{"id":3456,"date":"2018-04-18T00:00:00","date_gmt":"2018-04-18T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/erste-foundation.byinfinum.co\/unsicherer-hafen\/"},"modified":"2021-08-23T15:13:16","modified_gmt":"2021-08-23T15:13:16","slug":"unsicherer-hafen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/unsicherer-hafen\/","title":{"rendered":"Unsicherer Hafen"},"content":{"rendered":"
\n\tAusgesto\u00dfen, missbraucht, ermordet. F\u00fcr viele LGBT-Asylsuchende in der T\u00fcrkei und Griechenland ist jeder Tag ein Kampf ums \u00dcberleben.<\/strong> \n\tWarda, hier auf einem Schnappschuss auf dem Mobiltelefon einer Freundin \u2013 wurde am 17. Dezember 2016 in Istanbul ermordet. \u00a9 Alexia Tsagkari \n\t \n\tDie Polizei hat den T\u00e4ter nie gefasst und der Mordfall blieb in der T\u00fcrkei weitgehend unbeachtet \u2013 einem Land, in dem Menschenrechtsaktivisten zufolge Verbrechen aus Hass gegen lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle (LGBT) Menschen immer h\u00e4ufiger werden. F\u00fcr manche LGBT-Fl\u00fcchtlinge in Istanbul gab dies den Ausschlag, zu versuchen, irgendwie nach Westeuropa zu gelangen. \n\t \n\tHasskriminalit\u00e4t<\/strong> \n\t<\/p> \n\t\u2014 \n\tEtwas mehr als ein Jahr, nachdem ein gescheiterter Milit\u00e4rputsch die Regierung dazu veranlasst hatte, den Notstand auszurufen \u2014 von dem Kritiker behaupten, er diente nur dazu, autorit\u00e4re Machtstrukturen zu festigen und jeglichen Widerspruch im Keim zu ersticken \u2014, griff die Polizei mit voller H\u00e4rte durch. Ramtin beobachtete entsetzt, wie \u00fcber 30 Polizeibusse, Wasserwerfer und Panzer alle Verbindungen zur Istiklal Caddesi, eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, die zum Taksim-Platz f\u00fchrt, wo es normalerweise von Einheimischen und Touristen nur so wimmelt, blockierten. Instinktiv wollte er sich den Demonstranten anschlie\u00dfen \u2014 aber es stand viel auf dem Spiel. Eine Verhaftung h\u00e4tte die Abschiebung in den Iran bedeuten k\u00f6nnen, wo ein Amtsgericht ihn 2015 wegen \u201ewidernat\u00fcrlicher Beziehungen\u201c zum Tode verurteilt hatte. Er habe es einem Verwandten zu verdanken, der die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter in seinem Dorf bestach, dass er entkommen und in die T\u00fcrkei fliehen konnte, erz\u00e4hlte er. \n\tRamtin, ein schwuler Fl\u00fcchtling aus dem Iran, schwenkt eine LGBT-Fahne in einem Park in Istanbul. Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tSeit seiner Ankunft in der T\u00fcrkei sei Ramtin, wie er sagt, von Einheimischen und anderen iranischen Fl\u00fcchtlingen \u00fcberfallen, vergewaltigt und mit dem Tode bedroht worden. Wenn er Anzeige erstattete, wurde er von der Polizei verspottet. \u201eSie lachten mich aus und sagten mir, ich h\u00e4tte nur bekommen, was ich verdiente, weil ich eine Schwuchtel bin\u201c, erz\u00e4hlte er. Auf dem Papier hat die T\u00fcrkei eine lange Tradition der Toleranz im Umgang mit Homosexualit\u00e4t, die seit der Gr\u00fcndung der Republik 1923 legal ist. Doch aufgrund der wachsenden Homophobie in einem zunehmend reaktion\u00e4ren und antilaizistischen Klima sei das Land kein Zufluchtsort f\u00fcr LGBT-Asylbewerber, sagen Menschenrechtsgruppen. Im November sagte der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan, dass es \u201eden Werten unserer Nation\u201c widerspreche, LGBT-Personen zu st\u00e4rken. Eine Woche sp\u00e4ter verbot das B\u00fcro des Gouverneurs von Ankara alle LGBT-Kulturveranstaltungen in der Stadt. \n\t<\/p> \n\t\u2014 \n\tTar sagte, dass im Exil lebende LGBT-Personen aus manchen L\u00e4ndern, insbesondere dem Iran, auf gut etablierte Unterst\u00fctzungsnetzwerke z\u00e4hlen k\u00f6nnen, die ihnen helfen, \u00fcber die Runden zu kommen und sie durch das langwierige Asylverfahren begleiten. \u201eDie betreffenden Personen geben ihre geschlechtliche Identit\u00e4t an und beantragen internationalen Schutz\u201c, sagte er. \u201eDieser Prozess kann Jahre dauern und da sie Schwierigkeiten haben, Zugang zu Versorgungsleistungen zu bekommen, sind fast alle Opfer physischer oder verbaler Gewalt geworden.