{"id":3486,"date":"2018-04-27T00:00:00","date_gmt":"2018-04-27T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/erschoepfte-kunst-geografien\/"},"modified":"2021-06-30T10:07:30","modified_gmt":"2021-06-30T10:07:30","slug":"erschoepfte-kunst-geografien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/erschoepfte-kunst-geografien\/","title":{"rendered":"Ersch\u00f6pfte (Kunst-)Geografien"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tNach vielen theoretischen, praktischen und politischen Versuchen, eine Definition f\u00fcr die Geopolitisierung zeitgen\u00f6ssischer Kunst zu finden, insbesondere nach dem Fall des Kommunismus in Osteuropa, sehen wir uns der Unm\u00f6glichkeit gegen\u00fcber, die Politik geografischer Verortung jenseits unserer Weltkarte mit ihrer neoliberalen Machtverteilung neu zu definieren. Unsere globale Welt wurde unter Anwendung verschiedener Mittel der Diversifikation \u2013 der alten, also der kolonialen, kapitalistischen und patriarchalischen Mechanismen sozialer und geografischer (Re-)Produktion, wie auch der neuen, also technischen, wissenschaftlichen und (technisch-)kulturellen Methoden sozialer und territorialer Identifikation \u2013 zu einem geopolitischen Ort, dem sich die Mehrheit der Menschheit nicht zugeh\u00f6rig f\u00fchlt. Menschenunw\u00fcrdige Migrationsstr\u00f6me und der desastr\u00f6se Klimawandel sind die ultimativen geopolitischen Ausw\u00fcchse der heutigen Klassengesellschaft innerhalb der neoliberalen Globalit\u00e4t permanenter Kriegshandlungen.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eErsch\u00f6pfte Geografien\u201c\u2013 laut Definition von Irit Rogoff \u2013 entstehen aus politischen oder wirtschaftlichen Kriegen, Klima- oder anderen Krisen, die sich mit der (un-)m\u00f6glichen Politik der Zugeh\u00f6rigkeit\/Identifikation \u201eals materielle Manifestationen von Territorialit\u00e4t sowie nicht aufrechtzuerhaltenden territorialen Anspr\u00fcchen\u201cIrit Rogoff. \u201cExhausted Geographies<\/a>\u201d (Keynote). Crossing Boundaries Symposium, INIVA, London 2010. <\/sup> befassen. Viele k\u00fcnstlerische Praktiken, Theorien, Ausstellungen und Kritiken, die in den politischen Darstellungen dieser ersch\u00f6pften Geografien ihren Ausdruck finden, schaffen geopolitische Zonen des Unbehagens, die sich auch nicht f\u00fcr territoriale, nationale, ethnische, religi\u00f6se, wirtschaftliche oder andere Arten von Geografien innerhalb der Politik der globalen Dominanz und (post-)humaner Ausbeutung mobilisieren lassen. Die Gesamtheit all dieser Handlungen formt die Politik der heutigen Kunst, wiewohl die Frage der Ersch\u00f6pfung es weiterhin verunm\u00f6glicht, das fordernde und repressive Kunstsystem zu durchbrechen, das die neoliberalen Bedingungen unseres allt\u00e4glichen Lebens rezipiert und reproduziert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWenn wir solchen ersch\u00f6pften Geografien Lefebvres Konzept eines \u201eGegenraums\u201c bzw. \u201eDifferenzraums\u201c einverleiben, einschlie\u00dflich der Widerspr\u00fcche, die diese Positionen\/Orte heute hervorrufen, ergeben sich \u2013 sobald es zur Reproduktion sozialer Beziehungen kommt, und zwar nicht nur in der Kunst sondern im Allgemeinen \u2013 zwei Tendenzen: \u201eDie Aufl\u00f6sung alter Beziehungen einerseits und die Schaffung neuer Beziehungen andererseits.