{"id":3569,"date":"2018-12-26T00:00:00","date_gmt":"2018-12-26T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/der-bodenstaendige\/"},"modified":"2022-03-31T18:14:06","modified_gmt":"2022-03-31T18:14:06","slug":"der-bodenstaendige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/der-bodenstaendige\/","title":{"rendered":"Der Bodenst\u00e4ndige"},"content":{"rendered":"<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<strong>Kein Land in der EU z\u00e4hlt mehr Bauern als Rum\u00e4nien, nirgends sind die H\u00f6fe kleiner. Der Bauer Cornel Lascu versucht, nicht aufzugeben. Seine Wurzeln, die legt man nicht ab, sagt er.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tVerschnaufen, das geht eigentlich nur beim Heiligen Nikolaus. Wie jeden Sonntagvormittag sitzt der Bauer Cornel Lascu vorne rechts im M\u00e4nnerbereich der Kirche auf einem Holzstuhl mit geschwungener R\u00fcckenlehne. So oft hat er hier schon Platz genommen, dass der Lack auf der Sitzfl\u00e4che abbl\u00e4ttert. W\u00e4hrend im Altarraum vor ihm der Priester mit sonorer Stimme betet, haben die zahlreichen Gottesdienstbesucher im Hauptschiff das \u201eHerr, Erbarme Dich unser\u201c angestimmt. Es werfen sich einige der Frauen im Weihrauchnebel auf den Boden und stumm mahnen die goldenen Ikonen von den W\u00e4nden herab. Cornel Lascu aber, die Wollm\u00fctze in den Scho\u00df gelegt, atmet tief durch. Seit drei Stunden ist er schon da, noch eine Stunde wird die orthodoxe Messe dauern. Dann wird der bullige Mann mit dem ergrauten Haar das Kirchenschiff verlassen. Er wird den Kirchenh\u00fcgel hinuntergehen, \u00fcber die Br\u00fccke entlang der Schotterstra\u00dfe nach Hause. Immer dieselbe Strecke, rund einen Kilometer lang, ohne Ampel, ohne Zebrastreifen, ohne Trottoir bis zum Haus, das anstatt einer Adresse nur eine Nummer tr\u00e4gt: 239.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tIn dem zweist\u00f6ckigen Geb\u00e4ude, die Giebelseite traditionell zur Stra\u00dfe gewandt, haben schon seine Gro\u00dfeltern gewohnt. Hier ist Lascu aufgewachsen und hat gemeinsam mit seiner Frau eine Tochter und einen Sohn gro\u00dfgezogen. Im Stall wird auch am Wochenende das Vieh vor den leeren Krippen warten. Doch jetzt, als die Gemeinde zum letzten \u201eHerr, Erbarme Dich\u201c ansetzt, als die K\u00f6pfe der daniederknienden Frauen im Steinboden zu verschwinden scheinen, als der Weihrauch bis in die Stirnh\u00f6hlen zieht, h\u00e4lt Lascu inne. Diese Momente geh\u00f6ren ihm. Einmal war er mit den Kindern im S\u00fcden: \u201eDamit sie das Meer sehen.\u201c Doch das ist viele Jahre her. Seine Auszeit vom Alltag beginnt mit den goldenen Heiligenbildern und endet, wenn ihm der silberbestickte Priester die Kommunion reicht. Und nicht nur ihm geht es so.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mist-2018-smallfarmers-22-kopie.jpg\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Mihai Stoica\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tDie orthodoxe Kirche in Vurp\u0103r ist ein wichtiger Treffpunkt f\u00fcr die Menschen der Gemeinde. Foto: Mihai Stoica<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie Gemeinde Vurp\u0103r in Siebenb\u00fcrgen, Zentralrum\u00e4nien, 30 Kilometer von Hermannstadt entfernt, hat offiziell 2.500 Einwohner. Es sind wohl weniger, wenn man jene wegz\u00e4hlt, die regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr ein paar Monate nach Deutschland, \u00d6sterreich und Frankreich gehen. \u00dcber drei H\u00fcgel f\u00fchrt die einspurige Stra\u00dfe nach Vurp\u0103r, vorbei