{"id":3552,"date":"2018-10-02T00:00:00","date_gmt":"2018-10-02T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/die-buergermeisterin\/"},"modified":"2021-08-23T14:00:59","modified_gmt":"2021-08-23T14:00:59","slug":"die-buergermeisterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/die-buergermeisterin\/","title":{"rendered":"Die B\u00fcrgermeisterin"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tSelemet ist ein Dorf in Moldau: verlassen, verfallen, vergessen \u2013 wie viele. Ein Viertel der 5.000-Seelengemeinde lebt im Ausland, die Dagebliebenen versuchen, das Aussterben zu verhindern. Allen voran die B\u00fcrgermeisterin Tatiana Badan.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSchon fr\u00fch am Morgen f\u00fcllt sich Selemet mit dem blumig-s\u00fc\u00dfen Duft der Akazien. Darunter mischt sich das aufdringliche Parf\u00fcm einer Frau, die in schwarzem Kost\u00fcm und auf Hackenschuhen \u00fcber die holprige Dorfstra\u00dfe st\u00f6ckelt. Weinroter Pagenkopf, weinrote Lippen, weinrote Fingern\u00e4gel, die gepflegte Arbeiterh\u00e4nde zieren, Oberarme wie die aller Frauen hier, die neben ihrer Hausarbeit auch Felder bestellen. Tatiana Badan ist eine starke Frau, in jeder Hinsicht. Stolz tr\u00e4gt sie die moldauischen Farben auf ihrer linken Brust, ein Anstecker in Flaggenform, auf dem \u201ePrimarul\u201c geschrieben steht: \u201eB\u00fcrgermeister\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWeit und breit ist niemand zu sehen, nur ein paar G\u00e4nse schnattern, \u00fcberqueren die Stra\u00dfe, ohne Angst \u00fcberfahren zu werden. Badan deutet zu ihrer Linken auf eine Ruine, die Fenster verriegelt, der Garten von mannshohem Unkraut \u00fcberwuchert, an der T\u00fcr rostet ein Vorh\u00e4ngeschloss: \u201eHier lebte einmal eine vierk\u00f6pfige Familie. Heute hat sie sich \u00fcber ganz Europa verstreut, nach Portugal, in die Ukraine, nach Russland.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEin paar Schritte weiter zeigt sie auf ein Haus, dessen bessere Zeiten offensichtlich l\u00e4nger zur\u00fcckliegen: \u201eTragischer Fall\u201c, sagt sie. \u201eDie Frau ging nach Italien, um zu putzen, und kehrte nie mehr heim. Seitdem trinkt sich ihr verlassener Mann zu Tode.\u201c Nicht weit davon: ein windschiefes Holzhaus. Verwitterte Fensterl\u00e4den, gebrochene Zaunlatten, geborstene Scheiben. Davor ein Ziehbrunnen. Hundegebell. \u201eHier wohnen nur noch die Gro\u00dfeltern, ihre f\u00fcnf Kinder leben l\u00e4ngst im Ausland. Niemand k\u00fcmmert sich um die Alten.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eHier lebte einmal eine vierk\u00f6pfige Familie. Heute hat sie sich \u00fcber ganz Europa verstreut, nach Portugal, in die Ukraine, nach Russland.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSieben Kilometer k\u00f6nnte Tatiana Badan so weitererz\u00e4hlen. So lang ist die Stra\u00dfe, die durch Selemet f\u00fchrt. Ein Viertel der 1.600 H\u00e4user steht leer. Auf den ersten Blick ein Ort, der f\u00fcr das Aussterben des Landes steht, auf den zweiten Blick aber ein Indiz daf\u00fcr, das noch nicht alles verloren ist.