{"id":3576,"date":"2018-12-21T00:00:00","date_gmt":"2018-12-21T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/was-ist-international\/"},"modified":"2022-04-21T09:45:21","modified_gmt":"2022-04-21T09:45:21","slug":"was-ist-international","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/was-ist-international\/","title":{"rendered":"Was ist international?"},"content":{"rendered":"<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<strong>Die Ukraine und die L\u00e4nder der Europ\u00e4ischen Union teilen heute eine Vielzahl von Herausforderungen und Bedrohungen. Die Ukraine hat in letzter Zeit einige beeindruckende neue Erfahrungen gemacht: Enthusiasmus und Entt\u00e4uschung \u00fcber die Maidan-Revolution, den Schock des Krieges, anhaltende Verst\u00f6\u00dfe gegen die bestehenden territorialen Parameter und Schutzmechanismen sowie die Massenvernichtung von Menschen, w\u00e4hrend die EU zunehmende Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me erlebt, einer Verkleinerung seines Territoriums nach dem Brexit entgegensieht und der Aufstieg des rechtsextremen Populismus zu einem Schlachtfeld f\u00fcr neue Formen des Terrorismus f\u00fchrt. Das Fehlen von vorgefertigten Mustern f\u00fcr den Umgang mit diesen Erlebnissen, die Unzufriedenheit mit bestehenden Strukturen sowie ein starkes Verlangen und dringendes Bed\u00fcrfnis nach Ver\u00e4nderung bieten die M\u00f6glichkeit einer intensiven intellektuellen und kreativen Suche nach dem Neuen.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tBetrachtet man die j\u00fcngsten \u201ePlatzbesetzungen\u201c und sozialen Unruhen weltweit \u2013 von Occupy Wall Street und Europas \u201eEmp\u00f6rte\u201c bis zum Arabischen Fr\u00fchling und dem ukrainischen Maidan \u2013, so erkennt man, dass sie alle trotz ihrer Unterschiede irgendeine Utopie in der Zukunft vor Augen hatten; sie stellten eine Politik der Hoffnung dar. Mittlerweile ist die Logik einer revolution\u00e4ren Utopie einer reaktion\u00e4ren postapokalyptischen Dystopie gewichen \u2013 die Kriege in Syrien und der Ukraine, ISIS, Rechtspopulismus, Brexit, Trump \u2013 sie alle repr\u00e4sentieren eine Politik der Ressentiments; es mangelt ihnen an einer Zukunftsversion \u2013 vielmehr konzentrieren sie sich wie besessen auf die Vergangenheit, auf Erinnerungskriege, und leben gesellschaftliche Frustrationen \u00fcber die Geschichte aus. Die radikale Substitution einer revolution\u00e4ren Chance durch Krieg ist ein Zeichen unserer Zeit geworden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tZombieland \u2013 das ist heute der Status quo. Repression und Regression bilden das derzeitige ideologische Koordinatensystem \u2013 die Repression emanzipatorischen politischen Potenzials und die Regression hin zu barbarischer subpolitischer Diskriminierung und Isolation. Wir leben heute nicht in einer postfaktischen, sondern einer pr\u00e4faktischen Welt \u2013 in einer Welt, in der die Wahrheit noch nicht angekommen ist. Das ist eine Welt nach dem Ende der Zukunft, und die Vergangenheit ist das, was \u00fcbrig bleibt, wenn die Zukunft vorbei ist. Bei Kriegen geht es immer um die Vergangenheit. Sie geben vor, irgendwelche Antinomien der Vergangenheit zu l\u00f6sen. Es sind die Revolutionen, bei denen es um die Zukunft geht. Krieg ist im Grunde genommen ein Gift gegen die Zukunft, ein Instrument, um sie aufzuhalten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--biggest paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-quote__paragraph\">\n\t&#8220;Das Transnationale ist nicht das Ziel, das es zu erreichen gilt, es ist der Anfang.&#8221;<\/p><p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-quote__author\">\n\t\u2014 Paolo Do<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie Versuche, einen Gr\u00fcndungsmythos, f\u00fcr gew\u00f6hnlich nationaler Pr\u00e4gung, zu schaffen, basieren h\u00e4ufig nicht auf der Geschichte, sondern auf falschen Erinnerungen, einer Sehnsucht nach dem, was nie geschehen ist. Die richtige Frage, die man sich angesichts der zentralen Parole diverser Populisten heutzutage \u2013 man denke an das ber\u00fchmte Versprechen Trumps, Amerika wieder gro\u00df zu machen \u2013 stellen sollte, lautet: Worauf bezieht sich dieses \u201ewieder\u201c, was meint er eigentlich damit? Dieses \u201ewieder\u201c hat nie existiert. Das hat nichts mit Geschichte zu tun, es ist eine falsche Projektion: Diese Art isolationistischer R\u00fcckst\u00e4ndigkeit ist eine Sackgasse im ontologischen Sinn. Sie ist buchst\u00e4blich selbst ein Schwindel.