{"id":3544,"date":"2018-09-14T00:00:00","date_gmt":"2018-09-14T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/kann-europa-schiefgehen-natuerlich\/"},"modified":"2021-08-23T14:02:36","modified_gmt":"2021-08-23T14:02:36","slug":"kann-europa-schiefgehen-natuerlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/kann-europa-schiefgehen-natuerlich\/","title":{"rendered":"Kann Europa schiefgehen? Nat\u00fcrlich"},"content":{"rendered":"
\n\tEs gibt kaum einen Text, der die aktuelle Misere der Europ\u00e4ischen Union so \u00fcberzeugend seziert wie Europad\u00e4mmerung<\/em> von Ivan Krastev. Der bulgarische Politikwissenschaftler beschreibt darin, wie die Fl\u00fcchtlingskrise lange ignorierte Br\u00fcche zwischen West- und Osteuropa, aber auch zwischen den W\u00e4hlern und ihren Eliten sichtbar machte.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tKrastev ist Permanent Fellow am Institut f\u00fcr die Wissenschaft vom Menschen in Wien und leitet dort den Forschungsschwerpunkt Democracy in Question<\/em>. Krastev ist kein Wohlf\u00fchlintellektueller – weder in seinem Buch, noch in dem neunzigmin\u00fctigen Gespr\u00e4ch. Er sagt nicht, dass alles gut wird. Seine Nachricht an die Menschen und Politiker Europas: Es geht nicht mehr um eine sch\u00f6ne Weiterentwicklung der EU, sondern nur noch um das \u00dcberleben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tHerr Krastev, ich war gerade in Z\u00fcrich, um mir den Auftritt von Trumps Ex-Berater Steve Bannon anzusehen…<\/strong> \n\tSeltsam.<\/strong> \n\tBannon tourt aktuell durch Europa, um den Sieg der populistischen Bewegung zu verk\u00fcnden. Hat er Recht?<\/strong> \n\tWelche sind das?<\/strong> \n\tIn Ihrem Buch geht es viel um die Missverst\u00e4ndnisse zwischen West- und Osteuropa, die in der Fl\u00fcchtlingskrise wieder aufgebrochen sind. Was ist der fundamentale Unterschied?<\/strong> \n\t“Westeuropa besch\u00e4ftigt sich mit realer Migration, Osteuropa mit der Vorstellung davon.”<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSie schreiben, dass sich die Westeurop\u00e4er nicht im Klaren dar\u00fcber sind, was die Emigration f\u00fcr die osteurop\u00e4ischen Staaten bedeutet. Was bedeutet sie?<\/strong> \n\tInwiefern?<\/strong> \n\tIvan Krastev wurde 1965 in Lukovit, Bulgarien, geboren. Der Politologe ist Leiter des Centre for Liberal Strategies<\/a> in Sofia und Fellow am Institut f\u00fcr die Wissenschaften vom Menschen<\/a> in Wien. 2017 ver\u00f6ffentlichte er den Essay Europad\u00e4mmerung<\/a><\/em>, in dem er beschreibt, wie die Fl\u00fcchtlingskrise die EU in Ost\/West teilte, was die Ablehnung der Fl\u00fcchtlinge mit der Revolution von 1989 zu tun hat, warum sich der Autokratismus in Osteuropa zu erheben scheint – und warum das eine Gefahr f\u00fcr die gesamte EU darstellt. \n\tDinge ver\u00e4ndern sich, davor kann man die Menschen nicht bewahren.<\/strong> \n\tR\u00fcckkehr nach Reims.<\/strong> \n\tEs gibt aktuell eine gro\u00dfe Diskussion dar\u00fcber, ob man sich zu viel auf die Identit\u00e4tspolitik konzentriert habe.<\/strong> \n\tDie einen sagen, die Besch\u00e4ftigung mit den Sorgen grabe den Populisten das Wasser ab. Die anderen, dass das ihre Themen letztlich nur st\u00e4rke. Was stimmt?<\/strong> \n\tIst das nicht ein Strohmann-Argument? Es wird doch in der Realit\u00e4t nicht \u00fcber offen oder geschlossen gestritten, sondern \u00fcber das Ausma\u00df.<\/strong> \n\tSebastian Kurz hat so die Wahl in \u00d6sterreich gewonnen. Ist das eine gute oder schlechte Taktik?<\/strong> \n\t“Es geht nicht mehr um eine sch\u00f6ne Weiterentwicklung der EU, sondern nur noch um das \u00dcberleben.”<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIhr Buch malt ein m\u00f6gliches Ende Europas, wie wir es kennen, an die Wand. Wie retten wir Europa?