\u201c \n\tMaher, ein 23-j\u00e4hriger Transgender-Fl\u00fcchtling aus dem Irak, floh nach Istanbul, nachdem sie \u201ewidernat\u00fcrlicher Handlungen\u201c bezichtigt wurde. \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n \n\t \n\t\u201eKein Paradies\u201c<\/strong> \n\tMaher zeigt ihre Narben als Beweis, dass sie von der irakischen Polizei gefoltert wurde. \u00a9 Alexia Tsagkari \n\t \n\tErsch\u00fcttert von der sie umgebenden Gewalt entschlossen sich Maher und drei enge Fl\u00fcchtlingsfreunde, darunter auch Hassan, zu versuchen, in die Niederlande zu kommen, die sie f\u00fcr eine Art gelobtes Land hielten. Hassan, der im syrischen Aleppo als Friseur arbeitete und gebleichtes blondes Haar tr\u00e4gt, tr\u00e4umt davon, in Amsterdam seinen eigenen Salon zu er\u00f6ffnen. \n\t<\/p> \n\t\u2014 \n\tAuch im 2.000 Kilometer entfernten Amsterdam sind manche LGBT-Asylsuchende \u00fcber ein Land entt\u00e4uscht, das einst als Leuchtturm der Toleranz bejubelt wurde. 2017 unterst\u00fctzte eine in Amsterdam t\u00e4tige Hilfsorganisation namens LGBT Asylum Support zirka 100 LGBT-Fl\u00fcchtlinge bei ihren Asylantr\u00e4gen. Der Organisation zufolge seien Dutzende abgelehnt worden, da die Beh\u00f6rden immer \u00f6fter z\u00f6gern w\u00fcrden, im Zweifelsfall zu Gunsten der Antragsteller zu entscheiden. \u201eDie Leute glauben, sie seien an einem sicheren Ort gelandet, aber stattdessen leben sie in einem Albtraum\u201c, erz\u00e4hlte uns Sandro Kortekaas, Vorsitzender der Organisation, in einem Skype-Interview. \u201eDas System zweifelt sogar ihre Homosexualit\u00e4t an. Wie kann ein Fl\u00fcchtling zur\u00fcck in einen Krieg [in ein Kriegsgebiet] gehen oder an einen Ort, wo ihn der Tod erwartet?\u201c \n\tHassan, ein schwuler Fl\u00fcchtling aus Syrien, tr\u00e4umt davon, in Amsterdam seinen eigenen Friseursalon zu er\u00f6ffnen. \u00a9 Alexia Tsagkari \n\t \n\tUnbeirrt machten sich Maher und Hassan im J\u00e4nner 2017 gemeinsam mit Hassans irakischem Freund Mahdi und Lara, einer Transgender-Frau aus Syrien, nach Griechenland auf. Sie zahlten einem Schlepper jeweils 800 Euro, damit er sie in einem Schlauchboot vom Osthafen von Bodrum zur 80 Kilometer vom t\u00fcrkischen Festland entfernten griechischen Insel Leros brachte. Ihre \u00dcberfahrt erfolgte unter Missachtung des 2016 ausgehandelten Abkommens zwischen der EU und Ankara, das von der T\u00fcrkei verlangte, die illegalen Grenz\u00fcbertritte nach Griechenland im Gegenzug f\u00fcr finanzielle Hilfe und schnellere EU-Beitrittsverhandlungen zu stoppen. \n\tBassim, ein schwuler Fl\u00fcchtling aus dem Irak, zeigt seine Narben her, die zur\u00fcckblieben, als sein eigener Bruder versucht hatte, ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen. \u00a9 Alexia Tsagkari \n\t \n\tIm Jahr 2015 wurde das bankrotte Griechenland als Tor nach Europa bekannt, als mehr als eine Million Fl\u00fcchtlinge und Migranten auf ihrem Weg nach Westeuropa \u00fcber die T\u00fcrkei einreisten. Als Reaktion auf die gr\u00f6\u00dfte Fl\u00fcchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg unterzeichnete die Europ\u00e4ische Union im M\u00e4rz 2016 ein Abkommen mit der T\u00fcrkei, um die Menschen davon abzuhalten, nach Griechenland zu gelangen. Im Gegenzug versprach man finanzielle Hilfe und schnellere EU-Beitrittsgespr\u00e4che. \n\tBelastungsgrenze<\/strong> \n\t\u201eDer Dolmetscher \u00fcbersetzte nicht genau das, was ich ihm erz\u00e4hlte\u201c, sagte er. \u201eIch kann ein bisschen Englisch und ich bin mir sicher. Und niemand sagte mir, dass es unbedenklich sei, meine sexuelle Orientierung offenzulegen.\u201c Als sein Asylgesuch nach einigen Monaten abgelehnt wurde, bat er um ein zweites Vorsprechen. Diesmal \u201eoutete\u201c er sich vor den Beh\u00f6rden. Jeder Tag des Wartens auf eine Entscheidung ist eine Qual f\u00fcr ihn. \n\tMaher und Hassan blicken in die Kamera. Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tGef\u00e4lschte Dokumente<\/strong> \n\tHassan rief die Rettung. Sie warteten eine Ewigkeit und verfrachteten Maher schlie\u00dflich in ein Taxi, das sie im Eiltempo zum Krankenhaus brachte. Zun\u00e4chst wollten die \u00c4rzte Hassan und Mahdi nicht sagen, was Maher fehlte, weil sie keine Verwandten waren. Nach zwei Wochen erfuhren die beiden aber, dass sie einen intrakraniellen Hirntumor hatte und zwei Schlaganf\u00e4lle erlitten hatte. Ihr Zustand sei inoperabel und sie w\u00fcrde es voraussichtlich nicht \u00fcberleben, hie\u00df es. Der Tumor k\u00f6nnte m\u00f6glicherweise mit der im Gef\u00e4ngnis im Irak erlittenen Gewalt in Zusammenhang stehen, meinten die \u00c4rzte. Zum Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung dieses Artikels konnte Maher kaum sprechen und erkannte Besucher nicht mehr. \n\tOriginal auf Englisch. Publiziert am 23. Januar 2018\u00a0auf Balkaninsight.com<\/a>. <\/em>Aus dem Englischen von Barbara Maya<\/a>.