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDenn eine 53-j\u00e4hrige B\u00fcrgermeisterin versucht, ihrem Dorf die Tristesse zu nehmen, indem sie es lebenswerter gestaltet und Heimatgef\u00fchle unter den Weggezogenen weckt, damit sie vielleicht eines Tages wieder zu R\u00fcckkehrern werden. Manch einer nennt sie Vision\u00e4rin. \u201eOptimistin\u201c, verbessert Badan, l\u00e4chelt verlegen. Das Besondere an ihrer Position: Sie ist parteilos. Als unabh\u00e4ngige Politikerin umgeht sie damit zwar interne Querelen und b\u00fcrokratischen Wahnsinn, erh\u00e4lt allerdings keine R\u00fcckendeckung, schon gar keine finanzielle, auch nicht vom Bezirk. Blau\u00e4ugig fing sie an, Bittbriefe zu schreiben, an die norwegische NGO Norge-Moldova, die schwedische Botschaft und eine amerikanische Hilfsorganisation. Als die ersten Spenden eintrudelten, investierte sie das Geld in Projekte, die Bildung, Infrastruktur und Wirtschaft in Selemet verbesserten. So macht sie das nun seit f\u00fcnfzehn Jahren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tImmer am Draht: B\u00fcrgermeisterin Tatiana Badan am Grab ihrer Eltern, die nicht einmal siebzig Jahre alt geworden sind. Moldau hat eine der geringsten Lebenserwartungen Europas. Foto: \u00a9 Martin Zinggl<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAus einem Bauernhaus mit rissiger Fassade taucht der f\u00fcnfj\u00e4hrige Eugen auf, daneben seine siebzigj\u00e4hrige Urgro\u00dfmutter Zinaida Coptu, bei der er lebt. Jemand anderen hat Eugen nicht. Seine Mutter lebt in der eineinhalb Stunden entfernten Hauptstadt Chi\u0219in\u0103u, die Gro\u00dfeltern in Italien. Sie schicken jeden Cent, den sie entbehren k\u00f6nnen, nach Selemet. Dennoch tragen Eugen und seine Urgro\u00dfmutter ausgelatschte Sandalen und abgetragene Klamotten: der Junge einen schlabberigen Pullover und eine Kappe; die Frau eine Kittelsch\u00fcrze im Bl\u00fcmchenmuster, auf ihrem Kopf ein Wickeltuch. Nur ein Schneidezahn ist ihr geblieben, der immer wieder zum Vorschein kommt, wenn sie das immer selbe Wort wiederholt: schlecht!
Gesundheit? Familie? Geld? Wetter?
Alles schlecht!<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tZinaida Coptu w\u00fcnscht sich Regen, damit die Ernte nicht verdorrt. Dass ihre Enkelin, Eugens Mutter, mehr als einmal pro Monat zu Besuch kommt. Und dass der kleine Eugen seine Gro\u00dfeltern nicht nur vom Bildschirm eines Computers kennt. \u201eIn Moldau bleiben nur die ganz Jungen und die ganz Alten zur\u00fcck\u201c, sagt sie. \u201eWir haben nichts. K\u00f6nnen Sie uns nicht etwas geben?\u201c Badan sucht nach tr\u00f6stenden Worten: \u201eWir haben noch ein paar Kinderklamotten im Amt, Geld haben wir selbst keines.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eIn Moldau bleiben nur die ganz Jungen und die ganz Alten zur\u00fcck.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEin paar Kilometer weiter, im Dorfzentrum und Kern von Badans Reich, zeigt sich eine Gegenwelt: Die Stra\u00dfe wird asphaltiert, die Z\u00e4une strahlen gr\u00fcn, keine zehn Jahre alte H\u00e4user. So auch das Rathaus, darin ihr B\u00fcro, die Kantine, der Kindergarten, das Heim f\u00fcr Waisen und Kinder aus schwierigen Familien, die Zahnarztpraxis, der Fitnessraum. Ein Komplex f\u00fcnf moderner Geb\u00e4ude, ausgestattet mit Computern, Kranken- und Kinderbetten, Spielzeug, Rollst\u00fchlen. Umgeben von einem Garten mit gepflegten Blumenbeeten, Rasen und bemalten Bordsteinen, einem Spielplatz und Lauben, die Schatten spenden.

