{"id":3469,"date":"2018-03-29T00:00:00","date_gmt":"2018-03-29T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/die-gespaltene-opposition\/"},"modified":"2021-08-23T15:18:00","modified_gmt":"2021-08-23T15:18:00","slug":"die-gespaltene-opposition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/die-gespaltene-opposition\/","title":{"rendered":"Die gespaltene Opposition"},"content":{"rendered":"\n\n\t\n\t\t\t
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\n\tIn wenigen Jahren ist Vet\u00ebvendosje zur st\u00e4rksten Kraft im Kosovo aufgestiegen. Jetzt, wo eine Regierungsbeteiligung zum Greifen nahe ist, haben sich ihre Abgeordneten zerstritten. \u00dcber den H\u00f6henflug und Fall einer linksnationalistischen Bewegung.<\/strong><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tUnverputzte Ziegelsteinh\u00e4user und Betongerippe ziehen am Fenster vorbei. Die meisten haben keinen Zaun, keine Einfahrt, keinen Garten. Sie stehen auf \u00c4ckern und Wiesen unweit der Hauptstra\u00dfe, an der sich Autowerkstatt an Autowerkstatt reiht. Der Mann, der gedankenverloren aus dem Fenster blickt, liebt es, sich blumige Metaphern auszudenken. Fr\u00fcher, als Student mit langer, zotteliger M\u00e4hne und karierten Flanellhemden, war das anders. Da br\u00fcllte er Parolen in ein Megaphon, je plakativer desto besser, auf der gerunzelten Stirn eine Zornesfalte. Heute tr\u00e4gt er Slim\u00ad-Fit\u00ad-Anz\u00fcge wie Kanadas Regierungschef Justin Trudeau und Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron. Seine Haare sind kurz und von ersten wei\u00dfen Str\u00e4hnen durchzogen. Der Revoluzzer von damals gibt sich staatsm\u00e4nnisch. Wenn er spricht, dann macht er lange Pausen zwischen den S\u00e4tzen, um nachdenklich und philosophisch zu wirken. Er zitiert Judith Butler und Sigmund Freud. Albin Kurti, der lauteste Oppositionelle des Kosovo, donnert nicht, er haucht die S\u00e4tze, als w\u00e4ren sie zerbrechlich. \u201eDiese H\u00e4user da drau\u00dfen\u201c, sagt Kurti, \u201estehen sinnbildlich f\u00fcr das ganze Land. Wir haben ein Dach und ein Fundament, aber dazwischen fehlt etwas.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAuf dem Weg zu einer Gedenkfeier blickt Albin Kurti nachdenklich aus dem Fenster. Er spricht von der \u201eschwersten Krise der Partei seit Gr\u00fcndung\u201c. Foto: \u00a9 Martin Valentin Fuchs.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAlbin Kurti ist der Kopf einer Partei, die es in wenigen Jahren geschafft hat, zur st\u00e4rksten Kraft des Kosovo aufzusteigen. Der Name ist gleichzeitig ihr politisches Programm. Vet\u00ebvendosje bedeutet auf Deutsch Selbstbestimmung. B\u00fcrgernah, bodenst\u00e4ndig und antielit\u00e4r will die Bewegung sein, die Kurti 2004 ins Leben gerufen hat. Viele ihrer Anh\u00e4nger sind Studenten und von der korrupten Elite, die den Kosovo seit Ende des Krieges 1999 regiert, entt\u00e4uscht. Kosovo, ein 1,8-Millionen-Einwohnerland am Balkan, hat vor genau zehn Jahren seine Unabh\u00e4ngigkeit von Serbien erkl\u00e4rt, dessen Provinz es zur Zeit Jugoslawiens war. Ende der Neunzigerjahre wurde der mehrheitlich von Albanern bewohnte Kosovo von einem blutigen Krieg ersch\u00fcttert, der mittels NATO-Bombardements beendet wurde. Obgleich es im Kosovo nur so von ausl\u00e4ndischen Soldaten, Richtern und Staatsanw\u00e4lten wimmelt und obgleich hier nach dem Krieg tausende Nichtregierungsorganisationen aus dem Boden geschossen sind, bleibt das Land das \u00e4rmste am Westbalkan. Viele B\u00fcrger fragen sich heute, wo die Milliarden geblieben sind, die als Hilfsgelder flossen. Unsummen verschwanden in den Taschen korrupter Politiker und ihrer jeweiligen Klientel. Oppositionsf\u00fchrer Kurti bezeichnet die Regierungsparteien deswegen als \u201eDiebe\u201c. Die internationale Gemeinschaft, die versprach, das Land in eine bessere Zukunft zu f\u00fchren, nennt er \u201eKolonialherren\u201c. Und den Nachbarn Serbien, der den Kosovo bis heute nicht anerkennt, nennt Kurti eine \u201eKrake\u201c, die mit ihren Tentakeln tief in sein Land hineingreife.