{"id":3529,"date":"2018-08-21T00:00:00","date_gmt":"2018-08-21T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/jetzt-steh-ich-als-armer-hund-alleine-da\/"},"modified":"2021-08-23T14:08:49","modified_gmt":"2021-08-23T14:08:49","slug":"jetzt-steh-ich-als-armer-hund-alleine-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/jetzt-steh-ich-als-armer-hund-alleine-da\/","title":{"rendered":"\u201eJetzt steh\u2019 ich als armer Hund alleine da.\u201c"},"content":{"rendered":"
\n\tHaben Sie sich schon einmal gew\u00fcnscht, nicht mehr auf dieser Welt sein zu m\u00fcssen? Weil das Leid so gro\u00df war, dass Sie es keine Sekunde l\u00e4nger ertragen wollten. Weil Sie dachten, der Schmerz zerrei\u00dft Sie in lauter kleine St\u00fccke. Aber Sie sind nicht zerrissen. Nur haben Sie keine Wohnung mehr. Keine Familie mehr. Und auch keine Freunde mehr. \u201eUnd zu erfrieren, das habe ich bisher nicht geschafft\u201c, sagt Heinrich und zeigt auf seinen Schlafplatz. Heinrich ist obdachlos und lebt derzeit neben den Gleisen beim Wienfluss.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEs hat minus vier Grad. Ich trage eine Nylonstrumpfhose, dar\u00fcber eine Wollstrumpfhose und Jeans. Zwei Schals. Es ist bitterkalt an diesem J\u00e4nnerabend. Ich stehe in H\u00fctteldorf, dort beim Wienfluss, unter der Autobahnbr\u00fccke. Ein Zufluchtsort f\u00fcr obdachlose Menschen. Sie sind dort von den St\u00fctzmauern der Autobahnbr\u00fccke, die den Wind fernhalten, etwas gesch\u00fctzt. Vor mir steht ein kleiner, \u00e4lterer Herr. Er ist eingepackt in eine dicke Ski-Jacke und raucht eine Zigarre. Ich bin mir nicht sicher, ob er tats\u00e4chlich obdachlos ist. Er sieht aus ein paar Metern Entfernung nicht unbedingt so aus. Keine Tragtaschen in der Hand, ordentlich gekleidet. Ich spreche ihn trotzdem an. Er ist redselig, stellt sich fast singend vor. Bei n\u00e4herer Betrachtung sehe ich die schlechten Z\u00e4hne und merke, dass er etwas verwirrt scheint. Ziemlich schnell stellt sich heraus, dass er tats\u00e4chlich auf der Stra\u00dfe lebt. Heinrich ist 62 Jahre alt. Dieses Gespr\u00e4ch mit Heinrich ist das erste, das ich mit einem obdachlosen Menschen gef\u00fchrt habe. Vorsichtig taste ich mich heran. Doch es ist einfach, mit ihm zu reden. \n\tEin Zufluchtsort f\u00fcr obdachlose Menschen: Heinrich unter der Autobahnbr\u00fccke am Wienfluss in H\u00fctteldorf. Foto: \u00a9 Yvonne Widler<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tHeinrich sagt, er sei von seiner Familie vertrieben worden. Er erz\u00e4hlt von seinem intriganten Bruder, der ihn um sein Erbe gebracht habe. Die grau-blauen, leicht rot unterlaufenen Augen gl\u00e4nzen, als er von seiner Mama und ihren Schnitzeln erz\u00e4hlt. Er schwelgt in Erinnerungen an seine Ex-Frau, mit der er ein Haus gebaut hat. Er sagt, dass er schon einige Male im Gef\u00e4ngnis war und erz\u00e4hlt von vielen Auslandsaufenthalten und wilden Zeiten auf den G\u00fcterwegen. Heute, sagt er, geht er mit W\u00fcrde und Stolz Wurstbrote essen in die Wiener Kl\u00f6ster. Er erz\u00e4hlt vom Karl, der ihm heute dort seinen Vanillepudding geschenkt hat. Heinrich sagt, er ist seit \u00fcber 15 Jahren obdachlos. Er muss selbst nachrechnen, die Jahre vergehen doch so schnell. \u201eMeine erste Suppe in einer Notunterkunft werde ich nie vergessen.\u201c \n\tWie \u00fcberlebt man das?<\/strong> \n\tMan f\u00e4hrt nach Hause ins Warme und wei\u00df, der alte Mann wird jetzt in der eisigen K\u00e4lte schlafen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tIch frage ihn, ob er etwas Bestimmtes dringend braucht. Etwas, was ich ihm beim n\u00e4chsten Mal mitbringen soll. Er h\u00e4lt kurz inne, holt tief Luft und pl\u00f6tzlich schie\u00dft es aus ihm heraus. \u201eEinen Schokonikolo und Bananen. Das sind Jahresdelikatessen, da hat man so lange was davon.