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\n\tEuropa tr\u00e4umt hier von sich selbst \u2013 als erf\u00fcllte Utopie. Von Gerechtigkeit also, von Gleichheit und Frieden. \u201eDieser Kontinent wird nicht in Blut getr\u00e4nkt!\u201c, lautet Europas Motto. Svolikova entwirft die Chronologie unserer Kontinentalgeschichte als Farce, als l\u00fcgenhaften Karneval, in dem der St\u00e4rkste die tollsten Maske tr\u00e4gt. Europa ist ein Kontinent der Ambivalenz \u2013 und Svolikovas dramatisches Gedicht ein akuter wie zeitloser Text europ\u00e4ischer Selbstvergewisserung und -entfremdung. Das Publikum wird mitgenommen auf eine sprachlich atem- wie kompromisslose tour de force<\/em>, in der sich Exzess- und Gewaltbilder zu einem grellen \u201eKarneval der Wirklichkeit\u201c vermischen. Auf dem Parkett reichen Europas Kinder ihrer Mutter die H\u00e4nde. Im Freudentanz, im Totentanz.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tSeit Oktober ist Franz-Xaver Mayrs zweite Svolikova-Inszenierung in Wien zu sehen. Sinnigerweise im ehemaligen Offizierskasino am Schwarzenbergplatz, wo zur Zeit auch das Exekutivsekretariat der halbj\u00e4hrlich rotierenden EU-Ratspr\u00e4sidentschaft angesiedelt ist, deren Vorsitz \u00d6sterreich noch bis Ende des Jahres innehat. Im Interview mit Florian Hirsch spricht Miroslava Svolikova \u00fcber ihre ganz pers\u00f6nliche \u201ePlaylist Europa\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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\n\t\t\n\t“europa flieht nach europa”. Dorothee Hartinger, Alina Fritsch, Marie-Luise Stockinger, Sven Dolinski, Valentin Postlmayr, Marta Kizyma. Foto: \u00a9 Reinhard Werner<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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\n\tMiroslava Svolikova, nachdem in deinem letzten Erfolgsst\u00fcck mit dem so unendlich wie verwirrend erscheinenden Titel Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt<\/em> sogar eine Schauspielerin als EU-Stern auf der B\u00fchne zu sehen war, setzt du dich nun wieder mit dem Thema Europa auseinander. europa flieht nach europa<\/em> behandelt mit gro\u00dfem Sprachwitz die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres aktuell doch recht zerrissen wirkenden Kontinents.<\/strong> Ich hatte nach meinem St\u00fcck die hockenden<\/em>, das im Burgtheater-Vestib\u00fcl zu sehen war, gleich die Idee zu diesem Text, ihn aber erst einmal auf Eis gelegt, weil ich zun\u00e4chst Diese Mauer<\/em> f\u00fcrs Schauspielhaus Wien geschrieben habe. Da kommt der letzte EU-Stern vor, aber es ist ganz anders. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tWarum flieht Europa nun nach Europa? <\/strong> In der griechischen Mythologie wird Europa vom Stier entf\u00fchrt. In meiner Version befreit sie sich, indem sie ihn zuerst ermordet und dann an Land flieht. Interessiert hat mich die prek\u00e4re und sonderbare Situation der Europa, dieser seltsame Anfang und der Beginn, der schon r\u00e4umlich irgendwo anders angesiedelt ist. Das ist ja auch mit der europ\u00e4ischen Geschichte so, wenn man will, die sich aus vielen verschiedenen Kulturen speist, viele Beginne und Br\u00fcche kennt, chaotisch ist und immer schon nochmal ganz woanders beginnt, sich r\u00fcckbezieht und so weiter. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\t“Die Wirklichkeit hat die Groteske verschluckt und rollt \u00fcber uns dr\u00fcber.” <\/p>
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“Die Wirklichkeit hat die Groteske verschluckt und rollt \u00fcber uns dr\u00fcber.” <\/blockquote> <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tDer Text ist auch eine Umschreibung des Mythos. Was ist neu an deinem Europa?<\/strong> Je nach Version wird Europa im Mythos nicht nur entf\u00fchrt, sondern auch vergewaltigt. F\u00fcr mich war ganz klar, dass sie sich auch mal wehrt. In die Brachialit\u00e4t mythischer Erz\u00e4hlung \u00fcbersetzt bedeutet das: dass sie den Stier ermordet, aber sie tut es ganz m\u00e4rchenhaft, mit einer Spitze aus ihrem Haar. Danach verk\u00fcndet sie die Vision eines friedlichen Kontinents. Auf einer anderen Ebene ist das als historische Ambivalenz zwischen Utopie und Gewalt zu lesen. Nach diesem Beginn findet sie sich in verschiedenen Tableaus, oder historischen und ideengeschichtlichen Situationen wieder, der Mythos endet gewisserma\u00dfen nach der ersten Szene, die Figur Europa l\u00e4uft aber als diese mythologische Figur und parallel als Verk\u00f6rperung einer Idee weiter. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tEine den Text wie ein Mantra durchziehende Zeile lautet: \u201cWILLKOMMEN BEIM KARNEVAL DER WIRLICHKEIT\u201d. Ist es angesichts einer immer grotesker erscheinenden Realit\u00e4t schlicht nur noch m\u00f6glich, diese als Karneval zu begreifen?<\/strong> Den Eindruck hat man im Moment ganz stark. Und zwar, noch w\u00e4hrend man mitten drin steckt. Die Wirklichkeit hat die Groteske verschluckt und rollt \u00fcber uns dr\u00fcber. Im St\u00fcck ist das zun\u00e4chst etwas historischer angelegt, da sind es mehr oder weniger die “zwei Bauern\u201d, nicht \u00f6sterreichische Biobauern sondern mittelalterliche Bauern, die sinngem\u00e4\u00df sagen: \u201cDas ist aber anstrengend, dieses Leben, jetzt, da wir als Bauern geboren wurden. Die ganzen L\u00e4use …\u201d. Ich musste unter anderem an eine Karikatur denken, in der Steve Jobs als chinesischer Fabrikarbeiter reinkarniert wird, der am Flie\u00dfband iPhones bauen muss. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tMiroslava Svolikova<\/h2>\n\t\n\t\t\n
\n\tMiroslava Svolikova wurde 1986 in Wien geboren, studierte Philosophie in Wien und Paris, Szenisches Schreiben bei uniT Graz und an der Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien. Sie arbeitet als bildende K\u00fcnstlerin, macht Musik, schreibt Dramen und Texte. 2015 gewann sie den Retzhofer Dramapreis f\u00fcr die hockenden<\/em>, uraufgef\u00fchrt 2016 im Vestib\u00fcl.Foto: \u00a9 Reinhard Werner<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n\n\t\n
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\n\tIst europa<\/em> \u00fcberhaupt ein Theaterst\u00fcck? Im Untertitel hei\u00dft es: “Dramatisches Gedicht in mehreren Tableaus”<\/em>. Was bedeutet das?<\/strong> Das bedeutet, dass es keine historische Abhandlung zur europ\u00e4ischen Geschichte ist, auch wenn man allerlei historische Stationen assoziieren kann, die gro\u00dfe Katastrophe, den Urknall als die Weltkriege zum Beispiel. Im Endeffekt funktioniert das Ganze stark \u00fcber die Assoziationen der Zuschauer. Ich habe in einem lyrischen Verfahren und stark \u00fcber Bilder gearbeitet, eigentlich arbeite ich immer so. Das Interessante an Bildern ist, dass sie auf mehreren Ebenen lesbar sind und sich im Theater wieder in neue Bilder einbetten lassen. Letztlich sind die Bilder ein kollektives Material. Im Juli war ich auf Einladung des Goethe-Instituts in Tokio, wo das St\u00fcck szenisch gelesen wurde. Dort gibt es nat\u00fcrlich ein ganz anderes kollektives Wissen und ganz andere Assoziationen, griechische Mythen, ein Priester der \u00fcber die Rippe redet \u2013 solche Dinge sind nicht so unmittelbar bekannt. Die szenische Einrichtung hat mir aber dennoch sehr gut gefallen und es gab interessante Gespr\u00e4che.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tWenn Europa ein Song w\u00e4re, ein Musikst\u00fcck \u2013 welcher\/welches w\u00e4re es? Freude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken<\/em> sicher nicht, oder?<\/strong> Vermutlich eine ziemlich unzusammenh\u00e4ngende Playlist, der DJ kriegt danach keinen Job mehr. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tVerl\u00e4uft die eigentliche Grenze zwischen Nord- und S\u00fcd- oder zwischen West- und Osteuropa?<\/strong> Sowohl als auch, und noch viel mehr. Wenn man alle Grenzen auf der Karte blau einzeichnet, sieht man die Karte nicht mehr, weil sie im Meer verschwindet. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\t\t\n\t“europa flieht nach europa”. Vorne: Dorothee Hartinger; hinten: Alina Fritsch, Valentin Postlmayr, Sven Dolinski. Foto: \u00a9 Reinhard Werner<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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\n\t“Wenn keiner an mich glaubt”, sagt Europa im Text, “werde ich verschwinden. Glaubst du an Europa? Oder wird es noch vor den n\u00e4chsten Berliner Autorentheatertagen<\/em>, wo das St\u00fcck uraufgef\u00fchrt wurde, untergehen? <\/strong> Das glaube ich nicht, die n\u00e4chsten Autorentheatertage sind sicher noch drin. Europa besteht nat\u00fcrlich aus den Menschen und erfindet sich immer neu. Das sich Neuerfinden geh\u00f6rt zu Europa dazu, so glaube ich. Und das Theater vielleicht auch. Also: gute Chancen. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tKann ausgerechnet das Theater Europa retten?<\/strong> Ich denke, so schlimm ist es noch nicht, dass das Theater mit einem Erste Hilfe-Koffer rumlaufen muss. Ich mache einen Spa\u00df. Das Theater muss uns nat\u00fcrlich alle retten! <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n