\u00a0<\/em> \n\t<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n \n\tDieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence<\/a>, unterst\u00fctzt von der ERSTE Stiftung und den Open Society Foundations<\/a> in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network<\/a>.<\/em> Eine Frage von Leben und Tod f\u00fcr LGBT-Fl\u00fcchtlinge<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1007,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[433,299,436,12],"tags":[373,338,374,375,376,377],"formats":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3456"}],"collection":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3456"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3456\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5627,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3456\/revisions\/5627"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1007"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3456"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3456"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3456"},{"taxonomy":"format","embeddable":true,"href":"https:\/\/tippingpoint.net\/de\/wp-json\/wp\/v2\/formats?post=3456"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}
Sandy wusste gleich, dass der Freier gef\u00e4hrlich war. Die meisten M\u00e4nner, die auf der Suche nach Sex auf dem Taksim-Platz in Istanbul herumschlendern, sind entweder sichtbar nerv\u00f6s oder verbergen ihre Unsicherheit hinter gespielter L\u00e4ssigkeit. Doch dieser Mann hatte etwas Bedrohliches an sich. \u201eNach seinem Aussehen zu urteilen, war klar, dass er kein Geld hatte\u201c, erinnerte sie sich. \u201eWir haben sie gewarnt, nicht mit ihm mitzugehen. Er sah suspekt aus. Aber sie h\u00f6rte nicht auf uns. Sie brauchte das Geld.\u201c Sandy stand auf dem Taksim-Platz \u2013 an derselben Stelle, an der sie beobachtet hatte, wie ihre Freundin Warda sechs Monate zuvor, am 17. Dezember 2016, mit dem t\u00fcrkischen Mann in der Samstagabendmenge verschwand. Es war das letzte Mal, dass sie sie lebend sah.
Wie Sandy war auch Warda ein Transgender-Fl\u00fcchtling aus Syrien. Beide waren vor Krieg und Verfolgung gefl\u00fcchtet, auf der Suche nach einem sicheren Hafen in Europa. Sie schafften es bis nach Istanbul, wo sie \u2013 von Einheimischen und anderen Fl\u00fcchtlingen gleicherma\u00dfen ge\u00e4chtet \u2013 gezwungen waren, sexuelle Dienste anzubieten, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. \u201eDrei Stunden sp\u00e4ter riefen wir sie an, aber das Telefon war ausgeschaltet\u201c, sagte Sandy mit Tr\u00e4nen in den Augen, die ihr die Wimperntusche verschmierten. \u201eDeshalb ging ich nach Hause, wo ich sie blut\u00fcberstr\u00f6mt vorfand. Ich konnte sie kaum mehr erkennen.\u201c Ein Foto auf Sandys Mobiltelefon zeigt den Tatort. Warda liegt zusammengesackt auf dem Boden mit einer riesigen, tiefen Schnittwunde an der Seite und am unteren R\u00fccken. Der M\u00f6rder hatte ihr den Bauch aufgeschlitzt, ihr die Kehle durchtrennt und ihre Genitalien entfernt. \u201eIrgendwann kam die Polizei und nahm ihre Leiche mit\u201c, erz\u00e4hlte Sandy. \u201eWir wollten, dass sie ein ordentliches Begr\u00e4bnis bekommt, aber man lie\u00df uns nicht. Sie wurde wie ein Hund begraben. \u201cWarda war 30, ebenso alt wie Sandy. Ihre letzte Ruhest\u00e4tte befindet sich auf einem Friedhof am \u00f6stlichen Stadtrand von Istanbul. Wildblumen wachsen an ihrem anonymen Grab. Als Sandy nach Wardas Tod deren Verwandte in Syrien kontaktierte, meinten diese, dass sie Schande \u00fcber die Familie gebracht habe. Sie gestatteten es dem Friedhof nicht, einen Grabstein aufzustellen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\nWarda, hier auf einem Schnappschuss auf dem Mobiltelefon einer Freundin \u2013 wurde am 17. Dezember 2016 in Istanbul ermordet.<\/blockquote>
Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