<\/strong> \n\tEric Ponse, ein langj\u00e4hriger Br\u00fcssel-Korrespondent, schrieb unl\u00e4ngst, wir malen immer noch das Bild von Br\u00fcssel als einem langweiligen Ort des Konsens, obwohl es seit mindestens zwei Jahren ein Kampfplatz sei.<\/strong> \n\tKann \u00d6sterreich unter Kurz eine verbindende Rolle zwischen West- und Osteuropa spielen?<\/strong> \n\tWarum nicht?<\/strong> \n\tWenn wir in f\u00fcnf Jahren dieses Interview f\u00fchren, wird es noch eine europ\u00e4ische Union geben?<\/strong> \n\tErstmals publiziert im DATUM<\/a> im April 2018.<\/em> Ivan Krastev \u00fcber den Bruch zwischen Ost und West<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3545,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,245],"tags":[344],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3544"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3544"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3544\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5576,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3544\/revisions\/5576"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3545"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3544"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3544"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3544"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3544"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
Oh, wie war das?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Von allen Leuten aus dem Umfeld Trumps habe ich Bannon immer am interessantesten gefunden. Er bezeichnet sich ironischerweise selbst als Leninist. Aber mich erinnert er eher an Trotzki: der glorreiche F\u00fchrer der Revolution, der am Ende den internen Kampf verliert und isoliert dasteht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Die interessante Frage ist ja eher: Wie w\u00fcrde ein Sieg des Populismus ausschauen? Stellen wir uns f\u00fcr einen Moment eine Welt vor, in der Trump Pr\u00e4sident der USA, Le Pen Pr\u00e4sidentin Frankreichs und die AfD in Deutschland an der Macht w\u00e4re. Es w\u00e4re ein st\u00e4ndiger Krieg. Bannon kommt nach Europa, freut sich daran, wie die Leute Merkel oder Clinton ausbuhen. Aber er kann keinen Plan anbieten, was nach einem Sieg passieren w\u00fcrde. Seine permanente Revolution hat innere Widerspr\u00fcche, die einer Internationalisierung im Wege stehen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
F\u00fcr Bannon besteht die Welt aus drei Kriegen: einem internen Krieg gegen die amerikanische Form des Liberalismus, einem politischen Krieg des Westens gegen den Islam, einem Handelskrieg jeder gegen jeden. Aber er untersch\u00e4tzt, dass die europ\u00e4ischen Gesellschaften sehr viel \u00e4lter, konservativer und \u00e4ngstlicher gegen\u00fcber Revolutionen sind. Welches Interesse sollten Deutsche oder Schweizer an einem Handelskrieg haben? International ist an dieser Bewegung nur, dass sie gewisse Ressentiments teilt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Die ethnische Zusammensetzung der Gesellschaft hat sehr unterschiedliche Erfahrungen zur Folge. Ungarn hat einen Ausl\u00e4nderanteil von 1,4 Prozent, \u00d6sterreich 13 Prozent. Wenn wir \u00fcber Migration oder Diversit\u00e4t sprechen, sprechen West- und Osteuropa \u00fcber unterschiedliche Dinge. Westeuropa besteht aus heterogenen Gesellschaften, die nach einem Weg suchen, Vielfalt zu managen. Osteuropa besteht aus ethnisch homogenen Gesellschaften, die nach einem Weg suchen, Vielfalt zu vermeiden. Westeuropa besch\u00e4ftigt sich mit realer Migration, Osteuropa mit der Vorstellung davon. Aber die Vorstellung kann viel angsteinfl\u00f6\u00dfender sein. Wir reden viel \u00fcber Interessen, \u00fcber Werte, aber es sind vor allem Erfahrungen, die unser Bewusstsein