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tBlick auf Pristina vom Turm der Mutter-Teresa-Kathedrale. Das Stadtbild ist gezeichnet vom schnellen Wachstum und den illegalen Bauaktivit\u00e4ten, die H\u00e4user wirken wie zusammengew\u00fcrfelt. Foto: \u00a9 Martin Valentin Fuchs.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMit solchen populistischen Metaphern stieg Kurti zum Politiker mit den meisten Stimmen im Kosovo auf. Eigentlich h\u00e4tte er Premierminister werden k\u00f6nnen. Doch nachdem Koalitionsgespr\u00e4che scheiterten, kratzte ein Parteienb\u00fcndnis (AAK, PDK, Nisma) aus ehemaligen Rebellenf\u00fchrern \u2013 auch als \u201eKriegsfl\u00fcgel\u201c bezeichnet \u2013 mit M\u00fch und Not eine knappe Regierungsmehrheit zusammen. Am Ende blieb Vet\u00ebvendosje \u2013 die stimmenst\u00e4rkste Partei \u2013 in der Opposition. Der \u201eKriegsfl\u00fcgel\u201c bildete eine Regierung aus 17 Parteien, 22 Ministern und 70 Vizeministern. Dieser aufgebl\u00e4hte Apparat ist im Grunde das Beste, was Vet\u00ebvendosje h\u00e4tte passieren k\u00f6nnen, da ihre Anh\u00e4nger stets einen schlanken Staat gefordert haben. Doch ausgerechnet jetzt, wo Vet\u00ebvendosje sich selbst auf die Schulter klopfen k\u00f6nnte, zerf\u00e4llt die Bewegung. Immer mehr Mitglieder verlassen die Partei \u2013 zuletzt Pristinas B\u00fcrgermeister Shpend Ahmeti. Er galt als einer der angesehensten Politiker im ganzen Land. Inzwischen hat Vet\u00ebvendosje fast die H\u00e4lfte ihrer Abgeordneten verloren. Die 32 Sitze im Parlament sind auf 19 zusammengeschrumpft. All das ist in weniger als zwei Monaten passiert.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tWarum so viele Abgeordnete gehen und wann sie ihre eigene Partei gr\u00fcnden, ist derzeit noch unklar. Der Politikwissenschaftler Albert Krasniqi vom \u201eKosovo Democratic Institute\u201c (KDI) h\u00e4lt jedoch fest, dass alle R\u00fccktritte eines gemeinsam haben. \u201eSie alle werfen Albin Kurti einen autokratischen F\u00fchrungsstil vor\u201c, so Krasniqi. Arber Zaimi, Mediensprecher von Vet\u00ebvendosje, weist diesen Vorwurf zur\u00fcck: \u201eEs geht bei den Austritten nicht um substanzielle Kritik an der Bewegung, sondern um Machtspiele. Vet\u00ebvendosje hat nie abweichende Meinungen ausgeschlossen oder unterdr\u00fcckt.\u201c Albin Kurti selbst sprach vor einem Monat von der \u201eschwersten Krise der Partei seit Gr\u00fcndung\u201c. Damals schwang in seiner Stimme noch Hoffnung mit, dass jene, die ausgetreten sind, zur\u00fcckkommen k\u00f6nnten. <\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eDemokratie kann man nicht importieren\u201c<\/strong>

Einige Tage vor der zehnten Unabh\u00e4ngigkeitsfeier des Kosovo am 17. Februar steht Kurti am Fenster seines B\u00fcros, gelegen im Diplomatenviertel der Hauptstadt Pristina. Es ist so schlicht eingerichtet wie sein neuer Stil als Anzugtr\u00e4ger: ein aufger\u00e4umter Schreibtisch, ein Glastisch mit Ledersesseln, am Boden eine Kaffeemaschine, angeschlossen an eine Steckdose. Kurti hat die H\u00e4nde in den Hosentaschen vergraben und sagt \u2013 nachdenklich wie immer: \u201eIch glaube nicht, dass man einen Staat von au\u00dfen aufbauen kann. Demokratie kann man nicht importieren.