an Schafsherden, die im senffarbenen Wintergras nach den ersten Trieben suchen, bis zum zweisprachigen Dorfschild neben der Western-Union-Filiale: Vurp\u0103r \/Burgberg steht da. Vor der Revolution haben in Vurp\u0103r Siebenb\u00fcrger Sachsen gelebt, 900 Familien sollen es gewesen sein. Doch sie, deren Vorfahren im 13. Jahrhundert hierherkamen, um in der Pufferzone zwischen West und Ost die Christenheit zu verteidigen, sind auf der Suche nach einem besseren Leben in den 1990er-Jahren in Scharen nach Deutschland ausgewandert. Nur ihre Wehrkirche haben sie dagelassen, deren Turm weiter auf dem h\u00f6chsten H\u00fcgel thront. Seit fast tausend Jahren blickt er auf das Dorf, auf die in Streifen geschnittenen Felder, die beginnen, wo die Gem\u00fcseg\u00e4rten enden, auf die Lebensweise, die die Sachsen, die Rum\u00e4nen und die Minderheit der Roma im Dorf vereint: die Landwirtschaft. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tAuf wenigen Hektaren ziehen die Menschen seit jeher Gem\u00fcse, Kohl, Tomaten und Rote R\u00fcben, in Handarbeit melken sie die K\u00fche. Das Gefl\u00fcgel, es rennt frei auf den H\u00f6fen herum. Gesch\u00e4tzt rund ein Drittel der im Land konsumierten Lebensmittel werden von Kleinbauern im Familienbetrieb mit wenig Ger\u00e4tschaft und viel Muskeleinsatz erzeugt und am Handel vorbei vermarktet. Die Ernte des Landes landet nicht unter Plastikh\u00fcllen und Barcodes in den Supermarktregalen, sondern auf den M\u00e4rkten, waghalsig zu Bergen aufget\u00fcrmt, und mit enthusiastischer Stimme beworben. Und in den Armen der Frauen, die in den Ecken eine Handvoll Karotten anbieten, und einen Bund Petersilie dazu. Kein anderes Land der EU z\u00e4hlt mehr Landwirte als Rum\u00e4nien, jeder dritte lebt hier, und nirgendwo sind die H\u00f6fe \u00e4hnlich klein. 95 Prozent der dreieinhalb Millionen rum\u00e4nischen Bauern bewirtschaften weniger als zehn Hektar Fl\u00e4che, der Gro\u00dfteil weniger als f\u00fcnf.  Ein deutscher Landwirt k\u00e4me mit zehn Hektar kaum \u00fcber die Runden. In Vurp\u0103r ist man damit Gro\u00dfbauer.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tCornel Lascu ist das nicht. Der 46-J\u00e4hrige hat vier Schweine, eine Handvoll H\u00fchner, einige Hektar Felder f\u00fcr das Futtergetreide, seine Frau Daniela k\u00fcmmert sich um das Gem\u00fcsefeld hinter der Scheune. Neben der Scheune, hinter dem Holztor, da aber stehen Lascus Pretiosen, da stehen seine vier \u201eSensibelchen\u201c, da steht, was dem sonst zur\u00fcckhaltenden Mann Stolz und Freude ins Gesicht spiegelt. \u201ePass nur auf. Sie sind schreckhaft\u201c, sagt er noch, bevor er die Holzklinke nach unten dr\u00fcckt und mit beruhigendem \u201eSchhh Schhhh\u201c \u00fcber die T\u00fcrschwelle ins Dunkle tritt. Wuchtige schwarze K\u00f6pfe durch Stricke geb\u00e4ndigt lassen vom Heu ab und drehen sich konsterniert nach dem unerwarteten Besuch um: Es sind Wasserb\u00fcffel mit dunklen Augen und langgezogenen H\u00f6rnern, wie Piratens\u00e4bel nach hinten gezwirbelt, mit gedrungenen R\u00fcmpfen und quadratischen Hufen, ein jedes Tier fast eine Tonne schwer. Kaum ein Bauer tut sich so etwas heute noch an. Der B\u00fcffel tritt, wenn er sich bedroht f\u00fchlt, und er setzt seine H\u00f6rner ein, wenn es sein muss. Doch weil er den Pflug st\u00e4rker als das Pferd zieht, weil er Sachen frisst, die sogar die Schweine verschm\u00e4hen \u2013 Maisst\u00e4ngel etwa \u2013, und weil seine Milch mit acht Prozent doppelt so viel Fett wie jene der Kuh enth\u00e4lt, hat man in der Gegend \u00fcber die Jahrhunderte hinweg an ihm festgehalten. