{"id":3575,"date":"2018-12-18T00:00:00","date_gmt":"2018-12-18T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/rueckkehr-nach-osteuropa\/"},"modified":"2021-07-01T05:56:04","modified_gmt":"2021-07-01T05:56:04","slug":"rueckkehr-nach-osteuropa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/rueckkehr-nach-osteuropa\/","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr nach Osteuropa"},"content":{"rendered":"
\n\tHeimkehrende Migranten waren in ganz Ost- und S\u00fcdosteuropa Teil postsozialistischer Transformationsprozesse. Sie engagierten sich in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung, Kunst und Zivilgesellschaft und nahmen Einfluss auf Staatenbildung, das Werden der Nationen und auf sozialen und kulturellen Wandel.<\/strong> \n\tSie untersuchten die R\u00fcckkehr von Migranten ins postsozialistische Europa. Was ist das Besondere an diesem Raum?<\/strong> \n\tObwohl Migration im europ\u00e4ischen Diskurs ein Dauerthema darstellt, kommt dem Teilph\u00e4nomen der R\u00fcckkehrmigration im \u00f6ffentlichen, politischen oder wissenschaftlichen Diskurs kaum Bedeutung zu. \n\tVertreibung und Flucht haben sich tief in die Biographien der Betroffenen eingeschrieben und bleiben auch f\u00fcr deren Nachkommen ein zentrales Thema. Diasporagruppierungen und Vertriebenenverb\u00e4nde halten die Erinnerung an die Leiden der Vertreibung wach und kultivieren oft eine verkl\u00e4rte und nostalgische Sicht auf die verlorene Heimat. \n\tWelche Auswirkungen hatte R\u00fcckkehrmigration auf die Entwicklung Osteuropas seit 1989?<\/strong> \n\tDie Sehnsucht nach Heimat spielt f\u00fcr viele Migranten eine entscheidende Rolle, wenn es um R\u00fcckkehr geht. H\u00e4ufig aber geht die Erfahrung der R\u00fcckkehr mit einer Entmythologisierung von Heimat einher. Foto: \u00a9 Dejan Petrovi\u0107<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie Beitr\u00e4ge unseres Bandes beleuchten konkrete Orte oder soziale Felder, wo das Wirken von Zur\u00fcckgekehrten sichtbar wird. Aus ihrer Perspektive als lokale Akteure lassen sich Dynamiken der Transformation gut veranschaulichen. Mancherorts ziehen R\u00fcckkehrer aus der eigenen Migrationserfahrung \u00f6konomischen Nutzen, indem sie Dienstleistungen f\u00fcr andere Migrierende anbieten und damit die transnationale Mobilit\u00e4t erleichtern, einschlie\u00dflich der R\u00fcckkehr. Migrationserfahrungen k\u00f6nnen Statusgewinne in lokalen Gemeinschaften mit sich bringen, f\u00fcr Einzelne wie f\u00fcr Gruppen, etwa f\u00fcr migrierte Minderheiten, die nach ihrer R\u00fcckkehr h\u00f6here soziale Anerkennung erfahren und mit gest\u00e4rktem Selbstbewusstsein Teilhabe reklamieren. \n\t\u201eNur in seltenen F\u00e4llen wurden R\u00fcckkehrer als Impulsgeber und Mitgestalter f\u00fcr Transformationsprozesse begriffen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNur in seltenen F\u00e4llen wurde die R\u00fcckkehr von Emigranten (aus der Diaspora) strategisch und nachhaltig gef\u00f6rdert, ihr Potenzial als Impulsgeber und Mitgestalter f\u00fcr die Transformationsprozesse begriffen; vereinzelt nur wurden neue Institutionen und damit Stellen geschaffen oder politische \u00c4mter mit Zur\u00fcckgekehrten besetzt. Konkurrenzlagen, institutionelle Behinderungen, Abwehrreaktionen sind eher die Regel; Vorbehalte gegen\u00fcber R\u00fcckkehrern, die ebenso stereotypisiert werden wie sie wiederum das Lokale oder die Einheimischen stereotypisieren. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSie beschreiben die Sehnsucht nach der Heimat als \u201eparadigmatischen Gegensatz zur Migrationserfahrung\u201c. Ist diese Sehnsucht das zentrale Motiv f\u00fcr die R\u00fcckkehr? Oder spielen auch \u00f6konomische Beweggr\u00fcnde eine Rolle? Oder die Familie?