde Betka inzwischen vom Bildungsministerium schwarz auf wei\u00df best\u00e4tigt. Ein Faktum, das der B\u00fcrgermeister jedoch ignoriert. Die D\u00f6rfer sind in der Slowakei selbstverwaltet, deswegen hat das Bildungsministerium keine Weisungsbefugnis \u00fcber die Gemeinde. \u201eDas Problem in der Slowakei sind nicht die Institutionen\u201c, sagt Gabriel Sipos, Chef von Transparency International in der Slowakei, \u201esondern es ist die politische Kultur.\u201c Inzwischen hat sich Betka an die Staatsanwaltschaft gewandt. Der Kampf ist zerm\u00fcrbend, aber sie gibt nicht auf. \u201eUnd wenn ich mich am Ende an die T\u00fcre der Schule ketten muss!\u201c, sagt sie. \u00dcber die weitere Ausrichtung der Proteste ist sich Betka mit den Aktivisten uneins. M\u00fcssen es wirklich immer die gro\u00dfen Gesten sein, wie der R\u00fccktritt des Premiers und des Innenministers? Zugest\u00e4ndnisse, die am Ende ja doch nur kosmetisch sind, weil das System immer noch nach den alten Regeln funktioniert und die alten Seilschaften weiter halten? Wenn es nach Betka geht, so k\u00f6nnten gerade auch die kleinen Schritte einen gro\u00dfen Kulturwandel in der Politik einleiten. Immerhin sei es mindestens genauso wichtig, einen anst\u00e4ndigen Schuldirektor oder B\u00fcrgermeister zu haben wie einen anst\u00e4ndigen Innenminister oder Premier.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWenn das \u00dcbel im Kleinen beginnt, dann muss vielleicht auch der Kampf dagegen genau dort ansetzen, findet Betka. Doch dazu braucht es Mut. Als ihr zuletzt eine Mitarbeiterin einer Beh\u00f6rde Dokumente \u00fcber die dortigen Missst\u00e4nde zusteckte, freute sich Betka \u00fcber die Unterst\u00fctzung. Zugleich \u00e4rgerte sie sich. \u201eDiese Frau k\u00f6nnte selber an die \u00d6ffentlichkeit gehen\u201c, sagt sie. Warum tut sie es nicht?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tText der Autorin zum Thema ist im September 2018 in DATUM<\/a> erschienen.<\/em> Der Kampf gegen Korruption ist in der Slowakei lebensgef\u00e4hrlich. Familie Bojko nimmt ihn trotzdem auf.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1556,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,299],"tags":[291,315,380,362],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3581"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3581"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5544,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3581\/revisions\/5544"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1556"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3581"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
In der Stube reicht die 60-j\u00e4hrige Al\u017ebeta Bojkov\u00e1 frisch gemolkene Rohmilch aus dem Stall. Dicke Bandnudeln kochen im Topf, die sie mit selbstgemachtem Topfen servieren wird. Der Dampf steht in der K\u00fcche. \u201eDas Dorf ist krank\u201c, sagt Al\u017ebeta und r\u00fchrt die Nudeln einmal kr\u00e4ftig um. \u201eWoher soll ich wissen, dass sie mich nicht auch erschie\u00dfen werden, wie diesen Kuciak, wenn ich Ihnen von all dem erz\u00e4hle?\u201c.
Von der Korruption im Dorf, den gestrichenen Geh\u00e4ltern und den Drohungen an der \u00f6rtlichen Schule, an der sie und ihr Mann J\u00e1n unterrichten. Vom jahrelangen Kampf gegen den B\u00fcrgermeister und den Schuldirektor.
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Die Proteste machen Sommerpause, aber im Herbst sollen sie weitergehen. In Bratislava ist noch immer die sozialdemokratische Smer an der Macht, im Hintergrund zieht immer noch der Ex-Premier Robert Fico die F\u00e4den, und noch immer ist der Mord an Kuciak und Ku\u0161n\u00edrov\u00e1 weit davon entfernt, aufgekl\u00e4rt zu sein. Derweil sind es immer wieder neue Skandale, die aufgedeckt werden. Wie zuletzt die Causa rund um den vietnamesischen Ex-Politiker Tr\u1ecbnh Xu\u00e2n Thanh, der laut deutschen Ermittlern mithilfe des slowakischen Innenministeriums \u00fcber Bratislava nach Vietnam verschleppt worden sein soll.
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