W\u00e4hrend des Sommers und Herbstes 2017 verfolgten wir\u00a0das Schicksal einiger LGBT-Fl\u00fcchtlinge, die fest entschlossen waren, von der T\u00fcrkei nach Griechenland und von dort weiter in n\u00f6rdlichere L\u00e4nder zu reisen. Aufgrund der Schlie\u00dfung der Hauptfl\u00fcchtlingsrouten infolge des EU-T\u00fcrkei-Abkommens zur Eind\u00e4mmung des Menschenstroms nach Europa sahen sie sich gezwungen, Schlepper f\u00fcr die \u00dcberfahrt zu bezahlen. Was dann folgte, war ein Drama der Angst und entt\u00e4uschter Hoffnungen, als der Traum von einem besseren Leben zu einem Albtraum der Gewalt und Diskriminierung wurde. Ihre Geschichten machen die seelischen und k\u00f6rperlichen Traumata vieler LGBT-Fl\u00fcchtlinge deutlich, deren Suche nach Asyl von Stigmatisierung und Verfolgung begleitet ist. Sie veranschaulichen auch das Versagen der Aufnahmel\u00e4nder und des humanit\u00e4ren Systems, jene zu sch\u00fctzen, die in der gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingsbewegung quer durch Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zu den Schw\u00e4chsten z\u00e4hlen. Alle f\u00fcr diesen Artikel interviewten LGBT-Fl\u00fcchtlinge wollten aufgrund von Sicherheitsbedenken nur ihren gew\u00e4hlten Vornamen angeben.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
\n\t\n\t<\/div>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\nSandy, ein 30-j\u00e4hriger Transgender-Fl\u00fcchtling aus Syrien, sagt, ihre ermordete Freundin sei \u201ewie ein Hund begraben\u201c worden.<\/blockquote>
Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Die Fl\u00fcchtlingskonvention der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1951<\/a>, die L\u00e4nder dazu verpflichtet, Menschen, die vor Gefahr fliehen, zu sch\u00fctzen, definiert Fl\u00fcchtlinge als Personen, die eine \u201eaufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalit\u00e4t, politischen \u00dcberzeugung oder Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe begr\u00fcndete Furcht vor Verfolgung\u201c haben. W\u00e4hrend die Konvention nicht speziell auf LGBT-Personen verweist, stellt eine EU-Richtlinie<\/a> aus dem Jahr 2011 klar, dass Verfolgung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t ein ausreichender Asylgrund ist.
Niemand wei\u00df<\/a>,<\/u> wie gro\u00df die Zahl der LGBT-Personen unter den Millionen ist, die in den letzten Jahren vor Konflikten, Armut und Verfolgung aus dem Nahen Osten, Nordafrika und S\u00fcdasien gefl\u00fcchtet sind. Viele von ihnen hoffen, es bis nach Nordeuropa zu schaffen. Nach Angaben des statistischen Amts der EU-Kommission haben seit 2015 etwa 2,9 Millionen Menschen in EU-L\u00e4ndern Asyl beantragt. Lediglich in Belgien werden Daten \u00fcber Asylantr\u00e4ge von LGBT-Personen gesammelt, aber auch dort stehen aktuelle Zahlen nur aus den Jahren 2008\u20132012 zur Verf\u00fcgung. W\u00e4hrend dieser Zeit ging es in 4,4 Prozent der F\u00e4lle um sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentit\u00e4t. In der T\u00fcrkei, die nach Angaben des Fl\u00fcchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) die gr\u00f6\u00dfte Fl\u00fcchtlingsbev\u00f6lkerung der Welt beherbergt, klopfen inzwischen zirka 3,4 Millionen Menschen an die Tore Europas.
Ramtin, ein 27-j\u00e4hriger schwuler Mann aus dem Iran, ist einer von ihnen.Am 25. Juni 2017 stand er gegen Mittag auf einer Seite des Taksim-Platzes, als sich Aktivisten auf der gegen\u00fcberliegenden Seite versammelten, um sich dem Verbot der j\u00e4hrlichen LGBT Pride Parade zu widersetzen. Es war das dritte Jahr in Folge, dass das B\u00fcro des Stadtgouverneurs die Veranstaltung aus Gr\u00fcnden der \u00f6ffentlichen Sicherheit infolge von Drohungen extremistischer Gruppen verboten hatte.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\u201eSie lachten mich aus und sagten mir, ich h\u00e4tte nur bekommen, was ich verdiente, weil ich eine Schwuchtel bin.\u201c<\/em><\/blockquote>