\u201c Im Kosovo gibt es keinen Politiker, der die Europ\u00e4ische Union \u2013 die im Kosovo unter anderem mit der Rechtsstaatsmission EULEX pr\u00e4sent ist \u2013 derart scharf angreift wie Kurti. EULEX wurde 2008 entsandt, um mit der Korruption im Kosovo aufzur\u00e4umen und steht heute, zehn Jahre sp\u00e4ter, selbst unter Korruptionsverdacht. Das hat das Image der EU schwer besch\u00e4digt. Und die Reputation von Kurti, der stets gegen die internationale Gemeinschaft Politik gemacht hat, gest\u00e4rkt. Kurti hat aber nicht nur ein Problem mit EULEX, sondern auch mit der Tatsache, dass Kosovo unter der Aufsicht Br\u00fcssels einen sogenannten Normalisierungsdialog mit Serbien f\u00fchrt. Kurti glaubt, dass dieser nur Nachteile f\u00fcr den Kosovo bringt. Ein Beispiel ist die Errichtung eines serbischen Gemeindeverbandes. Demnach sollen Gebiete im Kosovo, die mehrheitlich von Serben bewohnt sind, unter serbische Verwaltung gestellt werden. W\u00e4hrend die Regierungsparteien zu einem solchen Kompromiss bereit sind, warnt Kurti unaufh\u00f6rlich von einem \u201eStaat im Staat\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tAlbin Kurti in seinem neuen B\u00fcro im Diplomatenviertel Pristinas. Lange Zeit widersetzte er sich dem politischen Dress-Code, inzwischen gibt er sich staatsm\u00e4nnisch, tr\u00e4gt Anzug und Krawatte. Foto: \u00a9 Martin Valentin Fuchs.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tMit seiner Boykottpolitik hat sich Kurti in Br\u00fcssel keine Freunde gemacht. Seine Forderung, ein Referendum \u00fcber eine Vereinigung Kosovos mit Albanien abzuhalten, sorgt bei ausl\u00e4ndischen Diplomaten f\u00fcr Kopfsch\u00fctteln. \u201eEine Vereinigung Kosovos mit Albanien geh\u00f6rt zu den Worst-Case-Szenarien f\u00fcr die Friedensordnung am Balkan\u201c, sagt etwa Lukas Mandl, der f\u00fcr die \u00f6sterreichische Volkspartei (\u00d6VP) seit November 2017 im EU-Parlament sitzt. Die Verhandler in Br\u00fcssel und Washington wollen Stabilit\u00e4t und Gewissheit um jeden Preis. Kurti hingegen will die Privilegien beschneiden, die ausl\u00e4ndische B\u00fcrokraten seit bald zwanzig Jahren im Land genie\u00dfen. Was er vorhat, wenn er an der Macht ist, wei\u00df niemand so genau. Obwohl Vet\u00ebvendosje seit 2004 existiert, wissen viele noch immer nicht, wof\u00fcr die Bewegung genau steht. Auf den ersten Blick wirkt die Partei wie ein Widerspruch. Links und nationalistisch zugleich \u2013 wie kann das sein? Fahnenmeer und patriotische Parolen \u2013 das erinnert an den Wahlkampf rechtspopulistischer Parteien wie der AfD oder der FP\u00d6. Wie passt all das mit einer sozialdemokratischen, liberalen Bewegung zusammen? Einerseits hat Vet\u00ebvendosje \u00c4hnlichkeiten mit der 68er-Bewegung \u2013 also den antikolonialen, linken B\u00fcrgerrechtsbewegungen, die in den USA gegen Krieg und Unterdr\u00fcckung auf die Stra\u00dfe gingen. Andererseits neigen Vet\u00ebvendosje-Anh\u00e4nger zu gewaltt\u00e4tigen Protesten und Ausschreitungen. Mit friedlicher Hippie-Kultur hat das nichts zu tun.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEine Flagge ohne Geschichte<\/strong>

\u201eVet\u00ebvendosje hat Menschen mit verschiedenen ideologischen Ansichten akzeptiert. Diese Newcomer haben zu einem unkontrollierten Wachsen der Partei gef\u00fchrt\u201c, sagt Krasniqi. Daran, so der Politikwissenschaftler, sei die Partei am Ende zerbrochen. Manche wollten den demokratischen Sozialismus, andere wollten Gro\u00dfalbanien. Manche wollten Fundamentalopposition und gewaltt\u00e4tige Proteste. Andere sehnten sich nach mehr Kooperationsbereitschaft, Pragmatismus und Handschlagqualit\u00e4t. Off-Record sprechen Beobachter und Diplomaten von Kurti als \u201eSturkopf\u201c, der keine Kompromisse eingehen k\u00f6nne. Jetzt, wo die Kritik innerhalb der Bewegung w\u00e4chst, muss sich Kurti die Frage stellen, wer er sein m\u00f6chte. Der festgefahrene Ideologe der letzten Jahre? Oder der pragmatische, kompromissbereite Staatsmann?<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\t\u201eNicht wir sind radikal, die Zust\u00e4nde im Kosovo sind es.\u201c<\/p>