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<div class=\"video__wrap video__ratio--default video__ratio--youtube block-video__video-wrap\">\n\t\t\t<div class=\"video__placeholder block-video__placeholder js-video-trigger\">\n\t\t\t<div class=\"image-wrap video__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<div\n\t\t\tstyle=\"background-image:url(https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/2TNcjgYi4_Y\/maxresdefault.jpg)\"\n\t\t\tclass=\"image image--bg video__image\"\n\t\t>\n\t\t<\/div>\n\t\n\t<\/div><i class=\"icon icon icon__play video__icon\">\n\t<svg width='24' height='24' viewBox='0 0 24 24' xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'><path fill-rule='evenodd' clip-rule='evenodd' d='M12 24C18.6274 24 24 18.6274 24 12C24 5.37258 18.6274 0 12 0C5.37258 0 0 5.37258 0 12C0 18.6274 5.37258 24 12 24ZM17.8043 12.9319C18.471 12.547 18.471 11.5847 17.8043 11.1998L9.84783 6.60612C9.18116 6.22122 8.34783 6.70235 8.34783 7.47215V16.6595C8.34783 17.4293 9.18116 17.9105 9.84783 17.5256L17.8043 12.9319Z' fill='currentColor'><\/path><\/svg><\/i>\t\t<\/div>\n\t\t<div class=\"BorlabsCookie _brlbs-cb-youtube\"><div class=\"_brlbs-content-blocker\"> <div class=\"_brlbs-embed _brlbs-video-youtube\"> <img class=\"_brlbs-thumbnail\" src=\"https:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/plugins\/borlabs-cookie\/assets\/images\/cb-no-thumbnail.png\" alt=\"YouTube\"> <div class=\"_brlbs-caption\"> <p>By loading the video, you agree to YouTube's privacy policy.<br><a href=\"https:\/\/policies.google.com\/privacy?hl=en&gl=en\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener noreferrer\">Learn more<\/a><\/p> <p><a class=\"_brlbs-btn _brlbs-icon-play-white\" href=\"#\" data-borlabs-cookie-unblock=\"youtube\" role=\"button\">Load video<\/a><\/p> <p><label><input type=\"checkbox\" name=\"unblockAll\" value=\"1\" checked> <small>Always unblock YouTube<\/small><\/label><\/p> <\/div> <\/div> <\/div><div class=\"borlabs-hide\" data-borlabs-cookie-type=\"content-blocker\" data-borlabs-cookie-id=\"youtube\">PGlmcmFtZQoJCWNsYXNzPSJ2aWRlbyBibG9jay12aWRlb19fdmlkZW8ganMtdmlkZW8gaXMtaGlkZGVuIgoJCXNyYz0iaHR0cHM6Ly93d3cueW91dHViZS1ub2Nvb2tpZS5jb20vZW1iZWQvMlROY2pnWWk0X1kiCgkJYWxsb3c9ImF1dG9wbGF5OyBmdWxsc2NyZWVuIgoJCWFsbG93RnVsbFNjcmVlbgoJCT48L2lmcmFtZT4=<\/div><\/div>\n\t<\/div>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tWenn viel Arbeit war und noch mehr M\u00e4uler zu stopfen, da kam der B\u00fcffel gerade recht. Lascu hat heute einen Traktor, so altersschwach wie funktionst\u00fcchtig, seine B\u00fcffel stehen ihrer Milch wegen im Stall. Zehn Liter Milch, so viel gibt eine B\u00fcffelkuh im Sommer, wenn das Futter saftig ist. F\u00fcnf Liter sind es jetzt zu Fr\u00fchjahrsbeginn. Vom Gro\u00dfvater hat Lascu den Umgang mit ihnen gelernt, zwei Tiere hat er noch von ihm \u00fcbernommen. Auf K\u00fche umzusteigen, das k\u00e4me ihm nicht in den Sinn. \u201eMit den B\u00fcffeln bin ich doch aufgewachsen\u201c, sagt er und sch\u00fcttelt den Kopf, als er von den Nachbarn erz\u00e4hlt, die sogar den Garten aufgegeben haben. Sich einfach von den eigenen Wurzeln davonstehlen? Das geht doch nicht. Also takten die Tiere seinen Alltag. Vor sechs Uhr morgens hackt er die Maisst\u00e4ngel, schneidet Kartoffeln oder R\u00fcben, f\u00fcllt Mais in die K\u00fcbel. Er f\u00fcttert die B\u00fcffelk\u00fche und melkt sie, da hat der Mann selbst noch nichts im Bauch. Nach dem Mittagessen kommt die zweite Runde. Dazwischen mistet er Stall und Schweinekoben aus, verarbeitet die Milch. Er fegt mit dem Reisigbesen den Hof von Strohresten frei. Er bestellt den Acker, repariert den rostigen Traktor. Er s\u00e4t im Fr\u00fchjahr und f\u00e4hrt nach und nach die Ernte ein. Er heut im Herbst und schlachtet die Sau vor Weihnachten im Schnee. Er ruht nie, wenn er will, und immer, wenn er kann. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mist-2018-smallfarmers-12-kopie.jpg\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Mihai Stoica\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tZwei Arbeiter f\u00fcttern K\u00fche in einem Geb\u00e4ude, das fr\u00fcher zu einer kommunistischen Genossenschaft geh\u00f6rte. Ein Teil der Infrastruktur dieser Kooperativen, die es in ganz Rum\u00e4nien gab, wurde von Kleinbauern f\u00fcr ihre Zwecke \u00fcbernommen. Andere wurden stillgelegt und dem Verfall preisgegeben. Foto: Mihai Stoica<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tAn diesem M\u00e4rznachmittag muss noch das Holz f\u00fcr die Heizung eingebracht werden. Was macht all die Anstrengung mit einem Menschen? Liebevoll streicht Lascu einer der B\u00fcffelk\u00fche \u00fcber die knochige Kruppe. \u201eMan muss m\u00f6gen, was man tut.\u201c Ein Spruch wie aus einem Kitschkalender, hier in Vurp\u0103r, im Haus 239, bedeutet er Anker und Antrieb zugleich. Die B\u00fcffelmilch sichert der Familie t\u00e4glich Nahrung und Bargeld f\u00fcr Waschmittel und Schulsachen, f\u00fcr Kleidung und Medikamente. Ein paar Leute in Hermannstadt nehmen der Familie die Milch regelm\u00e4\u00dfig ab. Um \u00fcber die Runden zu kommen, arbeitet Lascu als Aufseher an zwei Tagen der Woche in einem Museum in der Stadt. Und wenn das Geld gar nicht mehr reicht, verkauft die Familie ein Schwein. Lascus Bruder ist vor wenigen Jahren nach \u00d6sterreich emigriert und handelt jetzt mit Autoteilen in Klosterneuburg. Doch Lascu ist geblieben. Warum tut sich das einer an?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tIn Vurp\u0103r ist er nicht der einzige. Viorel Coco\u0219 zum Beispiel, der Tomatenz\u00fcchter, dessen Samen Fleischtomaten auf ein Gewicht von einem Kilogramm wachsen lassen und die begehrt sind im Dorf wie Bier und Brezel auf dem Volksfest. Der einem Sachsen 1999 sein Haus abgekauft hat und jetzt im Sachsenhaus auf seine Frau wartet, die in Deutschland auf Saison arbeitet. Oder Johann Sonntag, der sich schon vor vielen Jahren f\u00fcr Rum\u00e4nien entschieden hat, und dem jetzt nach dem Tod der Frau nur ein stattliches Ross geblieben ist und eine Muttersprache, die hier im Dorf kaum einer mehr versteht. Sie und all die anderen bestreiten den Alltag mit wenig Vieh, wenig Geld, kleiner Ernte und gro\u00dfer M\u00fch. Und nicht nur hier: Fast jeder zweite rum\u00e4nische Kleinbauer verarbeitet seine Produkte selbst. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mist-2018-smallfarmers-18-kopie.jpg\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Mihai Stoica\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tTraian Banea hilft Ioan, einem seiner Arbeiter, einen Wagen mit Heu zu beladen, das an die K\u00fche verf\u00fcttert wird. Auch wenn er sich es leisten kann, Arbeiter einzustellen, erfordert die Menge an Arbeit, dass jedes Familienmitglied Hand im Betrieb anlegt. Foto: Mihai Stoica<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDoch vor allem die J\u00fcngeren machen nicht mehr mit. Die Zahl der Bauern in Rum\u00e4nien sinkt, ohne dass der Tod in allen F\u00e4llen dem Bauersein ein Ende macht. Oft