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDas derzeitige politische Vakuum wird von Militarismus, Gewalt und Terror ausgef\u00fcllt. Nicht enden wollender hybrider B\u00fcrgerkrieg globalen Ausma\u00dfes, neu entstehende Anti-Migrations-Mauern und eine Nekropolitik der Erinnerung sind die wesentlichen Eckpfeiler, die das Leben unserer Gesellschaften bestimmen. Das politische Unbewusste ist heutzutage konterrevolution\u00e4r, weshalb die Kernfrage lautet: Wie kann der Wechsel vom politischen Thanatos zum politischen Eros, vom Alptraum zum Tagtraum vollzogen werden? Das Grundproblem, um das es hier geht, ist, wie man sich die politische Alternative vorstellen soll: Was braucht es dazu? Das ist eine immense Herausforderung, und wir m\u00fcssen bereit sein, auf Unerwartetes zu sto\u00dfen und unsere politischen Klischees und Vorurteile zu \u00fcberwinden. Aus institutioneller Sicht liegt diese Frage an der Schnittstelle dreier Bereiche \u2013 Wissen, Kunst und Politik: Darin spiegeln sich die drei \u201eIsmen\u201c wider, die heute f\u00fcr die Idee der Internationalen entscheidend sind.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t\n<div class=\"block-columns block-columns__gutter-large--10 block-columns__vertical-spacing-large--0\">\n\t\n\n<div class=\"block-column block-column__width-large--5 block-column__width-mobile--12\">\n\t\n<div class=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\">\n\n\t\n\t\t\t\n<div class=\"block-infobox\">\n\t<h2 class=\"heading heading__color--primary heading__size--small heading__align--left heading__font--secondary block-infobox__heading\">\n\tThe Kyiv International<\/h2>\n\t<div class=\"block-infobox__content\">\n\t\t\n<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--default paragraph__align--left paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-infobox__paragraph\">\n\t<em><a href=\"http:\/\/vcrc.org.ua\/en\/international\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Kyiv International \u2013 Kyiv Biennial 2017<\/a><\/em> hat es sich zum Ziel gemacht, das emanzipatorische Potenzial der in Europa entstandenen Idee der politischen Internationale zu erforschen und aufzuzeigen.<br><br>Im Zeitalter der strukturellen Krise globaler Institutionen &#8211; wenn sich die Aufrechterhaltung eines transnationalen Status quo aus der Verletzung von Grenzziehungen, aus Kriegen an der Peripherie und dem Entstehen neuer Mauern und Konflikte konstruiert &#8211; ist die Idee der grenz\u00fcberschreitenden Einheit und der internationalen Solidarit\u00e4t von \u00e4u\u00dferster Dringlichkeit f\u00fcr das k\u00fcnftige \u00dcberleben Europas.<br><br>Das Buch zur <em>The Kyiv International<\/em> ist eine Sammlung von Texten von Historikern, politischen Philosophen und K\u00fcnstlern, von denen einige an der <em>Kyiv Biennial 2017<\/em> teilnahmen.<br><br><em>The Kyiv International<\/em> wurde von Vasyl Cherepanyn und Kateryna Mishchenko herausgegeben. Ein Projekt vom <a href=\"http:\/\/vcrc.org.ua\/en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Visual Culture Research Center<\/a> (VCRC) und von Medusa Books. Es wurde 2018 in Kiew ver\u00f6ffentlicht.