{"id":3564,"date":"2018-11-14T00:00:00","date_gmt":"2018-11-14T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/wir-suchen-uns-die-zeit-nicht-aus-in-der-wir-leben\/"},"modified":"2021-08-23T13:37:55","modified_gmt":"2021-08-23T13:37:55","slug":"wir-suchen-uns-die-zeit-nicht-aus-in-der-wir-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wir-suchen-uns-die-zeit-nicht-aus-in-der-wir-leben\/","title":{"rendered":"Wir suchen uns die Zeit nicht aus, in der wir leben."},"content":{"rendered":"
\n\tZum 50. Jahrestag des Einmarsches der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei erinnern wir uns an eine Zeit relativer sch\u00f6pferischer Freiheit, aus der viele experimentelle und utopische Projekte hervorgingen.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas Jahr 1968 in der bildenden Kunst<\/strong> \n\tDas Jahr 1968 symbolisiert f\u00fcr mich und meine Generation einen gesellschaftlichen Umbruch und eine traumatische Vernarbung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEbenso ist der schwarzwei\u00dfe Kontrast zwischen euphorischer Emanzipation und eiskalter Repression nat\u00fcrlich ein Mythos. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 passt perfekt in das landesweit popul\u00e4re Narrativ \u201eWas andere uns angetan haben\u201c. \u00dcbersehen wird dabei, was wir uns selbst angetan haben. Dieses Ereignis wurde zum Inbegriff des gro\u00dfen Schicksalsmoments, das es uns erlaubte, unsere eigene Verantwortung zu relativieren. Die tschechische Wahrnehmung von 1968 ignoriert zumeist, was erreicht wurde, egal ob kurz- oder langfristig. Bezeichnenderweise ist etwa die F\u00f6deralisierung der Tschechoslowakei f\u00fcr uns ein \u00e4hnlich unsichtbares Ergebnis. Und doch werden diese wenigen Monate relativer Freiheit \u2013 relativ zu dem, was davor und vor allem danach geschah, aber auch absolut gesehen \u2013 als Wunder betrachtet. Oder als Kunstwerk. Schlie\u00dflich bildete Stano Filko bei der Bratislava Schau Danuvius 1968<\/em><\/a> eine seiner Umwelten ab, in deren Mittelpunkt die Pr\u00e4sentation einiger amateurhafter Bilder aus der lokalen Presse stand. In den Augen eines K\u00fcnstlers, der seinem Werk den Titel Cathedral of Humanism<\/em> gab, war die innenpolitische Entwicklung ein gleicherma\u00dfen ausuferndes Thema wie die Eroberung des Universums.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEva Kmentov\u00e1, Human Egg, 1968. Foto: \u00a9 Karel Kukl\u00edk. Mit freundlicher Genehmigung der Kmentov\u00e1 Zoubek Foundation.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIm Bereich der Kultur war die erfolgreiche Publikation qualitativ hochwertiger B\u00fccher und Magazine wohl das nachhaltigste und positivste Ergebnis des Jahres 1968. Vergleicht man ihren Inhalt und insbesondere ihre enormen Auflagezahlen mit heute, so muss einem die Gegenwart wie eine wahre \u201eVerarmung des Geistes\u201c erscheinen. Die 1960er-Jahre, besonders gegen Ende hin, galten als Bl\u00fctezeit der tschechischen Buchkultur und brachten eine Mobilisierung des intellektuellen Umfeldes mit sich. Gewiss war es in sp\u00e4teren Jahren nicht einfach, an diese Schriften zu kommen, aber es war m\u00f6glich. Was ich \u00fcber die k\u00fcnstlerische Avantgarde bzw. die Nachkriegskunst in den 1980er- und 1990er-Jahren erfahren habe, stammte nicht aus aktuellen Quellen, sondern wurde weitgehend durch das, was 1968 rund um uns passierte, vermittelt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEin genereller \u00dcberblick des Jahres 1968 die Kunst der Tschechoslowakei betreffend mag vielleicht unzul\u00e4nglich erscheinen. Es gab keine dramatischen Umbr\u00fcche; auf institutioneller Ebene blieb vieles beim Alten. Der sozialistische Staat stellte weiterhin gro\u00dfz\u00fcgig Mittel bereit und kontrollierte folglich die bildende Kunst. In den 1960er-Jahren sanken die ideologischen Anspr\u00fcche des Staates an die Kunst jedoch allm\u00e4hlich. Die Untergrundkunst, die zumindest teilweise in keiner Weise am staatlichen Kultursystem partizipierte, war verschwindend klein. 