\u201cHenri Lefebvre. Die Produktion des Raums. Englische Ausgabe. Blackwell. 1991. Seite 52. <\/sup> Der Konflikt, der die explosionsartige Hervorbringung von abstraktem, homogenem und symbolischem Raum (die heutige neoliberale Geografie, die die vorhandenen Unterschiede ausl\u00f6scht, indem sie andere extremisiert) f\u00f6rdert, wird laut Lefebvre einen Raum hervorbringen, der \u201eanders\u201c ist, d. h. einen neuen geopolitischen Raum der sozialen Praxis, der \u201ediesen Lokalisierungen ein Ende setzt, die die Integrit\u00e4t des Individuums, der Gesellschaft, der menschlichen Bed\u00fcrfnisse und des vorhandenen Wissens zerst\u00f6rt.\u201cEbenda. <\/sup><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDerartige Gegenr\u00e4ume k\u00f6nnen zumindest aufgrund der politischer Artikulation sozialer Utopien entstehen, aufgrund aufkommender revolution\u00e4rer Strategien, die auf \u201eneuen r\u00e4umlichen Codes\u201c basieren und beweisen, dass Raum bzw. Geografie heutzutage \u201eim Zentrum zielgerichteter Aktionen und K\u00e4mpfe\u201cEbenda. Seite 410. <\/sup> steht. An diesem Punkt trifft die nie enden wollende Ersch\u00f6pfung auf die Politik der Hoffnung als Mittel des Widerstands gegen die Resignation und die global verbreitete Akzeptanz, dass all die erw\u00e4hnten Krisen einfach Teil des Lebens sind.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tNach diesen theoretischen Einblicken in Kunstpraktiken, insbesondere jene, welche die Geografie durch transgrediente Stimmen, visuelle Zuschreibungen und \u00e4sthetische St\u00f6rfelder in den Bereich des politischen Denkens und sozialen Lebens einbringen, widmen wir uns der k\u00fcnstlerischen Praxis und den vielen k\u00fcnstlerischen Werken, die in der irrgeleiteten Politik einen Ausl\u00f6ser f\u00fcr neue Kunst oder eine differenzierte Art davon betrachten. Diese noch ungewisse und nicht domestizierte Kunstform r\u00fchrt vom Gegenraum der sogenannten zeitgen\u00f6ssischen Kunst \u2013 jener Kunst, die seit geraumer Zeit die Grenzen der Identifikation (neu) schafft, indem sie sich die geopolitischen Beziehungen der globalisierenden, also kolonialisierenden, Maschinerie des neoliberalen Staates zunutze machte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMargareta Kerns Kunstprojekt \u201eTo Whom Does the World Belong?\u201cKern, Margareta<\/a>. \u201cTo Whom Does the World Belong?\u201d (2013\u201315). <\/sup> stellt der kapitalistischen Welt von heute \u2013 einer Welt, die sich Armut, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, globaler Desorientierung und m\u00f6glichem sozialem Widerstand gegen\u00fcbersieht \u2013 diese schon von Brecht aufgeworfene Frage.Referenz auf einen Film von Bertolt Brecht: \u201eKuhle Wampe Oder: Wem Geh\u00f6rt Die Welt?\u201c unter der Regie von Slatan Dudow, Deutschland, 1932. <\/sup> Mit der politischen Montage ihrer Arbeit, in der sie Stop\/Slow-Motion-Animation, Zeichnungen, Stimmen, Aufnahmen von Gedichten, Videodokumentationen, Ger\u00e4usche und Stille einsetzt, weckt sie in uns eine innere Stimme, die uns anleitet, unsere Gedanken bestimmt und unsere Handlungen neu ausrichten l\u00e4sst, und gleichzeitig die synkretistische Erfahrung (\u00c4sthetik) des politischen Affekts schafft.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMargareta Kern. \u2018The State of Body\u2019 aus der animierten Videoserie \u2018To Whom Does the World Belong?