\u201eUnser Kindergarten feiert nun bald sein zehnj\u00e4hriges Jubil\u00e4um\u201c, erz\u00e4hlt sie. \u201eW\u00e4hrend andere D\u00f6rfer sich auf Stra\u00dfenbeleuchtung konzentriert haben, ging es uns um Bildungs- und Sozialeinrichtungen. Erst dann kommt die Infrastruktur und zum Schluss die wirtschaftliche Entwicklung.\u201c All das l\u00e4uft nach einem strategischen Plan, den Badan mit Hilfe der Sponsoren erstellt hat \u2013 und an dem sie eisern festh\u00e4lt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tStrahlende Kindergesichter sind selten. Zu den Gro\u00dftaten der B\u00fcrgermeisterin geh\u00f6rt das Projekt aus Kindergarten, Schule und Heim. Rund einhundert Kinder in Selemet leben ohne ihre Eltern. Foto: \u00a9 Martin Zinggl<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tSchr\u00e4g gegen\u00fcber des Rathauses, zwischen Busstation und Dorfkneipe, gl\u00e4nzt ein nagelneues Spiegelglas-Geb\u00e4ude in der Sonne. Jahrelang hatte die Polizei Frauen von der Stra\u00dfe verscheucht, die Gurken und Tomaten aus ihren G\u00e4rten feilboten. Badan schrieb an die Hilfsorganisation USAid und lie\u00df mit der Spende eine \u00fcberdachte Markthalle bauen. Seitdem sind Polizei wie Frauen zufrieden. Aus Nachbard\u00f6rfern erreichen die B\u00fcrgermeisterin Gl\u00fcckwunschbekundungen, in denen auch Neid mitschwingt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tRepublik Moldau<\/h2>\n\t
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\n\tEinst galt die Republik Moldau als Obst- und Gem\u00fcsegarten der Sowjetunion. Es war die am dichtesten besiedelte Region der ehemaligen Weltmacht. Heute steckt das Land in einer Identit\u00e4tskrise, findet sich als Spielball zwischen Russland und der EU.
Gleich zwei Negativrekorde hat die Republik Moldau vorzuweisen: Einerseits ist es das \u00e4rmste Land Europas \u2013 und vermutlich auch das unbekannteste. Andererseits wandern aus keinem anderen europ\u00e4ischen Land mehr Menschen ab. Etwa vierzig Prozent der Bev\u00f6lkerung im arbeitsf\u00e4higen Alter lebt bereits im Ausland. In den vergangenen 27 Jahren ging die Einwohnerzahl um 3,9 Prozent zur\u00fcck. Sch\u00e4tzungen der UNO zufolge wird die moldauische Bev\u00f6lkerung bis 2070 um ein Drittel schrumpfen. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind \u2013 neben der hohen Abwanderungsrate \u2013 Europas niedrigste Lebenserwartung (70,7 Jahre) und sinkende Geburtenzahlen. Mit 1,2 Kindern pro Frau liegt die Fertilit\u00e4tsrate unter dem EU-Durchschnitt von 1,6.<\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n

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\n\tAm n\u00e4chsten Tag feiert Selemet den 9. Mai, der an den Sieg \u00fcber Nazi-Deutschland erinnert. Hunderte scharen sich am Hauptplatz um das Siegerdenkmal: Dorfpfarrer, Zahnarzt, drei M\u00e4nner mit Gewehren, Dutzende alte Bewohner und 267 Sch\u00fcler der Grundschule, die vor wenigen Jahren noch von sieben Mal so vielen Kindern besucht wurde. Die B\u00fcrgermeisterin sch\u00fcttelt H\u00e4nde, verteilt K\u00fcsschen, legt ihren Arm um trauernde Frauen, die ihre M\u00e4nner und S\u00f6hne in Kriegen verloren haben. Nicht im Zweiten Weltkrieg, sondern in Afghanistan und der von Moldau abtr\u00fcnnigen Republik Transnistrien.