1968 entstanden in der Tschechoslowakei zwar viele gro\u00dfartige Kunstwerke, es waren aber nicht wesentlich mehr als in den Jahren zuvor. Es war dies ein Moment zerstreuter Konzentration, ein tiefes Einatmen, dem kein entsprechendes Ausatmen folgte. Eva Kmentov\u00e1s Human Egg<\/em> aus dem Jahr 1968 erinnert an eine Geburt oder Verwandlung. Die K\u00fcnstlerin schuf ein Negativ ihres eigenen K\u00f6rpers, der zusammengekauert in einer embryonalen Stellung von einer Eiform umgeben ist. Wo und inwieweit sie aus dieser H\u00fclle heraustrat, obliegt dem Ermessen eines jeden Betrachters bzw. einer jeden Betrachterin.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tKunst und Leben r\u00fcckten n\u00e4her zusammen als zuvor. 1968 schuf Zorka S\u00e1glov\u00e1 mehrere Skulpturen zum Thema Zufall. Sie platzierte Gummib\u00e4lle auf eine Holzoberfl\u00e4che und fixierte sie dort, wo sie zum Liegen kamen. Sie erkannte, dass Zufall oder Leben (oder was immer wir auch als das zentrale Prinzip, das diesen Erkenntnissen zugrunde liegt, bezeichnen wollen) durch seine Materialisierung \u00e4sthetisiert und eingefroren wird. Im August 1968 kam ihr die Idee, anstatt einer statischen Skulptur B\u00e4lle einfach in einen Teich zu werfen. Es sollte jedoch bis April 1969 dauern, bis S\u00e1glov\u00e1 und ihre Freunde 37 bunte B\u00e4lle in den Teich Bo\u0159\u00edn in Pr\u016fhonice warfen. Sie \u00fcberlie\u00dfen sie dort ihrem Schicksal und heute zeugen davon nur noch ein paar Fotografien.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDas Jahr 1968 stand ganz im Zeichen der Suche nach Alternativen, der Entdeckung neuer Ebenen der Freiheit, der Offenheit und des Experimentierens. 1969 pr\u00e4sentierte Jana \u017delibsk\u00e1 ihre Installation Kandarya \u2013 Mahadeva<\/em> in der Galerie V\u00e1clav \u0160p\u00e1la in Prag, die ihre Themen der vergangenen zwei Jahre b\u00fcndelte. Besser gesagt, ein Thema: Sex aus der weiblichen Perspektive. Mystik, Humor, Verbindungen zur Popkultur, Kunstgeschichte und Kitsch bestimmten diese Arbeit. Mir ist aus der offiziellen tschechoslowakischen Galerie der darauffolgenden zwanzig Jahre nichts Vergleichbares bekannt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die zentrifugalen Tendenzen der tschechoslowakischen Kunst von 1968 sind vielleicht die Bem\u00fchungen, nach Jahren der Isolation zum Rest der Welt aufzuschlie\u00dfen, und das Bed\u00fcrfnis, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Sieht man sich die Magazine und Zeitungen bis August 1968 an, so ist die H\u00e4ufigkeit des Themas \u201eWir und die Welt da drau\u00dfen\u201c nicht zu \u00fcbersehen. Die pl\u00f6tzliche Grenz\u00f6ffnung war eine berauschende Erfahrung, und die Wege nach \u201edrau\u00dfen\u201c bewirkten, dass man bisher gemachte Erfahrungen neu bewertete, wodurch Inspirationen und neue Ideen angeregt wurden. \u201eWir und die Welt da drau\u00dfen\u201c ist auch heute eines der gesellschaftlich wichtigsten Themen der Tschechischen Republik und der Slowakei, paradoxerweise jedoch in der entgegengesetzten Richtung. Heute wirkt das Gebiet hinter einer virtuellen Grenze f\u00fcr viele von uns als Quelle gef\u00e4hrlicher ideologischer Divergenz oder sogar als physische Bedrohung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWer vor 50 Jahren zumindest ein wenig herumreisen konnte, fuhr ins Ausland. Alex Mlyn\u00e1r\u010dik etwa verbrachte den turbulenten Mai 1968 in Paris. Er bewegte sich inmitten der Rebellion und fotografierte studentische Kampfansagen an den W\u00e4nden von Bildungseinrichtungen und staatlichen Institutionen. Die Frage ist, inwieweit seine Pr\u00e4senz inmitten der Versuche, das bestehende Regime zu st\u00fcrzen, seine sp\u00e4tere Arbeit beeinflusst hat. Es war vermutlich nicht einfach, die Ursachen der franz\u00f6sischen Unruhen zu verstehen oder sich mit ihnen zu identifizieren. Im Mai 1968 waren drei tschechoslowakische Filme f\u00fcr den Hauptbewerb der Filmfestspiele