\u2019 2013-2015. Video still<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEs ist eine Stimme zu vernehmen, die das Ende des Handelstages an einer B\u00f6rse verk\u00fcndet, w\u00e4hrend mit den Zeilen eines Gedichts die Konturen eines Frauenk\u00f6rpers nachgeahmt werden, einer Frau, die w\u00e4hrend des Arabischen Fr\u00fchlings im Jahre 2011 durch eine Stra\u00dfe in \u00c4gypten gezerrt wurde. Ein niedergerungener Aufstand und eine Frau, die sowohl von der Polizei als auch vom neoliberalen Staat und dem gegenw\u00e4rtigen Patriarchat geschlagen wurde, sind im Zentrum eines Bildes, das um die ganze Welt gegangen ist.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDieses politische Spektakel eines angekratzten Bildes, einer Animation, die im Moment, in der sie \u00e4sthetische Anspr\u00fcche st\u00f6rt, zum Stillstand kommt, ist auch der rote Faden, der sich durch dieses Kunstprojekt zieht \u2013 und Staat, Wirtschaft und Kunst trennt. Eine andere Videoanimation dieses Projekts namens \u201ebodies that can\u2019t take any more. images that can\u2019t take any more\u201c entf\u00fchrt uns in den ersch\u00f6pfenden Raum des zeitgen\u00f6ssischen Kunstsystems, wobei es sowohl dessen Politik als auch seine Politisierung anspricht. Margareta Kern verwendet ein Video aus der schweizerischen Zeitung \u201eTagesWoche\u201c, das die Kunst- und Polizei-Intervention rund um die k\u00fcnstlerisch-architektonische Installation \u201eFavela Caf\u00e9\u201c von Tadeshi Kawamata und Christophe Scheidegger zeigt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMargareta Kern. \u2018Bodies that can\u2019t take anymore, images that can\u2019t take anymore\u2019 aus der animierten Videoserie \u2018To Whom Does the World Belong?\u2019 2013-2015. Video still<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm Rahmen der Art Basel 2013 war die Installation auf einem \u00f6ffentlichen Platz in Basel mit nachfolgender Vermietung an die private Kunstmesse errichtet worden. Dieses Kunstwerk veranlasste lokale Kunstschaffende und Aktivisten zu einem Protest: Sie veranstalteten als eine Art aktivistische Intervention im Inneren der Installation eine Party. Dies f\u00fchrte wiederum dazu, dass die Polizei die aktivistische Intervention gewaltsam aufl\u00f6ste, als die Musik am sp\u00e4ten Abend nicht leiser gedreht wurde. Die Videodokumentation der Polizeigewalt wurde genau zu diesem Zeitpunkt aufgenommen und machte somit den gleichzeitigen Zusammenbruch der Kunstinstallation und der k\u00fcnstlerischen Intervention zu einem kollektiven Kunstevent.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMargareta Kern manipuliert das Filmmaterial, indem sie den Affekt politisiert; genauer gesagt filtert sie alle Ger\u00e4usche heraus, l\u00e4sst kontinuierlich jeden dritten Frame aus und bringt durch stetiges Vor- und Zur\u00fcckspulen Unruhe in das aufgenommene Spektakel. Sie f\u00fchrt die Politik der (abwesenden) Stimme in das \u201eKunstevent\u201c ein, die von der heutigen Kunstwelt spricht, d. h. von ihren stummen Wirkmechanismen, kompatiblen Formaten f\u00fcr den Kunstmarkt und aktivistischen Produktionen, und stellt dadurch die Frage: \u201eHat die Kunstwelt von heute eine Stimme? Zu wem spricht sie und in wessen Namen?