<\/strong> \n\t\u201eH\u00e4ufig geht die Erfahrung der R\u00fcckkehr mit einer Entmythologisierung von Heimat einher.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDoch zwischen Sehnsucht, Rhetorik und Praxis bestehen gro\u00dfe Unterschiede. Die Anzahl jener, die aus Idealismus und Heimatverbundenheit wieder in ihre Herkunftsl\u00e4nder zur\u00fcckkehrten, ist sehr gering. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind \u00f6konomischer und sozialer Natur: die drastischen Einkommensunterschiede, die mangelhafte soziale Sicherheit sowie die soziale Verankerung vor allem der Kinder und Kindeskinder in den Destinationsl\u00e4ndern vereiteln die R\u00fcckkehr. H\u00e4ufig geht die Erfahrung der R\u00fcckkehr mit einer Entmythologisierung von Heimat einher. Obwohl die politische Rhetorik andersgeartet ist und Regierungen bestrebt sind, ihre Landsleute wieder zur R\u00fcckkehr zu bewegen, bleiben erforderliche Ma\u00dfnahmen zumeist aus oder lassen sich aus makro\u00f6konomischen Gr\u00fcnden nicht herstellen. Der Idealismus der R\u00fcckkehr ist l\u00e4ngst einem Pragmatismus gewichen, was entscheidend mit eigenen Erfahrungen zu tun hat, aber auch mit den Informationen, die man sich \u00fcber soziale Medien verschafft. R\u00fcckkehr bedeutet aber nicht allein die Wiederverankerung am Herkunftsort. Auch die tempor\u00e4re R\u00fcckkehr ist eine Form der Remigration ebenso wie die Bezugnahme auf R\u00fcckkehr im Denken und Handeln von Menschen. In zahlreichen Sektoren (Pflege, Bauwirtschaft, Landwirtschaft, Gastronomie) werden Formen der tempor\u00e4ren Migration praktiziert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas Stadtbild von Pristina ist durch schnelles Wachstum und illegale Baut\u00e4tigkeiten gekennzeichnet. Obwohl die Regierung ihre Landsleute zur\u00fcckgewinnen m\u00f6chte, bleiben die erforderlichen Ma\u00dfnahmen zumeist aus. Foto: \u00a9 Martin Valentin Fuchs<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tMit welchen Vorstellungen und Projektionen kehren die Menschen in ihre Herkunftsgesellschaften zur\u00fcck und womit werden Sie schlie\u00dflich konfrontiert?<\/strong> \n\t\u201eBis heute wird eine R\u00fcckkehr in Richtung Osten als Versagen gedeutet.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAuch die Art der Emigration besa\u00df h\u00e4ufig einen Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg der R\u00fcckkehr. Und je gr\u00f6\u00dfere Akzeptanz die Diaspora nach dem Umbruch erfuhr, desto gr\u00f6\u00dfer waren auch die Chancen, sich erneut zu reintegrieren oder integriert zu werden. Bei geringerer Akzeptanz griff hingegen h\u00e4ufig ein Prinzip, das der tschechische Schriftsteller Milan Kundera mit \u201eUnwissenheit\u201c beschrieben hat. Es \u00e4u\u00dferte sich konkret im Vorwurf der Daheimgebliebenen, die Emigranten h\u00e4tten es sich in der Ferne gut gehen lassen, w\u00e4hrend man in der Heimat gelitten habe. Diese Unwissenheit war jedoch nicht ausschlie\u00dflich durch den engmaschigen Eisernen Vorhang begr\u00fcndet, sondern spiegelt gewisserma\u00dfen das Bild des \u201eguten Lebens im Westen\u201c wider, das immer noch in vielen postsozialistischen Regionen pr\u00e4sent ist. So wird bis heute eine Remigration in Richtung Osten \u2013 etwa polnischer Migranten aus dem Vereinigten K\u00f6nigreich \u2013 als Versagen gedeutet. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSind hochqualifizierte R\u00fcckkehrer mit besonderen Problemen konfrontiert? Oder w\u00e4re R\u00fcckkehrmigration eine L\u00f6sung f\u00fcr Braindrain? <\/strong> \n\tGanz generell: Wie gelingt erfolgreiche R\u00fcckkehr und Reintegration in den post-sozialistischen L\u00e4ndern Europas?