<br><br><em>Emblem \u00a9 Experimental Jetset, Amsterdam 2017<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"block-column block-column__width-large--7 block-column__width-mobile--12\">\n\t\n<div class=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\">\n\n\t\n\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<strong>Universalismus oder die Politik des Wissens<\/strong><br><br>Als Universit\u00e4tsdozent und Kulturpraktiker vertraue ich auf den Grundsatz, dem man treu bleiben muss: Die Gesellschaft hat Orte des Wissens (Universit\u00e4ten, Bildungs- und Kulturinstitutionen) als Topoi geschaffen, wo sie ihre eigenen Grundlagen verstehen und analysieren kann. Diese in der Gesellschaftsstruktur verankerten Orte bieten eine entscheidende und \u00e4u\u00dferst wichtige M\u00f6glichkeit \u2013 der Reflexion, Kritik und Diskussion \u00fcber die Grundlagen, auf denen die Gesellschaft selbst aufbaut, und um Alternativen und verschiedene Spielarten gesellschaftlicher Entwicklung ausfindig zu machen und vorzuschlagen. Wissen ist kein Luxus, sondern eine Verantwortung; es ist weder ein Privileg noch eine Ware, sondern ein Werkzeug f\u00fcr gesellschaftlichen Wandel \u2013 ein Mittel, um die apriorischen Grundlagen, auf denen wir aufbauen, zu \u00fcberdenken und zu ver\u00e4ndern. Das Fehlen echter Reflexion und kritischer Analyse f\u00fchrt zu einem Bruch zwischen \u201eTheorie\u201c und \u201ePraxis\u201c, wodurch Wissen zu einer theoretischen Halluzinose und politischen Praxis wird \u2013 zu gew\u00f6hnlichem Zynismus.<br><br>Die Geisteswissenschaften, kritische Theorie, sozial engagiertes Wissen sind grunds\u00e4tzlich anti-isolationistisch, weil sie die Manifestation des Universalen \u2013 sprich universitas, die Universit\u00e4t selbst \u2013 erm\u00f6glichen. Diese Position gilt f\u00fcr alle Fachbereiche und Formen des \u201eTuns\u201c, sie ist universal. Wie Gadamer bemerkte , studiert man Geisteswissenschaften nicht, um dann Geisteswissenschaftler zu sein. Das Studium der Geisteswissenschaften [engl. \u201eHumanities\u201c] \u2013 das bedeutet <em>humanitas<\/em>, das Menschliche als solches; ihre Entwicklung ist die Entwicklung menschlicher F\u00e4higkeiten, etwas, das jeder von uns in sich tr\u00e4gt. Angesichts der heutigen Situation in der Ukraine ist es in diesen Zeiten der aktuellen Gegenrevolution oder vielmehr zweier Gegenrevolutionen dringend notwendig, nachzudenken und zu reflektieren. Die erste Gegenrevolution ist \u00e4u\u00dferlicher Art, in Gestalt der russischen Milit\u00e4rintervention und Besetzung der ukrainischen Gebiete; die zweite ist innerlich und nicht minder gef\u00e4hrlich: Korruption, Oligarchie, fehlende Gerechtigkeit, politische Morde, Rechtspopulismus, die Ausweitung der t\u00e4glichen Gewalt \u2013 all das zerst\u00f6rt allm\u00e4hlich die Gesellschaft. In der post-revolution\u00e4ren Zeit sind Lernen und Reflexion das wirksamste Gegengift gegen die Gegenrevolution, sogar in Form eines Krieges.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tKritisches Wissen ist Anti-Gewalt, das wichtigste Mittel, um eine Ausbreitung der Gewalt zu verhindern. Der Mangel an Reflexion l\u00e4sst in der Gesellschaft ein Vakuum entstehen \u2013 eine Leere, die mit politischem Populismus und Gewalt gef\u00fcllt wird. Die Sprache der Gewalt und physische Gewalt verdr\u00e4ngen die Reflexion, \u00fcberschatten ihre kritische Haltung und greifen sie an \u2013 eben weil sie mit ihr unvereinbar sind. Kritisches Wissen stoppt Gewalt, indem es ihren Kanal unterbricht; in diesem Sinne sind Papier und Stift weitaus radikalere Waffen als alle Kalaschnikows, Panzer und Panzerfahrzeuge zusammen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie ukrainische Gesellschaft befindet sich heute in einem \u00e4u\u00dferst traumatisierten Zustand. Es ist dies nicht nur ein Trauma, sondern ein historischer Komplex, eine \u00dcberlagerung von vergangenen und frischen Traumata. Das Trauma der sowjetischen Repressionen, das Trauma der wilden kapitalistischen \u201e\u00dcbergangs\u201c-Zeit, aus der die Oligarchie hervorging, das Trauma des permanenten Mangels an sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz, das Trauma der revolution\u00e4ren Gewalt, das Trauma des Krieges \u2013 sie sind noch immer nicht verarbeitet, nicht richtig artikuliert, geschweige denn \u00fcberwunden; sie \u00fcberschneiden und \u00fcberlagern sich. In dieser Situation wird die Gesellschaft zur Geisel dieser Traumata und verliert mit der stetig zunehmenden Ablehnung aller neuen F\u00e4lle von Gewalt und Tod ihre Sensibilit\u00e4t.