\u201d Kerns repetitive \u00c4sthetik des Fehlerhaften verf\u00fchrt uns gleichzeitig dazu, einen radikalen Schnitt in der Produktion und Politik eines Kunstevents in Betracht zu ziehen, und f\u00fchrt uns an einen Punkt, an dem wir die Sensationsgier eines Bildes (und das Spektakel des Events selbst) hinter uns lassen und einen Raum betreten, in dem Auflehnung und sozialem Kampf politisch Ausdruck verliehen wird. Die heutige Kunstwelt, aber auch die Mechanismen hinter Aktivismus und den Strukturen des Kunstsystems, spiegeln den Staat und die Wirtschaft wider, die wiederum die Kunst regulieren.Petrovi\u0107, Jelena. \u201eThe Politics of Glitch or Aesthetics of Error?\u201c Katalog Margareta Kerns Einzelausstellung \u201eTo Whom Does the World Belong?\u201c Kulturzentrum Belgrads, November 2015. <\/sup><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEine weitere Frage ist: \u201eWas bedeutet Kunstwelt heute \u00fcberhaupt? Wenn wir uns dem (den) Kunstsystem(en) verweigern, den Regeln, die bestimmen, wie wir ihnen beitreten und wie wir sie auch wieder verlassen k\u00f6nnen, wenn wir die nicht mehr so neuen Medien ignorieren, die prek\u00e4ren, auf Kunst fu\u00dfenden Forschungsmethoden der \u00dcberproduktion sowie die M\u00f6glichkeiten, mit Computern Kunst zu machen, oder wenn es uns nicht wichtig ist, uns selbst mithilfe der uns zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel und unserer gesamten menschlichen Ressourcen, in deren Besitz wir heute als Erschaffende unseres Selbst sind, voranzutreiben \u2013 was bleibt dann?\u201c. Im Vergleich zu fr\u00fcheren (neo-)avantgardistischen oder radikalen Versuchen, Gesetze, Systeme, Unterdr\u00fcckungen zu zerschmettern sowie die Regeln ordentlicher Produktivit\u00e4t in k\u00fcnstlerischen Schaffens-, Erkenntnis- und Pr\u00e4senzprozessen zu durchbrechen, gibt uns diese Post-, Inter- und Trans-Kunstwelt grunds\u00e4tzlich die Freiheit, alles zu machen, was wir wollen, beh\u00e4lt sich aber gleichzeitig vor, dar\u00fcber zu entscheiden, was Freiheit \u00fcberhaupt ist, oder zumindest welchen Preis sie hat. Das ist ein ziemlich harter Brocken. Es gibt nur wenige K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, wahrscheinlich sogar gar keine, die sich diesen Regeln der \u201efreien\u201c (gleichzeitig aber kostenpflichtigen) Kunstgesellschaft verweigern, insbesondere wenn sie von ihrer Kunst leben. Im Allgemeinen l\u00e4sst sich also feststellen, dass radikale Kunst (und die ausf\u00fchrenden Personen) heutzutage eine Art Kompromiss mit dem neoliberalen System (gleich ob es nun k\u00fcnstlerisch, sozial oder geopolitisch ausgerichtet ist) eingehen. Doch wie gro\u00df darf das Ausma\u00df der Kompromissbereitschaft sein?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDiese Fragen tauchen auf, wenn wir Andreja Dugand\u017ei\u0107s Art begegnen, wie sie \u201egerechte\u201c Kunst machtInformationen zu Andreja Dugand\u017ei\u0107s Kunst finden Sie hier<\/a>. <\/sup>, insbesondere wenn sich ihre WEIGERUNG, eine \u201eandere\u201c Kunst\/eine Kunst \u201eder Anderen\u201c zu machen, als irrgeleitete Politik herausstellt. Diese Politik spricht dar\u00fcber, wie man eine radikal andere Zukunft durch Kunst ansto\u00dfen kann, die sich eine Politik der Freiheit jenseits bestehender neoliberaler, patriarchaler und kolonialer Verfahren, mit denen man die Gesellschaft \u201enormaler