Ramtin, ein 27j\u00e4hriger schwuler Fl\u00fcchtling aus dem Iran<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Sch\u00e4tzungen von Amnesty International zufolge wurden im Iran 5.000 schwule M\u00e4nner und Lesben seit der Revolution von 1979 hingerichtet. Als die Sondereinheiten begannen, Tr\u00e4nengas und Gummigescho\u00dfe einzusetzen und die Demonstranten \u00fcber den Platz zur\u00fcckdr\u00e4ngten, entschied sich Ramtin, sich in einem nahegelegenen Caf\u00e9 in Sicherheit zu bringen.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Yildiz Tar, ein Sprecher der Kaos Gay and Lesbian Cultural Research and Solidarity Association, einer Menschenrechtsgruppe in Ankara, meinte, dass solche Ma\u00dfnahmen dazu beitragen w\u00fcrden, die schwelende Homophobie und Transphobie zu entfachen. \u201eEs gibt sehr viel Hasskriminalit\u00e4t, obwohl wir keine genauen Zahlen dazu haben, da die Regierung keine statistischen Daten erhebt\u201c, erkl\u00e4rte er auf den Stiegen einer entlegenen Gasse im Zentrum Istanbuls. Tar verwies auf den Fall von Muhammed Wisam Sankari, einem schwulen syrischen Fl\u00fcchtling, der 2016 in Istanbul gek\u00f6pft und so brutal verst\u00fcmmelt wurde, dass seine Freunde ihn nur anhand seiner Hose identifizieren konnten. Sankari hatte der Polizei erz\u00e4hlt, dass er in Gefahr schwebe, nachdem er f\u00fcnf Monate zuvor entf\u00fchrt und in einen Wald gebracht worden war, wo er von unbekannten Angreifern vergewaltigt und gefoltert wurde. Niemand sei f\u00fcr die Angriffe zur Rechenschaft gezogen worden, sagte Tar. Es war nicht m\u00f6glich, Fragen an die Polizei in Istanbul zu richten. Die t\u00fcrkische Botschaft in Athen lehnte es ab, den Fall Sankari sowie andere Themen, wie Fragen \u00fcber LGBT-Rechte in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, zu kommentieren.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\u201eEs gibt sehr viel Hasskriminalit\u00e4t.\u201c<\/em><\/blockquote>
Yildiz Tar, Sprecher der Kaos Gay and Lesbian Cultural Research and Solidarity Association
\u00a0<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Indes sind LGBT-Fl\u00fcchtlinge aus Syrien oft v\u00f6llig auf sich gestellt, meinte Tar. Syrer machen gem\u00e4\u00df aktuellen Zahlen des UNHCR 90 Prozent der t\u00fcrkischen Fl\u00fcchtlingspopulation aus \u2014 etwa 3,1 Millionen Menschen. Nach syrischem Recht ist \u201ewidernat\u00fcrlicher Geschlechtsverkehr\u201c eine Straftat, die mit bis zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis geahndet wird, und zahllose LGBT-Personen seien in den von den Milizen des Islamischen Staates kontrollierten Gebieten gefoltert und umgebracht worden, sagen Menschenrechtsgruppen.
Seit 2011 gilt Syrien gem\u00e4\u00df der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association, einem Zusammenschluss von Menschenrechtsgruppen, f\u00fcr LGBT-Personen als gef\u00e4hrlichster Ort der Welt. \u201eDas Problem bei den syrischen Fl\u00fcchtlingen ist, sich zu outen, zu sagen, wer sie sind\u201c, sagte Tar. \u201eDeshalb sind sie auch nicht als LGBT-Fl\u00fcchtlinge erfasst und ihre besonderen Bed\u00fcrfnisse werden nicht ber\u00fccksichtigt.\u201c Einem 2015 ver\u00f6ffentlichten UNHCR-Bericht<\/a> zufolge riskieren LGBT-Fl\u00fcchtlinge, die sich nicht outen, \u201eschwerwiegende soziale Ausgrenzung und Gewalt in den Asyll\u00e4ndern sowohl durch die Aufnahmegesellschaft als auch durch die breitere Gemeinschaft der Asylsuchenden und Fl\u00fcchtlinge\u201c.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
\n\t\n\t<\/div>\tMaher, ein 23-j\u00e4hriger Transgender-Fl\u00fcchtling aus dem Irak, floh nach Istanbul, nachdem sie \u201ewidernat\u00fcrlicher Handlungen\u201c bezichtigt wurde.<\/blockquote>
Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
F\u00fcr Maher, eine 23-j\u00e4hrige irakische Transgender-Frau, war mit dem Mord an Warda das Ma\u00df endg\u00fcltig voll. In ihrer irakischen Heimat hatte Maher ein Doppelleben gef\u00fchrt. Auf dem Polizeirevier, wo sie in der Verwaltung t\u00e4tig war, geh\u00f6rte sie f\u00fcr ihre Kollegen zu den Jungs. Aber das \u00e4nderte sich schlagartig, als sie eines Tages ihr Telefon im B\u00fcro liegenlie\u00df. Darauf waren Fotos von ihr mit einer langen schwarzen Per\u00fccke und in Frauenkleidern. Kollegen, die die Fotos sahen, lie\u00dfen sie verhaften. Sie sei \u201ewidernat\u00fcrlicher Handlungen\u201c bezichtigt, gefoltert und eingesperrt worden, erz\u00e4hlte sie. Nach dreieinhalb Monaten wurde sie unter der Bedingung aus der Haft entlassen, dass ihr Bruder, w\u00e4hrend sie auf die Verhandlung wartete, f\u00fcr sie b\u00fcrge. Als sie einige Monate sp\u00e4ter au\u00dfer Landes floh, wurde ihr Bruder verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt \u2014 ein Umstand, der jeden Tag auf ihr lasten w\u00fcrde.