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tReflexion ist eine M\u00f6glichkeit, sozialen R\u00fcckschritt zu verhindern. Heftige Traumata erfordern Artikulierung, Analyse und Verst\u00e4ndnis, kein Zensieren und Tabuisieren. Wir m\u00fcssen unsere vergangenen und neueren gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen analysieren und kritisch hinterfragen, verarbeiten, was wir durchlebt haben \u2013 ohne Verdr\u00e4ngung oder Negierung, sondern in vollem Bewusstsein unserer Verantwortung. Diese Aufgabe l\u00e4sst sich in Anlehnung an die Psychoanalyse nach Freud folgenderma\u00dfen formulieren: Wo das gewaltsame Es war, sollte das reflektierende Ich sein. Es bedarf langer, harter Arbeit, um aus der momentanen Blockade der Gewalt herauszukommen, aber diese Arbeit ist notwendig \u2013 weil es einfach keinen anderen Ausweg gibt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/1-kopie.png\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Oleksandr Kovalenko\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tVasyl Cherepanyn bei der Er\u00f6ffnung der &#8220;The Kyiv International &#8211; Kyiv Biennial 2017&#8221;. Foto: \u00a9 Oleksandr Kovalenko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tGewalt zerst\u00f6rt den gesellschaftlichen, politischen und k\u00fcnstlerischen Raum. Denken und Wahrheit dulden keine Angst oder Bedrohung. Furchtlosigkeit ist die Grundlage f\u00fcr kritisches Wissen. Ohne Reflexion gibt es nur populistische Reflexe; ohne Reflexion gibt es keine Politik, sondern soziale Physik; ohne Reflexion werden wir keine Gesellschaft sein, sondern eine Dogville-Gemeinschaft. Das ist die grundlegende politische Aufgabe der ber\u00fchmten Eule der Minerva \u2013 sie sollte erst mit der hereinbrechenden Abendd\u00e4mmerung ihren Flug beginnen, denn, wenn sie es nicht tut, wenn es keine Reflexion a posteriori gibt, dann bleiben wir, wie Hegel es nannte, in der Nacht der Welt. Ihr Flug ist Garantie f\u00fcr das Heranbrechen eines neuen Tages. Daher lautet die Devise: \u201eLernen, lernen und noch mal lernen!\u201c \u2013 Dieses Motto ist heute relevanter denn je.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<strong>Modernismus oder Lenin nach Maidan<\/strong><br><br>Wie wir von Habermas wissen, ist die Moderne ein unvollendetes Projekt; sie braucht Erf\u00fcllung und Vollendung. Was wir vom Modernismus als gesamtes Ph\u00e4nomen lernen k\u00f6nnen, ist, was in der Politik heute auf dem Spiel steht: Anstatt sich an eine Rechts-links-Spaltung zu klammern, m\u00fcssen wir den radikalen Schritt wagen, das gesamte politische Spektrum als solches zu \u00fcberdenken. Vor einhundert Jahren wetteiferte man darum, wer der bessere Sozialist sei; heute konkurriert man, wer ein besserer Nationalist ist. Beim Modernismus geht es um die politische Vorstellungskraft, darum, welche Vision unsere gemeinsame Zukunft skizzieren kann.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDer Modernismus ist heute von \u00e4sthetischer und politischer Relevanz und birgt ein hohes Ma\u00df an latentem Potenzial, sich alternative Gesellschaftsprojekte auszudenken, die weltweit dringend notwendig sind. Ausgehend von Europa breitete sich die Moderne im Laufe des 20. Jahrhunderts auf die ganze Welt aus. Sie bewies, dass sie zugleich lokal und global sein konnte, da sie neben der Entwicklung ihrer internationalen Universalit\u00e4t ihre nationalen Besonderheiten bewahrte. Modernismus ist die Bereitschaft, sich Utopien f\u00fcr gesellschaftlichen Wandel zu \u00fcberlegen, nach politischen Alternativen zu suchen, Gleichheit zu priorisieren und eine antikonservative Haltung einzunehmen. Dem Modernismus wohnt auch eine \u00e4sthetische Revolution inne \u2013 die Emanzipation der Kunst und ihre F\u00e4higkeit, unsere Erfahrungen in ihrer Gesamtheit einzufangen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDer Modernismus ist das wichtigste kulturelle und politische Ph\u00e4nomen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Was wir jedoch heute beobachten k\u00f6nnen, ist eine Verschmelzung aus vormoderner Barbarei und postmodernem Zynismus, wenn der Chor post-politischer technokratischer Weisheit von neonazistischen M\u00e4rschen begleitet wird. In Osteuropa und der Ukraine im Besonderen nennt man die vorherrschende Form, den Modernismus zur\u00fcckzudr\u00e4ngen \u201eDekommunisierung\u201c. Dieser Anti-Kommunismus ohne Kommunisten ist ein Ersatz f\u00fcr die Gesellschaftspolitik geworden und geht mit dem Verh\u00e4ngen neoliberaler Sparma\u00dfnahmen und dem Wiederaufbau neofeudaler oligarchischer Regierungsstrukturen einher.