machen\u201c kann, vorstellt, sie konzeptioniert und hervorbringt. In solchen sozialen Umst\u00e4nden, die gegen das System arbeiten, entsteht ein Projektergebnis oder ein Kunstprodukt \u00fcblicherweise als Fehler, St\u00f6rfall, Bruch oder Abweichung von der Norm. Der rote Faden durch Andrejas Worte, Sounds, Bilder, Affekte, Belege, Erinnerungen zieht sich durch das Labyrinth des allt\u00e4glichen Lebens und macht somit derartig grundlegende Fehler m\u00f6glich \u2013 Fehler, die nachhallen wie die tautologische \u00c4u\u00dferung: \u201eIch machte Kunst, um Kunst zu machen\u201cDiese Aussage stammt aus einem Gespr\u00e4ch mit Andreja Dugand\u017ei\u0107 \u00fcber Kunstproduktion innerhalb\/au\u00dferhalb des heutigen Kunstsystems. <\/sup>, eine vielversprechende, emanzipatorische und befreiende Aussage, wenn wir wissen, aus welcher Position heraus ein bejahendes \u201eIch mache es\u201c ge\u00e4u\u00dfert wird.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIn diesem Kontext kommt zuallererst gest\u00f6rter Sound in den Sinn, der Elektrofusion, Pop-Art-Trash und Humorvolles hervorbringt. Gemeinsam mit Jelena Milu\u0161i\u0107 gr\u00fcndete Andreja Dugand\u017ei\u0107Neben Andreja Dugand\u017ei\u0107 und Jelena Milu\u0161i\u0107 wurde \u201eStarke\u201c von DJ Jasmina Malemed\u017eija und sp\u00e4ter DJ Ilvana Dizdarevi\u0107 unterst\u00fctzt. <\/sup> die feministische Synthiband \u201eStarke\u201cDer Name \u201eStarke\u201c ergibt sich aus einer Slang-\u00dcbersetzung\/Adaptation der Schuhe \u201eConverse All Stars\u201c und steht im lokalen Slang auch f\u00fcr eine erfahrene Frau. <\/sup> (2007), die mit ihren Samplern, Matrizen, Liedtexten und Stimmen die gl\u00e4nzend gl\u00fcckliche Vorstellung einer Zivilgesellschaft und ihrer technologisch herausragenden Kultur der Zukunft ankratzen (nach dem Krieg in Jugoslawien in den 1990er Jahren, insbesondere den besonders blutigen Kriegshandlungen in Bosnien). Mit ihrem Fokus auf feministische Fragestellungen und weibliche Macht trug Andreja Dugand\u017ei\u0107 zu diesem gemeinsamen Sound-Act mit Texten und Stimme bei, sowie einem kritischen, ironischen und humorvollen Performance-Auftritt, der auf die Unm\u00f6glichkeit des \u00dcberlebens hinweist, wenn man sich nicht mit der vor\u00fcbergehend retraditionalisierten und verarmten Gesellschaft arrangiert, in der weibliche Sexualit\u00e4t auf neokonservative Art und Weise diszipliniert wurde. \u201eStarke\u201c produzierte gest\u00f6rte Sounds f\u00fcr die technologiegepr\u00e4gten Landschaften der Wirklichkeit und verleiht dadurch dem kulturellen Technikkorpus der Zukunft Unvollkommenheit, Fehlerhaftes, das aus der Gegenwart, der Realit\u00e4t stammt.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tInternet connection is your erection
Internet machine I am your concubine
What is your IP What is your IP
Are you hetero, gay or bi
USB USB come on plug into me
(kiss dot cum)Mehr Informationen auf