\u201c Damit habe ich nicht gerechnet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tHeinrich kennt die kalte Jahreszeit im Freien. Foto: \u00a9 Yvonne Widler<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tNach so einem Treffen verl\u00e4sst man den Ort mit einem seltsamen Gef\u00fchl. Man f\u00e4hrt nach Hause ins Warme und wei\u00df, der alte Mann wird jetzt in der eisigen K\u00e4lte schlafen. Heinrich geht nur in eine Notunterkunft, wenn es wirklich nicht anders geht. Er ist gerne alleine.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDer Journalismuspreis \u201evon unten\u201c<\/a> wurde 2010 von der Armutskonferenz entwickelt. Mit dem Ziel einen Journalismus zu f\u00f6rdern, der den vielen Facetten von Armut gerecht wird, Betroffene respektvoll behandelt, ihre Stimmen h\u00f6rbar bzw. sichtbar macht und Hintergr\u00fcnde ausleuchtet. Die Jury setzt sich ausschlie\u00dflich aus Menschen mit Armutserfahrungen zusammen und auch deshalb ist die W\u00fcrdigung f\u00fcr die bisher 53 ausgezeichneten JournalistInnen etwas Besonderes. \n\tWenn man mit Obdachlosen arbeitet, wei\u00df man im Moment, in dem man sich verabschiedet, nicht, ob man diese Menschen jemals wiedersehen wird. Selten haben sie Telefone oder fixe Pl\u00e4tze, wo man sie sicher antreffen kann. Also fahre ich immer auf gut Gl\u00fcck nach H\u00fctteldorf, um Heinrich wieder zu treffen. Beim dritten erfolglosen Versuch hinterlasse ich ihm einen Zettel mit einer Uhrzeit und einem Treffpunkt f\u00fcr die kommende Woche. Und ich verstecke dort eine Tasche, vollgepackt mit jenen Dingen, die er sich beim letzten Treffen gew\u00fcnscht hat \u00ad\u2013 und jenen Dingen, von denen ich dachte, sie k\u00f6nnten recht n\u00fctzlich sein. \n\tAuf seinem Schlafplatz t\u00fcrmen sich alte Kleidungsst\u00fccke. Auch Frauen- und Kinderkleidung liegt da herum. Er bedeckt damit die F\u00e4kalien. \u201eUnd drunter sind auch M\u00e4use\u201c, kichert Heinrich. Seine Dokumente hat er immer bei sich, in einem dunkelblauen Stoffsack.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tArbeit auf der Stra\u00dfe<\/strong> \n\tOtti. Foto: \u00a9 Yvonne Widler<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWieder hat es drau\u00dfen Minusgrade. Die beiden Frauen haben winterfeste Schlafs\u00e4cke und dicke Socken dabei. Eine meiner ersten Fragen war r\u00fcckblickend betrachtet wohl eine der naivsten, die ich Susanne Peter jemals gestellt habe. Aber eine, die sich wohl jeder von uns stellt: \u201eWollen denn nicht alle Obdachlosen ins Warme, wenn es kalt ist?\u201c Ist es denn nicht immer noch besser, in einer \u00fcberf\u00fcllten Notunterkunft als drau\u00dfen im Schnee zu liegen? \n\tEssenausgabe am Neubaug\u00fcrtel. Foto: \u00a9 Yvonne Widler<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tViele dieser Menschen sind nicht imstande, Hilfe anzunehmen. Sie vertrauen niemandem mehr. Oder sind geistig nicht in der Verfassung dazu. \u201eEs ist oft so, dass die Klienten am Anfang sagen, es gehe ihnen gut. Sie seien gerne auf der Stra\u00dfe.\u201c Aber Susanne Peter wei\u00df, dass das nicht stimmt. Bei keinem einzigen. Diese Menschen k\u00f6nnen es sich einfach nicht mehr vorstellen, das \u201enormale Leben\u201c. \u201eWenn jemand jahrelang auf einer Toilette haust, dann ist das nicht mehr denkbar. Es braucht viel Zeit, viel Geduld, um zu schauen, wie man an die Leute herankommt, wann der richtige Zeitpunkt f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung ist. Da geht es viel um Vertrauen.\u201c \n\tSie wissen nicht, wann sie erfrieren<\/strong> \n\t\u201eEin Mensch, der keine regelm\u00e4\u00dfige K\u00f6rperhygiene vornehmen kann und nicht ausgeschlafen ist, kann schwer arbeiten gehen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWie oft Susanne Peter den Vorwurf geh\u00f6rt hat, das seien doch alles nur arbeitsscheue Alkoholiker, selbst schuld an ihrer Situation und einfach nur faul, wei\u00df sie nicht. Wer wirklich wolle, der k\u00f6nne. Sie sch\u00fcttelt dann nur den Kopf. \u201eEin Mensch, der keine regelm\u00e4\u00dfige K\u00f6rperhygiene vornehmen kann und nicht ausgeschlafen ist, kann schwer arbeiten gehen. Hinzu kommt, dass Obdachlose nichts versteckt tun k\u00f6nnen. Wir trinken unser Bier am Abend auf der Couch vor dem Fernseher, sie auf der Parkbank. Nicht alle sind Alkoholiker.