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie Erinnerung an die kommunistische Vergangenheit wird wieder hervorgeholt. Was den st\u00e4dtischen Raum betrifft, so zeigt sich die \u201eDekommunisierung\u201c in der Zerst\u00f6rung der aus der sozialistischen Vergangenheit stammenden Symbole und Monumente. Gemeinsam mit sowjetischen Denkm\u00e4lern wurde in der Ukraine die Visualit\u00e4t modernistischer avantgardistischer Tradition als ein st\u00f6rendes Symbol f\u00fcr Gegenerinnerungen und alternative historische Narrative aus dem \u00f6ffentlichen Raum verbannt. \u201ePatriotischer\u201c Populismus externalisiert die Sowjetzeiten und nationalisiert r\u00fcckwirkend das historische Ged\u00e4chtnis. Dabei dient die kommunistische Vergangenheit der Umverteilung heutigen politischen und symbolischen Kapitals. Diese Unterdr\u00fcckung der Erinnerung hat die Vergeltung der Erinnerung zur Folge, in all den neuen Formen gesellschaftlicher Zerst\u00f6rung, die wir heute beobachten k\u00f6nnen. Die regressive Politik der Erinnerung legt die Basis f\u00fcr Konflikte, die das soziale Gef\u00fcge in Zukunft in St\u00fccke rei\u00dfen, den Trichter der Gewalt ausweiten und die ganze Gesellschaft hineinziehen werden \u2013 eine Gesellschaft, f\u00fcr die es immer schwieriger wird, zur Vernunft zu kommen und sich ihrer selbst zu erinnern.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t\n<div class=\"block-columns block-columns__gutter-large--10 block-columns__vertical-spacing-large--0\">\n\t\n\n<div class=\"block-column block-column__width-large--5 block-column__width-mobile--12\">\n\t\n<div class=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\">\n\n\t\n\t\t\t\n<div class=\"block-infobox\">\n\t<h2 class=\"heading heading__color--primary heading__size--small heading__align--left heading__font--secondary block-infobox__heading\">\n\tArt Under Attack<\/h2>\n\t<div class=\"block-infobox__content\">\n\t\t\n<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--default paragraph__align--left paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-infobox__paragraph\">\n\tHeute befinden wir uns in einer Zeit, in der die Bedingungen einer politischen Antwort auf Gewalt und extremen Rechtspopulismus den modus operandi im k\u00fcnstlerischen und kulturellen Bereich vor schwierige Herausforderungen stellen.<br><br>Wir alle sind an das Modell gew\u00f6hnt, in dem Kunst politisiert und sich sozial engagiert, wenn sie aus ihrem Territorium tritt und auf das Politische trifft &#8211; das hei\u00dft, Kunst muss sich mit einem ideologischen Konflikt auseinandersetzen, der manchmal sogar gewaltsame Formen annehmen kann.<br><br>Wir stehen an einem Punkt, wo Kunst in den Hintergrund und politisch motivierte Gewalt in den Vordergrund tritt. Kunst und Kultur stellen keinen sicheren Hafen mehr dar, heutzutage treten Zensur jeglicher Art, politische Verfolgung und physische Gewalt in den Bereich der K\u00fcnste und des Wissens.<br><br>Wir leben im Zeitalter eines neuen gewaltt\u00e4tigen Bildersturms, und Kunst als solches steht auf dem Spiel. Von Palmira bis Budapest, von Moskau bis Istanbul, von Kassel bis Kiew gibt es heftige Angriffe auf das K\u00fcnstlerische, und das ist als Angriff auf die Zivilgesellschaft zu verstehen, ein Ph\u00e4nomen, das mittlerweile zu einem globalen Trend geworden ist.<br><br>Die kritische k\u00fcnstlerische Meinung ist in Gefahr, sie muss um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen. Heutzutage bietet Kunst oftmals den einzigen Raum f\u00fcr freies Denken und kritische Reflexion. Eine der Hauptaufgaben f\u00fcr uns alle, insbesondere f\u00fcr jene, die mit Institutionen und Strukturen im k\u00fcnstlerischen und kulturellen Bereich verbunden sind, ist es, dieser gewaltt\u00e4tigen Zensur in allen Formen, wo es m\u00f6glich und unm\u00f6glich ist, entgegenzuwirken, denn die Schaffung einer tats\u00e4chlich funktionierenden Freiheit ist das Wichtigste.