von Cannes nominiert. Als sich linke Regisseure unter der F\u00fchrung von Jean-Luc Godard mit den Studierenden solidarisierten und einen vorzeitigen Abbruch des Festivals forderten, l\u00f6ste das Verbitterung bei den ehrgeizigen Tschechen aus. Schlie\u00dflich hatten sie kein Problem damit, um die bourgeoisen Filmpreise zu k\u00e4mpfen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIm Mai 1968 reiste auch Petr \u0160tembera, ein Student der Fakult\u00e4t f\u00fcr Sozialwissenschaften und Journalismus, nach Paris. In seinem Fall handelte es sich zweifelsohne um eine transformative Erfahrung mit der bildenden Kunst. Die Ausstellungen, die er in Paris besuchte, machten ihm bewusst, dass sein Interesse nicht der Malerei, sondern der Prozesskunst galt. Als Tourist aus dem Osten spazierte er zehn Tage lang beinah ohne etwas zu essen durch die Stadt, was \u2013 wie er es formulierte \u2013 zur \u201eEntdeckung seines eigenen K\u00f6rpers als solchen\u201c f\u00fchrte. In den darauffolgenden zehn Jahren widmete er sich privaten Aktionen im Bereich der Performance, die aus Sicht des Gro\u00dfteils der Bev\u00f6lkerung und der tschechischen Kunstszene nichts mit deren Kunstverst\u00e4ndnis gemein hatten und f\u00fcr viele unverst\u00e4ndlich waren. \n\tDas k\u00fcnstlerische Leben in der Tschechoslowakei wurde nach 1970 grundlegend umstrukturiert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tAuch die Au\u00dfenwelt war an unseren Kunstschaffenden interessiert. Bereits vor der Invasion im August wurden Ji\u0159\u00ed Kol\u00e1\u0159 und Zdenek S\u00fdkora auf die documenta 4 eingeladen. Nach August 1968 stieg das Interesse an der Tschechoslowakei, ihrem Schicksal und ihrer Kunst aus Sympathie f\u00fcr den besetzten Staat deutlich an. Opus International<\/em> widmete sich in seiner Dezember-Ausgabe zum Beispiel ausschlie\u00dflich der Kunst der Tschechoslowakei. Sich mit der Situation nach August 1968 zurechtzufinden, war f\u00fcr Ausl\u00e4nder nicht immer einfach. Im M\u00e4rz 1969 reiste die linksradikale Filmgruppe Dsiga Wertow mit Regisseur Jean-Luc Godard nach Prag. Das Ergebnis ihres Aufenthalts war eine Dokumentation mit dem Titel Pravda<\/em> (Wahrheit), die besonders aufgrund ihrer Blindheit gegen\u00fcber den Gef\u00fchlen der tschechoslowakischen Bev\u00f6lkerung zu jener Zeit bemerkenswert war. Godard beklagte sich \u00fcber den Zustand linker Denkweisen, und es scheint, als bemerkte er nicht einmal, dass er sich in einem besetzten, von der Gegenrevolution zerrissenen Land befand. Eine aufgekl\u00e4rtere Reaktion auf die Okkupation vom August 1968 war das Czechoslovak Radio<\/a><\/em> des ungarischen Konzeptk\u00fcnstlers Tam\u00e1s St. Turby. Die Arbeit hat die Form eines gew\u00f6hnlichen Ziegels, auf den einfache Kreise gezeichnet waren. Der K\u00fcnstler reagierte damit auf den urbanen Mythos, demzufolge die Tschechoslowaken ihre Besatzer damit provozierten, indem sie vorgaben, Radio aus Ziegeln zu h\u00f6ren, die von den verwirrten Soldaten in den Panzern konfisziert wurden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\t\u00c4hnliche Beispiele subversiven Humors dauerten nicht l\u00e4nger als ein paar Tage. Versuche, die Entwicklungen umzukehren, bekamen durch die Selbstverbrennung von Jan Palach und anderen, die seinem Beispiel folgten, eine tragische Dimension. Die Zukunft begann zu verblassen. J\u00falius Koller schlug bereits vor 1968 in Bratislava den Weg in Richtung Konzeptkunst ein. Gleichzeitig widmete er sich jedoch weiterhin seiner Malerei und seinen vielschichtigen Interventionen. Mit der Bilderserie der Tschechischen Republik reflektierte er die Ereignisse der Nachwelt von 1968. Das Jahr 1969 bedeutete f\u00fcr ihn jedoch einen Durchbruch. Zu jener Zeit tauchte sein Fragezeichen zum ersten Mal als universelles Symbol des Zweifels, der Verunsicherung und einer unklaren Zukunft auf.