<\/strong> \n\tDieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Caroline Hornstein Tomi\u0107, Robert Pichler & Sarah Scholl-Schneider (Hrsg.) \/ LIT Verlag GmbH & Co. KG. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>. \n\t<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":" Caroline Hornstein Tomi\u0107, Robert Pichler und Sarah Scholl-Schneider \u00fcber Hoffnung und Wirklichkeit von Menschen, die in ihre Heimat zur\u00fcckkehren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1527,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,436,245],"tags":[449,258,259,371,402],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3575"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3575"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4491,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3575\/revisions\/4491"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3575"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
R\u00fcckkehr handelt jedoch nicht nur von Erfolgsgeschichten, sondern ebenso von gescheiterter Integration, Marginalisierung, fehlender Teilhabe und verlorenem Potenzial \u2013 nur wenige dieser Geschichten sind bekannt. Caroline Hornstein Tomi\u0107, Robert Pichler und Sarah Scholl-Schneider beleuchten in ihrem gemeinsam herausgegebenen Buch Remigration to Post-Socialist Europe. Hopes and Realities of Return<\/em> R\u00fcckwanderung und ihre Folgen in mehreren ost- und s\u00fcdosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern dank einer Vielzahl unterschiedlicher Beitr\u00e4ge aus einem multidisziplin\u00e4ren Blickwinkel. Mit Manuel Oberlader sprachen sie \u00fcber die Ergebnisse ihres Forschungsprojekts.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Robert Pichler:<\/strong> Die Spezifik dieses Raumes steht untrennbar mit dem Zweiten Weltkrieg, der nationalsozialistischen Aggression und ihrer Niederschlagung durch die Rote Armee, die Alliierten und die Widerstandsgruppen in der Region in Zusammenhang. Erst dadurch wurde die kommunistische Macht\u00fcbernahme nach dem Zweiten Weltkrieg m\u00f6glich. Ohne diesen gravierenden Einschnitt erg\u00e4be es keinen Sinn, diese Region als Ganzes zu betrachten. Die ideologische Spaltung Europas hat die Migrationsgeschichte der Region vielschichtig und nachhaltig gepr\u00e4gt. Flucht, Vertreibung und erzwungene Auswanderung von zw\u00f6lf bis 14 Millionen Deutschen aus den vormals von ihnen besiedelten bzw. okkupierten Territorien sowie die damit einhergehenden Umsiedlungen und Bev\u00f6lkerungsverschiebungen in den betroffenen Staaten haben die demographische Landkarte, aber auch die sozialen und politischen Entwicklungen dauerhaft ver\u00e4ndert. Von Flucht und Vertreibung waren aber auch lokale Kollaborateure, Mitl\u00e4ufer, Oppositionelle, nichtkommunistische Widerstandsgruppen sowie dezidierte Antikommunisten betroffen. Diese Fluchtbewegungen setzten sich im Verlauf der kommunistischen Herrschaft in zahlreichen L\u00e4ndern etappenweise fort, in der DDR im Gefolge des Aufstandes 1953, in Polen und Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968, in Polen 1980. Der blutige Zerfall Jugoslawiens hat neuerlich zu gro\u00dfangelegten Flucht- und Vertreibungsbewegungen gef\u00fchrt, aus dieser Zeit stammt auch der Begriff der \u201eethnischen S\u00e4uberung\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\tRemigration to Post-Socialist Europe: Hopes and Realities of Return<\/h2>\n\t
Caroline Hornstein-Tomi\u0107, Robert Pichler und Sarah Scholl-Schneider beleuchten in ihrer gemeinsam herausgegebenen Publikation Remigration to Post-Socialist Europe: Hopes and Realities of Return<\/em><\/a> R\u00fcckwanderung und ihre Folgen in mehreren Ost- und S\u00fcdosteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern aus einem multidisziplin\u00e4ren Blickwinkel.