<br><br>Sollte uns das in der Kunst nicht gelingen, werden wir es auch im politischen Leben unser aller Gesellschaften nicht erreichen.<br><br><em>Die Rede &#8220;Art under attack&#8221; [&#8220;Kunst unter Beschuss&#8221;] von Vasyl Cherepanyn wurde bei der Preisverleihung des <a href=\"https:\/\/www.igorzabel.org\/en\/news\/2018\/award-ceremony\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Igor Zabel Award for Culture and Theory 2018<\/a> gehalten und wurde am 12. Dezember 2018 in der <a href=\"http:\/\/politicalcritique.org\/opinion\/2018\/art-under-attack\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Political Critique<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/em><br><br><em>Foto: \u00a9 Nada \u017dgank<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"block-column block-column__width-large--7 block-column__width-mobile--12\">\n\t\n<div class=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\">\n\n\t\n\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie Epoche der Moderne birgt jedoch echtes emanzipatives Potenzial \u2013 sie war die <em>modernste<\/em> Zeit in der Geschichte der ukrainischen Kultur. Was wir daraus lernen k\u00f6nnen, ist etwas sehr Dringendes und Herausforderndes f\u00fcr den heutigen gegenrevolution\u00e4ren Status quo, n\u00e4mlich wie man <em>zeitgen\u00f6ssisch<\/em> ist. \u201eDekommunisierung\u201c ist eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln; es ist ein Krieg gegen das Modernsein. Als ein zukunftsoffenes Projekt kann das Verm\u00e4chtnis der Moderne in den aktuellen kulturellen und politischen Praktiken eine m\u00f6gliche Ausstiegsstrategie aus der politischen Sackgasse der Wirtschaftskrise, des nationalistischen Populismus und Krieges aufzeigen. Das wichtigste politische Ereignis der Moderne war nat\u00fcrlich die Oktoberrevolution. Es ist kein Zufall, dass alle Avantgarde-Bewegungen st\u00e4ndig auf sie Bezug nahmen. Und es war denn auch das Ablassen von einem international ausgerichteten Ansatz, das den Ausgang der Revolution schw\u00e4chte und zu den schrecklichen Gr\u00e4uel und Repressionen des Stalinismus f\u00fchrte. Dieses Ereignis ist f\u00fcr Europa von entscheidender Bedeutung. Denn das, was erst nach dem Holocaust und den Ungeheuerlichkeiten des Zweiten Weltkriegs begonnen wurde, war bereits nach dem Ersten Weltkrieg geplant gewesen: die Europ\u00e4ische Union. Ziel der grundlegenden Idee, das Projekt eines vereinten Europa zu starten, war die Sicherung des Friedens auf dem Kontinent \u2013 wo Europa ist, da ist Frieden \u2013 und diese Aufgabe steht weiterhin mit unverminderter Dringlichkeit auf der heutigen politischen Tagesordnung. Das erste Dekret, das Lenin gleich am Tag nach der Oktoberrevolution erlie\u00df, betraf den Frieden. \u201eAbschluss eines sofortigen demokratischen Friedens durch alle kriegf\u00fchrenden L\u00e4nder ohne Annexionen und ohne Kontributionen\u201c klingt heute wie eine unglaublich radikale Forderung.<br><br>Nur einen Tag vor der Oktoberrevolution sagte Trotzki im Gespr\u00e4ch mit John Reed bez\u00fcglich weiterer Entwicklungen: \u201eDie F\u00f6derative Republik von Europa \u2013 die Vereinigten Staaten von Europa \u2013 das ist es, was werden muss. Nationale Autonomie gen\u00fcgt nicht mehr. Die wirtschaftliche Entwicklung erheischt die Beseitigung der nationalen Grenzen. Bleibt Europa auch weiterhin in nationale Gruppen zersplittert, dann beginnt der Imperialismus sein Werk von Neuem. Nur eine F\u00f6derative Republik kann Europa und der Welt den Frieden geben.\u201c Diese Geisteshaltung traf auf den gesamten Planeten zu, die Revolution in Russland zielte jedoch in erster Linie auf Europa. Urspr\u00fcnglich sollte die Hauptstadt der Union nicht Petrograd [St. Petersburg] oder Moskau sein, sondern Wien oder Berlin. Die offizielle Sprache der von Lenin gegr\u00fcndeten Dritten (Kommunistischen) Internationalen (die Zweite Internationale diskreditierte sich selbst, da sie den Krieg bef\u00fcrwortete) war bis 1922 Deutsch.