ist es die Aussicht nach einem einfacheren Dasein, dass die Leute die H\u00f6fe aufgeben l\u00e4sst \u2013 vor allem, wenn man nicht wie Lascu in der Nische irgendwie ein Auskommen findet. Und zumindest hier in Siebenb\u00fcrgen locken Alternativen, ohne dass man gleich das Land verlassen muss. Die Industriebetriebe rund um Hermannstadt, die ausl\u00e4ndischen Investoren aus der Automobil- und Elektronikbranche, Bosch, Continental, die Marquardt-Gruppe, sie suchen h\u00e4nderingend nach Arbeitskr\u00e4ften. Sie schicken t\u00e4glich Shuttle-Busse in die abgeschnittenen D\u00f6rfer, um Arbeiter zu holen. Die Arbeitslosigkeit im Landkreis liegt bei weniger als 2,5 Prozent. An Menschen wie Lascu und Coco\u0219 fahren diese Busse vorbei. Wohl auch, weil der Bauch gegen den Kopf gewinnt. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t\u201eWir kennen es halt nicht anders\u201c, sagt Elenoara Banea und die Frauen nicken zustimmend. Zu viert haben sie sich in Baneas K\u00fcche versammelt, um Krapfen zu backen. Weil die Gattin des Priesters vor einem Jahr gestorben ist, wird eine Seelenmesse verlesen und die Frauen werden sich h\u00fcten, dort mit leeren H\u00e4nden aufzukreuzen. Seit Mittag dr\u00e4ngen sie sich schon um den runden Holztisch im kaum mannshohen Raum. Ein Hirschgeweih sitzt im Herrgottswinkel. Daneben h\u00e4ngen die Heiligen an der Wand, um den Hof zu sch\u00fctzen. Wer sonst soll sich darum k\u00fcmmern. Der Staat tut es ja nicht. \u201eSchnell, her mit der Serviette\u201c, ruft Elenoara Banea, die von allen nur Frau Norica gerufen wird, als sie den ersten im hei\u00dfen Fett blasenschlagenden Krapfen aus dem Emailletopf fischt. 150 St\u00fcck m\u00fcssen es werden an diesem Nachmittag, damit man sich bei der Messe nicht sch\u00e4men muss. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tEs ist der sp\u00e4te Winter, der den Frauen die Extraschicht erlaubt. Noch haben sie Zeit, bevor die Aussaat beginnt und Zwiebel, Spinat, Knoblauch, Salat, Radieschen, K\u00fcrbis und Petersilie in ihren G\u00e4rten wachsen werden. Wie man das Gem\u00fcse zieht, wie man die Tiere h\u00e4lt, ihre Lebensweise, all das haben sie an keiner Schule gelernt. Es ist zu ihnen gekommen, durch die Gro\u00dfeltern und Eltern, durch den Lauf der Dinge, der hier langsamer vonstattengeht, ohne stehen zu bleiben. Frau Norica, 60 Jahre alt, mit wei\u00dfem Pagenkopf und resoluter Stimme, baut Goji-Beeren an und zahlt alle ihre Rechnungen online. Aber sie muss nach drau\u00dfen gehen, um neue Holzscheite f\u00fcr den Ofen zu holen. Als sie die T\u00fcr \u00f6ffnet, h\u00f6rt man die Perlh\u00fchner rufen. Keine Katze vertreibt die Ratten so gut wie ein Perlhuhn, sagt eine der Frauen. \u201eUnd kein Gewehr.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<div class=\"story-card block-story-card__story-card\">\n\t<hr class=\"story-card__divider\">\n\t<div class=\"story-card__wrap\">\n\t\t<a class=\"story-card__image-container\" href=\"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wie-eine-oase-in-der-wueste\/\">\n\t\t\t<div class=\"image-wrap story-card__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<div\n\t\t\tstyle=\"background-image:url(https:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/joli-mit-enkelkindern_jzsi-krisztin-2-1200x676.jpg)\"\n\t\t\tclass=\"image image--bg story-card__image\"\n\t\t>\n\t\t<\/div>\n\t\n\t<\/div>\t\t<\/a>\n\t\t<div class=\"story-card__content\">\n\t\t\t<a \n\thref=\"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wie-eine-oase-in-der-wueste\/\"\n\tid=\"\"\n\tclass=\"link-heading