Nach Gendering Post-Socialist Tradition<\/em><\/a> und SEE! Urban Transformation in Southeastern Europe<\/em> <\/a> stellt die Publikation den dritten Teil der Reihe ERSTE Foundation Series<\/em> dar.
Titelbild Infobox: Das Hausboot eines R\u00fcckkehrers (Fieri, Albanien, 2008). Foto: \u00a9 Robert Pichler<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n
Das Motiv der R\u00fcckkehr spielt dabei immer eine zentrale Rolle, sowohl als Sehnsucht nach Ankn\u00fcpfung an die Zeit vor der Vertreibung, als auch als Streben nach Wiedergutmachung oder Wiederherstellung der alten Ordnung. Diese Gruppierungen sind naturgem\u00e4\u00df sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von radikalen, revisionistisch und revanchistisch ausgerichteten Kreisen bis hin zu liberal-demokratisch gesinnten Kr\u00e4ften.
Die Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft in unterschiedlich autorit\u00e4ren Regimen haben tiefe Spuren hinterlassen, sowohl in den \u00d6konomien als auch in den Gesellschaften der Region. Die Abschlie\u00dfung gegen\u00fcber dem Westen (mit Ausnahme Jugoslawiens) und die verschiedenen sozio\u00f6konomischen Entwicklungen haben das Migrationsverhalten nachhaltig gepr\u00e4gt. Die gewaltigen Migrationsprozesse, die nach der \u201eWende\u201c einsetzten, lassen sich nur vor diesem Hintergrund begreifen.
Das Hauptaugenmerk der Forschung (und der \u00d6ffentlichkeit) richtete sich lange Zeit vorwiegend auf die Folgen der Auswanderung f\u00fcr die westlichen Gesellschaften. R\u00fcckkehrprozesse, wie diese vonstattengingen, welchen Umfang sie hatten, mit welchen Herausforderungen Remigranten zu k\u00e4mpfen hatten und welche Potentiale sozialer, \u00f6konomischer und politischer Natur damit verbunden waren, blieben weitgehend unterbelichtet. <\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Caroline Hornstein Tomi\u0107: <\/strong>R\u00fcckkehr ist so vielgestaltig wie die ihr vorausgegangene urspr\u00fcngliche Migration. Wie es unterschiedliche Typen von Migranten gibt, so gibt es auch unterschiedliche Typen von R\u00fcckkehrern: politische Emigranten und Dissidenten, Kriegs-Fl\u00fcchtlinge, Arbeitsmigranten, Ausbildungs- und Karrieremigranten. Manche kehren nach Jahrzehnten in der Diaspora, manche nach wenigen Jahren wieder an einen Ausgangs- oder Herkunftsort zur\u00fcck. R\u00fcckkehr ist au\u00dferdem kein linearer Prozess. Nicht jeder bleibt, viele brechen erneut auf, kehren wieder dorthin zur\u00fcck, von wo sie gekommen sind, ziehen weiter, oder etablieren transnationale Lebensformen mit doppeltem oder mehreren Wohnsitzen. Die M\u00f6glichkeit der R\u00fcckkehr, die mit dem Zusammenbruch des Kommunismus pl\u00f6tzlich gegeben war, hat in der Fr\u00fchphase des politischen Wandels zwar hier und dort erkennbare R\u00fcckkehr-Wellen ausgel\u00f6st, und unter den ersten R\u00fcckkehrern waren damals nicht wenige politische Emigranten, die die Zeit gekommen sahen, den politischen Wandel mitzugestalten.