\n\t\u2014 Albin Kurti<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tEin Beispiel, das gegen Kurtis Pragmatismus spricht: Bis heute hat er ein Problem mit der offiziellen kosovarischen Staatsflagge. Sie zeigt sechs wei\u00dfe Sterne in einem leichten Bogen \u00fcber den goldenen Umrissen des Staatsgebiets. Und jeder Stern steht f\u00fcr eine Gruppe im Land: Albaner, Bosniaken, T\u00fcrken, Serben, Roma und ein Stern f\u00fcr die anderen Minderheiten. Kurti findet es ungerecht, dass der serbischen Minderheit weitgehende Autonomierechte im Land einger\u00e4umt werden, obwohl sie nur etwa 3,4 Prozent der Bev\u00f6lkerung stellen und Albaner rund 91 Prozent. \u201eEine Nation sollte sich mit ihrer Flagge identifizieren. Sie sollte ein Spiegel sein, in dem man sich selbst sieht. Aber unsere Flagge hat keine Geschichte und sie wurde nie demokratisch gew\u00e4hlt\u201c, sagt er. Kurti spricht pointiert, niemals kommt er ins Stammeln. Der Charismatiker ist ein linker Populist wie aus dem Lehrbuch. Wenn er vor Publikum spricht, wirkt es, als w\u00fcrde er mit jedem Einzelnen Blickkontakt suchen. Das ist seine sanfte, menschliche Seite.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tDie andere ist die, dass Kurti immer wieder zu Protesten aufruft, die in Gewalt ausarten: demolierte Autos, Molotowcocktails, sogar Tr\u00e4nengas im Parlament. Darauf angesprochen, zuckt er die Achseln und sagt: \u201eNicht wir sind radikal, die Zust\u00e4nde im Kosovo sind es.\u201c Junge W\u00e4hler hat das gleicherma\u00dfen verschreckt wie angezogen. Neben klassisch linken, sozialdemokratischen Themen bespielt Kurti auch die andere Seite des politischen Spektrums \u2013 die des Nationalismus. Seine Partei blockiert die Ratifizierung eines Grenzabkommens mit Montenegro. Sie behauptet, dass die Grenze zum Nachbarn falsch gezogen wurde und Kosovo dadurch Grund und Boden verloren gehen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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\n\tVisa-Freiheit gegen Grenzabkommen <\/strong>

Um das Grenzabkommen zu verhindern, lie\u00dfen die Parlamentarier von Vet\u00ebvendosje wiederholt Tr\u00e4nengasgranaten in Parlamentssitzungen hochgehen. Der Konflikt dreht sich um 8000 Hektar hoch in den Bergen, in einer Region, in der niemand lebt und die selten von Menschen betreten wird. F\u00fcr die EU ist das Gebiet ein Faustpfand: Sie hat in Aussicht gestellt, dass Kosovo die lang ersehnte Visa-Liberalisierung erh\u00e4lt, wenn es das Abkommen mit Montenegro endlich unterzeichnet. Aber Vet\u00ebvendosje gibt dem nicht nach. Das ist verwunderlich, weil die jungen Menschen, die Vet\u00ebvendosje w\u00e4hlen, von der Visa-Freiheit st\u00e4rker profitieren w\u00fcrden als von Gestein und Ger\u00f6ll in den Bergen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tFitore Pacolli sitzt f\u00fcr Vet\u00ebvendosje im Parlament. Letzte Woche wurde sie f\u00fcr einige Stunden festgenommen, nachdem sie Tr\u00e4nengas im Plenarsaal z\u00fcndete. Foto: \u00a9 Martin Valentin Fuchs.<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\t\u201eNat\u00fcrlich wollen wir die Menschen zuerst in einem Referendum fragen, ob sie eine solche Vereinigung wollen\u201c, stellt Fitore Pacolli klar. Die 36-J\u00e4hrige ist Vet\u00ebvendosje-Abgeordnete im Parlament. Eine, die geblieben und nicht ausgetreten ist. Pacolli beschreibt die nationale Sehnsucht als Zusammentreffen mit der Familie: \u201eSich mit Albanien zu vereinigen, ist, wie nach Hause zu kommen und mit den Eltern Abend zu essen.