Andreja Dugand\u017ei\u0107<\/a> und Soundcloud<\/a> <\/sup><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDas Motto der Band \u2013 SO WENIG INPUT, SO VIEL OUTPUT \u2013 war eine Tods\u00fcnde f\u00fcr die neoliberale \u00c4ra, die den Balkan schlussendlich in seiner verheerendsten Form erreichte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAndreja Dugandz\u030cic\u0301. Dear Sisters. Living Archive Exibition. Zagreb 2011<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie n\u00e4chste Sound-Performance unternahm sie in Zusammenarbeit mit Ilvana Dizdarevi\u0107, auch als Djane Elle.m bekannt. Sie gr\u00fcndeten 2013 gemeinsam das Techno-Duo \u201eBlack Water and Her Daughter\u201c (BDHW), eine noch verst\u00f6rendere und schw\u00e4rzere Band. Die Poesie der minimalen Beats und schreienden Techno-Sounds erschien als Antwort in Echtzeit, eine improvisierte Intervention in verschiedenen \u2013 sowohl privaten als auch \u00f6ffentlichen \u2013 Lebenslagen, insbesondere in Off-R\u00e4umen. Diese Poesie bleibt bei der feministischen Politik, das Alltagsleben zu meistern und mitzudenken, und er\u00f6ffnet eine tiefe Intimit\u00e4t, gro\u00dfe Wut und starken Schmerz, dunkle Liebe und Rache, die sich aus dem Privaten hin zum \u00d6ffentlichen entwickeln. Nach diesem tiefgehenden elektronischen Wechsel zwischen Innen und Au\u00dfen erlaubte sich BDHW eine \u00f6ffentliche Intervention: \u201eMurder close to the dancefloor\u201c (2014).Mehr Informationen auf Andreja Dugand\u017ei\u0107<\/a>. <\/sup> Diese Sound-Intervention in die Kolonialvergangenheit des Beginns des Ersten Weltkriegs, die 100 Jahre nach der Ermordung des \u00f6sterreichisch-ungarischen Kronprinzen Franz Ferdinand durch die politische Vereinigung \u201eMlada Bosna\u201d (Das Junge Bosnien), genauer gesagt durch Gavrilo Princip und seine politischen Freunde in Sarajevo, war sowohl feministisch als auch anti-kolonialistisch. In der repetitiven Stimme, verst\u00f6rend verpackt in widerstrebende sublime Botschaften, hallen die verworrenen Wege der neokolonialen Politik der Geschichte in Bosnien und Herzegowina zum Anlass dieses absurden hundertsten Jahrestages nach.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWorte wie \u201eMord\u201c und \u201eSofia\u201c werden aus dem politischen Bewusstsein als Echo zur\u00fcckgeworfen, das uns daran erinnert, dass sich die Geschichte immer wieder auf sehr symptomatische Weise wiederholt. Der Mord an einer schwangeren Frau, Prinzessin Sofia, ger\u00e4t in dieser gro\u00df angelegten, kitschigen und gef\u00e4hrlichen Wiederbelebung einer revisionistischen Geschichte in Vergessenheit \u2013 einer Geschichte, die den j\u00fcngeren Krieg in Bosnien wegen wichtigerer Angelegenheiten wie dem Nachweinen der \u00d6sterreichisch-Ungarischen Monarchie im Zuge der Europ\u00e4isierung verdr\u00e4ngt. Die schreiende Proklamation \u201eDer Krieg ist noch nicht vorbei!\u201c beschreibt den permanenten Zustand der Kolonialisierung sowie die brutalen patriarchalen und nationalistischen Geschichtsschreibungen, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit allen zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln aufrecht erhalten wurden \u2013 wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und (in diesem besonderen Fall des 100. Jahrestages des Ersten Weltkriegs) geopolitischen Mitteln. Individuelle und kollektive Kunstwerke von Andreja Dugand\u017ei\u0107 sprechen im Namen von Frauen, der unterdr\u00fcckten Natur und unterjochten Geschichtsschreibungen jener, die in den dunklen Zeiten der menschlichen Ausbeutung im kultivierten Zeitalter des neoliberalen Patriarchats leben und dieses Leben mit ihr teilen. Diesem Zeitalter, das sich durch verschiedene Arten von Gewalt \u2013 