Aber auch Angeh\u00f6rige der zweiten Generation und Nachkommen fr\u00fcherer Auswanderer nahmen die \u00dcbergangsphase zum Anlass ihr Gl\u00fcck in der Heimat der Eltern oder Vorfahren zu suchen. Nirgendwo aber hielt diese fr\u00fche R\u00fcckkehr-Welle dauerhaft an oder war zahlenm\u00e4\u00dfig herausragend. Der EU-Beitritt und F\u00f6rderprogramme zur Ausbildungs- und Karrieremigration f\u00fcr Staatsb\u00fcrger von Nicht-EU-L\u00e4ndern, etwa am westlichen Balkan oder in der \u00d6stlichen Partnerschaft, haben dann in einer sp\u00e4teren Phase des \u00dcbergangs nach der Millenniumswende heftige und anhaltende Migrationssch\u00fcbe vor allem von jungen Leuten und Fachkr\u00e4ften ausgel\u00f6st. Deren Auswirkung auf die Transformationsprozesse wird zunehmend sp\u00fcrbar, weil die R\u00fcckkehr dieser Gruppen weitgehend ausbleibt. Der Brain-Drain und die derzeitige Arbeitsmigration, die vielerorts die ohnehin schon alternden Gesellschaften des \u00f6stlichen Europas vor allem im l\u00e4ndlichen Raum sich selbst \u00fcberlassen, f\u00fchrt dazu, dass die junge, in der Regel ver\u00e4nderungsfreudige und dynamische Bev\u00f6lkerungsgruppe dahinschwindet und der ohnehin nur partiell erkennbare Generationen- und Elitenwechsel stagniert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
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Robert Pichler:<\/strong> Zweifellos spielt die Sehnsucht nach Heimat f\u00fcr viele Migranten eine entscheidende Rolle, wenn es um R\u00fcckkehr geht. Dieses sehr alte und kulturell tief verankerte Motiv kommt vor allem dort zum Tragen, wo Migration durch Zwang erfolgte. Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, die vertrieben wurden oder gefl\u00fcchtet sind und die keine M\u00f6glichkeit haben, zur\u00fcckzukehren, entwickeln eine besonders ausgepr\u00e4gte Sehnsucht nach ihrer verlorenen Heimat. Im Exil wird Heimat h\u00e4ufig verkl\u00e4rt, nationale Mythen erzielen eine st\u00e4rkere Wirkung als im Herkunftsland selbst und Ver\u00e4nderungen in der Heimat werden ausgeblendet oder grunds\u00e4tzlich abgelehnt. Das eigene Denken und Handeln wird stark von historischen Bez\u00fcgen geleitet. Dieser Zustand kommt sehr gut im Wort \u201eHeimweh\u201c zum Ausdruck, das eine tief verankerte Sehnsucht in sich tr\u00e4gt, an die verlorene Vergangenheit anzukn\u00fcpfen. Darin liegt auch einer der Gr\u00fcnde, weshalb das Verharren im Dunst von Heimat in erster Linie r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Ideen und Vorstellungen bef\u00f6rdert.