link-heading__color--primary link-heading__size--small link-heading__align--left link-heading__font--primary  link-heading--no-margin story-card__link-heading\"\n>\n\t<h2 class=\"link-heading__heading\" >\n\t\tWie eine Oase in der W\u00fcste\t<\/h2>\n<\/a>\t\t\t<a href=\"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wie-eine-oase-in-der-wueste\/\" class=\"story-card__link\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal story-card__paragraph\">\n\tEszter Neubergers preisgekr\u00f6nter Artikel \u00fcber Menschen aus vernachl\u00e4ssigten Vierteln in Ungarn<\/p>\t\t\t<\/a>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\t<hr class=\"story-card__divider\">\n<\/div>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tSolchen Regeln folgt das Leben in Vurp\u0103r: Perlh\u00fchner gegen Ratten. Bier und Salz gegen Schnecken. Den D\u00fcnger r\u00fchren die Frauen aus H\u00fchnermist an: Drei Teile Wasser, ein Teil H\u00fchnerkot. 21 Tage Wartezeit. Der wuchtige Steinofen zwischen Wohntrakt und Scheune hat drei Feuerstellen, die Mitte f\u00fcr das Brot, links f\u00fcr den Eintopf und rechts f\u00fcr den Schnaps. Der wird aus der eigenen Ernte gebrannt und brennt h\u00f6llisch auf seinem Weg in den Magen. Frauen d\u00fcrfen nur ein Glas davon trinken, so hei\u00dft es in ganz Siebenb\u00fcrgen, sonst werden die Kinder blind. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t\u00dcberhaupt die Kinder: Vor allem die J\u00fcngeren entscheiden sich gegen das b\u00e4uerliche Leben und verlassen Vurp\u0103r, gehen in die Stadt. Wer Gl\u00fcck hat, wei\u00df seinen Nachwuchs im nahen Hermannstadt oder vielleicht in Bukarest, die anderen holen sich Wifi und Skype. Frau Norica hat sich einen eigenen Schreibtisch f\u00fcr die Konferenz mit den zwei S\u00f6hnen eingerichtet, der mit den verblassten Fotos der Kinder und den hochaufgel\u00f6sten der Enkel wie ein kleiner Altar anmutet. Der \u00e4ltere Sohn ist Arzt in Sevilla, der j\u00fcngere macht das Doktorat an der Universit\u00e4t Reykjavik. Der Computer verbindet sie alle, die Mutter mit den Kindern und die Kinder mit der Heimat, die wenig bieten mag, aber Heimat bleibt. Der \u00c4ltere hat gar eine Kamera im Hof installiert, damit er manchmal aus der Ferne zuschauen kann, wenn der Pferdeleiterwagen einf\u00e4hrt, um das Heu aus der Scheune zu holen. Wie die braune Stute die einzelnen aufgestobenen Gr\u00e4ser aufpickt, mit ihren fingerdicken Eisenstollen am Huf, wegen der Schlammstra\u00dfen, und den roten Stoffbommel am Zaumzeug, gegen den volksmystischen b\u00f6sen Blick. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tUnd manchmal reist die Heimat zu ihm: Frau Norica schickt regelm\u00e4\u00dfig Essenspakete gen Westen. Sie bringt sie zum internationalen Busbahnhof in Hermannstadt. Sie steckt dem Fahrer des Langstreckenbusses Geldscheine zu, damit er das eingelegte Gem\u00fcse in bruchsicheren Plastikflaschen mit auf die Reise nimmt. Und wenn es sein muss auch mehr: Zu Ostern ein Lamm, zu Weihnachten ein zerlegtes Schwein: tiefgek\u00fchlt durchqueren die Fleischlieferungen einmal ganz Europa. Nicht nur jene von Frau Norica.