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tFoto: \u00a9 Yvonne Widler<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tYvonne Widler mit Fred im Stadtpark. Foto: \u00a9 Yvonne Widler<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDie K\u00e4lte zehrt an der Substanz. Herbert ist 64 Jahre alt. Er wei\u00df, dass das kein Dauerzustand sein kann. Herbert kennt viele Obdachlose. \u201eDas ist keine Schande, das kann schnell gehen\u201c, sagt er. Und schlie\u00dflich muss man ins Obdachlosenheim. \u201eWenn dich deine Kinder dort besuchen, das ist das Schlimmste. Die V\u00e4ter, die weinten bitterlich, vor Scham\u201c, erinnert sich Herbert. Herbert ist einer, mit dem man reden kann. Der sich helfen l\u00e4sst, nach einer Zeit. Die Sozialarbeiterin sucht gerade eine betreute Wohneinrichtung f\u00fcr ihn. Der zweite Versuch, ihn wieder einzugliedern in das normale Leben. Beim ersten Versuch ist Herbert gescheitert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tWahrnehmung und Realit\u00e4t<\/strong> \n\tErstmals publiziert am 10. J\u00e4nner 2016 auf NZZ.at<\/a>.<\/em> \n\t<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tEs gibt keine Zahlen. Man wei\u00df einfach nicht, wie viele Menschen hierzulande kein Zuhause haben. Die letzten offiziellen Informationen gibt es aus dem Jahr 2006. Damals seien rund 37.000 Menschen im Rahmen der Wohnungslosenhilfe betreut worden. Wir haben uns auf die Stra\u00dfen begeben und mit obdachlosen Menschen gesprochen. Das Ergebnis ist eine Dokumentation<\/a>, die Einblick in die Gedanken und das Leid, aber auch in die Freuden dieser Menschen gibt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Hier, ganz drau\u00dfen in H\u00fctteldorf, bei den \u201eBetonlauben\u201c am Wienfluss, zischt der eiskalte Wind \u2013 trotz der Schutzmauer \u2013 dennoch erbarmungslos durch den gemauerten Kanal, wo sich Jogger und Biker den Radweg teilen. Dicke Tauben sitzen in den l\u00f6chrigen W\u00e4nden, Autos rauschen vorbei. Mir frieren die Finger ein als ich das Ton-Aufnahmeger\u00e4t halte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Er erz\u00e4hlt von seinem Sohn, der Krankenpfleger ist, von dem er sich komplett entfremdet hat. \u201eIch bin schon ein Trottel, aber nicht so dumm, dass ich bei anderen einen Schaden anrichte.\u201c Er erz\u00e4hlt, dass beide Eltern gestorben sind, er beim Grab von seinem Vater erst k\u00fcrzlich eine Kerze angez\u00fcndet hat. Er erz\u00e4hlt von seiner Sachwalterin, mit der er h\u00f6chst unzufrieden ist. Sie sagt, mit so einem komme sie nicht zurecht.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Die Winterzeit im Freien kennt Heinrich schon. \u201eIch bin hier im Schnee gelegen\u201c, sagt er und deutet auf seinen Schlafplatz. \u201eWie \u00fcberlebt man das?\u201c, frage ich ihn. \u201eMit Medikamenten. Wenn es richtig kalt ist, fahre ich zur Notapotheke und hole mir etwas gegen die Schmerzen. Diese acht Euro, die halte ich immer bereit. Und weil das Leben so sch\u00f6n ist, leiste ich mir auch manchmal einen Rausch.\u201c Er holt eine Plastikflasche hervor, die mit Wein gef\u00fcllt ist. Heinrich sagt, er hat sich schon oft gew\u00fcnscht, nicht mehr auf dieser Welt sein zu m\u00fcssen. Wenn der Punkt aber kommt, wo er einfach loslassen h\u00e4tte k\u00f6nnen, dann tat er es aber nicht. \u201eEs gibt ja doch immer noch sch\u00f6ne Dinge in meinem Leben. Da habe ich aber lange gebraucht, um die zu sehen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
\n\tJournalismuspreis \u201evon unten\u201c<\/h2>\n\t