schaffen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Es ist das Gef\u00fchl, dass sich die Nation aufl\u00f6st. Als in den Sechziger-, Siebzigerjahren die Geburtenraten fielen, wuchs in den kleinen, homogenen osteurop\u00e4ischen Nationen das Bewusstsein, sie k\u00f6nnten jederzeit verschwinden. Dann kam 1989, und die Menschen verschwanden wirklich, nur eben in den Westen. In den letzten 25 Jahren haben zehn Prozent der Bulgaren das Land verlassen – die Jungen, die Mobilen. In jeder Revolution der Geschichte waren es die Verlierer, die das Land verlassen mussten. Die Revolution 1989 war die erste, wo die Sieger emigrierten und die Verlierer zur\u00fcckblieben. Auch Migration ist eine Form von Revolution, sie ver\u00e4ndert das Leben aller.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Lassen Sie mich mit einer Geschichte antworten. Der ehemalige italienische Innenminister Giuliano Amato hat einmal eine alte Frau in Rom besucht, die seit vier Jahren ihr Apartment nicht verlassen hatte. Amato fragte sie, warum, ob sie schlechte Erfahrungen mit Migranten in ihrer Gegend gemacht h\u00e4tte. Sie sagte nein, alle seien freundlich. Aber sie h\u00e4tte ihr ganzes Leben lang in der Gegend gewohnt. Eines Tages sei sie vor die T\u00fcr getreten, und alles sei ihr fremd vorgekommen. Die Ger\u00fcche, die Stra\u00dfen. Die Frau war nicht einmal w\u00fctend. Aber sie hat sich nicht mehr zuhause gef\u00fchlt und blieb deshalb daheim.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\tIvan Krastev<\/h2>\n\t
Foto: \u00a9 ERSTE Stiftung\/Markus Schwarze<\/em><\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n
Nein, aber wir vergessen das oft. Unser Fokus liegt auf den Menschen, die ihr Leben aktiv ver\u00e4ndern, indem sie zum Beispiel aus Afrika nach Europa kommen. Und es ist gut, dass sie ihr Leben ver\u00e4ndern. Aber es gibt eben sehr viele Menschen, die das niemals tun, aber deren Welt sich um sie herum ver\u00e4ndert. Diese Menschen f\u00fchlen sich entwurzelt. Und sie k\u00f6nnen nicht mehr zur\u00fcck, weil es dieses Zur\u00fcck nicht mehr gibt. Menschen wie Bannon nutzen dieses Gef\u00fchl aus. Die Nachkriegsgeneration in Westeuropa hat in ihrem Leben nur Frieden, Wachstum und Stabilit\u00e4t gekannt. Das ist aber historisch gesehen ein Ausnahmezustand. Jetzt setzt wieder ein Wandel ein, und das ist angsteinfl\u00f6\u00dfend, weil die Sicherheit verschwindet.
Kann es linke Antworten auf die Migrationskrise geben?<\/strong>
Es ist kein Zufall, dass die politische Linke aktuell eines der Opfer der Migrationskrise ist. Die Linke hat ein Problem: Wenn man nicht an eine globale Revolution, an eine Angleichung der Lebensrealit\u00e4ten glaubt, ist der Internationalismus tot. Er wird zur B\u00fcrde. Arbeiter wandern zu den Rechten, weil diese ihnen wirtschaftlichen und kulturellen Protektionismus versprechen. Es gibt dieses wundervolle Buch von Didier Eribon.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Ich glaube, niemand hat so gut beschrieben, was gerade passiert. Das Kind w\u00e4chst in einer bitterarmen Arbeiterfamilie auf, die aus einem Klassenstolz heraus stets die kommunistische Partei w\u00e4hlt. Kulturell unterscheiden sich die Menschen in der Siedlung nicht wirklich von heute, sie haben schon damals sexistische und rassistische Tendenzen. Aber irgendwann beginnen sie sich zu f\u00fchlen wie die Bauern Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts: Ihre Welt, ihre Bedeutung verblasst. Und die Rechten versprechen ihnen, diese Welt ein wenig zu erhalten. Heute sind die linken Parteien von Akademikern, Staatsbediensteten und Pensionisten gepr\u00e4gt, weil die Arbeiter rechts w\u00e4hlen und die jungen Linken kein Interesse an Parteipolitik haben. Wenn man zu einem Psychologen geht, fragt der einen oft drei Fragen: Wer bist du? Wo kommst du her? Wo willst du hin? Im Moment kann die Linke keine dieser Fragen zufriedenstellend beantworten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Wenn man einem US-Arbeiter irgendwo in den Midwest-Staaten sagt, Hillary Clinton sei als Frau eine unterdr\u00fcckte Minderheit, wird ihn das w\u00fctend machen. Er sieht doch, dass sie die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me der Elite ist. Aber insgesamt ist es komplizierter. Wir stehen am Beginn einer Machtverschiebung zwischen ethnischen Gruppen, zwischen den Geschlechtern. Lange hat niemand der wei\u00dfen Arbeiterklasse das Recht zugestanden, die Verlierer dieser Entwicklung zu sein. Wir verstehen nicht einmal, wie sie denkt, weil wir nichts mit ihrem Leben gemeinsam haben. Wir sitzen hier in einer gro\u00dfen Bibliothek, trinken Kaffee, essen Kuchen. Deshalb ist es ein wenig l\u00e4cherlich, wenn wir den Menschen erz\u00e4hlen, was sie denken und sagen d\u00fcrfen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Ich wei\u00df es nicht. Ich glaube, wir sehen nicht nur die eben beschriebene Ersch\u00fctterung in den Machtverh\u00e4ltnissen, sondern auch eine gewaltige kulturelle Verschiebung. Sie erinnert mich an die Siebzigerjahre, aber in die umgekehrte Richtung. Damals hatten wir sehr junge Gesellschaften, die Wirtschaft wuchs, die Universit\u00e4ten weiteten sich enorm aus. Die Ideen der jungen, akademischen Eliten ver\u00e4nderten \u00fcber Jahrzehnte ihre Gesellschaften. Ihnen ging es um die Rechte marginalisierter Menschen. Heute reden wir wieder \u00fcber Rechte, es geht aber um die Rechte der Mehrheitsbev\u00f6lkerung. Vor zehn Jahren war Identit\u00e4tspolitik f\u00fcr Minderheiten reserviert, heute bedient sich auch die wei\u00dfe Mehrheitsbev\u00f6lkerung daran. Es ist einfach, das zu verdammen. Man kann aber auch anerkennen, dass die Mehrheitsbev\u00f6lkerung in bestimmten Punkten nicht v\u00f6llig falsch liegt. Ihre Position in der Migrationsfrage ist berechtigt: Es kann keine L\u00f6sung f\u00fcr die EU sein, einfach ihre Grenzen zu \u00f6ffnen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Wenn wir uns die historische Entwicklung von Amerika anschauen, wurde die Gesellschaft von einem st\u00e4ndigen Wechsel zwischen Offenheit und Abschottung gepr\u00e4gt. Das ist normal, es geht immer um das Ma\u00df. Die Gesellschaft braucht Zeit, um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Angela Merkel hat die letzte Wahl gewonnen. Aber nicht, weil sie die Grenzen ge\u00f6ffnet hat. Auch nicht, weil sie sie geschlossen hat. Sondern weil sie beides getan hat. Man wird nicht umhinkommen, gewisse Argumente der Populisten in seine eigene Politik zu integrieren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Was gut oder schlecht ist, wissen wir in zehn Jahren. Ich d\u00e4monisiere Kurz nicht. F\u00fcr mich macht es auch keinen Sinn, ihn mit Orb\u00e1n zu vergleichen. Aus zwei Gr\u00fcnden: Kurz ist ein typischer Post-68-Konservativer. Er ist gegen einige der progressiven Errungenschaften, aber er ist mit ihnen aufgewachsen, und bestimmte Formen von Diskriminierung kann er gar nicht mehr intellektuell erfassen. Osteurop\u00e4ischen Konservativen geht es um die Zur\u00fcckweisung der Moderne als Ganzes. Was aber wichtig ist: Ich sehe in \u00d6sterreich keinen Versuch, das Verh\u00e4ltnis von Checks and Balances zu ver\u00e4ndern. Kurz will die Gesellschaft umbauen, aber nicht die Regeln der Demokratie.