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mist-2018-smallfarmers-04-kopie.jpg\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Mihai Stoica\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tDie Frauen in Vurp\u0103r bereiten sich mit selbstgemachten Krapfen auf das traditionelle orthodoxe Osterfest vor. Foto: Mihai Stoica<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tKurz nach der Wende erwirtschaftete die rum\u00e4nische Landwirtschaft mehr als ein F\u00fcnftel des rum\u00e4nischen Bruttoinlandsprodukts, heute sind es noch vier Prozent. Das liegt daran, dass sich die Wirtschaft in Richtung Dienstleistung entwickelt hat. Und am Zustand der rum\u00e4nischen Landwirtschaft. \u00dcberall, bis in die Kleinst\u00e4dte hinein, stehen Superm\u00e4rkte mit Importwarte aus Westeuropa, die billiger ist \u2013 und vor allem vorhanden. 2016 hatte die rum\u00e4nische Regierung versucht, mittels eines Gesetzes rum\u00e4nische Produkte in die Superm\u00e4rkte zu zwingen. Mindestens 51 Prozent der Lebensmittel in den Regalen sollten demnach aus Rum\u00e4nien stammen. Das Gesetz scheiterte an den EU-Gesetzen \u2013 Br\u00fcssel sah den Binnenmarkt au\u00dfer Kraft gesetzt \u2013 und an der Realit\u00e4t: Die rum\u00e4nische Landwirtschaft h\u00e4tte die Importware nicht ersetzen k\u00f6nnen. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tDie arbeitsintensive und wenig automatisierte Bewirtschaftung aber, die veralteten Ger\u00e4tschaften, der geringe Einsatz von Pestiziden: Diese Praxis mag die Natur und Umwelt schonen, konkurrenzf\u00e4hig ist sie nicht. Und dass sie die d\u00f6rfliche Kultur weitertr\u00e4gt und den Menschen bei niedrigen Pensionen und mageren Sozialleistungen ein Sicherheitsnetz bietet, wird knapp eingepreist. EU-Gelder kommen jedenfalls sp\u00e4rlich an. Da die EU-Landwirtschaftspolitik vorrangig Fl\u00e4che subventioniert und in Rum\u00e4nien kaum einer viele Hektar besitzt, bleiben die F\u00f6rderungen mager. Aus den Direktzahlungen, der wichtigsten Subventionss\u00e4ule, sch\u00f6pfen rund 90 Prozent der rum\u00e4nischen Bezieher weniger als 1.250 Euro im Jahr ab. Trotzdem arbeiten in keinem Land der EU mehr Menschen \u2013 jeder Vierte \u2013 noch immer in der Landwirtschaft.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper wrapper--overflow wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12 wrapper__offset-large--0\">\n\t\t\t\t\n<figure class=\"block-image-caption\">\n\t<div class=\"image-wrap block-image-caption__image-wrap\" data-align=\"center center\">\n\n\t\t\t<img\n\t\t\tsrc=\"http:\/\/tippingpoint.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/mist-2018-smallfarmers-26-kopie.jpg\"\n\t\t\tclass=\"image  block-image-caption__image\"\n\t\t\talt=\"\u00a9 Mihai Stoica\"\n\t\t\/>\n\t\n\t<\/div>\t<figcaption>\n\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--primary paragraph__size--small paragraph__align--center paragraph__font--secondary paragraph__font-weight--normal block-image-caption__paragraph\">\n\tBereits fr\u00fch im Jahr pfl\u00fcgen zwei Traktoren die Felder in den H\u00fcgeln rund um Vurp\u0103r. Eurostat zufolge besitzen weniger als zwei Prozent der landwirtschafltichen Betriebe einen eigenen Traktor. Foto: Mihai Stoica<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tIn Vurp\u0103r aber fehlen die Arbeitskr\u00e4fte. Am Dorfrand, wo die Trampelwege in die ersten Felder ausfransen, wird bald Mais aus dem Boden sprie\u00dfen und im Fr\u00fchsommer werden die Luzerne lila bl\u00fchen. Was den Besucher als siebenb\u00fcrgische Idylle erwarten wird, birgt Knochenarbeit f\u00fcr die Einheimischen. Die H\u00f6fe, so bescheiden sie auch sein m\u00f6gen, k\u00f6nnen die Familien alleine nicht bewirtschaften. Sie brauchen billige H\u00e4nde, auf dem Feld, im Stall und auf der Weide. Tagel\u00f6hner, die die fehlenden Maschinen ersetzen und die Viehherden \u00fcber die Allmende treiben, sie brauchen