Seit 2015 wird mit Unterst\u00fctzung der ERSTE Stiftung und des EAPN<\/a> (Europ\u00e4isches Armutsnetzwerk) an einer internationalen Verbreitung des Preises gearbeitet und daf\u00fcr internationale Austausch-Workshops organisiert. Zuletzt wurde der Journalismuspreis f\u00fcr respektvolle Armutsberichterstattung erstmals auch in Ungarn, Kroatien, Finnland und Island verliehen. 2016 wurde dieser Artikel von Yvonne Widler in der Kategorie Online ausgezeichnet.<\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n
Eine Woche sp\u00e4ter stehe ich wieder dort bei Heinrichs Schlafplatz. Und pl\u00f6tzlich h\u00f6re ich seine Stimme. Er singt ein altes Lied, das ich nicht kenne, und fordert mich auf \u00ad\u2013 w\u00e4hrend er n\u00e4herkommt \u00ad\u2013 mitzusingen. Ich frage ihn, ob er die Tasche, die ich f\u00fcr ihn versteckt habe, gefunden hat. \u201eNat\u00fcrlich, alles schon weggeputzt\u201c, sagt er. Auch dieses Mal habe ich einen Schokonikolo dabei. Ich habe ihn noch nicht einmal ganz hervorgeholt, da rei\u00dft Heinrich ihn mir auch schon aus der Hand. \u201eTausend Dank, junge Dame.\u201c Er hat kaum noch Z\u00e4hne im Mund, deshalb muss er den Schokonikolo, von dem er sogar getr\u00e4umt hat, wie er sagt, lutschen.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Je k\u00e4lter es wird, desto enger wird es auch in den Notschlafstellen. Seit September 2014 gibt es in der Gruft Stockbetten. Endlich ist das Schlafen auf Isomatten auf dem Boden Geschichte. Aber noch vor zwei Jahren haben die Menschen sogar in den Duschen geschlafen, weil es so eng war im Winter.
Ich begleite die Caritas-Sozialarbeiterin Susanne Peter und eine Kollegin beim Nachtstreetwork. Ich treffe sie in der Gruft. Es ist eng dort an diesem kalten Winterabend. Manchen geht es gesundheitlich sehr schlecht, viele sind psychisch krank. Schreien herum. Da wird von den anderen Verst\u00e4ndnis erwartet, eine heikle Situation.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Um diese Frage zu beantworten, muss man zuallererst die Vorstellung, die man von Obdachlosen im Kopf hat, beiseite r\u00e4umen. W\u00e4hrend wir uns auf den Weg zum ersten Klienten, Herbert, machen, erz\u00e4hlt mir Susanne Peter unterschiedliche Geschichten von Betroffenen.
Sie erz\u00e4hlt von einer alten Frau, die seit \u00fcber zehn Jahren bei Neuwaldegg im Wald lebt. Sie hat kein Geld, bezieht keinerlei Eink\u00fcnfte. Sie lebt aus M\u00fclleimern, von Pfarren und Passanten. Und das seit zehn Jahren. Die Ann\u00e4herung war \u00e4u\u00dferst schwierig, die Frau hatte Angst vor Susanne Peter, hat nicht mit ihr gesprochen. Wenn die Sozialarbeiterin n\u00e4her kam, fing sie an zu schreien. Nach einem halben Jahr konnte Susanne Peter herausfinden, wie die Frau hei\u00dft. Dann wurde die Sachwalterschaft beantragt. \u201eDa drau\u00dfen leben gerade viele obdachlose Menschen, die wir noch gar nicht kennen, in W\u00e4ldern oder Abbruchh\u00e4usern.\u201c
Die Sozialarbeiterin erz\u00e4hlt von einem Mann, der seit einem Dreivierteljahr nicht duschen war, seit er seine Wohnung verloren hat. Nach etlichen Gespr\u00e4chen gelang es ihr, ihn zu \u00fcberreden, in die Gruft mitzukommen und sich dort zu waschen und neue Kleidung anzuziehen. Der Mann war stark verwahrlost. Jeder normale Mensch f\u00fchlt sich besser, wenn er sauber ist. Doch nicht dieser Mann. Ihm ging es danach sehr schlecht. Er hatte seine Identit\u00e4t verloren. Diese Identit\u00e4t, die er durch seine alte Kleidung noch besessen hatte. \u201eDiese Menschen reagieren oft in einer Art und Weise, die wir nicht ganz verstehen k\u00f6nnen. F\u00fcr sie ist das aber schl\u00fcssig.\u201c
Sie spricht von einem 28-j\u00e4hrigen Mann, der seit 12 Jahren auf der Stra\u00dfe lebt und schwerste Depressionen hat. Von Menschen mit offenen Wunden, in denen sich Maden gebildet haben. Wenn \u00fcberhaupt eine e-card vorhanden ist, so ist die Scham, damit zu einem Arzt zu gehen, oft viel zu gro\u00df.