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Ich glaube die Frage sollte eher einfacher sein: Was ist die Alternative? Glauben wir wirklich, dass unser Leben ohne die EU einfacher und besser w\u00e4re? Wir leben in einer viel interessanteren Welt, haben ein neues Gef\u00fchl von Raum, M\u00f6glichkeiten und Zusammengeh\u00f6rigkeit. Wir reden in Wien, Lissabon, Warschau \u00fcber dieselben Probleme. Die Deutschen haben in der Finanzkrise begonnen, sich f\u00fcr die griechische Wirtschaft zu interessieren – in der typisch arroganten Art und Weise, aber immerhin. Das ist doch unglaublich. Die aktuellen Krisen sind eine Chance. Wir reden jetzt ehrlicher miteinander, mit unseren Traumata, unseren Erfahrungen. Und weniger mit dem Bullshit, dass alles f\u00fcr alle eine Win-Win-Situation w\u00e4re. Kann das schief gehen? Nat\u00fcrlich. Aber es ist eine Chance.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Ich glaube, da hat er recht. Br\u00fcssel ist ein seltsamer Ort, ich verstehe ihn nicht. Br\u00fcssel ist gef\u00fcllt mit extrem kompetenten Menschen, aber einem seltsamen Mangel an Politik. Es ist gut, wenn sich das \u00e4ndert, konfrontativer wird. Ich habe der EU immer den Vorwurf gemacht, dass sie politische Probleme nicht als politische, sondern kommunikative Probleme sieht. Jede Politik hat Gewinner und Verlierer. Das wirklich Gef\u00e4hrliche ist nicht der Streit, sondern die Delegitimierung der Position des anderen. Dann gibt es n\u00e4mlich keine M\u00f6glichkeit mehr zum Kompromiss.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Ich glaube, dass die Parallelen auch in der Migrationsfrage \u00fcbersch\u00e4tzt sind. Aus Gr\u00fcnden, die ich bereits ausgef\u00fchrt habe. Aber Kurz ist ein talentierter Politiker. Er wird einige der \u00c4ngste, die Osteuropa hat, kanalisieren. Das wirklich Interessante an der Diskussion um die Zukunft Europas wird sein, wer mit wem streitet. Ich hoffe, dass die Debatte zwischen Kurz und Macron stattfindet. Kurz artikuliert eine bestimmte konservative Vision von Europa, Macron eine viel progressivere. Aber es sind verschiedene Pole derselben europ\u00e4ischen Tradition. Das ist mit Orb\u00e1n und Kaczy\u0144ski anders. Europa, wie wir es kennen, kann unter Orb\u00e1n nicht funktionieren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Wenn Orb\u00e1n sagt, vor 25 Jahren war Europa ein Vorbild f\u00fcr uns, jetzt sind wir ein Vorbild f\u00fcr Europa, macht er einen \u00e4hnlichen Fehler wie Bannon: Er bedenkt nicht, dass Gesellschaften unterschiedlich sind. Man wird nie einen bulgarischen Premierminister so \u00fcber Muslime reden h\u00f6ren wie Orb\u00e1n. Ganz einfach, weil wir eine gro\u00dfe muslimische Minderheit und eine gemeinsame Grenze mit der T\u00fcrkei haben. Wir k\u00f6nnen uns nicht leisten zu reden wie Orb\u00e1n. Und ich glaube nicht einmal, dass er das versteht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Es wird eine andere Union sein. Aber wir haben heute auch eine andere Union als in den Achtzigern. Wovor ich am meisten Angst habe, sind Unf\u00e4lle. Im Mai 2016 hat sich ein befreundeter Professor bei mir beklagt: All die Zeitungen, die Brexit-Gastkommentare von ihm haben wollten, w\u00fcrden seine Zeit verschwenden. Er hat zahlreiche Gr\u00fcnde aufgez\u00e4hlt, warum der Austritt aus der EU f\u00fcr das Vereinigte K\u00f6nigreich ein irrationaler Wahnsinn sei und nicht kommen w\u00fcrde – wieso diskutiere man \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit eines Brexits? Irgendwann habe ich ihn unterbrochen und gefragt: Hat dir niemand gesagt, dass Schei\u00dfe einfach manchmal passiert? Wenn die Union zerbricht, wird es genau das gewesen sein: eine Kombination aus Ungl\u00fcck und falschen Entscheidungen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Der ungarische Premierminister Viktor Orb\u00e1n w\u00e4hrend der Debatte \u00fcber Ungarns Situation im Rahmen einer Plenarsitzung im Europ\u00e4ischen Parlament am 11. September 2018 in Stra\u00dfburg. Foto: \u00a9 Frederick Florin\/AFP\/picturedesk.com.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"