Der moldauischen Hymne folgen Gewehrsalven, danach Ansprachen vom Pfarrer und von Badan. \u201eBleibt Patrioten\u201c, sagt sie. \u201eGemeinsam k\u00f6nnen wir etwas erreichen, in der Schule, im Kindergarten und f\u00fcr den Rest unseres Lebens.\u201c Danach f\u00fchren die Sch\u00fcler St\u00fccke auf, die an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern: den Siegesmarsch der Roten Armee, die R\u00fcckkehr der \u00dcberlebenden zu ihren Familien, das Begr\u00e4bnis der Gefallenen. Badan lacht und klatscht abwechselnd, wischt sich Tr\u00e4nen aus den Augen, bevor sie einen Kranz niederlegt. An jenem Denkmal, das ihr allererstes Projekt im Dorf war, nachdem sie 2003 zur B\u00fcrgermeisterin gew\u00e4hlt wurde. Damals grasten K\u00fche und Ziegen um den Betonklotz mit den Inschriften der Verstorbenen, Kinder benutzten die Fl\u00e4che als Spielwiese. Badan lie\u00df das Denkmal umz\u00e4unen und einen Park anlegen.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tNach der Feier l\u00e4dt sie in die Dorfkantine ein, ein weiteres Projekt Marke Badan. Jeden Tag wird dort f\u00fcr alte M\u00e4nner und Frauen gekocht, f\u00fcr Waisen und Kinder aus armen Familien. Vierzig Personen bietet der gekachelte Raum Platz, in dem sich der Geruch von Putzmittel mit dem von H\u00fchnersuppe und Krautstrudel vermischt. Heute sitzt Badan beim Mittagessen dem Weisenrat des Dorfes gegen\u00fcber: dem Pfarrer, dem Zahnarzt und dreizehn weiteren M\u00e4nnern, die ihr L\u00f6cher in den Bauch fragen, manche davon mit lauter Stimme. \u201eWann wird die Stra\u00dfe endlich fertig?\u201c, \u201eWarum haben manche H\u00e4user noch immer keinen Gasanschluss?\u201c, \u201eWovon sollen wir nur leben?\u201c. Badan verbirgt ihre Anspannung hinter treuherzig-warmen Augen, bevor sie zu ihrer Geheimwaffe greift. Sie holt tief Luft und: redet. In einem Schwall, geziert von einem L\u00e4cheln, unterst\u00fctzt von ihren H\u00e4nden.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm Kern wiederholt sie die immergleiche Antwort, formuliert sie um wie eine altgewitzte Politikerin, l\u00e4sst keine Zwischenfragen zu und labert \u2013 so lange, bis die M\u00e4nner still sind. Das ist ihr Erfolgsrezept. Schweigen die Anwesenden, weil sie Badans kluge Argumente \u00fcberzeugen, weil sie von der Frau genervt sind oder weil ihnen der Kopf dr\u00f6hnt? Jedenfalls funktioniert die Methode \u2013 seit f\u00fcnfzehn Jahren. Denn Badan spricht nicht nur, sie handelt auch, sucht nicht nach Ausreden, sondern nach L\u00f6sungen. Und: Niemand l\u00e4sst sich auf Diskussionen mit dieser Frau ein, zumindest nicht, wenn er an dem Tag noch etwas vorhat. Gek\u00fcrzt sagen ihre Antworten: Mit dem n\u00e4chsten Geld machen wir die Stra\u00dfe fertig. Das eine Ende des Dorfes hat kein Wasser, daf\u00fcr Gas, am anderen Ende ist es umgekehrt. Wir k\u00f6nnen nur schrittweise vorankommen, mehr Geld haben wir nicht. Zuerst Bildung und Infrastruktur, danach k\u00fcmmern wir uns um das Einkommen. Bis dahin erntet, was ihr k\u00f6nnt, und verkauft es in der Markthalle.