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIn den 1970er-Jahren rechneten viele Tschechoslowaken mit dem Schlimmsten, der Wiederkehr der stalinistischen 1950er sowie Massenverhaftungen politischer Widersacher. Eine \u00e4hnliche Entwicklung sah der heimlich geweihte katholische Bischof Felix Maria Dav\u00eddek voraus. Innerhalb der im Untergrund agierenden Kirchengemeinschaft von Koin\u00f3t\u00e9s weihte er deshalb 1970 auch drei Frauen zu r\u00f6misch-katholischen Priesterinnen. Der Grund f\u00fcr einen derart revolution\u00e4ren Schritt war nicht so sehr der Glaube daran, dass ein Amt von Frauen und M\u00e4nnern gleicherma\u00dfen ausge\u00fcbt werden kann. Ziel des eigenwilligen Dav\u00eddek, der unter anderem Interesse an Happenings und der Fluxus-Bewegung zeigte, war der Aufbau von parallelen Kirchenstrukturen. Er selbst sa\u00df 14 Jahre in kommunistischen Gef\u00e4ngnissen und wollte sicherstellen, dass in den kommenden dunklen Jahren auch weibliche katholische Priester in Frauengef\u00e4ngnissen t\u00e4tig werden konnten. Die finstersten Prognosen bewahrheiteten sich gl\u00fccklicherweise nicht; die Konsolidierung der Tschechoslowakei verlief ohne gr\u00f6\u00dfere Verhaftungswellen. Die Namen und Schicksale von zwei geweihten Frauen blieben f\u00fcr immer unbekannt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tStano Filko, Cosmos, 1968. Multimedia-Umgebung mit audiovisuellem Programm. Ansicht der Installation STANO FILKO: PO\u00c9ZIA O PRIESTORE – KOZME, Slowakische Nationalgalerie in Bratislava, 2016. Foto: \u00a9 Martin Deko<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEin unbestrittener Verlust f\u00fcr die tschechoslowakische Gesellschaft und Kultur war die Auswanderungswelle, die 1968\u20131970 ihren H\u00f6hepunkt fand und in geringerem Ausma\u00df bis 1989 andauerte. Auslandsreisen waren limitiert. Das k\u00fcnstlerische Leben in der Tschechoslowakei wurde nach 1970 grundlegend umstrukturiert. Der urspr\u00fcngliche Verband tschechoslowakischer bildender K\u00fcnstler, der mehrere tausend Kunstschaffende vereinte, wurde als ideologisch unzuverl\u00e4ssig annulliert. An seine Stelle trat eine streng selektive Organisation, die in den ersten Jahren nur ein paar Dutzend, sp\u00e4ter Hunderte Mitglieder z\u00e4hlte. An staatliche Auftr\u00e4ge im Bereich der Kunst zu kommen war f\u00fcr nicht auserw\u00e4hlte Kunstschaffende in der Tschechischen Republik der 1970er-Jahre schwierig, in der Slowakei vielleicht auch etwas leichter. \u00d6ffentlich auszustellen war problematisch; eine M\u00f6glichkeit, die Auswahlgremien zu umgehen, bestand darin, Ausstellungen in kleinen Klubs oder kunstfremden Organisationen zu organisieren. Magazine hatten keine Bedeutung. Nach 1980 nahm die ideologische Kontrolle jedoch wieder ab und eine Reihe bis dahin ge\u00e4chteter Kunstschaffender stimmte den Spielregeln zu. Galeriek\u00e4ufe, Ausstellungen und Auftr\u00e4ge gingen auch an jene, die in den vergangenen Jahrzehnten als unzuverl\u00e4ssig galten. Der neue Verband tschechoslowakischer bildender K\u00fcnstler z\u00e4hlte 1987 wieder 4.000 Mitglieder. Die Anzahl der Menschen im Bereich der Kunst, die es kategorisch ablehnten, am offiziellen k\u00fcnstlerischen Leben teilzuhaben, belief sich auf wenige Dutzend.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie heutige junge Generation in der Tschechischen Republik und der Slowakei hat bereits keine emotionale Beziehung zu 1968 mehr. Sie verfolgt die m\u00f6glichen gesellschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Verbindungen nicht weiter. Eine n\u00fctzliche Lehre k\u00f6nnte daraus aber gezogen werden. Die erste H\u00e4lfte des Jahres 1968 und die Hoffnungen in den tschechoslowakischen Kontext standen im krassen Gegensatz zu dem, was Mitte der zweiten H\u00e4lfte folgte. Die n\u00e4chsten beiden Jahrzehnte waren in vielerlei Hinsicht schrecklich. Aber es hatte ein Ende. Auch wenn ich keinen Vergleich mit 50 Jahre alter Geschichte herstellen will, k\u00f6nnte darin der Kern einer Lektion f\u00fcr die heutige pessimistische Stimmung liegen. Wir sollten die Situation im Jahr 2018 nicht als unver\u00e4nderlich betrachten