Susanne Peter erz\u00e4hlt von einer obdachlosen Frau, die untertags immer Telefonzellen putzt. N\u00e4herte man sich an, so wurde sie laut und hat darum gefleht, sie bitte alleine zu lassen. Die Sozialarbeiterin kam ein Jahr lang immer wieder zu der Frau, hat es mit allen Tricks probiert. Schlie\u00dflich gelang ein erstes Gespr\u00e4ch \u00fcber Putzmittel, das war der Ansto\u00df f\u00fcr den Beginn ihrer Beziehung.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Es sind einerseits Menschen, die selbst nie Halt gehabt haben, in Heimen aufgewachsen sind, ohne Familie. Menschen, die bereits fr\u00fch traumatische Erlebnisse hatten und die durch die Obdachlosigkeit ein weiteres Trauma erfahren mussten. Andererseits findet man vermehrt auch ehemals Selbstst\u00e4ndige, die Konkurs angemeldet haben. Heute sind es zunehmend Menschen, die viel besessen, aber aufgrund widriger Umst\u00e4nde alles verloren haben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Psychische Erkrankungen haben in den letzten Jahren bei obdachlosen Menschen zugenommen. \u201eWir merken, dass das ein gro\u00dfes Thema ist. Das ist auch der Grund, warum wir mit Psychiatern auf Nachtstreetwork gehen und diese Menschen aufsuchen\u201c, sagt Klaus Schwertner, Generalsekret\u00e4r der Caritas. Im Winter sei es wichtig, in Kooperation mit der Polizei und dem Amtsarzt festzustellen, ab wann eine Person gef\u00e4hrdet ist, weil diese Personen nicht absch\u00e4tzen k\u00f6nnen, ab wann sie erfrieren. Es gibt Gesetze, die erlauben, dass man diese Menschen dann gegen ihren Willen mitnimmt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
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Auch ich habe viele Geschichten von obdachlosen Menschen geh\u00f6rt. Geschichten \u00fcber ihr Leben. Wo sie \u00fcberall waren, welche Jobs sie hatten, wie reich sie einmal waren. Geschichten mit vielen Ungereimtheiten. Doch meist ist es nicht wichtig, ob die Geschichte stimmt oder nicht. \u201eWenn der Klient sagt, er hat das erlebt, dann f\u00fchlt er das so, und dann hat er es erlebt. Ob es wirklich unserer Realit\u00e4t entspricht, ist egal. Seiner entspricht es\u201c, sagt die Sozialarbeiterin.
Heinrich steht bei unserem letzten Treffen wieder in seiner Betonlaube beim Wienfluss. Der kleine Mann blickt zu mir herauf und sagt ganz ruhig: \u201eIch bin ein Verlierer. Jetzt steh\u2019 ich als armer Hund alleine da.\u201c Dann heben sich seine Mundwinkel und er l\u00e4chelt mich an. \u201eIhre Eltern sind sicher stolz auf Sie, junge Dame.\u201c Ich l\u00e4chle zur\u00fcck und frage ihn, was er sich im neuen Jahr w\u00fcnscht. \u201eDass es leichter wird. Dass es ges\u00fcnder wird. Und dass es einfacher wird mit meinem Kreislauf, Blutdruck und Cholesterin. Dass ich das mit den Medikamenten vom Caritas-Bus wieder in den Griff bekomme.\u201c Dann steckt er sich ein gro\u00dfes St\u00fcck vom Schoko-Nikolo in den Mund und freut sich wie ein Kind \u00fcber diese Delikatesse, von der er so lange etwas hat.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Yvonne Widler. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Fred. Foto: \u00a9 Yvonne Widler.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\tReise durch das arme Wien<\/h2>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n