<br><br>Was sich als Sowjetunion formierte, war urspr\u00fcnglich als europ\u00e4ische Union gedacht. Sie beschr\u00e4nkte sich in Folge der Niederlage der kommunistischen Revolutionen in Europa zwischen 1917 und 1923, vor allem in Deutschland, auf den \u201eSozialismus in einem Land\u201c. Die Komintern verwarf alsdann den Internationalismus und wurde zu einem Instrument der geopolitischen Au\u00dfenmacht des sowjetischen Staates. Das vereinte Europa war eine kommunistische Idee, die in abgewandelter Form erst nach dem Niedergang des Nazi-Regimes wieder aufgegriffen wurde. Es ist wohl eine besondere Ironie der Geschichte, dass das <em>Kommunistische Manifest<\/em> in Br\u00fcssel verfasst wurde.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t\n<ol class=\"block-footnotes js-footnote-list\">\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<strong>Internationalismus oder das Subjekt und der Platz<\/strong><br><br>Die Moderne ist eindeutig mit der Erlangung politischer Subjektivit\u00e4t verbunden. Die Moderne ist im Grunde genommen eine Zeit, in der das moderne politische Subjekt geboren wurde \u2013 wir haben einfach kein anderes Subjekt als das moderne. Das Subjekt im philosophischen als auch politischen Sinn ist das wichtigste Produkt der Moderne. Was wir zuletzt im Zuge der Revolten und Aufst\u00e4nde auf Pl\u00e4tzen von der Puerta del Sol \u00fcber den Syntagma bis zum Tahrir und Maidan beobachten konnten, war genau genommen die Suche nach einer neuen kollektiven politischen Subjektivit\u00e4t, einer Alternative zu fr\u00fcheren Formen (wie Partei, Gewerkschaft oder alternative Globalisierungsbewegungen). Die Besetzung des zentralen Platzes \u2013 der Agora \u2013 ist zur wichtigsten politischen Spielart der Gegenwart geworden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDer Platz im politischen, urbanen und k\u00fcnstlerischen Sinn ist ein wesentlicher Punkt f\u00fcr das moderne Subjekt. Eine Kulturinstitution mit politischem Bewusstsein fungiert als Verl\u00e4ngerung des Platzes \u2013 als kleiner Platz oder \u00f6ffentliche Plattform, die einen gemeinsamen politischen Raum schafft. Es m\u00fcssen mehr Pl\u00e4tze im institutionellen Sinn werden, und der Platz als solcher sollte institutionalisiert werden. Das Besetzen eines Platzes allein ist nicht genug; es ist nur ein Anfang. Um die politische Agenda zu unterst\u00fctzen, fortzuf\u00fchren und zu erweitern, brauchen wir eine institutionelle Struktur, die eine Zerstreuung verhindert, w\u00e4chst und in irgendeiner Form auf internationaler Ebene pr\u00e4sent sein und agieren kann. Institution bedeutet etwas aufbauen, gr\u00fcnden, einrichten, organisieren. Die Institution ist das Geb\u00e4ude der Politik. Alles andere ist \u00dcberbau.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie grundlegende politische Frage ist die Frage des Raums. Die allererste Herausforderung, der sich das politische Subjekt stellen muss, ist, den Verlust des Raums zu verhindern. Bei r\u00e4umlichen und urbanen Fragen geht es im Kern um die Materialit\u00e4t und K\u00f6rperlichkeit der Politik. Emanzipative Politik ist immer eine K\u00f6rperpolitik. Das Subjekt ist die Verk\u00f6rperung; es braucht einen Raum, um existieren zu k\u00f6nnen, sich zu repr\u00e4sentieren und zu agieren. Eine Skulptur oder Statue folgt derselben Logik; wie Heidegger festh\u00e4lt, weist die Pr\u00e4senz eines Monuments darauf hin, dass es sich um einen \u00f6ffentlichen Raum handelt. Einen Raum zu haben bedeutet, die Produktionsmittel zu haben; Raum ist der Grundstein politischer Aktivit\u00e4t. Virtueller Raum ist nicht genug, das politische Subjekt muss im st\u00e4dtischen Raum physisch pr\u00e4sent sein, um Einfluss auf die \u00d6ffentlichkeit nehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/igorzabel2018_award_ceremony_101by-nada_-zgank_.jpg\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Nada \u017dgank\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tVasyl Cherepanyn (VCRC), Preistr\u00e4gerin Joanna Mytkowska, die eines der Igor-Zabel-Award-Stipendien an das VCRC vergab, und Oleksiy Radynski (VCRC) bei der Verleihung des Igor Zabel Award 2018 in Ljubljana. Foto: \u00a9 Nada \u017dgank<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDas Konzept der Internationalen ist mit der Idee der \u00d6ffentlichkeit verkn\u00fcpft, auch aus institutioneller Sicht. <em>Publicum<\/em>, die \u00d6ffentlichkeit ist das Ziel, der Modus Vivendi und das Ergebnis institutioneller Aktivit\u00e4t. Die \u00d6ffentlichkeit ist kein starres Gebilde, sondern ein Work-in-Progress; sie sollte in einem Prozess st\u00e4ndigen Gestaltens sein. Die \u00d6ffentlichkeit ist im Grunde die Ausf\u00fchrung der Institution, sie ist, was die Institution ausmacht \u2013 eine Erweiterung der Institution im McLuhan\u2019schen Sinn. Die \u00d6ffentlichkeit ist das Medium der Institution, aber sie ist kein Objekt \u2013 sie ist die Almende, die den Raum braucht, den Platz, um sich zu manifestieren. Wir, die Gesellschaft als solche, sind die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie Internationale ist nur in einer institutionellen Form m\u00f6glich. Die wichtigste Frage betrifft hier die Bildung von Institutionen \u2013 Gruppen, Kreise, Gemeinschaften, die ihre Botschaft mit ihrem eigenen Ethos artikulieren k\u00f6nnen. Die Schaffung einer internationalen Kooperative politisch engagierter Institutionen, die basierend auf gemeinsamen Ideen zusammen aktiv werden, das Betreiben einer transnationalen Politik trotz bestehender Grenzen und neuer Mauern in Zeiten der Globalisierung \u2013 das ist das Kunstst\u00fcck, das wir wirklich am dringendsten ben\u00f6tigen. Heute ist es von entscheidender Bedeutung, den alten r\u00f6mischen Begriff des <em>sensus communis<\/em> \u2013 den Gemeinsinn, das zivilgesellschaftliche Bewusstsein bzw. den Gemeinschaftssinn, der in der atomisierten kapitalistischen Gesellschaft verdr\u00e4ngt wurde, \u2013 auf internationaler Ebene wieder aufleben zu lassen. Aus diesem Grund sollten wir Mittel des Wissens, der Kunst und Politik, die auf die Ver\u00e4nderung der Wirklichkeit abzielen, miteinander verkn\u00fcpfen, um ein neues kollektives politisches Subjekt im Zuge gemeinsamer Anstrengungen gegen Ausbeutung und Ausgrenzung im Zusammenhang mit der Bereinigung der politischen Alternative zu formen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie Dringlichkeit zur Schaffung einer wahrhaften internationalen Solidarit\u00e4t l\u00e4sst sich am besten anhand der ber\u00fchmten alten Losung \u201eProletarier aller L\u00e4nder, vereinigt euch!\u201c veranschaulichen. Ja, Proletarier und Kognitarier der Bildung, Kultur und Politik, Ausgegrenzte und Benachteiligte, Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene, vereinigt euch! Es ist ein langer, unglaublich harter und herausfordernder Weg, und wir stehen erst am Anfang. Doch genau das ist echte Politik \u2013 die M\u00f6glichkeit des Unm\u00f6glichen. Wenn wir uns in diese Richtung bewegen k\u00f6nnten, w\u00e4re die Geschlossenheit als solche bereits unser gemeinsamer Sieg. Das ist die Aufgabe, die es zu erf\u00fcllen gilt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<em>Original auf Englisch. Erstmals publiziert im Buch <a href=\"http:\/\/vcrc.org.ua\/en\/international\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;The Kyiv International&#8221;<\/a>, eine Publikation der &#8220;Kyiv Biennial 2017&#8221;. Eine gek\u00fcrzte Version dieses Textes wurde am 14. Juni 2018 auf <a href=\"https:\/\/www.eurozine.com\/what-is-international\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">eurozine.com<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<br>Text und Zitat aus dem Englischen von <a href=\"http:\/\/www.wordpool.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Barbara Maya<\/a>.<\/em><br><br><em>Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt. \u00a9 Vasyl Cherepanyn \/ VCRC \/ Medusa. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der <a href=\"http:\/\/magazine.erstestiftung.org\/de\/erste-stiftung\/impressum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Redaktion<\/a>.<br>Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: 2018 wurde das Visual Culture Research Center (VCRC) von der Igor-Zabel-Preistr\u00e4gerin Joanna Mytkowska f\u00fcr ein Igor-Zabel-Stipendium ausgew\u00e4hlt. 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