und zumindest dar\u00fcber nachdenken und diskutieren, was falsch l\u00e4uft, was anders zu machen w\u00e4re, und ein Programm sowie eine Methode entwickeln, dies umzusetzen. Die Botschaft der Geschichte ist eindeutig: Wir suchen uns die Zeit nicht aus, in der wir leben. Aber es liegt an uns, was wir mit unserer Zeit machen. Und wir wissen beinah mit Gewissheit, dass in 50 Jahren jemand daran interessiert sein wird, warum und wof\u00fcr wir uns heute entschieden haben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tErstmals publiziert auf\u00a0Tschechisch\u00a0am 13. August 2018 auf Artalk.cz<\/a> und am 27. August 2018 auf Englisch auf East Art Mags<\/a>. Tom\u00e1\u0161 Pospiszyls Betrachtungen zur bildenden Kunst der Tschechoslowakei im Jahr 1968<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1463,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,299,434],"tags":[381,264,345,267],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3564"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3564"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5560,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3564\/revisions\/5560"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1463"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3564"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
Den Beginn des Jahres 1968 erlebte ich in Wahrheit v\u00f6llig passiv auf meinem R\u00fccken liegend \u2013 als zwei Monate altes Baby. Deshalb habe ich auch keine bewussten Erinnerungen daran. Und doch ist es ein emotionales Thema. Als ich erwachsen wurde, wusste jeder, wie es damals war, auch wenn man dar\u00fcber nur mit seinen besten Freunden sprechen durfte. Das Jahr 1968 symbolisiert f\u00fcr mich und meine Generation einen gesellschaftlichen Umbruch und eine traumatische Vernarbung. Wir sollten sie wohl endlich heilen lassen und werden doch immer wieder dazu gedr\u00e4ngt, sie zu ber\u00fchren und zu reizen. Es scheint, als konzentrierte sich alles auf ein paar Monate, mit mehreren Einschnitten: die Liberalisierung aller Lebensbereiche, ihre gewaltsame Beendigung, die darauf folgende gesellschaftliche Lethargie und der Zerfall. Sozialismus mit menschlichem Antlitz und Besetzung. Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Freiheit und Unfreiheit. Es war das Jahr, das die n\u00e4chsten zwanzig Jahre vorherbestimmte, und zugleich das Jahr, in dem die Zukunft \u2013 im Sinne eines freien Raums von M\u00f6glichkeiten \u2013 eine Zeit lang zu existieren aufh\u00f6rte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Das Jahr 1968 markierte einen Durchbruch und doch mangelte es gleichzeitig an greifbaren k\u00fcnstlerischen Aktivit\u00e4ten, sogar was Milan Kn\u00ed\u017e\u00e1k betraf. Kn\u00ed\u017e\u00e1k verb\u00fc\u00dfte seit Mitte 1967 eine Bew\u00e4hrungsstrafe; er zog von Prag ins westb\u00f6hmische Kr\u00e1sno, wo er schrittweise eine freie A-Gemeinschaft gr\u00fcndete, die sich einem alternativen Lebensstil verschrieb. In Kr\u00e1sno erlebte Kn\u00ed\u017e\u00e1k auch den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts. Nach der Invasion im August 1968 bekam er ein Visum f\u00fcr die Vereinigten Staaten. Er trat seine Reise im September an, sa\u00df jedoch in Wien nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei ein Monat lang in Haft. Action for my mind<\/em> war alles, was ihm in dieser Zeit zu tun blieb. Nach seiner Ankunft in New York organisierte er noch zwei weitere Events, danach beschr\u00e4nkten sich seine Aktivit\u00e4ten auf den privaten Bereich.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Aus dem Englischen von Barbara Maya<\/a>.<\/em>
Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Tom\u00e1\u0161 Pospiszyl \/ Artalk.cz. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Zorka S\u00e1glov\u00e1, Werfen von B\u00e4llen in den See Bo\u0159\u00edn, Happening in Pr\u016fhonice, Projekt 1968, Realisierung im April 1969. Foto: \u00a9 Jan S\u00e1gl.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"