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie Idylle t\u00e4uscht. Auch Selemet ist ein Dorf wie viele: verlassen, verfallen, vergessen. Ein Viertel der Bewohner lebt im Ausland. Foto: \u00a9 Martin Zinggl<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tBadans Tochter studiert in Amerika, ihr Sohn arbeitet in Chi\u0219in\u0103u. Zusammen mit ihrem Ehemann lebt sie in einem Haus, das sich das Paar mit einer zweiten Familie teilt. Der H\u00fchnerstall im Garten steht leer, denn f\u00fcr Vieh hat sie keine Zeit mehr. Daf\u00fcr parkt dort ein Traktor, den Badans Mann regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr seine Arbeit auf dem Feld nutzt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tAm Ende eines langen Tages schaufelt sie in ihrer K\u00fcche Bratkartoffeln in eine Sch\u00fcssel. Weg sind die Hackenschuhe, weg das Kost\u00fcm, weg die B\u00fcrgermeisterin, zumindest \u00e4u\u00dferlich. Innerlich wird sie ihr Amt nicht los. \u201eIch bin zu neunzig Prozent meiner Arbeit verpflichtet.\u201c Dass sie nicht alle Sorgen ihrer Mitb\u00fcrger bew\u00e4ltigen kann, kostet viel Kraft \u2013 und vor allem Zeit. Die Ehe hat darunter gelitten, auch die Beziehung zu ihren Kindern. \u201eIch w\u00e4re gerne wieder mehr daheim\u201c, sagt sie, \u201eaber es gibt niemanden, der den Job \u00fcbernehmen will.\u201c

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    \n\tRastlos bis zum Feierabend: Auch zu Hause f\u00fchrt Tatiana Badan Regie, sehr zur Freude von Ehemann Valentin. Foto: \u00a9 Martin Zinggl<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\t\u201eMargaret Thatcher\u201c, ruft ihr Mann Valentin aus dem Wohnzimmer, nicht nur, um sie zu \u00e4rgern. Er leidet unter dem Amt seiner Frau. Im Hintergrund l\u00e4uft ein Fernseher.
    Dass Badans Beliebtheit in Selemet nicht leidet, beweist ihre vierfache Wiederwahl als B\u00fcrgermeisterin. Immer wieder gewann sie mit nahezu einhundert Prozent der Stimmen. 2011 trat sie als einzige Kandidatin an. Ihren gr\u00f6\u00dften Gegner und Kritiker hatte sie zu Hause.

    \u201eDa kann nur etwas faul sein\u201c, ruft Ehemann Valentin von nebenan und lacht. \u201eBesser wir laden zur n\u00e4chsten Wahl eine unabh\u00e4ngige Beobachterkommission ein.\u201c Hinter der Sp\u00fcle l\u00e4chelt die B\u00fcrgermeisterin kurz mit.

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    \n\tErstmals publiziert auf Reporterreisenmoldau.de<\/a>, sowie am 30. Juni 2018 auf spiegel.de<\/a> und am 14. Juli 2018 in der Wiener Zeitung<\/a>.<\/em>

    Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Martin Zinggl. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der
    Redaktion<\/a>.<\/em>
    Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Grund zur Freude: Zwischen Pflichtterminen findet die B\u00fcrgermeisterin noch Zeit, die Geburtstagsfeier der Schuldirektorin zu besuchen. Foto: \u00a9 Martin Zinggl
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    Wie Tatiana Badan versucht, das moldawische Dorf Selemet vor dem Aussterben zu bewahren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3553,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,299,436],"tags":[449,398,366],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3552"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3552"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3552\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5574,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3552\/revisions\/5574"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3552"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}