wirtschaftlicher, psychologischer, neo-kolonialistischer und physischer Gewalt \u2013 durch Krieg und Medien sowie durch Gewaltakte, die die neuen Technologien erm\u00f6glichen, ausdr\u00fcckt, muss dringend begegnet werden. Es erfordert eine radikal andere Welt, eine unerschrockene Ideologie, die sich diesem post-ideologischen Chaos der falsch verstandenen Freiheit entgegenstellt, eine starke Stimme, die sich gegen die existierende Maschinerie der Machtproduktion erhebt, oder es zumindest versucht. Wiederum stellt sich die Frage: Wie gro\u00df sind die Kompromisse, die wir eingehen, wenn wir etwas tun? Andreja Dugand\u017ei\u0107s Art, Kunst zu machen \u2013 sie w\u00e4hlt die Farbe Rot der feministischen Politik f\u00fcr Ihren Beitrag zu einer radikalen gemeinsamen Ideologie \u2013 erinnert uns daran, dass wir uns dieser neoliberalen Maschinerie entziehen, ihr entsagen, ihr so weit wie m\u00f6glich widerstehen m\u00fcssen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tKatalin Ladik. Identification (\u00d6ffentliche Aktion). Wien 1975<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDiese Beispiele sowie viele andere k\u00fcnstlerische Versuche, den Geopolitiken der Gegenwart zu entsagen bzw. sich ihnen zu widersetzen, f\u00fchren uns zu den ersch\u00f6pften Geografien und ihren materiellen Begrenzungen, die sich im Zuge politischer, wirtschaftlicher, klimatischer und epistemischer Gewalt an der heutigen Weltkarte, die auf neoliberaler Machtverteilung fu\u00dft, ergeben. Anders gesagt: die Unm\u00f6glichkeit, sich aus der wiederkehrenden geopolitischen Vergangenheit herauszunehmen, f\u00fchrt uns zu einem Zustand des st\u00e4ndigen geografischen Konflikts. Ein gutes Beispiel \u2013 und vielleicht eines, das zeigt, wie geopolitische Identifikation durch das Kunstsystem in vor-neoliberalen Zeiten funktionierte \u2013 findet sich in der Kunstaktion \u201eIdentification\u201c (1975), die die jugoslawische K\u00fcnstlerin Katalin Ladik auf der Stiege der Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien durchf\u00fchrte. Sie besuchte Wien anl\u00e4sslich einer Gruppenausstellung jugoslawischer Avantgardek\u00fcnstlerinnen und -k\u00fcnstler und machte w\u00e4hrend ihres Aufenthalts zwei Fotografien, auf denen sie einmal vor und einmal hinter der jugoslawischen Fahne steht, die \u00fcber dem Eingang dieser prestigetr\u00e4chtigen Institution angebracht worden war.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tIm Jahre 2016 verwendete Rona Kopeczky diese Performance, um als Kuratorin eine Serie \u00f6ffentlicher Kunst\u00fcbungen auszustellen, die Kontext und Praxis sozialer, historischer und politischer Identifikation durch die Arbeit mehrerer zeitgen\u00f6ssischer K\u00fcnstlerinnen aus Zentral- und Osteuropa beleuchten.Rona Kopeczky. “On Identification as Field Exercise<\/a>“. 2006. <\/sup> Anl\u00e4sslich dieser Serie interviewte sie Katalin Ladik, die meinte: \u201eIch spielte mit einem m\u00f6glichen Szenario, mit der Idee, etwas darzustellen, auf das ich mich einlassen konnte oder auch nicht, wie in einem Rollenspiel. Ich stellte das politische, einfach jedes anerkannte System in Frage, w\u00e4hrend ich ein Land repr\u00e4sentierte, in einer Position, die mit vielen Erwartungen einherging, wobei die Fahne des Landes schwer auf meiner Schulter lastete. (\u2026) Diese Stiegen, sie waren die Stra\u00dfe zur gro\u00dfen, weiten Welt.