Aber auch jenseits der traumatischen Erfahrung von Flucht und Vertreibung spielt die Sehnsucht nach Heimat f\u00fcr Migranten eine wichtige Rolle. Das zeigt sich nach wie vor bei Arbeitsmigranten, die an Wochenenden, in den Ferien und an Feiertagen in ihre Herkunftsorte zur\u00fcckkehren. Die Ritualkultur, die sich rund um Verlobungen, Hochzeiten und Begr\u00e4bnisse entwickelt, suggeriert ebenso ein Gef\u00fchl von Gemeinschaft und heimatlicher Verbundenheit wie die Errichtung neuer oder die Restaurierung alter H\u00e4user an den Herkunftsorten. Obwohl zumeist keine realistische Aussicht auf R\u00fcckkehr besteht, bewahrt man sich diese Refugien als zweites Standbein oder als Sicherheit f\u00fcr den Fall, dass das Projekt \u201eAuswanderung\u201c scheitert. Die Mehrdeutigkeiten heimatlicher Verbundenheit sind jedoch allgegenw\u00e4rtig und die br\u00fcchigen Zugeh\u00f6rigkeiten, die damit einhergehen, bestimmen den Alltag vieler Familien. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Sarah Scholl-Schneider:<\/strong> Mit dem Motiv, sich mit einer R\u00fcckkehr in die Herkunftsgesellschaft erneut aktiv einbringen zu wollen, h\u00e4ngt sicherlich oft auch ein gewisser Wunsch nach Sichtbarkeit, nach Pr\u00e4senz und nicht zuletzt auch nach Anerkennung und Resonanz zusammen. Diese W\u00fcnsche spielten oft \u00fcber Jahre hinweg eine bedeutende Rolle im Leben der Weggegangenen und bestimmten die Zeit der Emigration. Erst die physische Erfahrung der R\u00fcckkehr aber erm\u00f6glicht den Aufbau einer erneuten realen Verbindung mit dem einst Verlassenen und schafft Raum fu\u0308r gegenseitige Wahrnehmung und Interaktion. Aufschlussreich sind in dieser Hinsicht insbesondere die Erz\u00e4hlungen der Remigranten \u00fcber die erste (physische) R\u00fcckkehr nach Jahren, in denen in den meisten F\u00e4llen ihre Ko\u0308rper erst einmal auf extreme Weise reagierten. Denn die Hoffnung (wieder) dazuzugeh\u00f6ren, wird h\u00e4ufig entt\u00e4uscht: Bekanntes wird nicht wiedergefunden, weil die Zeit eben nicht stehengeblieben ist. Die alten Netzwerke sind zerbrochen, die fr\u00fcheren Zug\u00e4nge stehen nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Besonders hart sind diese Konfrontationen im Falle derer, die ihre Heimatl\u00e4nder w\u00e4hrend der sozialistischen Zeit verlassen mussten und zur\u00fcckkehrten in der \u00dcberzeugung, das neue System sei befreit vom alten Erbe. Manch einer berichtet von Situationen, in denen sich die einstigen Gegner nach wie vor in derselben Position befanden und beispielsweise entzogene Staatsb\u00fcrgerschaften gn\u00e4dig zur\u00fcckerteilten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Caroline Hornstein Tomi\u0107: <\/strong>Hochqualifizierte ebenso wie gering qualifizierte Arbeitsmigranten oder R\u00fcckkehrer finden dieselben Probleme vor: erodierende Sozialsysteme, niedrige Lohnniveaus, gravierende M\u00e4ngel im Gesundheitswesen, fehlende Flexibilit\u00e4t in Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen, beschr\u00e4nkte Qualifizierungs- und Weiterbildungschancen, geringe internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit, etc. Besondere Probleme f\u00fcr Hochqualifizierte ergeben sich wohl zudem aus Intransparenz und Wettbewerbsmanipulation am Arbeitsmarkt wie im akademischen Bereich: Netzwerkrekrutierung und Klientelismus, einer polarisierte, polarisierende und politisierte Debattenkultur, einem Mangel an Sachorientierung in der professionellen Auseinandersetzung oder der Unterausstattung in den verschiedensten Arbeitsfeldern.