Einen Monat, bevor Warda in Istanbul umgebracht wurde, war Maher Zeugin des Mordes an einer anderen Transgender-Prostituierten am Taksim-Platz. Maher stand mit ihrem Freund Hassan, einem schwulen Fl\u00fcchtling aus Syrien, auf dem Platz, als eine Gruppe M\u00e4nner die Prostituierte zu schikanieren begann. \u201eHassan wollte hingehen und sie sch\u00fctzen\u201c, sagte sie. \u201eSie war keine Freundin von uns, aber wir kannten sie vom Sehen. Ich hatte wirklich Angst, dass diese Leute uns angreifen w\u00fcrden, deshalb dr\u00e4ngte ich Hassan weg. Ein wenig sp\u00e4ter schnitten ihr die M\u00e4nner mit einem Messer die Kehle durch.\u201c
Zwischen 2008 und 2016 wurden in der T\u00fcrkei 43 Transgender-Personen ermordet, geht aus einem Bericht aus dem Jahr 2016<\/a> der Menschenrechtsgruppe Transgender Europe hervor. Die Zahl sei aber nur der \u201eGipfel des Eisbergs\u201c, hei\u00dft es darin.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\nMaher zeigt ihre Narben als Beweis, dass sie von der irakischen Polizei gefoltert wurde.<\/blockquote>
Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Sandy, die 30-j\u00e4hrige Transgender-Frau aus Syrien, die Wardas Leiche fand, beschloss, nicht mitzukommen. Sie kannte Amsterdam gut, da sie dort sieben Monate lang gelebt hatte, nachdem ein Schlepper ihr 2013 gegen Bezahlung falsche Papiere und ein Flugticket verschafft hatte. Sie wurde zur\u00fcck in die T\u00fcrkei abgeschoben, nachdem man sie als illegale Einwanderin aufgegriffen hatte. \u201eIch habe hier einen Freund und mir in den letzten viereinhalb Jahren wieder ein Leben aufgebaut\u201c, meinte Sandy, die sich vor Kurzem einer geschlechtsangleichenden Operation bei einem zwielichtigen Arzt in Istanbul unterzogen hat. \u201eAmsterdam ist auch kein Paradies f\u00fcr uns.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\u201eDie M\u00e4nner schnitten ihr mit einem Messer die Kehle durch.\u201c<\/em><\/blockquote>
Maher, die erz\u00e4hlt, sie habe den Mord an einer TransgenderProstituierten am TaksimPlatz beobachtet.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Johannes Lukas Gartner, Programmdirektor der Menschenrechtsgruppe Humanity in Action in Berlin, fasste die missliche Lage vieler LGBT-Fl\u00fcchtlinge in einem k\u00fcrzlich erschienenen Essay<\/a> zusammen. \u201eUm Asyl zu bekommen, m\u00fcssen queere Fl\u00fcchtlinge den Einwanderungs- und Justizbeh\u00f6rden beweisen, dass sie queer sind, dass sie aufgrund ihrer Sexualit\u00e4t Verfolgung f\u00fcrchten und dass diese Angst begr\u00fcndet ist\u201c, schrieb er. \u201eMehr noch als in F\u00e4llen politischer, religi\u00f6ser oder ethnischer Verfolgung h\u00e4ngt das Ergebnis der Bearbeitung ihrer Antr\u00e4ge jedoch weitgehend von der Existenz f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht existenter Beweise ab.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\nHassan, ein schwuler Fl\u00fcchtling aus Syrien, tr\u00e4umt davon, in Amsterdam seinen eigenen Friseursalon zu er\u00f6ffnen.<\/blockquote>
Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Im Rahmen des Abkommens wurde die Fluchtroute \u00fcber die \u00c4g\u00e4is praktisch abgeriegelt. 2015 kamen durchschnittlich 6.828 Menschen pro Tag von der T\u00fcrkei nach Griechenland. Bis Dezember 2016 war die Zahl auf 54 pro Tag gesunken, so die Daten des UNHCR<\/a>. Da auch die Balkanl\u00e4nder im Norden ihre Grenzen schlossen, sa\u00dfen viele Fl\u00fcchtlinge und Migranten in Lagern und Auffangzentren in St\u00e4dten in ganz Griechenland fest. Mit Ende November waren es knapp 15.500 Menschen, die auf den Inseln in der \u00f6stlichen \u00c4g\u00e4is darauf hofften, auf das griechische Festland gebracht zu werden. Diejenigen, deren Asylantr\u00e4ge abgelehnt werden, werden in die T\u00fcrkei abgeschoben, wenn sie dort auf dem Weg nach Griechenland erfasst wurden \u2013 andernfalls in ihre Heimatl\u00e4nder.