\u201cEbenda. <\/sup> Diese geopolitische (k\u00fcnstlerische) Position, die symbolisch in Zeiten des Kalten Krieges am Tor zur westlichen Kunstwelt eingenommen wurde, zeigt auch die konstante Schnittmenge einer K\u00fcnstlerin mit ihrer geopolitischen Identit\u00e4t auf, die durch verschiedene Determinanten (vorwiegend Geschlecht, Nationalit\u00e4t oder Klasse) bestimmt wird und im Falle von Katalin Ladiks Intervention auch durch eine Determinante, die ideologisch am meisten aufgeladen ist.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tHeute muss eine solche Position im Hinblick auf die Beziehungen zwischen den wirtschaftlichen Aspekten der Kunst, der Politik der Darbietung von Kunst und der Bedeutung von Freiheit, wie wir sie gegenw\u00e4rtig verstehen (auch gesellschaftlich), innerhalb vergleichbarer historischer Gegebenheiten untersucht und aktualisiert werden. Es ist offensichtlich, dass das derzeitige Verst\u00e4ndnis von Freiheit, das sich haupts\u00e4chlich durch den neoliberalen Apparat des gegenw\u00e4rtigen Kunstsystems ergibt, in Widerspruch steht zu seinen politischen, theoretischen und k\u00fcnstlerischen Beschr\u00e4nkungen, wenn es darum geht, sich der Verantwortung und radikalen Subjektivit\u00e4t hinsichtlich vieler k\u00fcnstlerischer Praktiken zu entziehen. Die Bedeutung von Freiheit, verwendet (und missbraucht) als eines der m\u00e4chtigsten Mittel der neoliberalen Art zu denken, zu tun und zu leben, offenbart die Tatsache, dass sich ihr niemand verschlie\u00dfen kann, ob man sich nun zu widersetzen versucht oder nicht. Unter solchen neoliberalen Bedingungen des t\u00e4glichen Lebens hat Freiheit ihre historische, revolution\u00e4re oder \u2013 genauer ausgedr\u00fcckt \u2013 ideologische Bedeutung des kollektiven Kampfes verloren, weil sie im Sinne eines Gebrauchsgegenstandes f\u00fcr die (Selbst-)Schaffung von Identit\u00e4t innerhalb einer streng kontrollierten Geopolitisierung dem Einzelnen \u00fcberlassen wurde. Unter den ersch\u00f6pften alten und frischen neuen K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern, die sich diesem \u201ezeitgen\u00f6ssischen\u201c Kunstbegriff verwehren, zirkuliert immer noch dieselbe Frage: \u201eWie k\u00f6nnen wir k\u00fcnstlerische Geografien radikal neu definieren, um uns den vorherrschenden politischen\/wirtschaftlichen neoliberalen Strukturen der Kunst- und Lebensproduktion zu entziehen bzw. uns dagegen aufzulehnen?\u201c. Statt einer Antwort existiert irregeleitete Politik. Politik, die unsere soziale Realit\u00e4t st\u00f6rt, und die Notwendigkeit aufkommen l\u00e4sst, sich \u2013 gegenl\u00e4ufig dem Trend in der Geschichte \u2013 der Gegenwart und seiner utopischen\/dystopischen Zukunft jenseits ersch\u00f6pfter (Kunst-)Geografien der Jetztzeit zu stellen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tOriginal auf Englisch.
    Aus dem Englischen von
    Margit Hengsberger<\/a>.<\/em>

    Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Jelena Petrovi\u0107. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der
    Redaktion<\/a>.
    Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Margareta Kern. \u2018The State of Body\u2019 aus der animierten Videoserie \u2018To Whom Does the World Belong?\u2019 2013-2015. Video still.<\/em>
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