Die vielen Diaspora-Outreach-Programme zur F\u00f6rderung der R\u00fcckkehr z.B. an Hochschulen im s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Raum sind kaum nachhaltig, weil sie diese Kontextbedingungen weitgehend ausblenden oder zu wenig ber\u00fccksichtigen. Die Praxisferne der Bildung und die zu geringe Kommunikation zwischen Wirtschaft und Bildungssektor sind Schl\u00fcsselprobleme, die auch die berufliche Integration von R\u00fcckkehrern belasten. Hier aber lie\u00dfe sich ansetzen: etwa durch R\u00fcckkehr-Partnerschaften mit der Industrie, die allerdings voraussetzten, dass bereits vor der Migration Kontakte zwischen Hochqualifizierten und einem k\u00fcnftigen Arbeitgeber aufgebaut werden. Es ist immer wieder und viel von \u201eBrain Circulation\u201c die Rede. Programme, die dem f\u00f6rderlich w\u00e4ren, m\u00fcssen fr\u00fch und am Ausgangspunkt ansetzen, also dann und dort, wo die F\u00fchler ins Ausland ausgestreckt bzw. Hochqualifizierte angeworben werden. Zur\u00fcckgekehrte k\u00f6nnen sicher dazu beitragen, eine R\u00fcckkehr auch f\u00fcr andere reizvoll erscheinen lassen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Sarah Scholl-Schneider:<\/strong> Leider haben wir daf\u00fcr kein Rezept. Einige der Akteure, denen wir in unserem Buch eine Stimme verliehen haben, haben erfolgreiche R\u00fcckkehr vorgemacht: sie haben gut geplant und waren finanziell abgesichert. Sie konnten in L\u00e4ndern mit umfassendem Elitenwechsel teils auf alte und nun einflussreiche Netzwerke zur\u00fcckgreifen, Wege, Nischen und geeignete Zeitpunkte ausmachen, um auch ihre Familien erfolgreich in den Reintegrationsprozess einzubeziehen. Nicht zuletzt haben sie auch mit der ein oder anderen Strategie Erfolge erzielt. Jener etwa, nicht als \u201efremd\u201c aufzufallen, leise zu treten, sich bewusst im Hintergrund zu halten. Andere jedoch hatten es schwerer und manche haben ihre R\u00fcckkehr gar wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht. Viele der erw\u00e4hnten hinderlichen Aspekte sind auf strukturelle Probleme zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das macht insbesondere der Vergleich mit anders gearteten, etwa historischen Remigrationswellen wie der deutschen Nachkriegsremigration deutlich. Mitte der 1940er-Jahre hat der Soziologe Alfred Sch\u00fctz bereits den Typus des Heimkehrers beschrieben, dem bestimmte Merkmale innewohnen, die uns letztlich bereits aus der griechischen Mythologie bekannt sind: Etwa, dass nicht nur er, sondern auch die Daheimgebliebenen sich w\u00e4hrend der Abwesenheit ver\u00e4ndern, dass er mit hartn\u00e4ckigen Stereotypen versehen ist oder dass er den Wunsch auf Einbringen der in der Fremde gemachten Erfahrungen hegt. Sch\u00fctz endet seinen Text mit der Forderung, dass alle beteiligten Seiten darauf vorbereitet werden m\u00fcssen, dass die R\u00fcckkehr kein Selbstl\u00e4ufer ist.
An dieser Vorbereitung arbeiten mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t und finanzieller Ausstattung \u00fcber das gesamte postsozialistische \u00f6stliche Europa verteilt zahlreiche NGOs, nationale Diaspora-Programme, R\u00fcckkehrinitiativen und -beratungsstellen. Am leisesten in diesem Diskurs sind jedoch die Betroffenen selbst. Dabei lie\u00dfe sich aus deren Erfahrungen wohl einiges lernen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: \u00a9 Florian Rainer.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n