\u201c Pacolli lebte sechs Jahre lang in England und promoviert derzeit am Zentrum f\u00fcr S\u00fcdosteuropastudien in Graz. In London ging sie gegen den konservativen David Cameron auf die Stra\u00dfe. Sie engagiert sich f\u00fcr Frauenrechte und die Rechte der LGBT-Community. Als Kosmopolitin wirkt sie eigentlich nicht wie ein Mensch, der sich nach nationaler Gr\u00f6\u00dfe sehnt. Als Abgeordnete im Kosovo fordert sie, dass die B\u00fcrger Visa-Freiheit f\u00fcr die EU erhalten, damit die junge Bev\u00f6lkerung Europa bereisen kann. Was sie gleichzeitig verhindert, weil sie jeden Kompromiss im Grenzstreit mit Montenegro ablehnt. \u201eWir k\u00f6nnen unser Land nicht einfach gegen die Visa-Freiheit eintauschen\u201c, sagt Pacolli. Die 8000 Hektar als EU-Faustpfand \u2013 unfair! \u201eKein Land der Welt w\u00fcrde einen solchen Deal eingehen.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tDas war vor \u00fcber einem Monat. Inzwischen hat das kosovarische Parlament das Abkommen nach \u00fcber zweieinhalb Jahren Streit und Blockade unterzeichnet. Trotz Tr\u00e4nengas-Attacken von Seiten Vet\u00ebvendosjes kam die n\u00f6tige Mehrheit von 80 Stimmen zusammen. Und Pacolli? Die wurde vor laufenden Fernsehkameras von Polizisten aus dem Plenarsaal begleitet und f\u00fcr einige Stunden festgenommen, weil sie die Kapseln eigenh\u00e4ndig gez\u00fcndet hatte. Den Kampf gegen das Grenzabkommen hat Vet\u00ebvendosje verloren. \u201eIt is over\u201c schreibt eine Parteifunktion\u00e4r am Abend der Abstimmung \u00fcber WhatsApp.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tMit Parteispaltung oder ohne \u2013 die EU muss sich mit dem Ph\u00e4nomen Vet\u00ebvendosje fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auseinandersetzen. So gewagt die Forderungen ihrer Anh\u00e4nger auch sein m\u00f6gen \u2013 sie sind derzeit die einzige Partei, die f\u00fcr Korruptionsbek\u00e4mpfung und Sozialreformen eintreten. Vorerst aber k\u00f6nnen die politischen Eliten im Kosovo aufatmen. Die M\u00e4chtigen freuen sich, dass auf Staatsebene weiterhin niemand gegen Korruption vorgeht. Br\u00fcssel hat f\u00fcrs Erste eine Pause von der Blockadepolitik in Europas j\u00fcngstem Staat. Und Albin Kurti? Der muss den Traum, n\u00e4chster Premierminister zu werden, erstmal auf unbestimmte Zeit verschieben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n\t\n\t\t\t

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    \n\tTexte der Autorin zum Thema sind am 16. Februar 2018 auf republik.ch<\/a> und am 2. M\u00e4rz 2018 im DATUM<\/a> erschienen.<\/em>

    Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt. \u00a9 Franziska Tschinderle. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der
    Redaktion<\/a>.
    Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Tr\u00e4nengaskapseln im Plenarsaal als Zeichen des Widerstands. Die Schutzausr\u00fcstung geh\u00f6rt zum parlamentarischen Alltag. Foto: \u00a9 Martin Valentin Fuchs.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"

    Wie oft k\u00f6nnen die politischen Eliten im Kosovo noch aufatmen?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1070,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,299,436],"tags":[246,273,450,276,336],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3469"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3469"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5635,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3469\/revisions\/5635"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1070"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3469"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}