In Leros angekommen, lie\u00dfen sich Maher, Hassan, Mahdi und Lara in einem Lager in der Bucht von Lakki registrieren, das auf dem Gel\u00e4nde eines psychiatrischen Krankenhauses aus Dutzenden umfunktionierten Schiffscontainern bestand. Sie berichteten, dass Gewaltandrohungen an der Tagesordnung standen, sowohl von den Bewohnern des Lagers als auch den Einheimischen der 8.000 Einwohner z\u00e4hlenden Insel. Im Mai wurde Lara von einer Gruppe von M\u00e4nnern niedergestochen, als sie die Hauptstra\u00dfe der Insel entlangging. \u201eIch h\u00f6rte, wie jemand hinter mir etwas auf Griechisch rief\u201c, erz\u00e4hlte die 28-j\u00e4hrige Transgender-Frau aus dem syrischen Homs. \u201eBevor ich mich noch umdrehen konnte, sp\u00fcrte ich einen stechenden Schmerz im R\u00fccken und fiel auf meine Brust. Ich denke, das hat mir das Leben gerettet.\u201c Auf angebliche Angriffe auf LGBT-Fl\u00fcchtlinge angesprochen, meinten einige griechische Einheimische, dass diese es nicht anders verdient h\u00e4tten. \u201eSie werden aus unseren S\u00f6hnen Tunten und Schwuchteln machen\u201c, meinte Yiannis Koumoulis, Eigent\u00fcmer eines Autoverleihs.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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<\/p>\t<\/figcaption>\n<\/figure>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\nBassim, ein schwuler Fl\u00fcchtling aus dem Irak, zeigt seine Narben her, die zur\u00fcckblieben, als sein eigener Bruder versucht hatte, ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen.<\/blockquote>
\u00a9 Alexia Tsagkari<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\tGriechisches Tor nach Europa<\/h2>\n\t
Im Rahmen des Abkommens vereinbarten Br\u00fcssel und Ankara, dass alle neuen \u201eirregul\u00e4ren Migranten und Asylsuchenden\u201c, die ab dem 20. M\u00e4rz 2016 auf den griechischen Inseln ankommen, in die T\u00fcrkei r\u00fcckgef\u00fchrt werden.
Gleichzeitig soll f\u00fcr jeden syrischen Fl\u00fcchtling, der von den griechischen Inseln in die T\u00fcrkei zur\u00fcckgebracht wird, ein anderer syrischer Fl\u00fcchtling in die Europ\u00e4ische Union umgesiedelt werden. Und schlie\u00dflich sollte die T\u00fcrkei alle erforderlichen Ma\u00dfnahmen ergreifen, um neue Fl\u00fcchtlingsrouten auf dem See- oder Landweg in die EU zu verhindern.
Im M\u00e4rz 2016 schlossen Mazedonien, Kroatien und Slowenien ihre Grenzen, sodass zehntausende Fl\u00fcchtlinge und Migranten in Griechenland festsa\u00dfen.<\/p>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n\n\n
\u00dcberall in der \u00c4g\u00e4is befinden sich LGBT-Fl\u00fcchtlinge in einem \u00e4hnlich unsicheren Umfeld. \u201eLGBT-Fl\u00fcchtlinge brauchen zus\u00e4tzlichen Schutz, da sie verschiedenen Formen der Gewalt ausgesetzt und von einer Grundversorgung ausgegrenzt sind\u201c, sagte Margarita Kontomichali, Koordinatorin eines Unterst\u00fctzungsprogramms<\/a> f\u00fcr LGBT-Asylbewerber, das von der Hilfsorganisation SolidarityNow in Athen geleitet wird. Auf der kleinen Insel Kos, die mit der F\u00e4hre von Leros in zwei Stunden zu erreichen ist, erz\u00e4hlten in einem verlassenen Hotel untergebrachte schwule Asylbewerber, dass sie die Angst vor Abschiebung verfolge.
\u201eIm Lager habe ich schon zwei Mal versucht, mich umzubringen\u201c, verriet Bassim, ein 31 Jahre alter Mann, der aus dem Irak geflohen war, nachdem sein extremistischer Bruder versucht hatte, ihn zu t\u00f6ten. \u201eIch war ein viel zu gro\u00dfer Feigling, als dass ich es zu Ende gebracht h\u00e4tte.\u201c Er schluckte seine Tr\u00e4nen hinunter, als er die Narben auf seinem linken Oberschenkel herzeigte, die aus einer Nacht im Jahr 2016 herr\u00fchren, als sein Bruder in sein Zimmer gest\u00fcrmt war, \u00d6l \u00fcber ihn sch\u00fcttete und sein Bein in Brand setzte. \u201eMein Bruder sucht mich immer noch. Aber auch hier in Griechenland f\u00fchle ich mich nicht sicher.\u201c
LGBT-Fl\u00fcchtlinge sagen, dass es manchen humanit\u00e4ren Hilfskr\u00e4ften vor Ort an Ausbildung und Bewusstsein mangle, um mit sensiblen F\u00e4llen umzugehen; andere wiederum seien regelrecht homophob. Ein 18-j\u00e4hriger syrischer Homosexueller, der namentlich nicht genannt werden wollte, erz\u00e4hlte von den frustrierenden Asylverfahren. Er sagte, er sei w\u00e4hrend der Befragung durch die Beh\u00f6rden zu verwirrt gewesen, als dass er ehrlich \u00fcber die Gefahren, denen er aufgrund seiner Homosexualit\u00e4t in Syrien ausgesetzt war, gesprochen h\u00e4tte.<\/p>\t<\/div>\n\n<\/div>\n\n<\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
W\u00e4hrend des Sommers fand der junge Mann einen Job in einer Strandbar, wo er gezwungen gewesen sei, einen Monat lang 12 Stunden t\u00e4glich ohne Bezahlung zu arbeiten und dabei vom Eigent\u00fcmer sexuell bel\u00e4stigt worden sei. \u201eIch kann es niemandem erz\u00e4hlen, weil ich mich so sch\u00e4me\u201c, gestand er. Im Juni durften Maher, Hassan, Lara und Mahdi Leros verlassen und nach Athen reisen, wo sie einen formellen Asylantrag f\u00fcr die Niederlande stellten. Die monatlichen Zusch\u00fcsse des UNHCR von 90 Euro pro Person w\u00fcrden nicht zum \u00dcberleben reichen, sagen sie. \u201eAls wir in Athen ankamen, gingen Hassan und ich zum Supermarkt\u201c, erz\u00e4hlte Mahdi, ein 32-j\u00e4hriger schwuler Iraker, der gezwungen war, seine Heimat in Kuwait zu verlassen, nachdem sein homophober Bruder versucht hatte, ihn umzubringen.