Hirten f\u00fcr die Alm. Seit die Menschen hier denken k\u00f6nnen, haben das die Roma im Dorf \u00fcbernommen. So wie Lascu das Bauernsein von seinen Gro\u00dfeltern gelernt hat, so lernten die Roma-Kinder das Knechtsein von ihren \u00c4lteren. Doch seit die Freiz\u00fcgigkeit die Menschen nach Deutschland, Frankreich und \u00d6sterreich lockt, seit sich zwei-, dreihundert Euro im Westen mit weniger Schwei\u00df und M\u00fchsal verdienen lassen, haben vor allem diejenigen Vurp\u0103r verlassen, die am wenigsten zu verlieren haben. Seit die Roma gehen, nimmt die Arbeit deshalb gar kein Ende mehr.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\tNur im Sonntagsanzug d\u00fcrfen die H\u00e4nde ruhen. In der Kirche des Heiligen Nikolaus auf dem H\u00fcgel hat der Priester sich vor die Gemeinde gestellt und l\u00e4utet mit der Predigt die Schlussphase des Gottesdienstes ein. Cornel Lascu streckt vorne im M\u00e4nnerbereich den R\u00fccken durch, um sich aufrichten zu k\u00f6nnen. Frau Norica r\u00fcckt hinten bei den Frauen ihre elegante schwarze Stola zurecht. \u00dcber der Gemeinde h\u00e4ngt eine Glocke aus kaltem Atem, aus dem Dunst dicker M\u00e4ntel, aus Weihrauchkegeln. Der Weg zu Gott erfolge freiwillig, erkl\u00e4rt der Priester eindringlich. Und der zum Bauersein? Es w\u00e4re sch\u00f6n, meint Lascu, wenn er die Bindung an Tier und Boden an seine Kinder so weitergeben k\u00f6nnte, wie er es selbst erfahren hat. Wenn er ihnen zeigen k\u00f6nnte, was den Menschen mit seinem Land verwurzelt. Die Tochter zeigt Ambitionen, studiert Landwirtschaft in Hermannstadt, ein Gl\u00fcck! Der Sohn ist erst 15, interessiert sich f\u00fcr Religion. Wer wei\u00df. Lascu hat gelernt, dass man den Lauf des Lebens wenig mitbestimmen kann. Es kommt wie es kommen muss. Wenn man Lascu fragt, wovon er tr\u00e4umt, wei\u00df er keine rechte Antwort. Auf die Nachfrage, was er in seinem Leben \u00e4ndern w\u00fcrde: \u201eNichts.\u201c Er zuckt mit den Schultern. Eigentlich hat er sich dar\u00fcber nie Gedanken gemacht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n<div\n\tclass=\"wrapper  wrapper__bg-color--transparent  wrapper__spacing-bottom-large--10\" \n\t>\n\n\t\n\t\t\t<div class=\"wrapper__container wrapper__container-width-large--default wrapper__gutter-large--default\">\n\t\t\t<div class=\"wrapper__inner wrapper__width-large--12\">\n\t\t\t\t<p class=\"paragraph paragraph__color--secondary paragraph__size--medium paragraph__align--left paragraph__font--primary paragraph__font-weight--normal block-paragraph__paragraph\">\n\t<em>Erstmals publiziert am 18. Mai 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf <a rel=\"noopener\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/race-to-feed-the-world\/in-siebenbuergen-leben-die-letzten-echten-bauern-europas-15551823.html\" target=\"_blank\">faz.net<\/a>.<\/em><br><br><em>Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Eva Konzett. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der <a rel=\"noopener\" href=\"http:\/\/magazine.erstestiftung.org\/de\/erste-stiftung\/impressum\/\" target=\"_blank\">Redaktion<\/a>.<\/em><br><em>Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Traian Banea startet seinen Traktor auf dem Hof. Obwohl der Traktor alt ist, sagt er, dass er f\u00fcr seine Arbeit unerl\u00e4sslich ist und immer noch gute Dienste erweist. Foto: Mihai Stoica<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cornel Lascu f\u00fchrt einen kleinen Bauernhof in Siebenb\u00fcrgen. 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