\u201eAuf dem Weg dorthin haben Migranten \u2013 ich glaube aus Georgien \u2013 gerufen, \u201aHaut ab, ihr Tunten!\u2018 Wir mussten zur\u00fcck zur Wohnung gehen, aber sie blieben drau\u00dfen stehen und warfen Steine gegen das Fenster.\u201c Die zwei leben in Unterk\u00fcnften im Stadtteil Kypseli im Zentrum Athens, die ihnen von der Association for the Social Support of Youth, einer Nichtregierungsorganisation, die sich f\u00fcr marginalisierte Jugendliche einsetzt, zur Verf\u00fcgung gestellt wurden. Trotz dieser Unterst\u00fctzung sagten alle vier, sie h\u00e4tten ihre pers\u00f6nliche Belastungsgrenze erreicht. \u201eVon Anfang an h\u00f6re ich nur Versprechungen\u201c, meinte Mahdi. \u201eIch kann hier niemandem trauen, nicht einmal den [Hilfs-]Organisationen. Ich wei\u00df nicht, was ich zu erwarten habe oder wie es weitergehen soll.\u201c<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\t\n\t<\/div>\t
Im Juni beschlossen Maher, Hassan, Mahdi und Lara, dass sie nicht l\u00e4nger darauf warten konnten, dass das Asylverfahren seinen Lauf nahm. Es war an der Zeit, einen Schlepper zu bezahlen, der sie nach Amsterdam bringen sollte. Neben der Sankt-Nikolaus-Kirche auf der Acharnon-Stra\u00dfe trafen sie einen kleinen arabisch sprechenden Mann, der ihnen ihre Optionen aufzeigte. Ein einfacher gef\u00e4lschter EU-Pass und ein Flugticket w\u00fcrde sie 800 Euro pro Kopf kosten. F\u00fcr 3.000 Euro bek\u00e4men sie einen hochwertigen gestohlenen Pass und einen Platz auf einem Kreuzfahrtschiff, das sie durch das Mittelmeer bringen w\u00fcrde. Das Luxuspaket inkludiere sogar die Bestechung der K\u00fcstenwache, meinte er.
Der Mann zeigte ihnen Fotos gef\u00e4lschter Dokumente. Schlussendlich entschieden sie sich f\u00fcr die 1.500-Euro-Variante, die ihnen einen ziemlich gut gef\u00e4lschten Pass \u2014 aller Wahrscheinlichkeit nach einen bulgarischen oder rum\u00e4nischen \u2014 und ein Flugticket verschaffen w\u00fcrde. Sie h\u00e4ndigten ihm das Geld in 50-Euro-Banknoten aus \u2013 Geld, das sie mit Prostitution verdient und von Freunden aus Kuwait bekommen hatten. Gegen Ende September, kurz bevor es Zeit war, aufzubrechen, schlug das Schicksal zu. Eines Nachts war Maher nicht sie selbst. Sie war vergesslich, verwirrt und tat sich beim Atmen schwer. Dann begann sie aus dem Mund zu bluten.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n\n\n<\/ol>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Hassan, Mahdi und Lara sind am Boden zerst\u00f6rt und haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Eines Abends Ende November besuchten Hassan und Mahdi Maher, deren Zustand sich zu verschlechtern schien. Mahdi fl\u00fcsterte immer wieder: \u201eWas nun? Was nun?\u201c Hassan sa\u00df am Bettrand und legte seinen Arm um Maher. \u201eH\u00f6r auf zu fragen, Mahdi\u201c, sagte er mit leiser, flacher Stimme. \u201eWichtig ist doch nur, dass wir zusammen sind, wir drei.\u201c Er hielt sein Mobiltelefon hoch und machte ein Selfie. Nur sie drei.<\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
Dieser Text ist urheberrechtlich gesch\u00fctzt: \u00a9 Alexia Tsagkari. Bei Interesse an Wiederver\u00f6ffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion<\/a>.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Lara, ein Transgender-Fl\u00fcchtling aus Syrien, wurde von Einheimischen in der N\u00e4he eines Lagers auf der griechischen Insel Leros in den R\u00fccken gestochen. Foto: \u00a9 Alexia Tsagkari.<\/em><\/p>\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n\n\n
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